Yannick Nézet-Séguin dirigiert Debussy und Prokofjew

15. Feb 2019

Berliner Philharmoniker
Yannick Nézet-Séguin

  • Maurice Ravel
    Menuet antique (Orchesterfassung vom Komponisten) (7 Min.)

  • Claude Debussy
    La Mer (29 Min.)

  • Sergej Prokofjew
    Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 100 (49 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Yannick Nézet-Séguin im Gespräch mit Albrecht Mayer (17 Min.)

Mit Musik französischer und sowjetischer Komponisten gab der 1975 im kanadischen Montreal geborene Yannick Nézet-Séguin im Oktober 2010 sein von Presse und Publikum gleichermaßen umjubeltes Debüt am Dirigentenpult der Berliner Philharmoniker: Werke von Hector Berlioz, Olivier Messiaen und Sergej Prokofjew standen damals auf dem Programm. Einen ähnlichen Weg beschreitet Nézet-Séguin, der nicht nur dem Philadelphia Orchestra und dem Rotterdams Philharmonisch Orkest vorsteht, sondern ab September 2018 auch die Geschicke der New Yorker Metropolitan Opera in seine Hände nehmen wird, in diesen Konzerten.

In der ersten Programmhälfte ist ein Schlüsselwerk des französischen Impressionismus zu erleben: La Mer von Claude Debussy. Die von ihrem Komponisten als »drei symphonische Skizzen« bezeichnete Partitur reflektiert in allen nur denkbaren orchestralen Farben Natureindrücke, die Debussy u. a. während eines Ferienaufenthalts auf der englischen Seite des Ärmelkanals gesammelt hatte. 1905 in Eastbourne vollendet und im selben Jahr in Paris vom Orchestre Lamoureux unter der musikalischen Leitung von Camille Chevillard uraufgeführt, zählt La Mer auch deshalb zu den Meisterwerken des Impressionismus, weil die Partitur trotz ihrer bildlichen Satzüberschriften auf raffinierte Art und Weise im Grenzbereich von Programmmusik und absoluter Symphonik angesiedelt ist.

Den Gegenpol zu den schillernden Klangfarben Debussys bildet in diesen Konzerten eine Komposition, die den ästhetischen Maximen des sogenannten »Sozialistischen Realismus« verpflichtet ist: Sergej Prokofjews am 13. Januar 1945 in Moskau aus der Taufe gehobene Fünfte Symphonie. Dieses Werk bedeutete nicht nur die Rückkehr seines Komponisten zur symphonischen Form nach fast 15 Jahren, sondern trug Prokofjew auch den Stalinpreis Erster Klasse ein. Der Komponist selbst gab zu Protokoll, er wollte mit seiner Fünften Symphonie ein »Lied auf den freien und glücklichen Menschen anstimmen, seine schöpferischen ­Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit«. Ungleich konkreter war der Eindruck, den das Werk bei seiner vorübergehend von Luftabwehr-Artilleriesalven aus dem Kreml unterbrochenen Uraufführung auf den Pianisten Swjatoslaw Richter machte: »Die Fünfte Symphonie«, so Richter, enthält »die Zeit und die Geschichte, den Krieg, das Vaterland und den Sieg.« Über Debussy sagte Richter hingegen, in dessen Musik gäbe es »keine persönlichen Gefühle. Sie wirkt stärker als die Natur selbst. Wenn man die See betrachtet, wird man keine so starken Sinneseindrücke haben wie beim Hören von La Mer

Handwerk, Natur, Politik ...

Orchesterwerke von Ravel, Debussy und Prokofjew

Musik und Handwerk – Maurice Ravels Menuet antique

»Wie ein Maurer eine Wand errichtet», antwortete Maurice Ravel einmal auf die Frage, wie er komponiere: Er schreibe zunächst «eine willkürliche Note, dann eine zweite und vielleicht eine dritte. Nun versuche ich herauszufinden, was daraus wird, wenn ich sie gegeneinandersetze, sie verbinde, sie trenne.« Sein Arbeitsgerät war das Klavier, ohne das sich seiner Meinung nach »keine neuen Harmonien erfinden« ließen. Als der englische Komponist Ralph Vaughan Willams Ravel 1907 eine Reihe seiner Orchesterpartituren zur Beurteilung vorlegte, erhielt er den überraschenden Rat, ein »kleines Menuett im Stile Mozarts« zu schreiben. Auch er selbst schuf gelegentlich schlichte Klavierstücke, um im Verzicht auf schillernde Orchesterfarben seine satztechnischen Fertigkeiten und die Beherrschung klarer Formproportionen auf die Probe zu stellen. Wie das 1895 als Klavierstück entstandene, vom Komponisten 1929 orchestrierte Menuet antique beweist, ging es seinem Schöpfer dabei keinesfalls um reine Stilübungen: Schon das kraftvolle, von einem dissonanten Auftakt eröffnete Kopfmotiv über einer absteigenden viertönigen Basslinie macht deutlich, dass Ravel in dieser frühen Komposition bereits eigene Wege geht.

Musik und Natur – Claude Debussys La Mer

Claude Debussy reagierte empfindlich, wenn man das 1874 in Zusammenhang mit einem Gemälde von Claude Monet erstmals gefallene Schlagwort »Impressionismus« auf seine Musik anwendete. »Das sind Journalisten und Fachleute, die sie so nennen«, ließ er sein literarisches Alter Ego, den selbsternannten »Antidilettanten« Monsieur Croche, ausrufen. Es war weniger die Angst, seine Kompositionen könnten mit Werken der Malerei verglichen werden, als eine Abneigung gegenüber allzu leichtfertigen Kategorisierungen, die Debussy zum Sturm gegen jegliche »Ismen« blasen ließ.

Debussys La Mer wurde 1905 in Paris uraufgeführt. Aus Sorge, das Werkkönnte von Kritikern in das Fahrwasser von klassisch-romantischen Gattungen gestellt werden, bezeichnete Debussy die Komposition als »drei symphonische Skizzen« – ein klarer Fall von Understatement, denn schon allein die ebenso große wie farbenreiche Besetzung des Werks erweckt alles andere als den Eindruck flüchtig hingeworfener kompositorischer Entwürfe.

Ein geheimnisvolles Murmeln der tiefen Streicher, der Harfen und Pauken bildet den Ausgangspunkt des ersten Satzes, bis mit dem Einsatz der hohen Streicher und der Holzbläser im fünften Takt der Eindruck des Zwielichts vor Sonnenaufgang erweckt wird. Diesen schildert Debussy im weiteren Verlauf mit musikalischen Mitteln ebenso überaus suggestiv wie die in seinem Licht glitzernden Wogen des Meeres. Eine von den tiefen Streichern und Hörnern eingeleitete Passage setzt auch thematisch eine deutliche Zäsur, bevor im Schlussabschnitt der anfängliche Kontrast zwischen Licht und Dunkel einer orchestralen Schilderung des gleißenden Tages weicht.

Möglicherweise nicht gerade im Sinne des Erfinders ist der Mittelsatz aufgrund seiner quecksilbrig flüchtigen Qualität mitunter als Scherzo des Werks bezeichnet worden. Ein Reiz von La Mer besteht ja gerade darin, dass die Komposition mit Charakteristika der Symphonie bzw. der Programmmusik auch deshalb spielt, um sich einer Einordnung in traditionelle Gattungen zu entziehen. Das wird besonders deutlich im dritten und letzten Satz: Sein Themendualismus erfüllt im Verein mit motivisch-thematischen Reminiszenzen an die ersten beiden Teile Erwartungshaltungen an ein Finale, um diese zugleich zu unterlaufen. So scheinen etwa die kraftvollen, bisweilen konfliktreichen Aufschwünge dieses Satzes nicht aus den beiden vorangegangenen zu resultieren, sondern vielmehr ein Gegengewicht zu diesen zu bilden. Zu einer Synthese kommt es am Ende dennoch, wenn Debussy die beiden divergenten Themen des Satzes in den Dienst einer groß angelegten, nahezu apotheotisch gesteigerten Schlusswendung stellt.

Musik und Politik – Sergej Prokofjews Fünfte Symphonie

»Ich für meinen Teil kümmere mich nicht um Politik; die Kunst hat mit ihr nichts zu tun«, schrieb Prokofjew in seiner erst postum vollständig erschienenen Autobiografie. Das war ein nicht nur ein klarer Widerspruch zur Haltung von Josef Stalin, der bekanntlich andere Ansichten über den Beitrag zur Kunst am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft hatte. Es war auch der späte Versuch einer persönlichen Ehrenrettung. Den grausamen Nachwehen der Oktoberrevolution hatte sich das junge, schon früh vom Erfolg verwöhnte Enfant terrible der Neuen Musik durch längere Aufenthalte in Amerika und Westeuropa entzogen. Erst 1927 wagte er eine erste Konzertreise in die »einschüchternde und furchteinflößende UdSSR« (Prokofjew). Der Erfolg dieser Tournee bildete den Auftakt zu immer häufigeren und längeren Besuchen: Der Komponist knüpfte Kontakte zu der künstlerischen Elite und bereitete seine Rückkehr in die Heimat vor. 1936 ließ sich der Musiker mit einem Lehrauftrag am Moskauer Konservatorium in der Tasche dann in der Sowjetunion nieder. Ausgestattet mit Privilegien, wie sie sonst nur höchste Parteimitglieder genossen, konnte sich Prokofjew vorerst weitgehend ungehindert seiner kompositorischen Arbeit widmen. Mit Beginn des Kalten Kriegs erließen die stalinistischen (Un-)Kulturbehörden dann jedoch zunehmend Aufführungsverbote für mehrere seiner Werke, die in der »dekadenten, pathologischen und pervertierten« Kultur des westlichen Auslands verwurzelt zu sein schienen.

Die Fünfte Symphonie, 1944 aufs Papier gebracht und im letzten Kriegsjahr unter seiner eigenen Leitung uraufgeführt, hatte Prokofjew noch die »parteioffizielle Anerkennung als bedeutendster und meist beachteter Komponist der Sowjetunion« eingebracht (Thomas Schipperges). 1945 erläuterte der Komponist, welche Gedanken ihn bei der Arbeit an der Fünften bewegt haben sollen: »Mit der Symphonie wollte ich ein Lied auf den freien und glücklichen Menschen anstimmen, seine schöpferischen Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit.«

Dem zunächst pastoral anmutenden Hauptthema des Kopfsatzes legt Prokofjew eine jener symmetrischen Skalen zu Grunde, wie sie typisch für die russische Kunstmusik seit Rimsky-Korsakow sind. Doch wie verändert klingt dieses Thema in der Coda: In seine triolisch erweiterte Variante fahren martialische Tremoli der Schlagzeuggruppe und trüben nachhaltig die bislang aufgebaute idyllische Stimmung. Auch das Scherzo nimmt bei der Reprise seines Anfangsteils unheimliche Züge an: Der Mittelteil kontrastierte das flüchtige Scherzothema mit einer seltsam überdeutlich phrasierten achttaktigen Phrase als Auftakt zu einer augenzwinkernd lasziven Musik. Bei seiner Wiederkehr erklingt das Scherzothema dann wie in einem Zerrspiegel. Das Adagio ist eine Fundgrube jener herben melodischen Aufschwünge, die Prokofjews ureigene Spezialität waren. Der Finalsatz der Fünften Symphonie folgt – anders lautenden Interpretationen zum Trotz – nicht dem seit Beethoven bestehenden Topos »Durch das Dunkel zum Licht«. Wohl rundet der Rückgriff auf thematisches Material aus dem Kopfsatz die Symphonie zu zyklischer Geschlossenheit. Doch das »Thema eines Volksfests« (Prokofjew), das der Komponist dem Finale zugrunde legte, steigert sich am Ende zu einer karnevalesken Orgie, deren subversiver Unterton kaum zu überhören ist. Im Freudentaumel über den gewonnenen Krieg scheint das Politbüro für solche Klänge keine Ohren gehabt zu haben: Im Januar 1946 wurde Prokofjew für seine Fünfte Symphonie mit dem Stalinpreis Erster Klasse ausgezeichnet.

Mark Schulze Steinen

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