Simon Rattle dirigiert Bruckners Achte Symphonie

06. Mai 2017

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Simon Holt
    Surcos (10 Min.)

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 8 c-Moll (Fassung von Robert Haas) (85 Min.)

Die Musik von Simon Holt, dem langjährigen Composer in Association des BBC National Orchestra of Wales, ist voll irisierender Klangfarben und mit großer Liebe zum Detail entworfen. Sir Simon Rattle wird zu Beginn dieses Konzerts mit Surcos ein neues symphonisches »Appetithäppchen« des britischen Komponisten uraufführen, das im Rahmen der philharmonischen »Tapas«-Reihe mit Auftragswerken von maximal sechs Minuten Aufführungsdauer entstanden ist.

Anschließend steht mit Bruckners Achter Symphonie ein musikalisches Schwergewicht auf dem Programm: ein wahrlich monumentales Werk, das seine Energie aus dem Wechselspiel von wellenartigen Steigerungen, dem Auftürmen klar konturierter Klangblöcke und einem dynamischen Zurückfallen der Musik gewinnt. Nicht umsonst bediente sich Ernst Kurth in seiner 1931 erstmals erschienenen Musikpsychologie bei der Beschreibung von Bruckners Symphonien des Bildes der »symphonischen Welle« – ein Terminus, der auf das Gefühl des Fluktuierens, Kulminierens und Entspannens sowie auf die immer neuen Aufgipfelungen und Rücknahmen seiner Musik abzielt. Weiterhin ist bei Kurth von Hell-Dunkel-Schattierungen, Echoklängen und »dünneren bzw. volleren Klangschichten« zu lesen – Begriffen, mit denen sich Bruckners Achte Symphonie bestens beschreiben lässt, wobei sich in diesem zu Extremen neigenden Werk bei allem In-Klüfte-Stürzen und Wiederaufrichten der Musik statischer und dramatischer Gestus letztlich die Waage halten: Aus dem geheimnisvollen Klang verhangener Hornrufe und Streichertremoli entfaltet sich das erste Thema des gewaltigen Kopfsatzes (dem zwei weitere folgen), bevor in der Durchführung die musikalischen Kräfte ungebremst aufeinanderprallen.

Am Ende steht eine resignative Coda, die allmählich im Pianissimo erstirbt. In einem Brief an den Dirigenten Felix Weingartner sprach Bruckner selbst bezüglich des Kopfsatzes von einer »Todesverkündigung, die immer sporadisch stärker endlich sehr stark auftritt, am Schluss: die Ergebung«. Nach dem Scherzo samt idyllischem Trio wird das Fazit aus der bisherigen symphonischen Entwicklung gezogen: Im düsteren Adagio, das vom dunklen Klang der Wagnertuben bestimmt wird und im »feierlichen« Finale, in dem sich über Streicherklängen markante Blechbläserkaskaden auftürmen, bevor in der Durchführung die motivischen Elemente kunstvoll miteinander kombiniert werden. In der Coda klingen zunächst die thematischen Gestalten aus den vorangegangenen Sätzen an, bis schließlich die vier gegensätzlichen Themen – ganz im Sinne von Kurths »symphonischer Welle« – zu einer gewaltigen Schluss-Apotheose übereinandergeschichtet werden.

»Zum Raum wird hier die Zeit«

Simon Holts Furchen und Anton Bruckners Gipfel

Zwölf Sekunden betrug die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des Menschen zu Beginn dieses Jahrtausends. Dreizehn Jahre später waren es nur noch acht Sekunden. Dies zumindest ermittelte 2015 eine Studie des Softwarekonzerns Microsoft. Statistisch gesehen blieben sogar Goldfische eine Sekunde länger konzentriert als wir denkenden Wesen, so die Untersuchung, für die Daten von mehr als 2000 Probanden ausgewertet wurden. Die Ursachen des beunruhigenden Trends waren schnell ausgemacht: Der vollends digitalisierte Alltag bedrängt uns mit einer solchen Masse an Reizangeboten, dass die blitzschnelle Entscheidung über Attraktivität und Relevanz des Gebotenen zur Überlebensfrage wird. Ungeduld ist die Folge, Zerstreutheit und ein Gefühl ständiger Überforderung.

Mag schon sein, dass das Gehirn schneller wird im Entschlüsseln symbolischer Codes. Gut möglich auch, dass die Fähigkeit zur Verarbeitung simultan ankommender Informationen durch den ständigen Gebrauch elektronischer Gadgets wächst – Stichwort Multitasking. Doch wie steht es mit dem Beurteilen komplexer Zusammenhänge? Wie ist es um das Verständnis klassischer Musik bestellt? Ganz unwissenschaftliche Antworten auf solche Fragen verspricht ein Konzertprogramm, in dem ein kurzes und ein ausnehmend langes Orchesterstück einander gegenüberstehen.

Mit rund 80 Minuten Spieldauer geht Anton Bruckners Achte Symphonie über die Neunte von Beethoven noch hinaus. Als »Krone der romantischen Symphonie« hat man das monumentale Werk apostrophiert, als »Nonplusultra des brucknerschen Schaffens«. Wer es erleben, wer es entschlüsseln will, benötigt einen langen Atem: Der Maßstab ist so immens wie die Fülle der Gestalten und Affekte. Bruckners Harmonik ist enorm komplex und variabel. Beim Hören fällt dies indes kaum ins Gewicht, denn alle Entwicklungen vollziehen sich in quasi überzeitlicher Ruhe, wobei regelmäßige Taktperioden, klare Proportionen und ein hohes Maß an Redundanz das Verständnis erleichtern. Doch erst ganz am Ende des Finales, wenn die Hauptthemen aller Sätze in einem kontrapunktischen Kraftakt zusammengeführt werden, erst dann enthüllt sich die geheime Harmonie der Ideen – und damit die der Schöpfung schlechthin, auf die es dem gläubigen Katholiken ganz wesentlich ankam.

Zartes Wachstum aus kleinen Körnern: Simons Holts Surcos

Mit weit bescheidenerem Anspruch tritt Surcos an, das rund sechsminütige amuse bouche, das der Brite Simon Holt im Rahmen von Sir Simon Rattles Tapas-Serie orchestraler Miniaturen geschrieben hat und das in diesen Konzerten erstmals verkostet werden darf. Das Stück für ein schlank besetztes Orchester dauert nicht länger als die Exposition von Bruckners Kopfsatz. Statt um das große Ganze wie dort geht es hier um zartes Wachstum aus kleinen Körnern. »Surcos« ist das spanische Wort für »Furchen«. Holt, der seit einigen Jahren überwiegend in einem Dorf in der Nähe von Granada lebt, hat es dem Gedicht Noviembre 1913 des spanischen Lyrikers Antonio Machado (1875–1939) entnommen. Machados schlichte und doch suggestive Verse berichten davon, wie der Sämann sein Saatgut in die Furchen der gepflügten Erde wirft, während in der Natur zu Füßen der andalusischen Sierra Nevada langsam der Winter Einzug hält.

»Ein kurzes Stück zu schreiben ist schwieriger als ein langes, weil die Einfälle ihren Ausdrucksgehalt auf eine besondere Weise transportierten und sofort ›beißen‹ müssen – anderenfalls können sie sehr oberflächlich erscheinen«, glaubt der 1958 unweit von Manchester geborene Holt. »Es ist sehr heikel, das richtige Bewegungstempo zu finden, das gilt für jedes kürzere Stück. Zugleich aber sollte es recht spontan herüberkommen.« Über die gesamte Strecke von 210 Takten hinweg behält Holt ein Dreiviertelmetrum im gleichmäßigen, zügigen Puls bei, obwohl die Tempovorschrift »Largo: quasi Sarabande« lautet. Und tatsächlich scheint die Musik relativ langsam zu beginnen; liegende Klänge und luftige Texturen herrschen vor, nur punktuell werden sie durch unwirsche Sforzati gestört. Es dauert eine Weile, bis die flatternde Staccatofigur der Piccoloflöte aus dem allerersten Takt auch andere Instrumente ansteckt. Sukzessive beleben sich Melodik, Bewegung und Dynamik, während sich die rhythmische Energie zum tänzerischen Sog verdichtet.

»Möge sie Gnade finden!« – Anton Bruckners Achte Symphonie

Die Genese der Achten Symphonie verlief auch nach Bruckners Maßstäben kompliziert. Begonnen hatte sie im Sommer 1884 in einer Phase des Optimismus: Das Te Deum und die Siebte Symphonie waren gerade fertig geworden und wurden mehrfach auch im Ausland aufgeführt. Bruckners Lehrverpflichtungen setzten dem Kompositionspensum zwar enge Grenzen, doch im August 1885 lag die Symphonie im Entwurf vor. Die unmittelbar anschließende Niederschrift der Partitur arbeitete sich von Trio und Scherzo über Kopfsatz und Adagio zum Finale voran. Anfang September 1887 konnte Bruckner Hermann Levi, dem bewunderten Uraufführungsdirigenten von Wagners Parsifal,dann mitteilen: »Halleluja, endlich ist die Achte fertig, und mein künstlerischer Vater muss der erste sein, dem diese Kunde wird.« Mit den Worten »möge sie Gnade finden!« übersandte der Komponist Levi wenig später die Partitur.

Nachdem Levi keinen Zugang zu dem neuen Werk gefunden hatte, fiel Bruckner in eine Depression, raffte sich aber schnell wieder auf. Bald hatte er die gründliche Umarbeitung ins Auge gefasst, wurde im Zuge dessen allerdings auch früheren Werken gegenüber unsicher. Für Jahre unterbrach er die bereits begonnene Komposition der Neunten, um nicht nur an der neuesten Symphonie, sondern auch an der Dritten, Ersten und Zweiten abermals Hand anzulegen. Im März 1890 war die Zweitfassung der Achten endlich fertig.

Stärker als manche Veränderungen der Instrumentation fallen formale Revisionen ins Gewicht. Am offensichtlichsten sind die Eingriffe am Schluss des Kopfsatzes: Anstelle der emphatischen Bekräftigung des Hauptthemas, mit der das Allegro moderato in der ersten Fassung endete, komponiert Bruckner nun einen regelrechten Kollaps. Unmittelbar vor Erreichen des harmonischen Ziels bricht das dreifache Fortissimo abrupt ab. Über einem Paukenwirbel skandieren Hörner und Trompeten im Unisono den Rhythmus des Hauptthemas. Wie entkräftet hebt dieses in den Streichern noch drei Mal an, zerfällt dann aber, repetitiv in sich kreisend, im fahlsten Pianissimo. »Das ist die Totenuhr«, soll Bruckner über die Stelle gesagt haben. Im Kontext des düsteren, selten zu harmonischer Stabilität findenden Kopfsatzes erscheint der pessimistische Abschluss nur konsequent.

Das Scherzo rückte Bruckner von der dritten an die zweite Stelle. Auch dies ist dramaturgisch schlüssig: Der Gegensatz zur an Wagners verzweifelten Holländer gemahnenden Stimmung des vorherigen Satzes könnte größer kaum sein. Die Kombination der demonstrativ simplen Bassfigur des Hauptthemas mit dem flirrenden Motiv der Geigen sorgt für eine einzigartige Mischung aus juveniler Unbekümmertheit und impressionistischem Zauber. Bruckner selbst dachte bei diesem Scherzo an den Zipfelmütze tragenden »Deutschen Michel«. Für die zweite Fassung ganz neu formuliert ist der Hauptgedanke des Trios.

Die Änderungen im Adagio betreffen kurze Auslassungen und einige Anreicherungen der orchestralen Textur. Außerdem wird der Höhepunkt des Satzes von C-Dur nach Es-Dur angehoben. Das Finale, an dem Levi den meisten Anstand genommen hatte, erfährt nur wenige Veränderungen. Im Wesentlichen handelt es sich um Streichungen, die den Satz um insgesamt 62 Takte verkürzen. Ebenso wie die von Leopold Nowak 1955 vorgelegte kritische Ausgabe fußt auch die der heutigen Aufführung zugrundeliegende Edition von Robert Haas aus dem Jahre 1939 auf der zweiten Fassung der Symphonie. Allerdings fügte Haas im Adagio zehn von Bruckner gestrichene Takte aus der Erstfassung ein und machte auch die Striche im Finale wieder auf, wobei er acht Takte aus Bruckners Skizzen selbst ergänzte.

Anselm Cybinski

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