Von Kuhglocke bis Autohupe: »Special effects« in klassischer Musik
Zwitschernde Vögel, quakende Frösche und Gewitterstürme – schon Komponisten des Barock fanden in naturalistischen Tongemälden Möglichkeiten, ihre Musik mit besonderen Effekten zu versehen. Im Zeitalter der Industrialisierung erklangen dann sogar Sirenen und Autohupen im Konzertsaal. Doch nicht nur auf ungewöhnliche Instrumente, auch auf besondere Spielweisen griffen Komponist*innen für musikalische »special effects« zurück. Unsere Playlist bietet einen faszinierenden Streifzug – und wird Sie immer wieder aufhorchen lassen!
Seine humorvolle Originalität wurde in der Fachliteratur oft thematisiert – tatsächlich hatte er ein Händchen für musikalische Effekte wie nur wenige seiner Zeit: Joseph Haydn. Sei es sein lautmalerischer Einsatz des noch jungen Kontrafagotts in der Schöpfung oder die sich nach und nach leerende Bühne in der Abschiedssymphonie. Einer seiner genialsten Einfälle bleibt der Paukenschlag im zweiten Satz der Symphonie Nr. 94 – hier dirigiert von Mariss Jansons –, den Haydn nicht konzipierte, um Schlafende im Publikum zu wecken, sondern um in London »durch etwas Neues zu überraschen«. Mehr als einen Paukenschlag wünschte sich Peter Tschaikowsky für seine hier von Andris Nelsons präsentierte Ouverture solennelle »1812«, nämlich, so heißt es in der Partitur, »ein Instrument, das im Theater zur Simulation von Kanonenschüssen verwendet wird«.
Großstädtisch, mit ausgiebigem Autohupen, geht es sowohl in George Gershwins Amerikaner in Paris zu – hier interpretiert von Kirill Petrenko – als auch in Edgard Varèses von Peter Eötvös dirigierten Amériques. 13 Schlagzeuger evozieren hier unter anderem mit Peitsche, Sirene und Windmaschine den geschäftigen Eindruck, den New York beim Komponisten hinterließ. Ottorino Respighi wiederum rückt in seinem Spaziergang durch die Pini di Roma das Idyllische der Ewigen Stadt in den Fokus – für den Gesang einer Nachtigall wählte er dabei die wirklichkeitsnächste Form, die ihm zur Verfügung stand: eine Tonbandaufnahme.
Sowohl Richard Strauss als auch Gustav Mahler fanden wunderbare Klänge für Naturbilder – unter anderem mit Kuhglocken und Donnerblech. Zudem machten sich die räumliche Wirkung von Musik zunutze: Fernorchester hinter der Bühne erweitern das Konzerterlebnis um eine neue Dimension. Mahler gelang es zudem auf der Bühne, zwei musikalische Szenen parallel zu gestalten, indem er eine Klezmer-Kapelle »vorüberziehen« lässt, während das restliche Orchester davon unbehelligt weiterspielt. Überhaupt war der Symphoniker ein genialer Effekt-Gestalter: Mal lässt er Bläser die Trichter heben, mal eine Oboe ein Glissando »wie einen Naturlaut« hochziehen, mal eine Geige in Skordatur »verstimmt« aufspielen – nicht zu vergessen die berühmten Hammerschläge in seiner Sechsten. Die Presse verspottete diese Kreativität mitunter in Karikaturen – wir können sie heute rundum genießen, hier exemplarisch in der Zweiten Symphonie mit Gustavo Dudamel am Pult.
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