Gustavo Dudamel dirigiert Beethovens »Eroica«
Inspiriert von der Französischen Revolution, sprengte Beethoven mit seiner kämpferischen Eroica die Grenzen der Symphonie: Länger war sie, größer und innovativer als alles zuvor Dagewesene. Gustavo Dudamel kombiniert sie mit einem anderen Werk der Auflehnung: Gabriela Ortiz’ Revolución diamantina thematisiert die Glitzer-Revolution, den feministischen Protest gegen die anhaltende Gewalt gegen Frauen in Mexiko. Ortiz’ Musik ist, so Dudamel, »voller intuitiver, urzeitlicher Rhythmen und geheimnisvoller, seelenvoller Klangwelten«.
»Allen Frauen in Mexiko und dem Rest der Welt, die jeden Tag gegen Ungerechtigkeit kämpfen« widmete Gabriela Ortiz einen der drei Grammy Awards, die sie 2025 für ihre Komposition Revolución diamantina erhielt. Das in Zusammenarbeit mit der Pulitzer-Preisträgerin Cristina Rivera Garza entstandene Ballett trägt den Namen der feministischen Protestwelle, die 2019 Mexiko erfasste. 3.893 Tötungsdelikte an Frauen waren hier in einem Jahr begangen worden – das entspricht elf Frauen am Tag und markiert einen erschütternden Rekord. Auch die Untätigkeit der Behörden – die Straflosigkeit liegt in Mexiko bei etwa 95 % – befeuerte die Empörung, für die die Protestierenden einen ganz eigenen Ausdruck fanden: Auf landesweiten Großdemonstrationen bewarfen sie Sicherheitskräfte mit Glitzer. Glitzer, der gut sichtbar und schwer zu entfernen ist, Glitzer als Symbol friedlichen Widerstands.
Vollzieht sich hier eine feministische Revolution? In der Zukunft wird man die Entwicklungen unserer Epoche so einordnen, meint Alejandro Escuer, einer der herausragenden Interpreten zeitgenössischer Musik in Mexiko. Als »klangvolle Vorahnung« und »Ritual in Bewegung« bezeichnet der Flötist die mystisch-kraftvolle Musik von Gabriela Ortiz. Meisterhaft orchestriert, für einen Klangkörper, der durch zahlreiche mittel- und südamerikanische Schlaginstrumente angereichert ist, treffen hier Anklänge traditioneller und indigener Musik auf zeitgenössische Popkultur. Gustavo Dudamel, enger künstlerischer Partner sowohl der Komponistin als auch der Berliner Philharmoniker, präsentiert die Konzertfassung von Revolución diamantina.
Ludwig van Beethoven bekannte einmal, beim Komponieren mitunter ein Bild im Kopf zu haben. Vielleicht war es die Figur der Marianne, Symbol der Freiheit und der Republik, die ihn leitete, als er seine Dritte Symphonie schrieb. Die Entwicklungen der Französischen Revolution hatte der Komponist als junger Mann gebannt verfolgt und Napoleon für seinen Kampfgeist verehrt. Als Bonaparte sich 1804 zum Kaiser krönen ließ – und damit die Ideale der Revolution verriet –, tilgte Beethoven die ursprüngliche Widmung der Eroica an ihn. Ungeachtet der Enttäuschung über den Fall seines Helden ging Beethoven in seiner Dritten – wie auch in den folgenden Symphonien – unbeirrt seinen eigenen, revolutionären Weg, der die Musikwelt über Generationen hinweg prägen sollte.
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