Juanjo Mena debütiert bei den Berliner Philharmonikern

28. Mai 2016

Berliner Philharmoniker
Juanjo Mena

Marie-Pierre Langlamet, Raquel Lojendio

  • Claude Debussy
    Images pour orchestre: Ibéria (22 Min.)

  • Alberto Ginastera
    Konzert für Harfe und Orchester op. 25 (26 Min.)

    Marie-Pierre Langlamet Harfe

  • Sergej Prokofjew
    Prélude (3 Min.)

    Marie-Pierre Langlamet Harfe

  • Manuel de Falla
    El sombrero de tres picos (Der Dreispitz), Ballettmusik (44 Min.)

    Raquel Lojendio Sopran

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    Interview
    Marie-Pierre Langlamet über die Kunst des Harfenspiels (15 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Juanjo Mena im Gespräch mit Joaquín Riquelme García (13 Min.)

Dieses Konzertprogramm steht ganz im Zeichen spanischer und lateinamerikanischer Folklore – ohne folkloristisch zu sein. Vielmehr zeigen die drei aufgeführten Werke, wie die traditionelle Musik eines Landes als Inspirationsquelle dienen und sich auf glücklichste Weise in den Personalstil des jeweiligen Komponisten integrieren lässt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übte die Musik Spaniens auf die Komponisten Frankreichs eine große Faszination aus, auch auf Claude Debussy. Im zweiten Teil seines Orchestertriptychons Iberia beschreibt er ein imaginäres Spanien, weckt Assoziationen an laue südliche Sommernächte und ausgelassene Volksfeste.

Der spanische Komponist Manuel de Falla wiederum schulte sein kompositorisches Können an der musikalischen Avantgarde Frankreichs, die maßgeblich zur Bildung seiner eigenen Klangsprache beitrug. Dies beweist sein Ballett El sombrero de tres picos (Der Dreispitz), in dem der Komponist typische spanische Tanzformen wie Fandango und Seguidilla verwendet, sich gleichzeitig jedoch in seinen orchestralen Klangfarben stilistisch an französischen Vorbildern orientiert. Das brillante und mitreißende Stück verhalf de Falla zum internationalen Durchbruch.

Auch die Musik des Argentiniers Alberto Ginastera zeichnet sich durch die gelungene Synthese aus Rhythmen und Melodien Lateinamerikas und avantgardistischen Kompositionstechniken aus. Während eines Studienaufenthalts in den USA erhielt der Komponist von Edna Philips, der Harfenistin des Philadelphia Orchestra, den Auftrag ein Harfenkonzert zu schreiben. Es wird in diesem Konzert von Marie-Pierre Langlamet, Harfenistin der Berliner Philharmoniker, interpretiert. Am Pult des Orchesters steht der Spanier Juanjo Mena, ein Schüler Sergiu Celibidaches und derzeit Chef des BBC Philharmonic in Manchester, der sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gibt. Ebenfalls zum ersten Mal in den philharmonischen Konzerten zu erleben ist die Sopranistin Raquel Lojendio, die den Sopranpart in El sombrero de tres picos singt.

Quasi Guitara

Musik von Claude Debussy, Alberto Ginastera und Manuel de Falla

Französische Spanien-Musik: Claude Debussys Ibéria

Ein Stierkampf in San Sebastián führte Claude Debussy zum einzigen Mal in seinem Leben auf spanischen Boden. Darüber hinaus hatte der Komponist keine persönlichen Eindrücke seines Lieblingslandes, und auch dessen musikalische Folklore dürfte er kaum systematisch studiert haben. Dennoch hat ihn die Idee musikalischer Reisebilder zeitlebens beschäftigt, und auffallend oft zeigen seine in Noten festgehaltenen Impressionen spanische Szenen – freilich ohne »impressionistisch«, geschweige denn »authentisch« sein zu wollen.

In Ibéria – dem Mittelstück eines dreiteiligen Zyklus' mit dem Obertitel Images pour orchestre – ist bereits vom ersten Takt an klar, woher die Klangmittel kommen: Der G-Dur-Akkordschlag wird von Kastagnetten untermalt, die einen Bolero-Rhythmus vorgeben. Auch die eindringlichen Tonumspielungen muten andalusisch-maurisch an, während die im Satztitel genannten »Straßen und Wege« als Stimmen eines verzweigten Tonsatzes erscheinen, durch dessen Gewirr das »élégant et bien rythmé« vorgetragene Klarinettenthema tanzt. Dem Vorwärtsdrang des ersten setzt das zweite Stück Les Parfums de la nuit ein irreal-schwebendes Fis-Dur entgegen, in dem sich Debussy – wie Jean Barraqué beobachtete – »dem Reiz labiler Zeitmaße« überlässt. Die vielfach geteilten Streicher schütteln jegliche einengende Metrik ab, wodurch sich der finale Marsch rhythmisch umso bezwingender anschließt. Diesen »Morgen eines Festtages« läuten Glocken ein, die Debussy weit über jede illustrative Spanien-Mode hinaus seinem Orchester strukturell einverleibt, wie er überhaupt eine Instrumentationskunst von höchster Homogenität vorführt: Die Stimmen werden in so raffinierter Weise gekoppelt, dass sie wie die Saiten eines Super-Klaviers erscheinen. Debussy gelang damit eine französische Spanien-Musik, die sein Freund und Bewunderer Manuel de Falla sogar zum Vorbild für spanische Musiker erklärte.

»Quasi Guitara« lautet eine Vortragsbezeichnung Debussys im dritten Satz von Ibéria: Geigen und Bratschen werden zur Ausführung von Pizzicato-Arpeggien auf den Schoß gelegt und beschwören so das spanische Instrument par excellence. Wie viele französische Komponisten hatte Debussy eine Vorliebe für den Klang von Saiten, die weder gestrichen noch angeschlagen, sondern gezupft werden. So lag es nicht fern, dass de Falla nach Debussys Tod 1918 dem Andenken an sein Idol eine Homenaje für Gitarre widmete.

Nur entfernt lyrisch: Alberto Ginasteras Harfenkonzert op. 25

Musikalische Charaktere des spanischen Kulturkreises mögen auch Alberto Ginastera dazu bewogen haben, ein Konzert für Harfe und Orchester zu schreiben – allerdings lässt sich seine Musik kaum einordnen. Das Schaffen des 1916 in Buenos Aires geborenen Komponisten ist verwirrend vielseitig: Zunächst muss man ihn als den Amerikaner sehen, den schon sein Lehrer Aaron Copland in ihm erkannte. Einen »argentinischen« Tonfall lehnte Ginastera ab, obwohl er an der traditionellen Musik seiner Heimat interessiert war und diese auch in seinen frühen Werken aufgriff, bevor er sich in späteren Jahren mit der europäischen Avantgarde auseinandersetzte. Unter dem Perón-Regime verlor Ginastera seine Ämter, verbrachte etliche Jahre im Ausland und ließ sich angesichts der argentinischen Militärdiktatur 1971 endgültig in Genf nieder, wo er 1983 starb.

Nonkonformistisch ist nicht zuletzt das Harfenkonzert Ginasteras, das fast zehn Jahre auf seine Premiere warten musste: 1956 beauftragte ihn Edna Phillips, die langjährige Harfenistin des Philadelphia Orchestra, mit einem Solo-Konzert für ihr Instrument. Obwohl sich Ginastera bald ans Werk begab, konnte er zum verabredeten Zeitpunkt keine aufführbare Partitur vorlegen. Nachdem sich Komponist und Auftraggeberin deswegen aus den Augen verloren hatten, sicherte sich der Harfenist Nicanor Zabaleta die Uraufführung, die 1965 in Philadelphia stattfand.

In seinem Harfenkonzert lässt Ginasteras das Solo-Instrument weniger in geistreicher Eleganz oder mit aufrauschender Verve erklingen, sondern setzt es geräuschbetont, hart und perkussiv ein – ganz im Sinne des relativ klein besetzten, aber um etliche Schlaginstrumente erweiterten Orchesters. Zwischen den abrupten Wechseln von tonaler und atonaler Schreibweise, von in sich hinein horchenden Melodien zu hämmernden Rhythmen, wirkt ein Element vertraut: Quart- und Terzintervalle der leeren Gitarrensaiten, die der Solist in einer Kadenz zu Beginn des Finalsatzes intoniert, allerdings um einen Halbton nach unten versetzt. Dem Moderato-Satz mit seinen kanonischen Strukturen stand Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Pate, aber Ginastera findet auch hier zu einem eigenen Ton, wenn er dem düsteren Ensemble die Harfe »lirico e lontano« gleichsam als Instrument des Orpheus gegenüberstellt.

Seguidillas für die Ballets russes: Manuel de Fallas El sombrero de tres picos

Anders als Ginastera, der in seiner Heimat in Ungnade fiel, wurde Manuel de Falla in Spanien vom Franco-Regime umworben. Doch auch er ging ins Exil: 1939 ließ er sich in Ginasteras Heimat Argentinien nieder, wo er 1946 starb. Neben allgemeinen Vorbehalten, die er gegenüber der Diktatur in seiner Heimat entwickelt hatte, dürfte de Falla auch geahnt haben, dass ihn eine offizielle Funktion zu dem Spanier machen würde, der er gar nicht sein wollte. Denn so präsent das spanische Kolorit in seinem schmalen Œuvre auch sein mag, so sehr kann de Falla zugleich als »französischer« Komponist betrachtet werden, der 1907 seine Heimat, enttäuscht über deren musikalische Provinzialität, in Richtung Paris verlassen hatte. Dort lernte er u.a. die legendären Ballets russes kennen, deren Impresario Sergej Diaghilew immer für eine Novität zu haben war.

Die Entstehung von El sombrero de tres picos (Der Dreispitz) fällt in die Zeit des Ersten Weltkriegs, als die Ballets russes in Spanien gastierten. Für den aus einer Novelle von Pedro Antonio de Alarcón stammenden Stoff schwebte de Falla zunächst eine Oper vor, was wegen einer testamentarischen Verfügung des 1891 gestorbenen Autors aber nicht realisierbar war. Einer pantomimischen Darbietung stand hingegen nichts entgegen, und so brachte der Schriftsteller, Verleger und Theaterdirektor Martínez Sierra das Werk 1917 in Madrid als Farsa mímica unter dem Titel El corregidor y la molinera (Der Corregidor und die Müllerin) heraus. Das heute zu hörende Ballett mit Gesang El sombrero de tres picos ist eine erweiterte, 1919 in London uraufgeführte Fassung dieser Pantomime.

Das einleitende Klatschen und »Olé!«-Rufen wendet sich hemdsärmelig ans Publikum, dem nun eine ebenso komische wie schlichte Geschichte vorgetanzt wird: In der andalusischen Stadt Guadix stellt der Corregidor – dessen dreieckiger Hut ihn als ranghohen Regierungsvertreter ausweist – einer schönen Müllersfrau nach. Diese, ihrem Mann treu ergeben, lockt den mit einem klassizistischen und etwas umständlichen Fagott-Solo herantappenden Würdenträger in die Falle einer vermeintlichen Liebesnacht, bei der das Paar in flagranti erwischt wird. Als peinliche Folge wird der überführte Schwerenöter mithilfe eines gespannten Leinentuchs wie eine Strohpuppe in die Luft geworfen. Für diesen Jahrmarkt-artigen Bilderbogen schuf de Falla eine Serie leidenschaftlicher andalusischer Tänze, etwa den Fandango der Müllerin, die Farruca ihres Mannes oder die Seguidillas der Nachbarn. Von besonderem Witz zeugen instrumentale und vokale Effekte wie der Gesang der Amsel, das Rufen des Kuckucks, das Pfeifen des daherschlendernden Dandys und das subtil eingeführte Zitat aus Ludwig van Beethovens Fünfter Symphonie, mit deren Eingangsmotiv das fingierte Schicksal in absurder Weise an die Pforte pocht. Laut Kurt Pahlen wird der Corregidor »zuerst halbblind gemacht, in Raserei versetzt und dann erst – unter Auskostung eines triumphierenden, grausamen Zeremoniells – ›erledigt‹«. Das Modell dieser sportlichen Betätigung ist nur allzu deutlich: Es handelt sich um den spanischen Stierkampf.

Olaf Wilhelmer

Juanjo Mena ist einer der international bekanntesten spanischen Dirigenten und seit September 2011 Chefdirigent des BBC Philharmonic in Manchester. 1965 im spanischen Baskenland geboren, studierte Mena zunächst in seiner Heimatstadt Vitoria-Gasteiz, dann am Real Conservatorio Superior de Música in Madrid sowie bei Sergiu Celibidache in München. Von 1999 bis 2008 war er Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Orquesta Sinfónica de Bilbao; es folgten Positionen als Erster Gastdirigent am Teatro Carlo Felice in Genua (2007 – 2010) und Erster Gastdirigent des Bergen Filharmoniske Orkester (2007 – 2013). Darüber hinaus stand Juanjo Mena am Pult zahlreicher weiterer Orchester in Europa, etwa beim Orchestre National de France, Oslo Philharmonic, Orchestra della Scala (Mailand) und bei der Dresdner Philharmonie; in den USA hat er seit seinem Debüt beim Baltimore Symphony Orchestra 2004 auch mit den Orchestern von Boston, Chicago, Cleveland, New York, Los Angeles und Pittsburgh zusammengearbeitet. Das Opernrepertoire Juanjo Menas umfasst so unterschiedliche Werke wie den Fliegenden Holländer, Salome, Elektra, Herzog Blaubarts Burg,Eugen Onegin, Le nozze di Figaro und Billy Budd. Mit dem El sombrero de tres picos von de Falla feierte er 2013 einen großen Erfolg bei den BBC Proms. Bei den Berliner Philharmonikern ist Juanjo Mena nun erstmals zu erleben.

Marie-Pierre Langlamet, in Grenoble geboren, studierte bei Elizabeth Fontan-Binoche am Konservatorium in Nizza. Außerdem nahm sie an Meisterkursen von Jacqueline Borot und Lily Laskine teil. Mit 15 Jahren erregte sie bereits internationale Aufmerksamkeit, als sie den höchsten Preis beim Internationalen Harfen-Wettbewerb Maria Korchinska und ein Jahr später den ersten Preis beim Wettbewerb der Cité des Arts in Paris gewann. Mit 17 Jahren trat sie ihre erste Stelle als Solo-Harfenistin im Opernorchester von Nizza an. Mit einem Stipendium setzte sie ihre Studien am Curtis Institute of Music in Philadelphia fort, bevor sie 1988 stellvertretende Solo-Harfenistin im Orchester der Metropolitan Opera New York wurde. 1992 gewann Marie-Pierre Langlamet mit dem ersten Preis des Internationalen Harfenwettbewerb in Israel einen der bedeutendsten Wettbewerbe für ihr Instrument. Seit 1993 gehört die Musikerin den Berliner Philharmonikern und konzertiert überdies weltweit als Solistin mit renommierten Kammermusikensembles und Orchestern (Israel Philharmonic Orchestra, Orchestre de la Suisse Romande u. a.); hinzu kommen zahlreiche Solo-Abende. Im Januar dieses Jahres war sie in Konzerten der Philharmoniker unter der Leitung von Christian Thielemann als Solistin mit Debussys Danse sacrée et Danse profane zu erleben. Marie-Pierre Langlamet unterrichtet seit 1995 an der Orchester-Akademie, außerdem lehrt sie an der Universität der Künste Berlin. 2009 verlieh ihr das französische Kulturministerium die Auszeichnung »Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres«.

Raquel Lojendiostammt aus Santa Cruz de Tenerife und wurde am Conservatorio Superior de Música del Liceo in Barcelona von Carmen Bustamente ausgebildet. Darüber hinaus besuchte sie Meisterkurse bei María Orán und Krisztina Laki. Die Sopranistin ist im Opernfach und in der spanischen Singspielgattung Zarzuela sowie auf der Konzertbühne gleichermaßen erfolgreich. Sie hat Rollen in Werken von Händel, Haydn und Mozart bis hin zu Verdi, Bizet und Montsalvatge verkörpert; dabei ist sie mit den wichtigsten spanischen Orchestern sowie dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI in Turin, dem Bergen Filharmoniske Orkester und der Dresdner Philharmonie aufgetreten. Die Sopranistin arbeitete mit Dirigenten wie Sir Neville Marriner, Rafael Frühbeck de Burgos, Juanjo Mena und Jesús López Cobos zusammen. Geistliche Werke von Bach bis Bruckner oder Haydns Schöpfung gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie Les Noces von Strawinsky, die Carmina Burana von Carl Orff oder das Maria-Triptychon von Frank Martin, außerdem Werke des spanischen Komponisten Joaquín Rodrigo. Unter der Leitung von Juanjo Mena trat sie bereits 2013 bei den BBC Proms im Dreispitz von de Falla auf. In Konzerten der Berliner Philharmoniker gastiert Raquel Lojendio zum ersten Mal.

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