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Zur Saisoneröffnung: Simon Rattle dirigiert Britten und Schostakowitsch

28. Aug 2015
Eröffnung der Saison 2015/2016

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Benjamin Britten
    Variations on a Theme of Frank Bridge für Streichorchester op. 10 (31 Min.)

  • Dmitri Schostakowitsch
    Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 43 (70 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Willkommen zur Saison 2015/2016! (8 Min.)

Bei diesem Saisoneröffnungskonzert von 2015 setzten die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle auf Kontraste: So trafen Benjamin Brittens parodistische, kammermusikalische Variationen über ein Thema von Frank Bridge auf die bekenntnishafte, monumentale Vierte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch. Unterschiedlicher – so möchte man meinen – können Komponisten und ihre Musik nicht sein. Und dennoch gibt es Verbindendes: Denn Britten und Schostakowitsch waren musikalische Seelenverwandte, die einander sehr bewunderten und sich durch die gemeinsame Freude an musikalischer Ironie und Parodie verbunden fühlten.

Eine konzertante Aufführung von Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk beeindruckte den jungen Britten zutiefst und wurde zu einer seiner wichtigen Inspirationsquellen. 1960, als der Russe zu der Londoner Erstaufführung seines Ersten Cellokonzerts nach England kam, lernten sich die Komponisten persönlich kennen und schlossen Freundschaft. Britten besuchte Schostakowitsch, der dem Engländer seine 14. Symphonie widmete, mehrmals in Russland. Die Werke dieses Programms entstanden nahezu zeitgleich: Britten schrieb seine Variationen im Sommer 1937 für das Debüt des Boyd Neel Orchestra bei den Salzburger Festspielen und schaffte damit den internationalen Durchbruch. Die Komposition ist eine humorvolle Hommage an den verehrten Lehrer Frank Bridge, dessen charakterliche Vorzüge Britten in den einzelnen Variationen vorstellt, gleichzeitig erweist er mit gekonnten stilistischen Parodien Komponisten wie Rossini, Ravel, Strawinsky und Mahler seine Reverenz.

An der Klangsprache Gustav Mahlers orientierte sich auch Schostakowitschs Vierte Symphonie. Der Komponist vollendete sie 1936, in einer Zeit, als er in der Sowjetunion des Formalismus bezichtigt und fast zum Staatsfeind erklärt wurde. Obwohl er – verglichen mit der Zweiten und Dritten Symphonie – in der Vierten zu einer traditionellen Form zurückfand, wagte Schostakowitsch das Werk erst 1961 uraufzuführen. Die Berliner Philharmoniker spielten die Symphonie erstmals 1976 unter Leitung des russischen Dirigenten Gennadi Roschdestwensky.

Das ganze Leben an einem Abend

Orchesterwerke von Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch

»With affection and admiration«: Brittens Bridge-Variations

Beni war ein blondgelocktes, blauäugiges, rosenwangiges Kind, der ganze Stolz seiner Mutter, die ihren Jüngsten maßlos vergötterte. Sie hoffte nicht bloß, sie wusste, dass ihrem Liebling eine glorreiche Zukunft als Komponist vorherbestimmt war. Prophetisch sprach sie von den drei B der Musikgeschichte, Bach, Beethoven und Brahms, denen ein viertes B nachfolgen würde: Britten. Und dass ihr Sohn punktgenau an einem 22. November zur Welt gekommen war, dem Gedenktag der heiligen Cäcilia, der Patronin der Musiker, konnte kein Zufall sein.

Benjamin Britten wurde 1913 in Lowestoft geboren, in der Grafschaft Suffolk, an der Ostküste Englands. Nicht nur im Himmel, auch auf Erden gab es untrügliche Anzeichen einer frühen Begabung des wohlbehüteten Beni. »Ich begann zu komponieren, als ich noch ein ganz kleiner Junge war«, erinnerte sich Britten aus dem sicheren Abstand der Jahre. »Ich hatte angefangen, Klavier zu spielen, und schrieb kunstvolle Tondichtungen, die in der Regel etwa 20 Sekunden dauerten und durch aufwühlende Ereignisse meines häuslichen Daseins inspiriert waren: die Abreise meines Vaters nach London, das Auftauchen einer neuen Freundin oder sogar ein Schiffbruch auf hoher See.« Schon in wenigen Jahren hatte Britten ein ertragreiches Œuvre geschaffen: Streichquartette, Klaviersonaten, Chor- und Orchesterwerke.

In einer Schulfunkstunde erzählte Britten später: »Das war alles schön und gut, und mir machte es Spaß, auf meine recht kindische und sorglose Art zu komponieren. Aber einmal muss man erwachsen werden, und ich hatte das immense Glück, dass ich in diesem Alter einem Komponisten begegnete, dessen Namen ihr, wie ich hoffe, alle kennt und seine Stücke, weil sie so hübsch sind.« Ob Brittens jugendliche Hörer seinerzeit »alle« den Namen kannten, lässt sich kaum überprüfen. In Deutschland jedenfalls kannte und kennt ihn fast niemand: Frank Bridge (1879–1941), ein denkbar unorthodoxer Komponist aus Brighton, fabelhaft begabt, von eigenbrötlerischer Wesensart, redselig und hochmütig, ein Künstler im schillerndsten Sinne des Wortes. Den vielgerühmten Nachwuchsmusiker aus Lowestoft lernte Bridge 1927 kennen. Im Handumdrehen entdeckte er dessen phänomenales Talent und akzeptierte den 14-jährigen Beni als Kompositionsschüler.

Britten gehörte niemals zu jenem Schlag von Künstlern, die sich einbilden, ihre Originalität beweisen zu müssen, indem sie ihre Lehrer verleugnen. Im Gegenteil zeigt sich der anhängliche und warmherzige Charakter dieses Musikers gerade in dem Wunsch, seine Dankbarkeit für die Zeit bei Bridge unauslöschlich zum Ausdruck zu bringen. Die Komposition, die Brittens Namen als erste über die Grenzen englischer Fachkreise hinaustrug, ist dem verehrten Mentor mit herzlichen Worten zugeeignet: »To F. B. A tribute with affection and admiration.«

Die insgesamt zehn Variations on a Theme of Frank Bridge fügen sich zu einem Kaleidoskop verschiedenster Genre- und Charakterstücke. Die erste Variation lebt vom Gegensatz zwischen einer langsamen, lastenden Bewegung in den tiefen Streichern und leichten, grazil schaukelnden Motiven in den Violinen. Es folgen ein bizarrer, gespenstischer Marsch und eine lieblich-sentimentale Romanze, bevor Britten mit der – wie von Gitarren begleiteten – Aria italiana eine Hommage an Rossini anstimmt. Als fünfte Variation erweist eine Bourrée classique (ein altfranzösischer Tanz, der unter Louis XIV bei Hofe geschätzt war) dem neoklassizistischen Strawinsky des Apollon musagète eine Reverenz; sie enthält aber auch unüberhörbare Vivaldi-Anklänge. Nach dem Wiener Walzer und einem überdrehtem Hummelflug (Moto perpetuo) weicht mit der erschütternden Musik eines Trauermarschs jeder Anflug von Ironie und Humor: Nur wenige Monate zuvor war Brittens Mutter gestorben. Die vorletzte Variation (Chant) irritiert mit schwebenden, unwirklichen Klängen, in denen der im Titel versprochene Gesang nur wie ein ohnmächtiges Stammeln zu erahnen ist. Eine Fuge beschließt die Reihe der Variationen, an deren Ende noch einmal, »langsam und feierlich«, das Thema erklingt.

Nichts als die Wahrheit: Schostakowitschs Vierte Symphonie

Im 20. Jahrhundert wurde ein Symphoniker zum Chronisten seiner Epoche, zum Zeitzeugen und Ankläger: Dmitri Schostakowitsch, der die grausamsten Jahre der Sowjetdiktatur durchlitt: den stalinistischen Terror, die Verbote, Verfolgungen, Verhaftungen. Schostakowitsch sah sich der schlimmsten Willkürherrschaft ausgesetzt: Die Partei lobte und verdammte ihn, prämierte seine Werke und ließ sie von den Spielplänen verschwinden, bürdete ihm Ämter auf und nahm ihm Ämter weg. Seine Musik wurde als volksfremd, formalistisch und dekadent beschimpft, der Komponist selbst zu den entwürdigenden Ritualen öffentlicher Buße und Abbitte gezwungen. Und doch konnten die kommunistischen Machthaber nicht verhindern, dass er Zeugnis ablegte von dem Zeitalter, dem er angehörte: In seinen Kompositionen sprach er aus, was weder gesagt noch gesungen, ja nicht einmal gedacht werden durfte.

Mit der Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 43, die Schostakowitsch im Mai 1936 vollendete, beginnt die eindrucksvolle Reihe epochaler Symphonien, in denen der Komponist, teils mit ironischer Verfremdung und aggressiver Spottlust, teils in einer unverschlüsselten und subjektiven Sprache der Klage und des Schmerzes seiner Zeit den Spiegel vorhält: wortlos und doch unmissverständlich. »Ich trauere um alle Gequälten, Gepeinigten, Erschossenen, Verhungerten«, bekannte Schostakowitsch. »Es gab sie in unserem Lande schon zu Millionen, ehe der Krieg gegen Hitler begonnen hatte. Der Krieg gegen Hitler brachte unendlich viel neues Leid, neue Zerstörungen. Aber darüber habe ich die schrecklichen Vorkriegsjahre nicht vergessen. Davon zeugen alle meine Symphonien, angefangen mit der Vierten.«

Der Dirigent Rudolf Barschai sagte einmal, eine gute Aufführung der Vierten Symphonie gewähre ihm die tiefste emotionale Erfüllung – »als habe man das ganze Leben an einem Abend durchlebt«. Der 29-jährige Schostakowitsch entfaltet in dieser Symphonie den verschwenderischen Reichtum seiner überragenden kompositorischen Begabung, er weiß Triumph und Zusammenbruch ebenso in Szene zu setzen wie stille, introvertierte Monologe der Bläserstimmen und der Solo-Violine oder wie jene satirischen Tanz-Episoden im letzten Satz. Die Auseinandersetzung mit der Tradition der symphonischen Gattung prägt die Partitur, insbesondere die Verehrung für Gustav Mahler kann und will Schostakowitsch nicht verleugnen: Vor allem das Finale weist, angefangen mit der trauermarschartigen Largo-Introduktion, ausgesprochen »mahlersche« Züge auf. Aber der Symphoniker Schostakowitsch geht in dieser Komposition eine Allianz ein mit dem begnadeten Musikdramatiker – und mit dem auf abrupte Schnitte und überraschende Wechsel spezialisierten Filmkomponisten. Auch wenn der Hörer im einleitenden Allegretto poco moderato die Umrisse der Sonatensatzform bemerken kann, wird er doch im nächsten Augenblick wieder von der unvorhersehbaren Eigendynamik der musikalischen Ereignisse davongetragen.

Das Ende der Symphonie gemahnt an eine Sterbeszene: statische Klänge im Wechsel der Instrumente, ein dunkler, dumpf pochender »Herzschlag« in den Kontrabässen, den Harfen und der Pauke und schließlich eine geheimnisvolle Abfolge unwirklich gläserner Töne der Celesta. Rätselhaft, kaum noch fassbar, wie entrückt, verlöscht diese Musik. »Die meisten meiner Symphonien sind Grabdenkmäler«, sagte Schostakowitsch. »Zu viele unserer Landsleute kamen an unbekannten Orten um. Niemand weiß, wo sie begraben liegen.«

Wolfgang Stähr

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