Silvesterkonzert mit Simon Rattle und Daniil Trifonov

31. Dez 2016
Silvesterkonzert

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Daniil Trifonov

  • Dmitri Kabalewsky
    Colas Breugnon op. 90: Ouvertüre zur Oper (5 Min.)

  • Sergej Rachmaninow
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-Moll op. 30 (54 Min.)

    Daniil Trifonov Klavier

  • William Walton
    Façade: Orchesterstücke, zu einer Suite zusammengestellt von Sir Simon Rattle (11 Min.)

  • Antonín Dvořák
    Slawische Tänze op. 72: Auswahl (10 Min.)

  • Dmitri Kabalewsky
    Komödianten-Galopp aus Die Komödianten (2 Min.)

  • Johannes Brahms
    Ungarischer Tanz Nr. 1 in g-Moll (6 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Sir Simon Rattle über das Silvesterkonzert 2016 (2 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Daniil Trifonov im Gespräch mit Sarah Willis (13 Min.)

Bevor zum Jahreswechsel 2016/2017 die Champagnerkorken knallen, ist in den von einer spritzigen Lustspielouvertüre des sowjetischen Komponisten Dmitri Kabalewski eröffneten Silvesterkonzerten der Berliner Philharmoniker zunächst einmal Tastendonner allererster Güte zu erleben, wenn Daniil Trifonov das Podium betritt. Der wie sein vier Jahre älterer Pianistenkollege Igor Levit in Nischni Nowgorod (vormals Gorki) geborene 25-jährige Musiker zählt seit dem Gewinn des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs im Jahr 2011 nicht nur zu den technisch überragenden, sondern auch musikalisch interessantesten Pianisten der jüngeren Generation. Nachdem bereits ein Mitschnitt seines von Presse und Publikum gleichermaßen umjubelten Debüts in der New Yorker Carnegie Hall auf CD erschienen war, legte Trifonov 2015 auf Tonträger seine Interpretationen einiger der anspruchsvollsten Variationenwerke von Sergej Rachmaninow nebst einer eigens komponierten Hommage an den von ihm bewunderten Komponisten und Virtuosen vor – und das Feuilleton geriet ins Jubeln (»Hut ab vor diesem Rachmaninow!«), Seufzen (»Verweile doch, Tonaugenblick, du bist so schön!«) und Schwärmen (»Ein hoch kultivierter Virtuose mit unbegrenzten technischen Möglichkeiten«).

Auch im Rahmen seines Debüts bei den Berliner Philharmonikern spielt Trifonov eine Komposition von Rachmaninow: das Dritte Klavierkonzert, das vielen Interpreten des Werks als das schwierigste Klavierkonzert aller Zeiten gilt. Mit lyrischen Passagen, die zumindest dem Publikum etwas Zeit zum Durchatmen geben, bevor es die nächste Runde pianistischer Brillanz zu bestaunen gilt, geizt die Komposition deshalb aber keineswegs. Der zweite Teil des Silvesterprogramms klingt mit einigen der schmissigsten Slawischen Tänze von Antonín Dvořák aus. Zuvor sind aber noch Auszüge aus William Waltons 1923 uraufgeführter Façade zu erleben – einem literarisch-musikalischen Zwitterwerk, dessen frech aufmüpfiger, bei allem Nonsens hintergründiger Witz sich kaum besser beschreiben lässt als mit den Worten »very british«. Dass das von seinen Autoren (die Texte stammen von Edith Sitwell) als »Entertainment« bezeichnete Werk von keinem anderen raffinierter dargeboten werden kann als von Simon Rattle, liegt auf der Hand. Denn als Brite hat das Verb »to entertain« für ihn zwei Bedeutungen: »einladen« und »unterhalten«. Und in genau diesem Sinne freuen sich Sir Simon und die Berliner Philharmoniker darauf, Sie zu ihren Silvesterkonzerten zu begrüßen.

Von konzertanten Elefanten und anderen Heimsuchungen

Rachmaninow, Kabalewsky und Walton: stets für Überraschungen gut

Sergej Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30

Man beschrieb ihn als zurückhaltend und bescheiden. Sein langjähriger Freund Fjodor Schaljapin behauptete sogar, der Ruhm sei ihm peinlich gewesen. Überhaupt nicht peinlich waren Sergej Rachmaninow hingegen die großen Häuser, die er in Russland, der Schweiz und zum Schluss in Kalifornien bewohnte. Er bewirtete gern Gäste und nippte dann manchmal, um nicht aufzufallen, auch an einem Glas Wein, was ihm nicht sonderlich viel bedeutete. Gegenüber Freunden zeigte er sich ausgesprochen großzügig, und die dankten es ihm mit Lobeshymnen auf seinen Charakter. Bedauerlicherweise kostete dieser Lebensstil jedoch Geld, viel Geld, und so kam Rachmaninow sehr früh in den Ruf, ein Verschwender und vorwiegend an üppigen Honoraren interessiert zu sein.

Das Dritte Klavierkonzert, geschrieben im Sommer 1909 für eine USA-Tournee, wurde nie vollständig den Ruf los, eher ein merkantiles als künstlerisches Meisterwerk zu sein. Rachmaninow selbst hatte von seinem »Elefantenkonzert« gesprochen, womit er die zur Bewältigung des Stücks erforderliche enorme Kraftanstrengung meinte. Für Kritiker seines spätromantischen, dezidiert anti-modernen Stils ein gefundenes Fressen, ließ sich doch das 45-minütige Monster, das vom Herbst 1909 an auf einer gigantischen Tournee zelebriert wurde und dem Komponisten ebensolche Honorare einbrachte, als Produkt eines kapitalistischen Unternehmers auffassen.

Höchste Virtuosität und erzromantische, nostalgische Aura – das war schon im 19. Jahrhundert kein Widerspruch. Bei Rachmaninow sind diese scheinbar gegenläufigen Tendenzen ins Extrem getrieben und zugleich auf geniale Weise vereint. Das mit dem dritten Takt einsetzende, in parallelen Oktaven gefasste Hauptthema lässt nicht annähernd jene horrenden technischen Schwierigkeiten ahnen, die dann folgen und die Rachmaninow dazu trieben, diverse Streichungen vorzunehmen wie auch alternative Kadenzen einzufügen. Dies gilt auch für den zweiten Satz, ein elegisches, manchmal sogar exaltiert leidenschaftliches Intermezzo mit Variationscharakter. Eine kurze Scherzo-Kadenz leitet in ein äußerst bravouröses Finale über. Strahlendes D-Dur krönt ein Werk, das unter eleganter und allgemein verständlicher Fassade die raffiniertesten Kunstgriffe verbirgt.

Dmitri Kabalewsky:Die Ouvertüre zur Oper Colas Breugnon

Während des Ersten Weltkriegs und der frühen Revolutionsphase gab Rachmaninow Wohltätigkeitskonzerte zugunsten verwundeter Soldaten. Er versuchte, nicht als Bourgeois aufzufallen und zog sich mit seiner Familie auf das vermeintlich unberührte Landgut Iwanowka zurück, wo bereits Greueltaten an Gutsbesitzern verübt worden waren. Der Mob machte auch vor dem Haus des Musikers nicht halt; man warf den Flügel aus dem ersten Stock in den Garten, Bauern erschlugen den Lieblingshund seiner Tochter. Völlig verängstigt flüchteten die Rachmaninows nach Moskau, dann bot die Einladung zu einem Konzert in Stockholm die Möglichkeit, dem Chaos zu entkommen. Naheliegenderweise war die Zahl derjenigen Künstler, die blieben, weil sie nicht gehen konnten oder wollten, weitaus größer. Hunderte von Biografien sprechen vom verzweifelten Bemühen, in denkbar deprimierenden Verhältnissen zu überleben. Neben tragischen Figuren existierte aber auch eine große Gruppe von Arrivierten, die fast nie mit der Partei in Konflikt gerieten, akademische Ämter inne hatten und mehr oder weniger unbeschwert Werk auf Werk schufen. Nikolai Mjaskowski und Reinhold Glière sind die beiden bekanntesten Repräsentanten dieser Gruppe. Der Dritte im Bunde war Dmitri Kabalewsky, geboren in Sankt Petersburg und ausgebildet in Moskau. Orden, Titel und Ehrenpreise pflasterten seinen Weg. Kabalewsky bewegte sich dicht entlang der Doktrin des sozialistischen Realismus, doch hütete ihn seine immense Begabung vor Sterilität, wenn auch nicht immer vor knalligem Sowjetkitsch.

Auf Erfolgskurs war Kabalewsky 1938 mit seiner Oper Colas Breugnon gekommen. Die Ouvertüre daraus ist noch heute seine meistgespielte Komposition. Ein munteres Thema wird zwischen Holzbläsern, Streichern und Schlagwerk hin und her geworfen, im Mittelteil erklimmt eine zunächst schwärmerische Melodie majestätische Höhen. Die Oper fußt auf Romain Rollands gleichnamigem Roman, ihr Held ist ein Bildschnitzer aus dem Burgund des 17. Jahrhunderts. Kabalewsky bemühte sich um Authentizität, imitierte französische Volksmusik jener Zeit, musste am Ende aber akzeptieren, dass man in seinem Breugnon »die Einheit von Künstler und Volk« personifiziert sah.

William Walton: Façade

William Walton ist hinsichtlich seiner Position in der Musikgeschichte so etwas wie der britische Kabalewsky. Konnte der zwei Jahre jüngere russische Kollege nie an Schostakowitsch und Prokofjew vorbeiziehen, so saßen dem Engländer stets Elgar und Britten im Nacken. Auch er feierte einen frühen Durchbruch, aber auch in seinem Fall war das Erfolgsstück Façade eher hinderlich als förderlich. Es katapultierte ihn in die erste Reihe britischer Komponisten und wurde, obwohl völlig atypisch für seinen Stil, zum Maßstab alles Weiteren. Dabei hatte der in der nordenglischen Industriestadt Oldham aufgewachsene Sohn eines Organisten und Gesangslehrers zunächst überhaupt keine Neigung zur Musik verraten. Irgendwann fiel seine schöne Knabenstimme auf, er sang in Oxford, studierte dort auch ein wenig, konnte aber trotz mehrerer Anläufe keinen akademischen Titel erwerben. Schlecht ausgebildet, romantisch und gefühlvoll, immer den Tränen nahe, wenn Puccini-Arien erklangen, schien ihm nicht einmal die väterliche Karriere eines Provinzmusikers sicher, zumal er extrem schüchtern und kontaktscheu war. Dann lernte er 1918 die Sitwell-Geschwister kennen, denen Schüchternheit komplett abging.

Edith, Osbert und Sacheverell Sitwell hatten literarische Ambitionen. Sie wurden zeitweilig als Rivalen der um John Maynard Keynes und Virginia Woolf gescharten Bloomsbury-Clique angesehen, galten jedoch vielen als Scharlatane, als exzentrische Gören aus der Upperclass. Vor allem die beiden Brüder verstießen gern gegen jeden gesellschaftlichen Codex, und die eher brave Edith fiel nicht nur mit Gedichten auf, sondern auch durch Kleider aus Brokat und Samt sowie einem goldfarbenen Turban.

In diesen illustren Kreis nun geriet der junge Walton, zeitlebens an der Chorknabenfrisur zu erkennen. Sacheverell erklärte ihn zum Genie, nachdem er ein Klavierquartett des 16-Jährigen gehört hatte, Edith nahm ihn unter ihre Fittiche. Es kam schon bald zu einer künstlerischen Zusammenarbeit. Walton vertonte ihren Gedichtzyklus Façade, der mit Sprachrhythmen und onomatopoetischen Wortbildungen spielt, was einige Zeitgenossen dazu veranlasste, dieses Experiment als reinen Nonsens zu betrachten. Die Musik schien dem zu entsprechen; die Stücke ergingen sich größtenteils in schwierigen Arabesken und veranlassten einen Instrumentalisten nach der ersten Privataufführung 1922 zu der Frage: »Mr. Walton, wurde Ihnen von einem Klarinettisten jemals Unrecht zugefügt?«

Die erste öffentliche Aufführung 1923 geriet dann zu einem veritablen Skandal, zwar ohne epochale Folgen, wie sie Schönberg und Strawinsky mit ähnlichen Premieren heraufbeschworen hatten, aber für englische Verhältnisse erschütternd genug. Walton, der in provinzieller Lancashire-Mundart redende, schüchterne Chorknabe wurde in London über Nacht zum enfant terrible. Kaum wusste er, wie ihm geschah. Er hat, um nicht in den Ruf eines Dadaisten zu geraten, diese erste Fassung schon bald um weniger schrille Nummern ergänzt und immer wieder an seiner Façade gebastelt, auch noch nach 1948, als er sich für den Rest seines Lebens auf Ischia niederließ. So verraten die sechs zur Suite vereinten Sätze zwar noch den Unruhegeist der 1920er-Jahre; sie sind aber andererseits wohlerzogen genug, um in einem Silvesterkonzert neben den Slawischen Tänzen von Antonín Dvořák nicht völlig aus der Rolle zu fallen.

Volker Tarnow

Daniil Trifonov wurde1991 in Nischni Nowgorod geboren, beide Eltern waren Berufsmusiker. Mit fünf Jahren erhielt er den ersten Klavierunterricht und bereits mit acht Jahren trat er erstmals mit Orchester auf. Später studierte er an der Gnessin-Musikschule in Moskau bei Tatiana Zelikman. Trifonov, der Martha Argerich, Grigory Sokolov und Radu Lupu als Vorbilder nennt, wechselte 2009 zu Sergei Babayan ans Cleveland Institute of Music, wo er auch Kompositionsunterricht erhielt. Seit er 2011, mit nur 20 Jahren, den Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv und den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau gewann, ist Trifonov als Konzertsolist und mit Soloabenden in der ganzen Welt gefragt. Er ist mit vielen angesehenen Orchestern und Dirigenten in renommierten Konzertsälen und bei Festivals aufgetreten. Seine Aufführung von Prokofjews Klavierkonzerten Nr. 1 und Nr. 3 mit dem London Symphony Orchestra und Valery Gergiev war einer der Höhepunkte bei den BBC Proms 2015. In der Klavierreihe der Stiftung Berliner Philharmoniker war Trifonov erstmals Anfang Oktober mit Werken von Schumann, Schostakowitsch und Strawinsky zu Gast; beim Orchester gibt er in diesen Konzerten nun sein Debüt.

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