Emmanuelle Haïm dirigiert Händel in Baden-Baden
Georg Friedrich Händels Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno spürt der Frage nach, wie nachhaltig Hedonismus ist. Unter der Leitung von Barockspezialistin Emmanuelle Haïm verkörpert eine erlesene Starbesetzung die allegorischen Gesangsrollen von Schönheit, Vergnügen, Zeit und Erkenntnis. Virtuos und mit opernhafter Dramatik entspinnt sich ein musikalischer Wettstreit zwischen ihnen. Die Berliner Philharmoniker präsentieren das emotionsgeladene Werk bei den Osterfestspielen in Baden-Baden.
Was haben Georg Friedrich Händels Il trionfo del Tempo e del Disinganno und eine Maultasche gemeinsam? Abgesehen vom sinnlichen Genuss, den sie verursachen, dienen beide der Täuschung: Während eine Legende besagt, dass die Maultasche – in diesem Zusammenhang auch Herrgottsbscheißerle genannt – das in der Fastenzeit verbotene Fleisch durch eine Nudelhülle vor den Augen Gottes verbergen sollte, umging Händel seinerzeit ein päpstliches Opernverbot durch die »Verpackung« als Oratorium. Die besondere Ironie daran ist, dass der Librettist von Il trionfo selbst ein Mann der Kirche war: Kardinal Benedetto Pamphilj prägte die Kunstszene Roms um 1700 nicht nur durch eigene Text- und Musikschöpfungen, sondern vor allem als großzügiger Mäzen. Händel zählte dabei zu seinen bevorzugten Komponisten, wie die erste Zusammenarbeit belegt: Die Kantate »Hendel, non può mia musa« (Händel, meine Muse kann keine Verse singen, die deiner Leier würdig wären) ist ein ehrfürchtiger Lobgesang auf »Il Sassone« (den Sachsen).
Il trionfo del Tempo e del Disinganno vertonte Händel vermutlich 1707 im Hause des Librettisten. Die Handlung ist schnell erzählt: Alles dreht sich um die Frage, ob die junge Schönheit sich der Vergnügungssucht hingeben oder – unnachgiebig ermahnt von Zeit und Wahrheit – sich auf Beständigeres besinnen sollte. Sie erliegt zunächst der Versuchung, muss jedoch bald erkennen, dass Schönheit verblasst und Vergnügen trügerisch ist. Am Ende – so will es schließlich auch der Titel – triumphieren die Mahnenden, und die Schönheit geht dank ihrer neuen Einsicht tugendhaft ins Kloster.
Während die clevere Tarnung der Oper im Oratoriums-Gewand unüberhörbar ist in Händels so delikater wie dramatisch expressiver Musik, ist die Erzählung vom Mönch, der den listigen Einfall der Herrgottsbscheißerle hatte, sehr umstritten. Sicher ist jedoch: Dem leidenschaftlichen Gourmet Händel hätten die deftigen Teigtaschen ebenso gemundet wie dem Publikum Il trionfo del Tempo e del Disinganno – damals wie heute.
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