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Silvesterkonzert mit Simon Rattle und Joyce DiDonato

31. Dez 2017

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Joyce DiDonato

  • Antonín Dvořák
    Karneval, Konzertouvertüre op. 92 (10 Min.)

  • Igor Strawinsky
    Pas de deux aus Apollon musagète (4 Min.)

  • Richard Strauss
    Orchesterlieder (22 Min.)

    Joyce DiDonato Mezzosopran

  • Leonard Bernstein
    3 Dance Episodes aus On the Town (11 Min.)

  • Leonard Bernstein
    Take Care of this House (6 Min.)

    Joyce DiDonato Mezzosopran

  • Dmitri Schostakowitsch
    Suite aus dem Ballett Das goldene Zeitalter op. 22a (18 Min.)

  • Antonín Dvořák
    Slawischer Tanz Op. 72 Nr. 2 (6 Min.)

  • Johannes Brahms
    Ungarischer Tanz Nr. 1 in g-Moll (5 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Joyce DiDonato im Gespräch mit Noah Bendix-Balgley (12 Min.)

»Ich hoffe, die Berliner wissen, was Sie an diesem Saal haben. Er ist fantastisch«, schwärmte Joyce DiDonato in einem Interview, das sie anlässlich ihres Debüts in einem Orchesterkonzert der Berliner Philharmoniker im April 2015 für die Digital Concert Hall gab. Die amerikanische Sängerin bezauberte damals bei den Osterfestspielen in Baden-Baden und in Berlin mit ihrem flexiblen, schlanken, doch gleichzeitig dunkel timbrierten Mezzosopran als Marguerite in Hector Berlioz’ La Damnation de Faust. »Hinreißend nuanciert« und »engelsgleich« – so die Presse – sei ihre sängerische Darbietung. In der vergangenen Saison konnte man das »Girl aus Kansas«, wie sie sich selbst oft scherzhaft bezeichnet, als Solistin in einem weiteren Werk des französischen Komponisten erleben: der lyrischen Szene La Mort de Cléopâtre. Dass sie auch eine begnadete Liedinterpretin ist, bewies sie darüber hinaus in zwei Liederabenden der Stiftung Berliner Philharmoniker. Nun ist Joyce DiDonato der Stargast der philharmonischen Silvesterkonzerte und präsentiert mit Orchesterliedern von Richard Strauss eine weitere Facette ihrer künstlerischen Vielseitigkeit.

Den Auftakt des Programms zum Jahresausklang macht Antonín Dvořáks Konzertouvertüre Karneval, ein Werk, das zu einer Ouvertürentriologie mit philosophischen Anspruch gehört. Der tschechische Komponist fasst darin die wichtigsten Aspekte des menschlichen Seins in Töne: Natur, Leben und Liebe. In Karneval huldigt Dvořák in mitreißenden, überschäumenden Klängen die Lust am Leben. Mit dem Pas de deux aus dem Ballett Apollon musagète, der Assoziationen an den Wiener Walzer weckt, zeigt Igor Strawinsky, der Schöpfer so energetischer Werke wie L’Oiseau de feu oder Le Sacre du printemps, seine elegante, beschwingte und zärtliche Seite.

Ganz andere Stimmungen beschreibt Leonard Bernstein in den Tanzepisoden seines 1944 uraufgeführten Musicals On the Town – schmissig, frech, jazzig. Das Stück handelt von den Liebesabenteuern dreier Matrosen, die für 24 Stunden in New York Landgang haben. Als »Rausschmeißer« erklingt die Suite aus dem Ballett Das goldene Zeitalter, in dem Dmitri Schostakowitsch witzig, ironisch und bissig das Lebensgefühl der sogenannten »Wilden Zwanzigerjahre« persifliert und gleichzeitig auf humorvolle Weise Gesellschaftskritik übt. Dem Ballett war kein Erfolg beschieden, wohl aber der Ballettsuite, die der Komponist aus vier Sätzen zusammenstellte. Besonders der dritte Satz, die Polka, erfreut sich großer Beliebtheit und macht Lust auf einen rauschenden Jahreswechsel.

Von Party bis Persiflage

Ein musikalisches Kaleidoskop zum Jahreswechsel

Trubel und Besinnung: Antonín Dvořáks Ouvertüre Karneval op. 92

Mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr machte der Meister gleich am 2. Januar Ernst: Die Funkstille zwischen ihm und seinem Verleger aufgrund früherer Kränkungen hatte lang genug gedauert, und jetzt fand er es an der Zeit, die alten Kontakte neu zu beleben. Also schickte Antonín Dvořák dem »lieben Herrn Simrock« beste Wünsche für 1892 und legte seinem Brief gleich eine Liste frisch vollendeter Werke bei, die auf Veröffentlichung warteten – darunter auch die Ouvertüre für Orchester op. 92. Gedacht war sie als Mittelteil einer Trilogie von Symphonischen Dichtungen mit programmatischem Inhalt. Natur, Leben und Liebe sollten ihr Thema sein – oder, wie es Dvořák formulierte, »drei Seiten des menschlichen Daseins«: Am Anfang Harmonie mit der natürlichen Umwelt und die pastorale Atmosphäre von Sommernacht-Idylle und Waldeinsamkeit, am Ende die Wechselfälle der Liebe zwischen gefühlsseliger Hingabe, stürmischer Leidenschaft und rasender Eifersucht. Dazwischen unter der Überschrift Karneval – das Leben.

Das Leben als Karneval, die Menschheit als Spaßgesellschaft? So hat es Dvořák wohl kaum gemeint – auch wenn er zu Beginn mit furiosem Schlagwerk-Einsatz loslegt und alle Register närrischer Partystimmung zu ziehen scheint. Keine Ballnacht dauert ewig, und so kommt auch in dem Stück der Moment, in dem der Trubel plötzlich abbricht und die ungebremste Fröhlichkeit innehält. Die karnevalistische Prunksitzung macht Pause zugunsten nachdenklicher Besinnung.

»Vielstimmiger Wohllaut der Saiten«: Igor Strawinskys Apollon Musagète

Nicht etwa dass der Mann aus Russland nichts übrig gehabt hätte für fröhliche Feten und genussreiche Stunden, und auch der eine oder andere Rausch von dionysischem Format kam in seinem langen Leben vor. Doch als er sich 1927 an ein Ballett nach antikem Stoff machte, hielt er es nicht mit dem Gott von Wein und Ausschweifung, sondern mit dessen olympischem Kollegen Apoll, bekannt für edles Maß und Ordnung, Strenge und Disziplin. Eine getanzte Huldigung an den Hüter der schönen Künste sollte es werden, an den »Führer der Musen«, wie ihn die Hellenen nannten: Apollon musagetes.

Vorgeschwebt hatte Igor Strawinsky ein Ballett, das in weißen Tutus getanzt wurde und das sowohl ohne große dramatische Handlung als auch ohne aufwendige Bühnendekoration auskam. Im Zentrum sollte einzig und allein die Kunst des Tanzes stehen, die Bewegung in ihrer klassischen Vollkommenheit und Schönheit. Ganz im Sinne dieser ungetrübten Klarheit legte Strawinsky seine Komposition an – formal streng, mit gezähmtem Rhythmus nach antiken Versmodellen und unter Annäherung an den Stil vergangener Epochen. Nur Streichinstrumente setzte er ein und begeisterte sich, wie er später sagte, an dem »vielstimmigen Wohllaut der Saiten«.

»Das Öchslein brüllte …« – Orchesterlieder von Richard Strauss

Lieder waren lebenslang Wegbegleiter von Richard Strauss: Mehr als 200 hat er komponiert und sie rückblickend als das ihm »Liebste« in seinem gesamten Œuvre bezeichnet. Geeignete Texte zu finden, war für ihn nie ein großes Problem. Ihn interessierte nicht die Prominenz eines Autors, sondern das, was sich musikalisch aus einem Gedicht machen ließ. So wie aus Heinrich Heines Versen über »Die heiligen drei Könige aus Morgenland«. Gereizt haben dürfte Strauss das Nebeneinander von andächtiger Feierlichkeit und zarter Ironie, wie sie in Heines Schlusszeilen hörbar wird: »Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie, die heil’gen drei Könige sangen.« Strauss formte daraus ein im Grundton heiteres Gemälde, das die Szene im Stall von Bethlehem mit weihevoller Innigkeit und Würde, aber auch mit einem Lächeln wiedergibt, bevor sich dann im langen Nachspiel die ganze Majestät und Pracht des Augenblicks ausbreiten.

Überwältigte und überwältigende Empfindungen weckt Strauss in der Zueignung, einem seiner frühesten und zugleich populärsten Lieder. Mit Anfang 20 hat er es auf ein Gedicht des heute längst vergessenen Poeten Hermann von Gilm geschrieben und viele Jahre später instrumentiert. Als der Komponist 1894 die Sängerin Pauline de Ahna heiratete, wählte er ein Gedicht des deutsch-britischen Schriftstellers John Mackay, um seine Glücksgefühle zu offenbaren: Morgenheißt das später ebenfalls für Orchesterbegleitung umgearbeitete Lied.

Vom privaten häuslichen Glück des erfolgreichen Dirigenten und Komponisten Strauss zeugen auch die Lieder, die nach der Geburt seines Sohnes Franz entstanden. 1899 schrieb er auf ein Gedicht von Richard Dehmel ein anrührend zartes Wiegenliedund nach Versen Gottfried August Bürgers die munter verspielte Muttertändelei, die wie eine Momentaufnahme der stolzen Eltern im Kinderzimmer wirkt.

American History: Leonard Bernsteins On the Town und 1600 Pennsylvania Avenue

Für Comedy, Show und Silvester-Jux war eigentlich nicht die Zeit. Die USA befanden sich im Krieg, und niemand wusste, ob das Sterben im bald beginnenden neuen Jahr immer noch weitergehen würde. Aber wenigstens für ein paar Stunden sollten die New Yorker an diesem 28. Dezember 1944 abschalten können und ihren Spaß haben. Das Adelphi Theatre am Broadway lud ein zum Musical-Debüt von Leonard Bernstein. Zu sehen gab es On the Town. Mit der Stadt im Titel konnte natürlich nur New York gemeint sein, die Metropole am East River, die alles zu bieten hat, was man sich nur wünschen kann, speziell wenn drei liebeshungrige Matrosen für 24 Stunden auf Landurlaub gehen. Bernstein hat dazu Musik komponiert, die exakt den Nerv des Publikums traf: Schmissig, fetzig und jazzig begleitet sie den Streifzug der drei Seeleute durch Manhattan, lässt in ihren Songs und Tanzepisoden aber auch zarte und sehnsuchtsvolle Töne anklingen.

On the Town wurde ein Riesenerfolg und erlebte 462 Vorstellungen. Weit weniger Glück hatte Bernstein 1976 mit 1600 Pennsylvania Avenue, einem zeitkritischen Stück, das – wie die im Titel genannte Adresse verrät – im Weißen Haus in Washington spielt und von den ersten 100 Jahren amerikanischer Geschichte erzählt. Mit weißen Hausherren und schwarzen Dienern, mit Rassendiskriminierung und bigottem Patriotismus. Lediglich ein Song aus dem Musical und der späteren Konzertfassung White House Cantata hat es zum Hit gebracht: »Take Care of This House«. »Kümmert euch um dieses Haus, denn es ist die Hoffnung von uns allen«, heißt es im Text – und auch wenn der schon vor fast einem halben Jahrhundert geschrieben wurde, klingt er gerade heute aktueller denn je.

Fußball und Foxtrott: Dmitri Schostakowitschs Das Goldene Zeitalter

Angeblich hat er fast kein Heimspiel seines Lieblingsvereins Zenit versäumt und jahrelang über Tabellenstände und Torschützen säuberlich Buch geführt: Dmitri Schostakowitsch war ein Fußballfan, wie er im Buche steht, und entsprechend gern griff er zu, als ihn das Leningrader Akademische Theater 1929 um die Musik zu einem Tanz-Libretto bat, in dem Fußball eine zentrale Rolle spielte. Erzählt wird nämlich von sowjetrussischen Kickern, die zu Beginn der Stalin-Ära ins kapitalistische Ausland reisen, um im sportlichen Beiprogramm einer Industrieausstellung mit dem schönen Titel Das Goldene Zeitalter aufzutreten. Ganz im Sinne der Parteidoktrin sind sie drei Akte lang den bürgerlich-dekadenten Versuchungen und Machenschaften des Klassenfeindes ausgesetzt, widerstehen aber nicht nur heroisch, sondern vereinen sich am Ende sogar zu einem Reigen der Solidarität mit den ideologischen Gegnern.

Bei seiner Musik zu dem leicht aberwitzigen Wettkampf der Systeme ließ Schostakowitsch seiner Lust an Parodie und Persiflage freien Lauf: Von Walzer und Cancan bis Shimmy und Foxtrott, eingeschlossen seine berühmte »Tea for Two«-Version, zündete er ein wahres Feuerwerk der damals aktuellen Klänge und huldigte immer wieder seiner Passion für den amerikanischen Jazz.

Wolfgang Knauer

EuroArts

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