Simon Rattle dirigiert Dvořák und Brahms in Luzern
Eine fruchtbare Komponistenfreundschaft zelebriert dieses Programm, mit dem die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle beim Lucerne Festival 2016 gastierten: Antonín Dvořák verdankte seinen Durchbruch mit den vital sprudelnden Slawischen Tänzen 1878 unter anderem seinem Förderer Johannes Brahms. Der Norddeutsche triumphierte ein Jahr zuvor mit der Zweiten Symphonie: ein klug konstruiertes Meisterwerk von großer Tiefe und dramatischer Spannung.
»Dvořák hat alles Mögliche geschrieben, Opern (böhmische), Sinfonien, Quartette, Klaviersachen. Jedenfalls ist er ein sehr talentvoller Mensch. Nebenbei arm! Und bitte ich, das zu bedenken!«, schrieb Johannes Brahms 1877 seinem Verleger. Fritz Simrock hatte sieben Jahre zuvor den vom Großvater gegründeten Verlag übernommen und mit Erfolg weitergeführt – an seiner Berliner Villa gingen Größen wie Clara Schumann und Joseph Joachim ein und aus. Antonín Dvořák, Sohn eines Gastwirtes, hatte über Jahre für die Schublade komponiert und verdiente sein Geld als Klavierlehrer und Bratscher am Prager Theater. Simrock zeigte sich interessiert an der Arbeit des bis dahin weitgehend unbekannten Tschechen: Er beauftragte und veröffentlichte die Slawischen Tänze für Klavier zu vier Händen, die stilistisch an Brahms’ beliebte Ungarische Tänze anknüpfen sollten. Der Bitte um eine großzügige Vergütung kam Simrock allerdings nicht nach – obgleich sich Dvořáks Tänze als Kassenschlager entpuppten: Im Klima eines sich etablierenden Bildungsbürgertums, in dem das Klavierspiel zum guten Ton gehörte, trafen die temperamentvollen Slawischen Tänze den Zeitgeist. Anders als Brahms in den Ungarischen Tänzen verwendete Dvořák keine echten Zitate der Volksmusik – er erfand eigene, volkstümlich anmutende Melodien. Wenig später erstellte er eine Orchesterfassung, für die er schließlich, 37-jährig, die lang ersehnte internationale Anerkennung erfuhr. Seinem Mentor Brahms blieb er bis zu dessen Tod 1897 in großer Dankbarkeit und Freundschaft verbunden.
Während in Dvořáks Klangsprache eine intuitive und – im besten Sinne – naive Note mitschwingt, ging Brahms seine Werke intellektueller an. Als »liebliches Ungeheuer« bezeichnete er seine Zweite Symphonie: Frohsinn und Ernst liegen hier dicht beieinander – Licht und Dunkelheit sind, wenn man so will, ineinander verwoben. Im pastoralen Idyll des Kopfsatzes ziehen schnell Wolken auf, das feierliche Adagio endet mit unheilvollen Paukenschlägen, bevor das gelöste Ländler-Thema des dritten Satzes in den Jubel des Finale mündet. So heiter gab sich der selbst ernannte Melancholiker selten – er habe »noch nie so was Trauriges, Molliges geschrieben«, schrieb er augenzwinkernd an Fritz Simrock. Nach dem gewaltigen Erfolg seiner Ersten war Brahms ein stattliches Honorar sicher.
© 2016 Accentus Music
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