Sir Simon Rattle dirigiert Haydns »Schöpfung« in Luzern

Sir Simon Rattle wurde einmal gefragt: »Wenn Sie nur noch ein einziges Stück dirigieren dürften, welches wäre das?« Ohne Zögern antwortete er: Joseph Haydns Schöpfung. Das Oratorium ist für ihn eines der »gelungensten, klügsten und humorvollsten Werke überhaupt« – und Inbegriff der musikalischen Aufklärung. Nicht nur zur Eröffnung seiner letzten Saison als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, sondern auch kurz darauf beim Lucerne Festival 2017 konnte man Simon Rattle und das Solisten-Trio Elsa Dreisig, Mark Padmore und Florian Boesch mit diesem Meisterwerk erleben.

»Nie hat ein musikalisches Kunstwerk eine solche Sensation erregt und ein so ausgebreitetes Publikum gefunden, als J. Haydn’s Schöpfung«, konstatierte 1801 das Journal des Luxus und der Moden. Wie konnte in der Blüte der Aufklärung ausgerechnet ein geistliches Werk so populär werden? Der erste Schlüssel für seine Strahlkraft ist wohl der kuriose Fakt, dass Haydn das Oratorium in zwei Sprachfassungen – einer deutschen und einer englischen – konzipiert hat. Die von Haydns Förderer Gottfried van Swieten bereitgestellte englische Übersetzung ist allerdings so ungelenk, dass Die Schöpfung heute selbst im anglophonen Raum meist auf Deutsch zu hören ist. Entscheidender ist daher wohl die Musik selbst. Schon zu Beginn dürfte sich das damalige Publikum ungläubig die Ohren gerieben haben: Das komponierte Chaos, der Urknall und die überwältigende Lichtwerdung sind von Haydn nicht nur ausgeprochen effektvoll, sondern auch unerhört modern gestaltet.

Die Schöpfungsgeschichte zeichnet Haydn als stringente Handlung nach, mal mit dramatischem Zugriff, mal mit anrührender Bildhaftigkeit. Fasslich, eingängig und unmittelbar ist diese Musik, zugleich gelang es dem Komponisten, selbst beim Lautmalen tierischer Geräusche nicht ins Plakativ-Naive zu verfallen. Haydn legte Wert auf die fortlaufende Dramaturgie seines Oratoriums. Davon zeugt eine Wiener Aufführung, für die er in den Theaterzetteln darum bat, keinen Zwischenapplaus zu spenden, »weil sonst die genaue Verbindung der einzelnen Theile, aus deren unterbrochenen Folge die Wirkung des Ganzen entspringen soll, nothwendig zerstöret, und dadurch das Vergnügen merklich vermindert werden müßte«.

Schließlich findet auch die Aufklärung unmittelbaren Niederschlag in der Schöpfung. Zwar folgt das Libretto zunächst der biblischen Schilderung, in der Gott die Welt und ihre Lebewesen erschuf. In der Arie »Mit Würd und Hoheit angetan«, die die Erschaffung des Menschen feiert, werden diesem bemerkenswerterweise mit Mut und Weisheit zentrale Tugenden der Aufklärung zugeschrieben – und mehr noch, er wird durch seinen Verstand gleichsam selbst vergöttlicht: »Und aus dem hellen Blicke strahlt der Geist des Schöpfers Hauch und Ebenbild.«

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle
Elsa Dreisig
Mark Padmore
Florian Boesch
Rundfunkchor Berlin

© 2017 Accentus Music

Kategorie

Künstler*innen

Sir Simon Rattle Chefdirigent 2002–2018
Joseph Haydn Komponist
Elsa Dreisig Sopran
Mark Padmore Tenor
Florian Boesch Bariton
Rundfunkchor Berlin

Unsere Empfehlungen