31. Jan 2009

Berliner Philharmoniker
Seiji Ozawa

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 1 c-Moll (53 Min.)

Ein »keckes Beserl« nannte Anton Bruckner seine Erste Symphonie. Und tatsächlich findet sich in wohl keinem anderen Werk des Komponisten eine derartige übersprudelnde Lebensfreude. Anders als in seinen späteren Symphonien wagt Bruckner hier noch keinen Blick in jenseitige Welten, sondern voller Selbstgewissheit erschließt sich der Anfang 40-Jährige das symphonische Genre. Dabei gibt er sich keineswegs als Epigone großer Vorgänger. Wir hören bereits das unverwechselbare Idiom Bruckners und erleben viele originelle Eingebungen - vom marschartigen Kopfsatz über das improvisatorisch tastende Adagio bis hin zum dämonischen Scherzo. Kulminationspunkt ist das Finale, in dem Bruckner seine überragende Beherrschung der Polyphonie mit wuchtiger Wildheit mixt.

Man mag es kaum glauben, dass die Berliner Philharmoniker diese originelle Symphonie bis zu dieser Aufführung mit Seiji Ozawa ein Vierteljahrhundert lang nicht auf dem Programm hatten. Das Magazin KlassikInfo kommentierte: »Ozawa, der zeitlos-geheimnisvolle Magier am Dirigentenpult, betonte die schroffen Kontraste, die naturgewaltigen Ausbrüche, die dunkel glühenden Ruhepunkte und die Überraschungseffekte dieses Brucknerschen Frühchens ..., ohne sie zu überzeichnen. Auswendig und mit liebevoller Hinwendung zu den Musikern, die er am Ende mit vielfachem Händeschütteln verabschiedete, leitete Ozawa das Orchester durch die Klippen der Partitur - und wurde mit ebenso treuer wie klangmächtiger Gefolgschaft belohnt.«

Hinweis: Ein weiterer Programmpunkt dieses Konzerts war die Aufführung eines Klavierkonzerts von Felix Mendelssohn Bartholdy, die aus vertraglichen Gründen in der Digital Concert Hall nicht gezeigt werden kann.

(Fast) zwei Erstlingswerke

Mendelssohns Klavierkonzert g-Moll und Bruckners Erste Symphonie

Felix Mendelssohn Bartholdy war ein gleichermaßen schöpferischer wie interpretierender Künstler, berühmter Komponist und einer der bedeutendsten Pianisten und Dirigenten seiner Zeit. Wer von seinen Konzerten spricht, der meint in der Regel Mendelssohns Violinkonzert in e-Moll aus dem Jahre 1844. Dabei durchzieht die Beschäftigung mit der Konzertform Mendelssohns ganzes Komponistenleben.

Das Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll ist das Ergebnis einer Bildungsreise nach Italien, die der junge Mendelssohn auf Wunsch seiner Eltern 1830/31 unternahm. Es stellt nicht bloß ein Dokument jugendlicher Frische dar, sonderm sprengt den gewohnten klassischen Rahmen. Die klare Dreisätzigkeit wird aufgebrochen, der erste Satz mündet direkt in den zweiten; der dritte schließt sich fast nahtlos an den Mittelsatz an. Im Unterschied zu den Konzerten der Wiener Klassik, in denen der Solist erst nach der Exposition des Orchesters einsetzt, ist er hier bereits an der Einleitung beteiligt. Die Rollen der Mitwirkenden sind ganz nach Beethovens Vorbild modifiziert: Der Solist nimmt »als gleichberechtigter Partner des Orchesters am motivisch-thematischen Geschehen« teil (Peter Rummenhöller).

Ohne Umschweife, ja ungestüm lässt Mendelssohn sein Klavierkonzert beginnen. Das Orchester eröffnet den ersten Satz mit aufsteigenden Tremolo-Figuren, die das Klavier mit einem Oktavenmotiv aufgreift. Nach nur kurzer Beruhigung durch das zweite lyrisch-kantable Thema geht es wieder rasch ins Hauptthema zurück. So temperamentvoll und stürmisch wie der Gestus des ganzen Satzes ist zum Teil auch der Wechsel zwischen Soloinstrument und Orchester. Es ist kein gelassener Dialog zwischen den Beteiligten, sondern einer voll Aufruhr und Dramatik. Die Durchführung ist nur kurz, in der Reprise wird das Seitenthema gar nicht mehr berücksichtigt.

Nach Trompeten- und Hörnerfanfaren leitet das Klavier über zum ruhigen Mittelsatz, einem Andante in E-Dur. Die Bratschen und Violoncelli tragen sein schlichtes Thema vor, das Klavier greift es auf. Die führende Rolle haben die tiefen Streicher in diesem expressiven, meditativen Satz, erst in den letzten Takten kommen die Violinen sowie Flöten, Fagott und Horn hinzu.

Das Konzert schließt mit einem rasanten Finale in Rondoform. Es beginnt mit einer energischen Orchestereinleitung und Kaskaden-Läufen des Klaviers. Dann formuliert der Pianist den Hauptgedanken, der an das Hauptthema des ersten Satzes erinnert. Es gibt kein Innehalten, keine Ruhepunkte, der Satz ist ständig bewegt und endet ebenso furios, wie er begonnen hat.

Anton Bruckners Weg zum symphonischen Komponisten war lang. Früher Musikunterricht, Unterweisung im Orgelspiel, Besuch des Lehrerseminars in Linz und jahrelange Studien bei Simon Sechter in Wien, Tätigkeiten als Domorganist in Linz sowie als Dirigent der Linzer Liedertafel – das waren die Stationen seiner Karriere. In Linz schloss er seine kompositorischen Lehrjahre endgültig ab. Er beherrschte nun zwar die Musiktheorie, bedurfte indes noch der Kenntnis und Analyse der klassisch-romantischen Orchesterwerke, der Aneignung der Instrumentation. Bei dem jungen Kapellmeister Otto Kitzler studierte er Formenlehre und Instrumentation – anhand von Partituren und im Zusammenhang mit den Aufführungen, die Kitzler am Linzer Theater einstudierte und leitete.

Nach der Komposition einiger kammermusikalischer Werke stürzte sich Bruckner dann gleichsam auf die Orchestermusik. Zunächst schrieb er 1862 einen Marsch in d-Moll und drei kleine Orchesterstücke, 1863 eine Ouvertüre in g-Moll, die f-Moll-Symphonie sowie 1865 einen Marsch in Es-Dur für Militärkapelle. All diese Werke hat er jedoch verworfen. Anders zu bewerten ist die 1863/64 komponierte Symphonie in d-Moll, deren Partitur Bruckner später zum Zeichen der Ungültigkeit mit einer großen Null versah. Mag dem reifen Komponisten diese »Nullte« nichtig erschienen sein, so ist sie doch »ein in sich geschlossenes symphonisches Werk« mit eigenem künstlerischen Wert (Hans-Hubert Schönzeler).

Mit der Komposition der Symphonie Nr. 1 c-Moll begann Bruckner dann im Januar 1865: Er verfasste zunächst die beiden Ecksätze und Skizzen zum Scherzo, 1866 die Endfassung des dritten Satzes und das Adagio. Bruckner selbst leitete die Uraufführung der Symphonie am 9. Mai 1868 in Linz. Mit der Partitur hat er sich dann noch 1877 und 1884 beschäftigt, bevor er im März 1890 an die ein Jahr dauernde Umarbeitung des Werkes ging. In der neuen Fassung wurde die Symphonie am 13. Dezember 1891 von den Wiener Philharmonikern unter Leitung von Hans Richter erstaufgeführt. Diese WienerFassung galt als die einzig gültige – bis Robert Haas 1935 in der Bruckner-Gesamtausgabe die ursprüngliche Version vorlegte.

Bruckners »offizieller« symphonischer Erstling ist voller Eigenheiten und Überraschungen. So kommt der Kopfsatz, ein Allegro in c-Moll, direkt zur Sache. Über pochenden Vierteln und Terzen der tiefen Streicher setzt das Hauptthema ein. Bruckner entwickelt es dynamisch-steigernd und lässt ein gesangliches, schwelgerisches zweites Thema folgen. Die Schlussgruppe der Exposition enthält ein drittes, energisches Thema. Diese Themendreiheit anstelle des gewohnten Themendualismus wird in allen weiteren Symphonien Bruckners charakteristisch für die Ecksätze werden.

Das dreiteilige As-Dur-Adagio irritierte schon die Zeitgenossen durch seinen eigenartig unentschiedenen Beginn und vage, quasi improvisatorische Züge. Bruckner bereitet zunächst die Stimmung für das folgende Thema vor: eine Violinfigur mit aufsteigenden Sextolen über Arpeggien der Violen. Den Mittelteil, nun im Andante-Tempo, beherrscht das zweite Thema, eine Art »freundlich tröstender Gesang« (Theodor Helm). Der dritte Satz zeigt den für Bruckner typischen Scherzo-Typ: Rasante Unisono-Läufe der Streicher sowie Schläge in Bläsern und Pauken bereiten den Eintritt des tänzerischen Hauptthemas vor. Das pastorale Trio in g-Moll mit seiner sanft bewegten Hornmelodie unterbricht das burleske Treiben und setzt einen starken Kontrast.

Das Finale schließlich ist ein Unikum: So temperamentvoll und heftig wie hier hat Bruckner keinen Satz seines symphonischen Œuvres mehr beginnen lassen. Wieder finden sich drei Themenkomplexe, die kontrapunktisch verarbeitet werden: ein Oktavsprung-Thema, ein zweites Thema mit einer Mischung aus Gesanglichkeit (Erste Violinen) und charakteristischen Synkopierungen (Bratschen) sowie ein drittes, das als Umbildung des ersten Themas der Symphonie aufgefasst werden kann. Bruckner weicht im Finale dieser Ersten Symphonie vom Kanon der symphonischen Regeln ab und lässt seiner Fantasie freien Lauf. Der Satz ist Beginn, Versprechen und Vision zugleich: »Ähnlich Gustav Mahlers Erster Symphonie bricht auch in Bruckners Finale die Hölle los und gerät die Musik buchstäblich aus den Fugen« (Dietmar Holland).

Lang Lang, 1982 in Shenyang (China) geboren, feierte im Herbst 2007 bereits sein 20-jähriges Bühnenjubiläum. Im Alter von drei Jahren erhielt er den ersten Klavierunterricht; mit fünf gewann er den Klavierwettbewerb in seiner Heimatstadt und trat erstmals öffentlich auf. Neunjährig begann er ein Klavierstudium am Zentralen Musikkonservatorium in Beijing. 1997 wurde er Schüler von Gary Graffman am Curtis Institute in Philadelphia. Seinen Durchbruch zu internationaler Bekanntheit erzielte Lang Lang, als er 1999 kurzfristig für den erkrankten André Watts beim Ravinia Festival einsprang. Seitdem hat er sich weltweit die Konzertpodien der Musikmetropolen und Festivals erobert, sowohl mit Soloprogrammen als auch mit Gastauftritten bei internationalen Spitzenorchestern. Lang Lang hat mit Dirigenten wie Daniel Barenboim, Pierre Boulez, Riccardo Chailly, Mariss Jansons, Zubin Mehta, Riccardo Muti und Sir Simon Rattle zusammengearbeitet. Nach seinem Debüt-Rezital im Rahmen der Klavierrreihe der Berliner Philharmoniker Ende Mai 2004 trat er im darauffolgenden Monat beim Waldbühnenkonzert unter Sir Simons Leitung erstmals als Solist des Orchesters auf, mit dem er auch während der Salzburger Osterfestspiele 2007 zu hören war. Vor Jahresfrist gab er auf Einladung der Stiftung einen Klavierabend in der Philharmonie. Lang Lang wurde 2004 jüngster internationaler UNICEF-Botschafter. Er unterstützte mit großem Engagement die Opfer des Erdbebens in China vom Mai 2008 und sammelte Spenden für den China Earthquake Fund des Amerikanischen Roten Kreuzes. Lang Lang ist Ehrenprofessor mehrerer Konservatorien in China und gibt Meisterkurse u. a. in Hannover, an der New Yorker Juilliard School, an der Manhattan School of Music sowie am Curtis Institute.

Seiji Ozawa, 1935 in Shenyang (China) geboren, studierte in Tokio die Fächer Dirigieren und Komposition. Der Gewinner mehrerer internationaler Wettbewerbe und Stipendien war nach Meisterkursen in Berlin bei Herbert von Karajan Assistent von Leonard Bernstein beim New York Philharmonic Orchestra für die Saison 1961/62. Seine internationale Karriere begann er auf dem amerikanischen Kontinent als Chef der Symphonieorchester von Toronto (1965 – 1969) und San Francisco (1970 – 1976). Aufgrund seiner großen Erfolge beim Tanglewood Festival wurde er 1970 zu dessen Künstlerischem Leiter berufen. 1984 gründete Seiji Ozawa das Saito Kinen Orchestra, dessen künstlerische Entwicklung er seither ebenso intensiv fördert wie diejenige des Saito Kinen Festivals in Matsumoto (seit 1991). Nach fast drei Jahrzehnten an der Spitze des Boston Symphony Orchestra (seit 1973) übernahm er mit Beginn der Spielzeit 2002/03 die musikalische Leitung der Wiener Staatsoper. Im Jahr 2004 rief Ozawa in der Schweiz die »International Music Academy« ins Leben mit dem Ziel, jungen Musikern eine kammermusikalische Ausbildung sowie Konzertauftritte zu ermöglichen. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen die Ernennung zum »Chevalier de la Légion d’honneur« (2001) sowie Ehrendoktorwürden der Harvard-Universität (2000) und der Sorbonne (2004). Bei den weltweit führenden Orchestern ein gefragter Gast, steht Seiji Ozawa seit 1966 immer wieder auch am Pult der Berliner Philharmoniker. Zuletzt brachte er mit ihnen Mitte Januar 2008 Werke von Beethoven und Tschaikowsky zur Aufführung.

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