31. Jan 2020

Berliner Philharmoniker
Paavo Järvi

Stefan Dohr

  • Igor Strawinsky
    Scherzo fantastique op. 3 (13 Min.)

  • Hans Abrahamsen
    Konzert für Horn und Orchester − Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker gemeinsam mit NHK Symphony Orchestra, NTR Zaterdag Matinee, Seattle Symphony Orchestra und Auckland Philharmonia Uraufführung (21 Min.)

    Stefan Dohr Horn

  • Hector Berlioz
    Symphonie fantastique op. 14 (59 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Stefan Dohr, Paavo Järvi und Hans Abrahamsen im Gespräch (18 Min.)

Stefan Dohr, Solohornist der Berliner Philharmoniker, liebt das klassische und romantische Repertoire. Sein Interesse gilt allerdings auch der zeitgenössischen Musik, für die er sich – als Interpret und Initiator neuer Werke – intensiv einsetzt. So brachte er die ihm gewidmeten Hornkonzerte von Herbert Willi (2008), Jorge E. López (2009), Johannes Wallmann (2010), Toshio Hosokawa (2011) und Wolfgang Rihm (2014) zur Uraufführung – das Konzert von Hosokawa, »Moment of Blossoming«, gemeinsam mit den von Sir Simon Rattle dirigierten Berliner Philharmonikern.

Nun steht eine weitere Premiere mit dem Orchester an: die Uraufführung des Hornkonzerts von Hans Abrahamsen. Der dänische Komponist, der zu den führenden Persönlichkeiten der Gegenwartsmusikszene seines Landes zählt, führt einen vielschichtigen musikalischen Dialog mit der Vergangenheit und pflegt ein Idiom poetisch-romantischer Intensität – wobei er sich in seinen Werken (wie die Titel October, Schnee, Wald, Storm og Stille usw. verraten) immer wieder auch auf Naturphänomene bezieht. Dirigent des Abends ist Paavo Järvi, der mit seinen ebenso differenzierten wie energiegeladenen Interpretationen das Publikum rund um den Erdball begeistert. Die Liebe zur Musik wurde ihm in die Wiege gelegt: 1962 als Sohn des Dirigenten Neeme Järvi in Tallinn geboren, studierte er zunächst Schlagzeug und Dirigieren, wobei er seine Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie bei Leonard Bernstein am Los Angeles Philharmonic Institute vervollständigte. Der langjährige Künstlerische Leiter der Kammerphilharmonie Bremen ist Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra in Tokio, ein Amt, das er ab dieser Spielzeit auch beim Tonhalle-Orchester Zürich übernimmt.

Nach der Pause widmen sich die Berliner Philharmoniker und Paavo Järvi der Symphonie fantastique vonHector Berlioz, die wie kaum ein zweites Werk der Musikgeschichte die Genrebezeichnung »Symphonische Dichtung« verdient. Fünf »Episoden aus dem Leben eines Künstlers« schildert das instrumentale Drama – allerdings nicht in der Realität, sondern in wirren Träumen. Heinrich Heine bezeichnete die Symphonie als »bizarres Nachtstück«, das »nur zuweilen erhellt wird von einer sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin- und herflattert, oder von einem schwefelgelben Blitz der Ironie«. Unbestimmte Leidenschaften werden hier in Klang gefasst, am radikalsten im Traum einer Sabbatnacht, dem fünften und letzten Symphoniesatz, der (wie Berlioz berichtete) »durch seine satanische Wirkung« bereits die Zeitgenossen überwältigte.

Lebenswerk und Lebenswende

Neue Musik aus drei Jahrhunderten

Das Orchester klingt - das Scherzo fantastique op. 3 von Igor Strawinsky

Der 6. Februar 1909 sollte das Leben des damals 26-jährigen Igor Strawinsky schlagartig verändern. Bis dahin war er in der Musikwelt nahezu unbekannt: Er hatte nicht mit jugendlichen Geniestreichen für frühe Aufmerksamkeit gesorgt, sondern sein kompositorisches Handwerk im stillen Kämmerlein erlernt, im Privatunterricht bei Nikolaj Rimsky-Korsakow – neben seinem Jurastudium. An jenem schicksalhaften Februartag aber wurden gleich zwei Orchesterpartituren Strawinskys uraufgeführt, und dies auch noch in der vielbeachteten St. Petersburger Konzertreihe des Dirigenten und Pianisten Alexander Siloti: das Scherzo fantastique op. 3 und Feu d’artifice op. 4. Im Publikum saß Sergej Diaghilew, der berühmte Impresario und Gründer der Ballets russes: Er zeigte sich so beeindruckt, dass er Strawinsky sogleich um die Orchestrierung zweier Stücke von Chopin bat, die in das Ballett Les Sylphides Eingang fanden. Nur wenig später sprach Diaghilew dann den Auftrag zu Strawinskys erster großer Ballettmusik aus, zum Feuervogel: Eine der produktivsten Künstlerfreundschaften des 20. Jahrhunderts nahm ihren Anfang.

Was hatte Diaghilew so sehr für diese »Gesellenstücke« des jungen Strawinsky und namentlich für das Scherzo fantastique eingenommen? Vergleicht man das zwischen Juni 1907 und März 1908 entstandene Scherzo mit den drei nur wenig später komponierten russischen Balletten, wirkt es noch konventioneller – Welten trennen seine unwirklich schillernde Klangsprache, die noch den Geist des Fin de Siècle atmet, von der brachialen Radikalität des Sacre du printemps. Andererseits stellt schon das Frühwerk Strawinskys das einzigartige Gespür des Komponisten für instrumentale Farben unter Beweis: Drei-bis vierfach besetzte Bläser, geteilte Streicher, drei Harfen und Celesta sieht die Partitur vor, wobei die unterschiedlichen Klangvaleurs charakteristisch herausgearbeitet werden. 50 Jahre nach der Vollendung des Scherzo fantastique brachte es sein Schöpfer übrigens selbst noch einmal als Dirigent zur Wiedergabe – und zeigte sich angenehm berührt: »Das Orchester ›klingt‹, die Musik ist licht auf eine Art, wie sie in Kompositionen jener Epoche selten zu finden ist.

Das Horn singt – das Hornkonzert von Hans Abrahamsen

Lichte Musik zu schreiben, die rein klingt und klar, das ist auch das Ziel des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen. Und tatsächlich, wer etwa seine Ophelia-Szenen Let me tell you hört, die 2013 von Barbara Hannigan und den Berliner Philharmonikern unter Andris Nelsons uraufgeführt wurden, wird staunen angesichts der ätherischen Schönheit dieser Klangwelt.

Mit Let me tell you verbindet sich auch die Entstehungsgeschichte seines jüngsten Werks. Denn am Rande der Weltpremiere, im Dezember 2013, bot Abrahamsen dem Solohornisten der Philharmoniker Stefan Dohr an, ein Konzert für ihn zu schreiben. Bis der Däne die Arbeit aufnehmen konnte, vergingen zwar ein paar Jahre, im Sommer 2018 war es dann aber soweit. »Stefan Dohr besuchte mich für zwei Tage in Kopenhagen«, berichtet Abrahamsen. »Ich erklärte ihm, was mir vorschwebt, und er führte mir vor, was auf seinem Instrument alles möglich ist. Stefan hat ein immenses Können und eine unglaubliche Imaginationskraft, und so habe ich mir bei unserer Begegnung allerlei notiert. Danach habe ich mich allerdings zurückgezogen. Während des Kompositionsprozesses muss ich ganz in meiner eigenen Welt sein. Erst im September 2019 haben wir uns in Berlin wiedergetroffen. Ich zeigte Stefan die Partitur, und er spielte den Solopart für mich. Es war wunderbar.«

Magie und Natur sind die beiden Assoziationen, die Abrahamsen am stärksten mit dem Horn verbindet, viel mehr als die Jagd oder den schmetternden Klang. Und natürlich kommt ihm die deutsche Romantik in den Sinn: Das zeigen auch die zahlreichen deutschsprachigen Titel seiner Werke wie Märchenbilder, Schnee oder Winternacht. »Ich hätte das Konzert auch Wald nennen können«, meint er. Doch beließ er es lieber bei der neutralen Gattungsbezeichnung. Er habe die pastorale Aura des Horns betonen wollen, bekennt er, und auch Melodien exponiert, die sonst in der neuen Musik nur selten eine Rolle spielen. »Für Horn komponiere ich ganz ähnlich wie für die Gesangsstimme, die ebenfalls verschiedene Register durchquert. Die Erfahrungen, die ich bei meiner Oper The Snow Queen gesammelt habe, konnte ich wieder aufgreifen im Hornkonzert, das man auch als Oper in drei Szenen bezeichnen könnte. Das Horn singt hier.«

Als langsam strömenden Fluss mit einer weitgestreckten Melodie im Solohorn beschreibt Abrahamsen den ersten Satz. Doch im zweiten, der unruhig und schnell daherkommt, ändert sich der Charakter: »Ein Sturm baut sich auf und kulminiert, bis sich wieder alles beruhigt und in die Stille zurückfindet«, beschreibt er den Verlauf. »Das Finale beginnt abermals sehr langsam, wird allerdings zum Ende hin dramatischer und strebt in die Höhe. Und zum Schluss bringe ich ein paar kleine Grüße unter, an die beiden großen Meister des Hornkonzerts, an Mozart und Richard Strauss. Aber mehr will ich noch nicht verraten.«

Die Welt versinkt – die Symphonie fantastique op. 14von Hector Berlioz

Hector Berlioz war ein Klangmagier ohnegleichen, der insbesondere mit seiner Symphonie fantastique von 1830 eine musikhistorische Revolution bewirkte. Dies geschah zum einen dadurch, dass er instrumentale Effekte setzte, die bis dahin noch nie verwendet worden waren: von aufrauschenden Harfen (2. Satz) über den Einsatz einer hinter der Bühne postierten Oboe (3. Satz) bis zum col legno-Geklapper der Streicher (5. Satz). Zum anderen aber sprengte er zugleich die Grenzen der ganzen Gattung, weil er ein orchestrales Drama in fünf Sätzen oder Akten schuf und ihm ein außermusikalisches Programm von höchster Subjektivität beigab: In der Symphonie fantastique erzählt Berlioz seine eigene unglückliche Liebesgeschichte – ein musikalischer Ego-Trip von fast einer Stunde Spieldauer.

»Épisode de la vie d’un artiste« nannte Berlioz das Werk und verfasste dazu einen Handlungsablauf, der detailfreudig schildert, was in jedem der fünf Sätze passiert. Der »Held« ist ein junger Musiker, der sich unsterblich in eine für ihn unerreichbare Frau verliebt. Er begegnet ihr auf einem Ball wieder, wo er sie Walzer tanzen sieht. Dann zieht er sich in die Einsamkeit zurück, kann die Geliebte aber auch dort nicht vergessen. Weshalb er in seiner Verzweiflung schließlich Opium nimmt, um sich zu betäuben. Aber im Rausch überfallen ihn die schlimmsten Fieberfantasien. Er träumt, dass er die Geliebte ermordet habe und zum Tode verurteilt worden sei. Auf dem Richtplatz wird er mit dem Fallbeil geköpft. Und schließlich erlebt er zur Geisterstunde einen Hexensabbat, eine höllische Orgie, bei der die Geliebte mittanzt und die Welt im Irrsinn versinkt.

Um diese Geschichte darzustellen, erfand Berlioz ein neues musikalisches Mittel: Er präsentierte ein markantes Hauptthema, das sich in allen fünf Sätzen wiederfindet. Diese Idée fixe ist das Porträt der Geliebten und taucht immer dann auf, wenn der Künstler an sie denkt oder wenn er sie vor sich sieht. Da Berlioz in der Symphonie fantastique sein eigenes Schicksal vertonte, bezieht sich auch die Idée fixe auf eine ganz konkrete Person: die irische Schauspielerin Harriet Smithson. Berlioz begegnete ihr erstmals im Jahr 1827. Damals gastierte eine englische Theatertruppe in Paris und versetzte Frankreichs geistige Elite mit Aufführungen von Hamlet und Romeo und Julia in einen Shakespeare-Taumel. Als die Truppe nach einer Weile weiterzog, blieb Berlioz allein zurück in seinem Liebeswahn und schrieb sich seinen Kummer mit der Symphonie fantastique von der Seele. Vielleicht war es dieser psychische Ausnahmezustand, der es ihm ermöglichte, allerlei klangfarbliche Experimente zu wagen. Kurzum: Berlioz’ Symphonie fantastique ist ein Spektakel für die Ohren. Und ein echtes Stück Zukunftsmusik.

Susanne Stähr

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