Erstmals in Japan: die Berliner Philharmoniker und Karajan 1957 in Tokio
Es war der Beginn einer großen, Grenzen überwindenden Freundschaft: Im Oktober 1957 reisten die Berliner Philharmoniker und Herbert von Karajan zum ersten Mal nach Japan. Wie Superstars wurden Orchester und Chefdirigent am Flughafen in Tokio empfangen, vor dem Konzertsaal bildeten sich Schlangen. NHK übertrug das Konzert in damals modernster Stereo-Aufnahmetechnik live ins japanische Radio und Fernsehen – und ein Millionenpublikum schaltete ein, um Beethovens Fünfte und Richard Strauss’ Don Juan mitzuerleben.
Es sollte die erste Japan-Tournee von vielen werden, kein anderes Land – abgesehen von Österreich und der Schweiz – bereisten die Berliner Philharmoniker häufiger. Wie kam es zu dem überschäumend herzlichen Empfang, der dem Orchester bei seinem ersten Gastspiel in Tokio bereitet wurde und wie wurde das Land zu einer »zweiten Heimat« für die Berliner? Ein konkreter historischer Grundstein für das hohe Ansehen klassischer Musik »made in Germany« in Japan wurde bereits im 19. Jahrhunderts gelegt: Als Teil von umfassenden gesellschaftlichen Modernisierungsmaßnahmen vergab die Regierung ab 1868 Stipendien an junge japanische Intellektuelle, damit diese an den besten internationalen Instituten studieren konnten. Berlin wurde – neben Wien – als globales Zentrum der Musik betrachtet, und so erhielten viele japanische Studierende um die Jahrhundertwende die Gelegenheit, von Komponisten wie etwa Max Bruch zu lernen. Zurück in der Heimat, teilten sie ihre Begeisterung für die europäische Kunstmusik sowie das Wissen um die instrumentale und kompositorische Praxis der klassisch-romantischen Tradition.
Seit der ersten Tournee wurde die Verbindung zwischen den Berliner Philharmonikern und ihren japanischen Fans wie Kulturschaffenden wechselseitig genährt: Als Karajan vor der Tournee 1986 krankheitsbedingt ausfiel, sprang sein Schüler Seiji Ozawa ein – und wurde langjähriger Freund und späteres Ehrenmitglied des Orchesters. Alle weiteren Chefdirigenten nach Karajan unternahmen Konzertreisen nach Japan – so auch Kirill Petrenko.
Doch vielleicht entstand die Nähe auch durch eine subtile Kongruenz der Gesinnungen: Die beiden Kulturen weisen trotz unterschiedlicher Wurzeln Parallelen auf. So spiegeln sich die deutschen Ideale von handwerklicher Perfektion und Werktreue in japanischen Werten wie Fleiß und Meisterschaft. Herbert von Karajan äußerte sich mehrfach über die angenehme Atmosphäre, die in Japan während der Konzerte herrschte, und bewunderte die besondere Hingabe des dortigen Publikums. Bis heute wächst die Fangemeinde der Philharmoniker in Japan stetig – vielleicht stimmt hier einfach die Chemie.
© 1957 NHK
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