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Simon Rattle dirigiert die vervollständigte Neunte Symphonie von Anton Bruckner

26. Mai 2018

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Hans Abrahamsen
    Three Pieces for Orchestra – Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker Uraufführung (11 Min.)

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 9 d-Moll mit der nach den Manuskripten vervollständigten Aufführungsfassung des 4. Satzes von Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca (1985-2008/rev. 2010) (84 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Sir Simon Rattle über die vervollständigte Neunte Symphonie Anton Bruckners (2012) (19 Min.)

Als sich abzeichnete, dass Bruckner das Finale seiner Neunten Symphonie nicht mehr würde vollenden können, bestimmte er sein Te Deum ausdrücklich zu dessen »bestem Ersatz«. Aufführungen des dreisätzigen Torsos seiner monumentalen, »dem lieben Gott« gewidmeten Sinfonia da chiesa kamen für ihn nicht infrage, was auch seine Briefe sowie Berichte von Zeitzeugen belegen. In einem komplexen Arbeitsprozess haben Nicola Samale, John Phillips, Giuseppe Mazzuca und Benjamin-Gunnar Cohrs in der Zeit von 1983 bis 2010 in mühevoller Detailarbeit eine Aufführungsfassung des Finales erarbeitet: »Das hier präsentierte Endergebnis«, schreibt Cohrs, seit 2013 Leiter der Bruckner-Edition Wien, »umfasst 653 Takte. 440 Takte entsprechen Bruckners Partiturbogen. 208 davon hat er bereits vollständig instrumentiert; vom Rest lag zumindest der Streichersatz nebst etlichen Vorskizzierungen geplanter Bläserstimmen vor. Der Verlauf weiterer 117 Takte konnte aus Skizzen und ausgeschiedenen Bogen rekonstruiert werden. 96 Takte mussten durch musik-forensische Techniken wiedergewonnen werden, doch nur für 37 davon war überhaupt keine Musik Bruckners mehr vorhanden. Die Aufführungsfassung des Finales ist damit von Fremdzutaten weitaus freier als beispielsweise die von Mozarts Requiem.«

Der endgültige Anstoß zur Vorbereitung einer letzten revidierten Ausgabe ist Sir Simon Rattle zu verdanken, der die viersätzige Version von Bruckners Neunter im Oktober 2011 sowie im Februar 2012 in der Berliner Philharmonie und im Februar 2012 ebenfalls in der New Yorker Carnegie Hall dirigierte. »Ich muss gleich hier loswerden, was für ein erstaunlich beeindruckendes Stück Arbeit Sie geleistet haben«, schrieb Rattle im Vorfeld an die Herausgeber. »Ich habe die Entwürfe in den vergangenen Jahren immer wieder einmal durchgesehen, und ich habe eine andere namenlose Rekonstruktion gehört, die mich beinahe für den Rest des Lebens davon abgebracht hätte. ... Ich fühle mich immer mehr überzeugt von Ihrem Stück plastischer Chirurgie, und meine, dass es viel verbreiteter gehört und verstanden werden sollte. Und dies von einem Mann, der Mozarts Requiem ganz beiseite gelegt hat! Nochmalige Glückwünsche zu Ihrer erstaunlichen Entdeckungsreise.«

Mit den Philharmonikern präsentiert Sir Simon nun dem Berliner Publikum Bruckners Neunte ein weiteres Mal mit rekonstruiertem Finale, das von Motiven aus dem Te Deum durchsetzt ist und wie eine regelrechte Antithese zum Kopfsatz wirkt. Im Rahmen des von Rattle ins Leben gerufenen philharmonischen »Tapas«-Projekts erfolgt zuvor die Premiere von Hans Abrahamsens Three Pieces for Orchestra.

Musik für mündige Menschen

»Kunstwerke in Bewegung« von Hans Abrahamsen und Anton Bruckner

Nicht mehr als sieben Minuten dauern Hans Abrahamsens drei Orchesterminiaturen; Anton Bruckners letzte Symphonie dagegen bringt es in ihrer zur Viersätzigkeit vervollständigten Fassung auf beinahe anderthalb Stunden. So gegensätzlich die äußeren Dimensionen der beiden Werke, so grundverschieden die ästhetischen Haltungen ihrer Komponisten: Beide Male haben wir es, um mit Umberto Eco zu sprechen, mit »Kunstwerken in Bewegung« zu tun, mit Hervorbringungen, die weder in einer Fassung aus letzter Hand vorliegen, noch einen im engeren Sinne »authentischen« Notentext kennen. Schon gar nicht gibt es sie in einer definitiven, ein für alle Mal fixierbaren Gestalt. In beiden Fällen ist das »Werk« im Grunde ein Aggregat, das den Wandel der Zeit und den Wechsel der Orte widerspiegelt. In den Händen seiner Interpreten und den Ohren seiner Rezipienten kann es sich auf immer wieder andere Weise konkretisieren.

Warum dieser Gestaltwandel? Bekanntlich vollendete Bruckner nur die ersten drei Sätze seiner Neunten Symphonie. Allerdings konnte er vom Finale weit mehr und Substanzielleres fertigstellen, als die Nachwelt jahrzehntelang glaubte. Ein internationales Team von Spezialisten hat den Satz seit Mitte der 1980er-Jahre aus allen auffindbaren Materialien rekonstruiert und eine bis in kleinste Details begründete Aufführungsfassung erstellt. Obwohl die gemeinsame Lösung der beiden Italiener Nicola Samale und Giuseppe Mazzuca, des Australiers John Phillips und des Deutschen Benjamin-Gunnar Cohrs eine notwendig spekulative ist, verändert sie die Perspektive auf das Meisterwerk fundamental – ein Werk, von dem die Musikwelt lange glaubte, es bedürfe der Vollendung im Grunde gar nicht.

»Leicht ›cool‹ und ›jazzy‹«: Hans Abrahamsens Three Pieces for Orchestra

Ganz andere Gründe für die Wandelbarkeit des »Werks« liegen bei Hans Abrahamsen vor. Der skrupulöse Däne ist ein unermüdlicher Bearbeiter der eigenen Partituren, er komponiert langsam und ungeheuer sorgfältig. Immer wieder kehrt er zu älteren Arbeiten zurück: um diese zu erweitern, anzureichern, zu »übermalen« oder um einzelne Elemente aus ihnen herauszulösen, die dann zum Keim neuer Erfindungen werden können. Abrahamsens Kompositionen aus mehreren Jahrzehnten sind auf vielfältige Weise miteinander verbunden, oft auch nur subkutan. Ein zentrales Ideenreservoir seines Schaffens bilden die Zehn Studien für Klavier, von denen er sieben 1983/1984 niederschrieb. 1986 entstand das zehnte Stück, während die Nummern 8 und 9 erst 1998 dazu kamen. 1999/2000 schuf er sein Klavierkonzert, das auf unterschiedlichsten Ebenen mit den Studien in Beziehung steht. Schon 1984 hatte er sechs von ihnen auf das Medium des Horntrios übertragen. Zwischen 2002 und 2004 entstanden dann die Four Pieces for Orchestra, die auf den ersten vier Klavierminiaturen basieren.

Abrahamsen bezeichnet seine Zehn Studien als »Erkundungen des Charakters oder, wenn man will, der ›Seele‹ des Klaviers. Einer Seele, die durch all die Musik geformt wurde, die für das Instrument geschrieben wurde, von dessen Kindheit bis zur Gegenwart«. So setzen sich die ersten vier, mit deutschen Titeln versehenen Studien mit der romantischen Klaviertradition auseinander. Die folgenden drei Sätze, die den heute erklingenden Orchesterstücken zugrunde liegen, tragen englische respektive amerikanische Titel: Boogie-Woogie, For the Children und Blues. Diese Stücke scheinen der Gegenwart näher, sie sind »mechanischer und rhythmischer, vielleicht leicht ›cool‹ und ›jazzy‹«, kommentiert der Komponist. Den Abschluss der Zehnergruppe bilden zwei französisch benannte Sätze und einer mit italienischer Überschrift.

Das auf dem Tasteninstrument halsbrecherisch schwere erste Stück, der Boogie, wird zur orchestralen Bravournummer, wobei fast durchweg die gesamte Besetzung zum Einsatz kommt. Äußerst zart instrumentiert ist dagegen die ganz in der hohen Lage verlaufende zweite Miniatur. »Wie ein Kind« sollen die Tastenspieler ihre Melodielinien nur mit dem Daumen spielen, verlangt die Partitur. Die größte Veränderung erfährt der Blues des Klavierzyklus. Der kunstvoll stockende, von unregelmäßigen Pausen unterbrochene und mit »Heavy« bezeichnete Satz wird mit einem dichten Netz von Pulsationen der Perkussionsinstrumente unterlegt; ständig wechseln die Taktarten, während die Lautstärke im äußerst Leisen verharrt. Nicht umsonst sind Abrahamsens Partituren gefürchtet unter Dirigenten und Musikern: für ihre immense Komplexität im Rhythmischen, die beim Zuhören nicht immer wahrzunehmen ist.

Am Ende jubelnde Exaltation statt stiller Einkehr: Bruckners Neunte in der vervollständigten Aufführungsfassung

Zurück zu Bruckner: »Feierlich, misterioso« ist der Kopfsatz seiner Neunten überschrieben. In die Leere des für ihn typischen »Urzustands« stellt Bruckner nun kein fertiges Thema hinein. Vielmehr wird dieses in sich steigernden Anläufen aus elementarsten Bausteinen entwickelt, und erst in Takt 63 erscheint es in all seiner Majestät: ein im Unisono des gesamten Orchesters skandierter, scharf gezackter mehrfacher Oktavfall. Das warm strömende Gesangsthema der sich umschlingenden Geigenstimmen erscheint als vollkommener Gegensatz. Daneben wird das für Bruckners Hauptsätze typische dritte Thema, das sogenannte Unisono-Thema, von den Bläsern zunächst antizipiert. Stärker denn je dient es der Vermittlung zwischen den zuvor exponierten Polen.

Das harmonisch mehrdeutig beginnende Scherzo stellt tänzerische Pizzicato-Delikatesse und brachiales Stampfen in erstaunlicher Drastik gegeneinander. Andererseits bildet das elfenartig dahinhuschende Trio in Fis-Dur ein völlig untypisches Intermezzo, das nichts mehr mit der gemütlichen Ländler-Welt zu tun hat, die sich sonst an dieser Stelle zu öffnen pflegte. Schließlich das erhabene Adagio, kodiert mit sakralen Chiffren, Quasi-Selbstzitaten und autobiografischen Bezügen. Sicherlich auch ein Glaubensbekenntnis eines todkranken Künstlers, der sein Testament bereits gemacht hatte.

Wenn dies noch nicht das Ende war – wie geht die Geschichte weiter? Das Finale ist wiederum als Sonatensatz konzipiert, mit drei Themen in der Exposition sowie mit anschließender Durchführung, Reprise und Coda. Sequenzartig absteigende punktierte Figuren, eine überaus erregte Grundatmosphäre und die ständige Präsenz des Tritonusintervalls machen gleich zu Beginn deutlich, dass der im Adagio erlangte Friede nicht von Dauer sein wird. Das Drama der Erlösung beginnt von neuem. Formal ungewöhnlich ist, dass Hauptthema und »Gesangsperiode« – also zweites Thema – auf dem gleichen Material aufbauen. Dagegen bildet ein breit ausgeführter Choral, sekundiert von rastlos auf- und abjagenden Triolenfiguren der Violinen, das dritte Thema. Kurz vor Ende der Exposition präsentiert die Flöte im Pianissimo das viertönige »Te Deum«-Motiv – die Herausgeber der Rekonstruktion gehen davon aus, dass es auch in der Durchführung einen wichtigen Part zu spielen hat. An Stelle der Reprise steht eine sehr impulsive Fuge über das Hauptthema, von der große Partien erhalten sind. Aus dem rudimentären Entwurf zur Coda haben Nicola Samale und seine Kollegen schließlich eine Lösung gewonnen, bei der über eine große Steigerung die Kombination aller Hauptthemen der Symphonie erreicht wird, woraufhin der Choral der dritten Themengruppe auf ein letztes, alles abrundendes D-Dur-Plateau der Schlusstakte zusteuert.

Welches theologische Programm dem Satz zugrunde lag oder gelegen hätte, darüber lassen sich allerhand Vermutungen anstellen. Alles spricht dafür, dass nicht eine befriedete Musik des Abschieds, sondern ein nach verzweifelten Kämpfen sich aufschwingender Lobpreis Gottes den Abschluss von Bruckners Schaffen bilden sollte: Jubelnde Exaltation statt stiller Einkehr. Sicheren Halt in der definitiven Erkenntnis allerdings gibt es nicht – in den philologischen Fragen so wenig wie in eschatologischen. Vielleicht ist das die tiefe Wahrheit des Meisterwerks in Bewegung. Es verlangt nach einer mündigen Stellungnahme.

Anselm Cybinski

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