Silvesterkonzert mit Simon Rattle und Anne-Sophie Mutter

31. Dez 2015
Silvesterkonzert

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Anne-Sophie Mutter

  • Emmanuel Chabrier
    L'Étoile, Oper: Ouvertüre (5 Min.)

  • Camille Saint-Saëns
    Introduction et Rondo capriccioso für Violine und Orchester a-Moll op. 28 (11 Min.)

    Anne-Sophie Mutter Violine

  • Jules Massenet
    El Cid, Suite aus Orchesterstücken der Oper (12 Min.)

  • Maurice Ravel
    Tzigane, Rhapsodie für Violine und Orchester (12 Min.)

    Anne-Sophie Mutter Violine

  • Francis Poulenc
    Les Biches, Ballettsuite (20 Min.)

  • Maurice Ravel
    La Valse, Poème chorégraphique für Orchester (14 Min.)

  • Johannes Brahms
    Ungarischer Tanz Nr. 1 g-Moll (5 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Silvesterparty der Berliner Philharmoniker (13 Min.)

Anne-Sophie Mutters phänomenale Karriere ist eng mit den Berliner Philharmonikern verknüpft: 1977 trat sie als Entdeckung Herbert von Karajans erstmals im Rahmen der Salzburger Pfingstfestspiele mit dem Orchester auf – im Alter von nur 13 Jahren. Bereits im folgenden Jahr debütierte sie unter Karajans Leitung mit Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216 in der Berliner Philharmonie. Seither hat sie mit den Philharmonikern die großen Violinkonzerte von Beethoven, Bruch, Mendelssohn, Brahms und Dvořák, aber auch Witold Lutosławskis Chain II und Sofia Gubaidulinas InTempus Praesens aufgeführt.

In diesem Silvesterkonzert brilliert die Geigerin mit Camille Saint-Saëns mitreißendem Stück Introduction et Rondo capriccioso sowie Maurice Ravels Tzigane, einer hochvirtuosen Rhapsodie für Violine und Orchester, in der sich der französische Komponist an die geigerischen Bravourstücke von Niccolò Paganini anlehnt und durch Verwendung der sogenannten »Zigeuner-Tonleiter« einen folkloristischen Ton anschlägt.

Den restlichen Teil des Programms bestreiten Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker mit Orchesterstücken und Tänzen aus französischen Opern und Balletten: Den Auftakt macht die witzige, humorvolle Ouvertüre zu Emmanuel Chabriers komischer Oper L’Étoile, die noch ganz in der Tradition der offenbachschen Operetten steht. Spanische Lebenslust und Lebensart beschwört die Ballettsuite aus Jules Massenets Oper Le Cid. Francis Poulencs Tanzsuite Les Biches hingegen entführt in die mondäne, heitere Welt der Jeunesse dorée der 1920er-Jahre. Poulenc schrieb das Werk 1923 für die berühmten Ballets russes von Sergej Diaghilev und schaffte damit den Durchbruch als Komponist.

Schluss- und Höhepunkt des Programms bildet Maurice Ravels Poème chorégraphique La Valse, jene berühmte Apotheose auf den Wiener Walzer mit seiner rasanten Steigerung bis zum grandiosen Finale. Musik, prickelnd und belebend wie Champagner – als Einstieg in einen festlichen Jahreswechsel!

Ballett und Boulevard

Nicht voneinander zu trennen: Theater und Politik in Frankreich

Brillant und hintersinnig zugleich: die Ouvertüre zu LʼÉtoile von Emmanuel Chabrier

Ein paradoxes Programm zum Jahreswechsel: Es beginnt mit den Vorbereitungen für eine Hinrichtung und endet mit dem Untergang einer Zivilisation; es besteht aus populären Stücken, die allerdings hierzulande – von Maurice Ravels La Valse abgesehen – nur selten aufgeführt werden. Nach zwei Gläsern Champagner könnte man auf die Idee kommen, den ersten Takten des heutigen Programms die Worte »Prosit Neujahr« zu unterlegen, aber in Wirklichkeit kehrt die frische Eingangsmelodie der Ouvertüre zu Emmanuel Chabriers Opéra bouffe LʼÉtoile im weiteren Verlauf des Werks mit den Versen »Le pal! Le pal! Est de tous les supplices le principal« (»Der Pfahl! Der Pfahl! Ist unter allen Strafen die vorzüglichste«) zurück. Gemeint ist die Hinrichtungsart der Pfählung, mit deren öffentlichem Vollzug König Ouf I. sein Volk bei Laune zu halten pflegt.

Den Typus des unfreiwillig komischen Potentaten kannte Chabrier nur allzu gut: Als Musiker weitgehend Autodidakt, hatte der studierte Jurist zu Zeiten Kaiser Napoleons III. als Beamter im französischen Innenministerium gearbeitet. Die 1877 entstandene Figur des Ouf ist daher auch Symbolfigur des Rückblicks auf eine höchst merkwürdige Epoche. Erster Innenminister des Second Empire war ein Halbbruder des Kaisers, der Herzog von Morny, welcher den Staatsstreich von 1851 eingefädelt hatte und nebenbei Operettenlibretti schrieb. Sein besonderes Interesse soll den Affen in der kaiserlichen Menagerie gegolten haben, weil diese dem Hofstaat so ähnelten.

Zur rätselhaften Erscheinung Napoleons III. gehörte auch seine Frau Eugénie, erzkonservativ und unbeliebt einerseits, in Sachen Eleganz und Mode aber Vorbild einer ganzen Generation. Und noch etwas: Die Kaiserin kam aus Spanien in ein Land, das alles Spanische liebte. Seitdem Théophile Gautier 1843 in einem Reisebericht vom »Ozean aus Licht« und vom Leben unter der »Gunst eines heiteren Himmels« geschwärmt hatte, wurde das Land hinter den Pyrenäen samt seinem »zigeunerischen« Bevölkerungsanteil zum Sehnsuchtsort der Franzosen schlechthin.

Virtuoser Glanz: Introduction et Rondo capriccioso op. 28 von Camille Saint-Saëns

Davon profitierte auch der Geigenvirtuose Pablo de Sarasate. Camille Saint-Saëns widmete ihm zwei Violinkonzerte und 1863 auch Introduction et Rondo capriccioso op. 28. »Wer früher an manchem Montag meine musikalischen Soireen miterlebt hat, wird den Glanz, den mein berühmter Freund dort verbreitete, nicht vergessen«, beschwor Saint-Saëns die Aura des 1908 gestorbenen Sarasate.

Wenngleich die Charaktere von Introduction et Rondo capriccioso op. 28 von einer gewissen Salon-Melancholie im Zaum gehalten werden, so sind sie doch raffiniert und virtuos gestaltet. Besonders das erste Rondo-Thema in a-Moll besticht durch seinen kapriziösen und durch Vorschläge sowie Synkopen verschleierten Charakter.

Spanisches Klangfarbenspiel: die Suite aus Le Cid von Jules Massenet

Sieben Jahre jünger als Saint-Saëns, war Jules Massenet der erfolgreichste französische Komponist der Belle Époque, jedoch nicht unumstritten. »Er hat keine Tiefe, aber das ist auch völlig bedeutungslos«, notierte Saint-Saëns und fuhrt fort: »Das Reich der Kunst ist so unermesslich groß. Sie darf in Abgründe steigen, in die geheimsten Winkel der düsteren und betrübten Seelen eindringen. Aber sie muss es nicht.« Auch Debussy nahm Massenet in Schutz: Es sei keineswegs besser, »alten kosmopolitischen Wagnerianerinnen zu gefallen als parfümierten jungen Frauen, selbst wenn sie nicht sehr gut Klavier spielen«. Tatsächlich werden Massenets Opern oft mit einfühlsam geschilderten Frauengestalten assoziiert – wie etwa Chimène, mit der Debussy in einem frühen Opernversuch nicht zurechtkam, die aber Massenet bereits 1885 in Le Cid auf die Bühne gebracht hatte: Chimène ist die Geliebte des spanischen Ritters Rodrigue, dessen arabischer Ehrenname den Titel der Mittelalter-Oper bildet.

Erstaunlicherweise macht Massenet in der Oper wenig Zugeständnisse an das Kolorit der Handlung, taucht seine Feder im Ballett aber umso tiefer in den Farbtopf. Diese Musik entstand in Marseille in einer Hotelsuite – ein Ort, der wohl die entscheidende Erinnerung an ein spanisches Hotel auslöste, wie Massenet mit Blick auf die einleitende Castillane berichtet: »Zufällig feierte man gerade Hochzeit, und das war Anlass genug, im unteren Saal des Hotels die ganze Nacht durchzutanzen. Dabei wiederholten mehrere Gitarren und zwei Flöten bis zum Überdruss eine Tanzmelodie. Ich schrieb sie auf.« Noch mehr als die Kastagnettenbegleitung kann man in dieser Suite die fast puristische Instrumentation Massenets bewundern, den das Thema Spanien bis zu seiner späten Oper Don Quichotte faszinierte.

Nur dem Scheine nach unschuldig: Die Suite aus dem Ballett Les Biches von Francis Poulenc

Massenets Streben nach größtmöglicher Harmonie mit seiner Umwelt war Sergej Diaghilew fremd. Der Wahlspruch des russischen Impresario, dessen Ballets russes im frühen 20. Jahrhundert in Paris triumphierten, lautete: »Étonne-moi« – erstaune mich! So setzte er auf neue Theaterformen und nahm auch Skandale in Kauf, um seinem Publikum etwas Ungewöhnliches bieten zu können. Dabei ging er mit einem einzigartigen Spürsinn ans Werk, der nicht nur zum Durchbruch des jungen Igor Strawinsky, sondern gut zehn Jahre später auch zu einem der ersten Erfolge des knapp 25-jährigen Francis Poulenc führte: Les Biches (Die Hirschkühe) wurden 1924 in Monte Carlo als Ballett mit Gesang uraufgeführt; eine Instrumentalsuite destillierte Poulenc daraus in den Jahren 1939/1940.

In diesem Werk erweist sich Poulenc als Meister einer mondänen und zugleich frechen Musik, die neben folkloristischen und klassizistischen Tönen auch die eine oder andere Dosis Jazz bereithält. Letztlich schwebte ihm eine moderne Form des Rokoko vor: »Es kam mir die Idee zu diesen fêtes galantes 1923, bei denen sich, wie bei Watteau, die Fantasie das Harmloseste wie auch das Verworfenste vorzustellen vermag.«

Vision und Apotheose: Tzigane und La Valse von Maurice Ravel

Die französischen Visionen von spanischer und zigeunerischer Musik erreichten späte Höhepunkte im Werk von Maurice Ravel, der von einer baskischen Mutter abstammte und Spanien seine »zweite musikalische Heimat« nannte. In seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten ging ihm das Komponieren nur schwer von der Hand, aber nachdem ihm die ungarisch-britische Geigerin Jelly dʼArányi 1922 in London eine ganz Nacht lang Zigeunermelodien vorgespielt hatte, schrieb er für sie Tzigane nach dem Vorbild der Ungarischen Rhapsodien von Franz Liszt.

Die Violine beginnt mit einer rund vierminütigen Solo-Kadenz, die fast die Hälfte des Werks ausmacht – und bereits in der langsamen Einleitung erscheint die Virtuosität der Geigenstimme kaum noch steigerungsfähig. Wenn das Orchester dann mit einem geheimnisvollen Harfensolo, gedämpften Hörnern und einem leisen Beckenwirbel einsetzt, wird es aber noch irrwitziger, bis die Solo-Violine ein schwungvolles, jedoch schlichtes D-Dur-Thema in Quartflageoletts, Abfolgen von Aufstrichen und Pizzicati mit der linken Hand zerlegt, wobei sich die Spielweisen im Sechzehntelabstand (!) ändern.

Bei La Valse kreisen Ravels musikalische Vorstellungen um eine Hommage an Johann Strauß, um eine Apotheose des Walzers. Auch heute noch verblüffen die düstere Atmosphäre und die brüchige Gestalt dieser Musik, deren Thema sich schleppend herauskristallisiert, dann aber in einer monomanischen Steigerung an sich selbst zugrunde geht. »Eine kaiserliche Residenz, um 1855« ist dem Szenario der für die Ballets russes komponierten Partitur als Ortsangabe beigefügt – nach dem Ersten Weltkrieg wusste man, wohin die Prachtentfaltung von echten und Möchtegern-Kaisern geführt hatte.

Olaf Wilhelmer

Anne-Sophie Mutter gehört seit vier Jahrzehnten zu den großen Geigen-Virtuosen unserer Zeit. Im badischen Rheinfelden geboren, erhielt sie mit fünf Jahren den ersten Geigenunterricht; später studierte sie bei Aida Stucki am Konservatorium in Winterthur. Sie begann ihre außergewöhnliche Karriere 1976 bei den Festspielen in Luzern; im Folgejahr debütierte sie mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Seither wirkt sie als Konzertsolistin bei internationalen Spitzenorchestern ebenso wie als Kammermusikerin in aller Welt. Ein besonderes Anliegen ist Anne-Sophie Mutter die zeitgenössische Violinliteratur: 24 Werke hat sie bislang uraufgeführt, von Komponisten wie Sebastian Currier, Henri Dutilleux, Sofia Gubaidulina, Witold Lutosławski, Krzysztof Penderecki, Sir André Previn und Wolfgang Rihm. Bei den Philharmonikern in Berlin gastierte Anne-Sophie Mutter zum ersten Mal 1978 unter Karajans Leitung mit dem Violinkonzert G-Dur KV 216 von Wolfgang Amadeus Mozart; als Solistin in Vivaldis Vier Jahreszeiten war sie mit den Philharmonikern und Karajan am Eröffnungskonzert des Kammermusiksaals am 28. Oktober 1987 beteiligt. Zuletzt war sie im Februar 2013 in Berliner Konzerten des Orchesters mit der Romanze und dem Violinkonzert von Antonín Dvořák zu erleben, es dirigierte Manfred Honeck.

2008 gründete die Künstlerin die »Anne-Sophie Mutter Stiftung«, deren Ziel eine weltweite Förderung junger, hochbegabter Streichersolisten ist. Mit einem Kammerorchester aus Stipendiaten dieser Stiftung, »Mutters Virtuosi«, gastierte die Geigerin im Sommer 2015 auf europäischen Festivals, im Frühjahr folgt eine Tournee in Deutschland. Außerdem unterstützt Anne-Sophie Mutter regelmäßig medizinische und soziale Projekte durch Benefizkonzerte. Für ihr künstlerisches Wirken und ihr großes Engagement für kulturelle und soziale Belange wurde Anne-Sophie Mutter mit vielen Preisen geehrt, so u. a. mit dem Ernst von Siemens Musikpreis und dem Leipziger Mendelssohn-Preis. Im Januar 2015 wurde sie zum Honorary Fellow des Keble College der Universität Oxford ernannt. Die Geigerin ist Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes, des französischen Ordens der Ehrenlegion, des Bayerischen Verdienstordens, des Großen Österreichischen Ehrenzeichens sowie zahlreicher weiterer Auszeichnungen.

CoverAnne-Sophie Mutter
Das neue Album

 

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