Weihnachtsangebot
12-Monats-Ticket + 2 DVDs: Simon Rattle dirigiert Mahler / € 149
Jetzt bestellen

Simon Rattle dirigiert Dvořák, Elgar und eine Uraufführung

10. Jun 2016

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Edward Elgar
    Introduktion und Allegro für Streichquartett und Streichorchester op. 47 (15 Min.)

    Daniel Stabrawa Violine, Thomas Timm Violine, Máté Szűcs Viola, Ludwig Quandt Violoncello

  • Julian Anderson
    Incantesimi (11 Min.)

  • Antonín Dvořák
    Slawische Tänze op. 46 (40 Min.)

Gegen Ende der Spielzeit 2015/2016, deren Schwerpunkte den Symphonien Beethovens und französischer Musik gewidmet waren, wenden sich die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Sir Simon Rattle mit zwei Werken dessen Heimatland England zu: Neben der Uraufführung von Julian Andersons Incantesimi ist Edward Elgars Introduktion und Allegro für Streichquartett und Streichorchester op. 47 zur erleben. Zum Abschluss erklingen Antonín Dvořáks Slawische Tänze op. 46.

Der 1967 geborene Engländer Julian Anderson – laut Evening Standard der »most talented composer of his generation« – hat sein Orchesterwerk mit dem Titel Incantesimi (»Zaubersprüche«) im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker, der Londoner Royal Philharmonic Society und des Boston Symphony Orchestra geschrieben; es ist Sir Simon Rattle gewidmet. Anderson hat unter anderem bei Olivier Messiaen und Tristan Murail studiert, sein Stil ist zudem stark von außereuropäischen Musiksprachen beeinflusst. Incantesimi, in dem das Englischhorn eine hervorgehobene Rolle spielt, steht am Beginn einer Reihe von Uraufführungen kurzer Werke, die Sir Simon und die Berliner Philharmoniker unter der Überschrift »Tapas« ab dieser Saison in Auftrag gegeben haben.

Elgars Introduktion und Allegro op. 47 entstand im Auftrag des London Symphony Orchestra, von dem es im März 1905 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wurde. Barocke Formelemente wie eine Fuge integriert Elgar in diesem wirkungsvollen und apart besetzten Werk in einen klassischen Sonatensatz, unverkennbar ist zugleich das spätromantische Ausdrucksidiom des Komponisten.
Nur 300 Mark erhielt Antonín Dvořák 1878 für seinen ersten Zyklus Slawischer Tänze von Fritz Simrock. Ein blendendes Geschäft   für den Verleger, denn die Tänze entwickelten sich sowohl in der originalen Fassung für Klavier zu vier Händen wie in der Orchesterversion schnell zu einem Verkaufsschlager – und markierten zugleich den internationalen Durchbruch des Komponisten. Einzelne Tänze der Serie sind regelmäßig zu hören, die Aufführung des gesamten Zyklus dürfte Seltenheitswert haben.

International und virtuos

Werke von Elgar, Beethoven, Anderson und Dvořák

Ein deutscher Schriftsteller bezeichnete Großbritannien Anfang des 20. Jahrhunderts als das »Land ohne Musik«. Ein Dolchstoß? Schließlich war auf dem europäischen Festland die Meinung weit verbreitet, die Engländer hätten seit Purcell keine Komponisten von Rang hervorgebracht und sich auf die Beschäftigung musikalischer Gastarbeiter wie Händel oder Haydn beschränkt. Nein, diese Einschätzung basierte auf einem Irrtum: Gerade in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fand eine Reihe englischer Komponisten auch außerhalb ihrer Heimat große Beachtung. Zu ihnen zählt der 1857 in Broadheath bei Worcester geborene Edward Elgar.

Hommage an die Streichergruppe: Elgars Introduction and Allegro op. 47

Bekannt wurde Elgar durch die Enigma Variations op. 36 aus den Jahren 1898/1899. Sie gehören neben den Orchestermärschen Pomp and Circumstance op. 39 und dem Cellokonzert op. 85 auch heute noch zum Repertoire eines jeden Orchesters. Weitaus weniger bekannt sind Introduction and Allegro op. 47 für Streicher. Das etwa 15-minütige Werk entstand im Auftrag des London Symphony Orchestra und wurde von diesem am 8. März 1905 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Elgar nutzte die Gelegenheit, um die Streichergruppe des Orchesters wirkungsvoll in Szene zu setzen. Gleichzeitig erweist sich das Werk als eine spielerische Reminiszenz an Formen und Satztechniken der Vergangenheit. So erinnert die Besetzung mit vier Solo-Streichern und Orchester an die Tradition des barockenConcerto grosso. Klassischen Vorbildern ist hingegen die Sonatensatzform verpflichtet, die Elgar dem Allegro-Abschnitt der Komposition zugrunde legt, deren Durchführung er aber durch eine Fuge ersetzt.

Selbstaussprache und Appell: Beethovens Viertes Klavierkonzert

In seinen ersten Wiener Jahren machte Ludwig van Beethoven zunächst als ein Pianist auf sich aufmerksam, der besonders in der Kunst der freien Improvisation Außergewöhnliches zu leisten vermochte. So schrieb die Wiener Allgemeine Musikalische Zeitung im Mai 1799: »Beethovens Spiel ist äußerst brillant, doch weniger delikat, und schlägt zuweilen in das Undeutliche über. Er zeigt sich am allervorteilhaftesten in der freien Phantasie.«

Die beiden ersten Klavierkonzerte Beethovens räumen dem Solisten rhapsodisch freie, mitunter improvisatorisch anmutende Passagen ein und begründen mit ihrem ausgesprochen pianistischen Klaviersatz einen neuen Konzerttypus. Das Vierte Klavierkonzert G-Dur op. 58 beschreitet etwas andere Wege. Die Passage, mit der der Pianist den Kopfsatz solistisch eröffnet, mutet wie eine in Notentext gebannte Grübelei Beethovens am Klavier an, wird dann aber von den Streichern des Orchesters aufgegriffen, bevor sie unter Beteiligung der Bläser deutlicher umrissene thematische Prägnanz erhält. Der ausgeprägt dialogische Charakter des Mittelsatzes wird hier unter anderen Vorzeichen bereits vorweggenommen: Klavier und Orchester argumentieren nicht gegen-, sondern miteinander. Durch ein zweites Thema, das im G-Dur-Kontext des Werks eher harmonisch (a-Moll) denn melodisch für einen Kontrast sorgt, sind die kompositorischen Wege für eine gestaltenreiche Durchführung gebahnt, deren Modulationsreichtum von jenem der Reprise noch übertroffen wird.

Der knapp gehaltene Mittelsatz ist aufgrund seiner dramatischen Dialogsituation mit der antiken Sage des Orpheus in Verbindung gebracht worden. Mindestens ebenso plausibel erscheint eine sich auf biografische Umstände berufende Interpretation dieser Musik. Denn das Vierte Klavierkonzert war der letzte Gattungsbeitrag Beethovens, dessen Uraufführung der Komponist vor seiner Ertaubung selbst als Solist aus der Taufe heben konnte.

Den Kontrast zwischen symphonischem Kopf- und als instrumentales Rezitativ angelegtem Mittelsatz gleicht Beethoven durch das sich nahtlos anschließende Finalrondo aus. Dieser an kompositorischen Raffinessen reiche Schluss-Satz reiht sich in die Tradition des virtuosen Kehraus ein und wird von einer auf Improvisationen des Komponisten beruhenden Kadenz gekrönt.

Neues aus der »alchemistischen Klangwerkstatt«: Andersons Incantesimi

Dass der 1967 geborene Komponist Julian Anderson ein künstlerischer Kosmopolit ist, betonte bereits das Unternehmen Faber Music, das seine Werke bis 2014 verlegte: Der Brite, für dessen Schaffen »ein frischer Gebrauch von Melodik, deutliche Kontraste in der Satztechnik und lebhafter rhythmischer Schwung« charakteristisch seien, zeige »anhaltendes Interesse« an der Musik von Kulturen »außerhalb der westlichen Konzerttradition« und habe nicht nur eine »besondere Vorliebe für die Volksmusik Osteuropas«, sondern sei auch »sehr von den Modi indischer Ragas beeinflusst« worden. Anderson ist neben seinem Kompositionsstudium bei John Lambert auch bei so unterschiedlichen Komponisten wie Alexander Goehr und Tristan Murail in die Lehre gegangen, was die Spannbreite seiner musikalischen Interessen sicherlich geweitet hat. Andersons kompositorische Raffinesse ließ Ulrike Gondorf in einem Bericht über die deutsche Erstaufführung der Oper Thebans unlängst verblüfft fragen: »Wie macht der Komponist das in seiner alchimistischen Klangwerkstatt, welche Instrumentenkombinationen, welche Stimmeffekte des unsichtbaren Chores verbindet er zu so unerhörten Wirkungen? Anderson erweist sich ... als ein Klangforscher und Instrumentationskünstler, der seinesgleichen sucht in der zeitgenössischen Musik.«

Sein jüngstes Orchesterwerk schrieb Anderson im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker, der Londoner Royal Philharmonic Society und des Boston Symphony Orchestra; es ist Sir Simon Rattle gewidmet und trägt den Titel Incantesimi (Zaubersprüche). Wie sich einem Kompositionsentwurf entnehmen lässt, hebt das Werk mit einer dynamisch graduell anwachsenden, rhythmisch zunehmend akzentuierten Tonschichtung an, aus der sich zunächst in den Streichern, dann in einzelnen Holzbläserstimmen melodische Strukturen herauslösen. Mit den Einsätzen von Flöten und Piccolo wird der Klangraum erweitert, bevor die Musik in eine Passage mündet, in der sich schnelle Bläserläufe mit Melodielinien der Streicher überlagern. Die plötzliche Rückkehr zur Dynamik des Beginns markiert eine erste Zäsur, die wie ein Neuanfang anmuten mag. Im weiteren Verlauf kommt es zu überraschenden Kontrasten in der Textur, der rhythmischen Grundierung und der Dynamik, deren Akzentuierung um besondere klangliche Valeurs (japanische Holzklappern) bereichert wird. Ein kurzes Solo des Englischhorns leitet eine finale Entwicklung ein, die vorübergehend von pattern-artig gestalteten Klangblöcken bestimmt wird. Nach einem Orchestercrescendo findet das Stück mit einem Solo des Englischhorns über synkopiert-triolischen Akzenten auf dem Woodblock in dreifachem Pianissimo ein nachdenkliches Ende.

Für 300 Mark »himmlische Natürlichkeit«: Dvořáks Slawische Tänze op. 46

»Eine himmlische Natürlichkeit fluthet durch diese Musik«, schwärmte der Kritiker Louis Ehlert in einer am 15. November 1878 in der Berliner National-Zeitung veröffentlichten Rezension: »Keine Spur von Ergrübeltem und Gemachtem ist in ihr.« Ehlert charakterisierte damit zwei kurz zuvor in Berlin erschienene Kompositionen von Antonín Dvořák: die klavierbegleiteten Duette Klänge aus Mähren und die Slawischen Tänze op. 46 für Klavier zu vier Händen. Zu letztgenanntem Werk war Dvořák von dem Verleger Fritz Simrock angeregt worden: Dieser hatte den Komponisten – ohne Honorarzusicherung – gebeten, einen Zyklus nach dem Vorbild von Brahmsʼ Ungarischen Tänze zu schreiben. Dvořák kam der Bitte nach, erweiterte den vorgegebenen Horizont aber, indem er sich von Musik verschiedener osteuropäischer Nationen inspirieren ließ. Der Erfolg der Originalfassung der Slawischen Tänze op. 46 für Klavier zu vier Händen veranlasste Dvořák dazu, die acht Nummern der Sammlung mit virtuoser Hand umgehend für Orchester zu arrangieren. Und nun war Simrock auch bereit, dem Komponisten ein Honorar von 300 Mark zu zahlen.

Mark Schulze Steinen

Jetzt ansehen

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Symphonien von Ludwig van Beethoven, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen