Sir Simon Rattle und Ian Bostridge beim Lucerne Festival
Beim Lucerne Festival 2011 rankten sich die Programme um das Thema Nacht. Auch die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle trugen dazu bei: Mal meditativ träumend, doch überwiegend die dunklen, beängstigenden Regionen auslotend, umkreist Benjamin Brittens Nocturne das nächtliche Sujet. Solist in dieser ausdrucksstarken Komposition für Tenor und kleines Orchester war Ian Bostridge. Simon Rattle stellte dem Stück Anton Bruckners unvollendete Neunte Symphonie an die Seite – einen »Abschied vom Leben«.
Ian Bostridge besitze die »besondere Gabe, Texte von innen heraus zu beleuchten und ihre Bilder so unmittelbar zu projizieren, was im Nocturne besonders eindrucksvoll zur Geltung kommt«, so das Gramophone Magazine. Der 1958 komponierte Liederzyklus, für den Britten englische Gedichte aus mehreren Jahrhunderten zusammenstellte, verlangt in seinen subtilen Stimmungsschattierungen geradezu tiefenpsychologisches Gespür. Das Spektrum reicht von friedlichen Traumvisionen – etwa von einem »schönen Jungen«, der im Mondlicht zu zarten Harfenklängen Früchte pflückt (im dritten Lied) – bis hin zu den alptraumhaften, von donnernden Pauken eingeleiteten und von einer Totenklage des Englischhorns begleiteten Erinnerungen an das Septembermassaker während der Französischen Revolution (im fünften Lied). Im Vergleich zu seinem Schwesterwerk, der 15 Jahre zuvor komponierten Serenade für Tenor, Horn und Streicher, muten die Szenen des Nocturne deutlich beunruhigender an. »Es wird nicht besonders beliebt sein, weil es das Seltsamste und Abgelegenste ist – aber Träume sind ja auch seltsam und abgelegen«, kommentierte Britten das Stück.
»Welt, gute Nacht« – mit diesem Vers aus der Bach-Kantate »Es ist nun aus mit meinem Leben« könnte auch Anton Bruckners Neunte Symphonie überschrieben sein. Buchstäblich auf dem Sterbebett verfasst und dem »lieben Gott« gewidmet, befasste sich der Komponist hier mit den letzten Dingen. Sein monumentaler Stil, der von Klangschichtungen und rauschhaften, zu Wellen geformten Steigerungen geprägt ist, kommt hier prächtig zur Geltung. Zugleich webt er vielsagende Zitate ein – aus Mendelssohns Reformations-Symphonie oder auch Wagners Parsifal –, die die Sehnsucht nach Erlösung und Verklärung andeuten. Mit dem letzten vollendeten Satz, einem der ergreifendsten Adagios aus der Feder des Komponisten, nahm Bruckner »Abschied vom Leben« – diese Worte notierte er über eine von Hörnern und Tuben intonierte, sanft absteigende Choralmelodie.
© 2011 Accentus Music
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