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Kirill Petrenko dirigiert Strauss, Schostakowitsch und Norman

31. Okt 2020

Berliner Philharmoniker
Kirill Petrenko

  • Andrew Norman
    Sabina (Bearbeitung für Streichorchester) (12 Min.)

  • Richard Strauss
    Metamorphosen für 23 Solostreicher (31 Min.)

  • Dmitri Schostakowitsch
    Symphonie Nr. 9 Es-Dur op. 70 (30 Min.)

  • John Cage
    4′33″ (4 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Kirill Petrenko im Gespräch mit Eva-Maria Tomasi (19 Min.)

Chefdirigent Kirill Petrenko präsentiert zwei Werke, die ganz unterschiedlich das Ende des Zweiten Weltkriegs reflektieren. Auf der einen Seite Richard Straussʼ Metamorphosen: ein 23-stimmiges Klanggeflecht, das warm und transparent um eine verwüstete Welt trauert. Im Falle von Schostakowitschs Neunter Symphonie erhofften sich die sowjetischen Machthaber eine Siegessymphonie – erhielten jedoch ein quirliges, ironisches Werk, das sich allem Jubel verweigert. Von Andrew Norman hören wir zudem Sabina, ein Klanggemälde voller schillernder Lichtreflexe.

Tod ohne Verklärung

Richard Strauss und Dmitri Schostakowitsch, vier Jahrzehnte auseinander, haben beide den Ausgang des Zweiten Weltkriegs erlebt. Der eine stand am Ende, der andere in der Mitte seines Lebens, der eine war künstlerischer Repräsentant des zusammenbrechenden Deutschen Reiches, der andere die Galionsfigur der siegreichen Sowjetunion. Beide haben im selben Jahr, 1945, mit ihrer Musik in ganz persönlicher Weise auf die Erfahrungen des letzten Kriegsjahrs reagiert. Diese zwei Werke könnten, man ahnt es, unterschiedlicher kaum sein.

Richard Strauss schrieb seit einigen Jahren nur noch für sich selbst (»Handgelenksübungen« nannte er diesen Zeitvertreib) und hatte sein eigentliches Schaffen längst für vollendet erklärt. Nach der Zerstörung des Münchner Nationaltheaters und nachdem auf Anordnung von Propagandaminister Goebbels das gesamte Musikleben zugunsten des »totalen Krieges« gestoppt worden war, lag für Strauss sein Lebensinhalt in Trümmern. Mit den Metamorphosen, 1944 begonnen und am 12. April 1945 abgeschlossen, verlieh er seiner Trauer über diesen Kulturverlust Ausdruck – in einer fast halbstündigen, dicht verschlungenen, melancholischen »Studie für 23 Solostreicher«: Tod – nur ohne Verklärung. Ganz am Schluss erklingt in den Bässen der Trauermarsch aus Beethovens »Eroica«, Strauss setzte darunter die Worte »In memoriam!«. Was oder wen genau er damit meinte, bleibt mehrdeutig; zumindest musikalisch ist die ständige Verwandlung ganz deutlich, denn praktisch alle Themen und Motive sind miteinander verwandt, alles ist ständig im Fluss und scheint auseinander zu erwachsen.

Verschlüsselter Protest eines Dissidenten?

Auf Dmitri Schostakowitsch lasteten die Erwartungen eines sozialistischen Riesenstaates und dessen Herrschers, die vom prominentesten Komponisten der Sowjetunion nach Kriegsgewinn nun eine große Siegessymphonie mit Chor und Solisten hören wollten. Doch statt des von ihm selbst in Aussicht gestellten Jubelstücks lieferte Schostakowitsch als seine Neunte Symphonie eine ganz unheroische, schlank besetzte, quirlige Musik. Auch sie verzichtet auf Verklärung und weicht jedem Pathos aus. Stattdessen: Pfeifen im Walde. Klassischer hätten auch Haydn und Mozart so einen Sonatensatz nicht hinbekommen. Allerdings sprengen die Themen ihr Metrumgerüst, erzwingen verlängerte Takte und bringen die Hörer ins Stolpern. Im langsamen Satz folgt auf jeden versuchten Aufschwung der Klarinette und ihrer Nachfolger ein Ermatten; »morendo«, ersterbend, verklingt der letzte lange Ton der Piccoloflöte. Im zwischen Scherzo und Schlusssatz eingefügten Largo klagt das Fagott gegen herrische Blechbläser an; der überdrehten Fröhlichkeit im Finale mag man danach nicht über den Weg trauen. Das Publikum war irritiert, die Kritik indigniert: So hatte man sich die Freude über den Frieden nicht vorgestellt. War Schostakowitschs Hymnenverweigerung nur Unvermögen oder gar verschlüsselter Protest eines Dissidenten? Stalin wusste sich keinen Reim zu machen, und das war fatal. Bald darauf musste der Komponist dies bitter bezahlen, mit einer Ächtung durch die sowjetische Kulturpolitik.

Eigentlich wollten die Berliner Philharmoniker dieser Tage auf ihrer USA-Tournee ein großbesetztes Werk von Andrew Norman spielen. Norman ist für das Orchester kein Unbekannter und hat schon mehrfach für die Stiftung Berliner Philharmoniker komponiert. Sabina entstand ursprünglich für Streichtrio und ist der letzte Satz von The Companion Guide to Rome: ein Zyklus, bestehend aus neun durch römische Kirchen inspirierte Miniaturen, der vor zehn Jahren vom Scharoun Ensemble in der American Academy zu Rom uraufgeführt wurde. Der Komponist hatte in der Morgendämmerung »die antike Kirche von Santa Sabina auf dem Aventin in Rom« besichtigt und während der Frühmesse beim Sonnenaufgang beobachtet, wie »das Licht durch die aufwendig eingefassten Fenster scheint« und sich »leuchtende Muster auf allen Marmor- und Mosaikflächen der Kirche« ergeben – »gebannt von seiner alles umhüllenden, goldenen Wärme und der Feinheit und Komplexität seiner Wirkung«. In einer großen Steigerung wird in Sabina das Mischungsverhältnis der Töne von Klang und Geräusch immer neu austariert und dem wechselnden Lichteinfall nachgelauscht. Neben der Originalfassung gibt es bereits Versionen für Solobratsche und Solocello, nun erweitert der Komponist seine Licht-Studie für vollstimmiges Streichorchester.

Malte Krasting

Seit der Saison 2019/20 ist Kirill Petrenko Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker. Ausgebildet wurde er zunächst in Russland, dann in Österreich. Die internationale Musikwelt wurde erstmals auf ihn aufmerksam, als er 2001 am Meininger Theater Wagners Ring des Nibelungen in der Regie von Christine Mielitz und im Bühnenbild von Alfred Hrdlicka an vier aufeinanderfolgenden Tagen zur Premiere brachte. Zwölf Jahre später leitete er den Zyklus dann bei den Bayreuther Festspielen zum zweiten Mal. Zur selben Zeit trat Kirill Petrenko sein Amt als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper an, nach Meiningen und der Komischen Oper Berlin die dritte Chefposition an einem Opernhaus. Parallel gastierte er sowohl an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt (von der Wiener Staatsoper über den Londoner Covent Garden und die Opéra National in Paris bis zur Metropolitan Opera in New York) wie auch bei den großen internationalen Symphonieorchestern – in Wien, München, Dresden, Paris, Amsterdam, London, Rom, Chicago, Cleveland und Israel. Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab er im Jahr 2006. Auch außerhalb Berlins ist Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern zu erleben – auf Tournee und natürlich in der Digital Concert Hall. Ausgewählte Aufführungen erscheinen zudem als Mitschnitte auf Tonträger, zuletzt in einer Edition mit symphonischen Werken von Ludwig van Beethoven, Peter Tschaikowsky, Franz Schmidt und Rudi Stephan.

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