19. Sep 2015

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Gijs Leenaars, Florian Boesch, Mitglieder des Rundfunkchors Berlin

  • Bernard Herrmann
    PSYCHO: A Narrative for String Orchestra (17 Min.)

  • Arnold Schönberg
    Die glückliche Hand, Monodram für Bariton, Kammerchor und Orchester op. 18 (24 Min.)

    Gijs Leenaars Einstudierung, Florian Boesch Bassbariton, Mitglieder des Rundfunkchors Berlin

  • Carl Nielsen
    Pan und Syrinx op. 49 (10 Min.)

  • Carl Nielsen
    Symphonie Nr. 4 op. 29 »Das Unauslöschliche« (39 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Tomi Mäkelä über Carl Nielsen und Arnold Schönberg (15 Min.)

Der Hitchcock-Thriller Psycho gehört zu den Klassikern des amerikanischen Kinos. Erzählt wird die Geschichte des von Anthony Perkins gespielten psychopatischen Serienmörders Norman Bates, der ein abgelegenes Motel betreibt und allein mit seiner Mutter in einer viktorianischen Villa in direkter Nachbarschaft lebt. Für die Filmmusik sorgte Bernard Herrmann, der neben Erich Wolfgang Korngold und Franz Waxman zu den erfolgreichsten Hollywood-Komponisten seiner Zeit gehörte: Die quietschenden Streicherglissandi mit Gänsehautgarantie, die den berühmten Mord in der Dusche begleiten (The Murder), wurden zum oft kopierten Topos filmmusikalischer Schreckensdarstellung.

Sir Simon Rattle hat Herrmanns Psycho-Suite for Strings aufs Programm gesetzt, der die Musik zu Arnold Schönbergs expressionistischem Bühnenwerk Die glückliche Hand folgt. Der von der »Logik des Traums« bestimmte Einakter (Kurt Blaukopf) beschäftigt sich mit dem (vergeblichen) Versuch des Künstlers, das Spirituell-Schöpferische in einer verständnislosen, materiellen Welt zu etablieren. Die Musik voller Spontaneität und Prägnanz korrespondiert in bildhaft-assoziativer Weise mit dem Text – inklusive ostinater Klangfelder und »Farbencrescendo« sowie mit ständig wechselnden Melodien und immer neuen harmonischen Ideen.

Nach Schönbergs expressionistischem Traumprotokoll, in dem sich der Künstler (gesungen vom Bassbariton Florian Boesch) dem Gelächter einer unsichtbaren Menge preisgibt, erklingt Carl Nielsens vielfarbig-schillernde Pastorale Pan und Syrinx sowie dessen Vierte Symphonie Das Unauslöschliche – Nielsens expressionistischer Beitrag zur europäischen Moderne, in dem der Komponist während der Katastrophe des Ersten Weltkriegs »den elementaren Willen zum Leben« in Musik fasste. Die humanistische Botschaft des Werks wurde schon bei der erfolgreichen Premiere verstanden – nicht zuletzt durch das Finale, in dem ein vor dem Orchester postiertes zweites Paar Pauken sich mit dem anderen Paukenpaar wilde Duelle liefert, bevor die Musik in strahlendem E-Dur ausklingt.

»Ich denke, ich habe recht«

Arnold Schönberg kannte Carl Nielsen und Bernard Herrmann persönlich – aber ihre Musik interessierte ihn nicht.

Sie sind sich mehrmals begegnet, und sie mochten sich sogar. Keine Selbstverständlichkeit bei zwei so kantigen Charakteren. Arnold Schönberg wurde von seinen Schülern maßlos bewundert; er war eine künstlerische und moralische Autorität, aber auch ziemlich autoritär in seinem Unfehlbarkeitsanspruch und einem von Strenge gezeichneten Gebaren – ihn zu mögen gelang nur wenigen Zeitgenossen. Der aus einem bäurischen Milieu stammende Carl Nielsen hielt sich mit Liebenswürdigkeit ebenfalls stark zurück; seine Manieren sollen mitunter ähnlich schroff gewesen sein wie seine Musik. Beide Komponisten genossen daheim ungeheuren Ruhm: Nielsen als moderner Nationalkomponist Dänemarks, Schönberg als moderner Nationalkomponist Wiens. In der großen weiten Welt aber wurde der eine nicht zur Kenntnis genommen und der andere angefeindet, woraus sich vielleicht einige charakterliche Härten erklären lassen.

Mit seiner Meinung über den österreichischen Kollegen hielt Nielsen etwa nicht hinter dem Berg. Beim Frankfurter Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik erfreuten sich 1927 Komponisten wie Joseph Matthias Hauer und Ernst Toch an den abfälligen Bemerkungen des Dänen. Er habe, so Nielsen, nur mit äußersten Mühen in Schönbergs Werken einige verständliche Takte finden können: »Und die waren bei Gott nicht gut!«

Beschwörung chaotischer Kräfte: Carl Nielsens Vierte Symphonie

Der Erfolg, den Nielsens Verbalattacken erzielten, blieb seinen Klangattacken weitgehend versagt. Trotz renommierter Aufführungen durch die Berliner Philharmoniker konnte Nielsen international nie aus dem Schatten von Sibelius heraustreten. Nur seine Vierte Symphonie, genannt Das Unauslöschliche, ließ sich nicht vollständig aus dem Repertoire löschen. Nielsen begann mit dem Werk während seiner Sommerferien 1914 in Damgaard und beendete es Mitte Januar 1916 in Kopenhagen, d. h. viereinhalb Monate vor der Skagerrakschlacht. Der Erste Weltkrieg hat somit die Komposition nicht ausgelöst, wie oft unterstellt wird. Der Grundgedanke – »Musik ist Leben und wie dieses unauslöschlich« – erfuhr aber zweifellos durch die mittelbare Erfahrung des Kriegs eine neue Aktualität.

Die Vierte wirkt beim erstmaligen Hören wie ein Monument ambivalenter Gefühlszustände. Nielsen wollte in ihr, wie er in einer Programmnotiz festhielt, den »elementaren Willen zum Leben« verherrlichen. Ihr überwältigender Vitalismus ergibt sich nicht zuletzt aus der einsätzigen Anlage des Werks, dem unaufhörlichen Fluten der Tonmassen und der verdichteten Instrumentation. Trotzdem sind vier Abschnitte deutlich zu unterscheiden. Den Zusammenhalt garantiert das im ersten Takt mit einiger Brutalität hervorbrechende Hauptthema. Der kurze zweite Satz ist ein kammermusikalisches Intermezzo, der dritte ein leidenschaftlicher Streicherhymnus, der jedoch zu infernalischer Intensität anschwillt, rauschhaft, gotisch, bizarr. Eine Lösung lässt lange auf sich warten. Im Finale unterbrechen die Pauken beharrlich alle Versuche, den Mächten der Vernichtung zu entkommen, bevor sich zuletzt doch der unauslöschliche Wille zum Leben, der élan vital triumphierend durchsetzt. Zeitgenössische Kritiker hörten in diesem von den Pauken dominierten Finale teils »Kühe, die auf der Diele tanzen«, teils »veritable Artillerie-Duelle«. Es verbreitete sich das Gerücht, das Werk sei Ausdruck des Hasses der Dänen auf die Deutschen, der seit dem 1864er-Krieg in dem skandinavischen Land grassierte. Eine völlig abwegige Unterstellung – Nielsen sah in Deutschland stets einen Hort der Kultur.

Rettung im letzten Augenblick: Pan und Syrinx

Die »Naturszene für Orchester« Pan und Syrinx aus dem Jahr 1918, zeigt mehr vom poetischen Naturell Nielsens und verrät eine gewisse Sympathie für den Impressionismus. Gleichwohl ist seine Handschrift eindeutig zu identifizieren durch die wilden Klarinettenläufe gleich nach der ruhigen Cello-Einleitung, durch die von hartnäckigen Tonwiederholungen ausgehende Melodiebildung und vor allem durch die Verfolgungsjagd, die den ungestümen Gestus der Vierten Symphonie in Erinnerung ruft. Das Stück schildert, wie die Waldnymphe Syrinx vor den Nachstellungen Pans im letzten Augenblick gerettet wird, indem die Götter sie in ein Schilfrohr verwandeln.

Aufarbeitung einer Krise: Die glückliche Hand von Arnold Schönberg

Arnold Schönbergs »Drama mit Musik« Die glückliche Hand – 1913 vollendet, aber erst 1924 uraufgeführt ist das Produkt einer Lebens- und Liebeskrise: Der Komponist verarbeitet darin die Affäre seiner Frau Mathilde mit dem Maler Richard Gerstl, die mit dem Selbstmord Gerstls endete. Der Text, eine Art expressionistisch trivialisierter Strindberg mit anonymen Personen inmitten einer entfremdeten Welt, stammt von Schönberg. Die Gestalt des Künstlers wird darin in zeittypischer Weise zum Propheten überhöht. Der Bariton-Part ist in der Partitur exakt ausgeschrieben, kann aber weder als Gesang noch als Rede gedeutet werden. Hingegen zeigt der zwölfstimmige Chor keine Spuren einer improvisatorischen Behandlung. Hauptdarsteller ist eindeutig das Orchester, dessen erzählerische Kraft und instrumentale Farbigkeit die Vokalpartien über weite Strecken an den Rand drängt.

Die Wiedergeburt der Künste durch den Film

Schönberg sah in seinem Drama auch ein visuelles Kunstwerk: Inszenierungen von Die glückliche Hand sollten besondere Lichteffekte nutzen, sogar eine Verfilmung zog Schönberg in Erwägung. Noch 1927 erwartete er vom Film eine »Wiedergeburt der Künste«. Im kalifornischen Exil ergaben sich von 1933 an zahlreiche Kontakte zu Mitarbeitern dieser Branche. Es scheint aber auch hier – wie im Falle Nielsen – eine Einbahnstraße gewesen zu sein. Jedenfalls ist nichts darüber bekannt, dass sich Schönberg für die Orchesterwerke oder Filmmusiken von Bernard Herrmann begeistert hätte. Aber er nahm 1949 selbstverständlich die Aufführung seiner Zweiten Kammersymphonie durch Herrmann zur Kenntnis. In einem Brief lobte er die Aufnahme als »sehr gut, sehr überzeugend und expressiv«, ohne auf Kritik am schleppenden Tempo im ersten Satz zu verzichten. »Ich bin sicher«, so Schönberg, »wenn Sie jetzt versuchen würden, den Satz im Tempo meiner Metronomangaben zu lesen, wird alles sehr schön zu diesem Tempo passen. Kurioserweise spielte Stiedry den Satz ebenfalls zu langsam. Was auch immer der Grund sein mag. Ich denke, ich habe recht.«

Erschreckend: Bernard Herrmanns Musik zu Alfred Hitchcocks Thriller Psycho

Herrmann war nicht nur einer der erfolgreichsten Filmkomponisten aller Zeiten, sondern absolvierte eine langjährige Dirigentenlaufbahn, wobei er sich nachhaltig für unterschätzte Tonsetzer wie Charles Ives und Joachim Raff engagierte. Auch Schönberg, dem der amerikanische Musikmarkt wenig Beachtung schenkte, dürfte in seinen Ohren ein Außenseiter gewesen sein. Als künstlerisches Vorbild kam er für ihn kaum in Frage, doch schreckte Herrmann nicht vor schrillen Dissonanzen zurück, wenn ein Sujet – wie Hitchcocks Psycho von 1960 – danach verlangte. Über seine am häufigsten gespielte Partitur, gesetzt für Streicher und 1968 in ein 15-minütiges Narrative transformiert, äußerte Herrmanns Kollege Miklós Rózsa: »Sie erschreckte das Kinopublikum mehr, als es sämtliche Synthesizer der Welt zusammen je vermocht hätten.« Vielleicht wäre auch Schönberg bei dieser Musik etwas zusammengezuckt, und vielleicht hätten auch ihn die wahnwitzigen Eruptionen in Nielsens Vierter Symphonie erschüttert – wenn er sie wenigstens einmal unvoreingenommen angehört hätte!

Volker Tarnow

Der österreichische BaritonFlorian Boesch ist als einer der führenden Interpreten im Fach Liedgesang ein begehrter Gast auf den Konzertpodien internationaler Musikmetropolen (Wiener Konzertverein, Concertgebouw Amsterdam, Wigmore Hall London, Konzerthaus Berlin u. a.) sowie bei renommierten Festivals wie der Schubertiade Schwarzenberg, dem Edinburgh Festival, dem Oxford Lieder Festival und der Styriarte in Graz. Ebenso erfolgreich ist Florian Boesch mit einem historisch wie stilistisch facettenreichen Konzertrepertoire als Solist führender Orchester; hinzu kommen Partien in Bühnenwerken von Georg Friedrich Händel (Radamisto), Wolfgang Amadeus Mozart und Alban Berg (Wozzeck). Eine regelmäßige künstlerische Partnerschaft verbindet den Bariton, der in Wien u. a. bei Robert Holl ausgebildet wurde, mit Nikolaus Harnoncourt, so etwa in Haydns Schöpfung und den Jahreszeiten bei den Salzburger Festspielen. Darüber hinaus arbeitet er mit den Dirigenten Ivor Bolton, Adám Fischer, Philippe Herreweghe, Sir Roger Norrington, Paul McCreesh und Franz Welser-Möst zusammen. In Konzerten der Berliner Philharmoniker war Florian Boesch erstmals Ende Oktober 2011 unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt als Solist in Beethovens C-Dur-Messe zu erleben; zuletzt gastierte er bei ihnen im April 2015 in der Rolle des Brander in Berlioz‘ La Damnation de Faustunter der Leitung von Sir Simon Rattle.

Mit rund 60 Konzerten jährlich sowie Gastauftritten bei Festivals zählt der Rundfunkchor Berlin zu den herausragenden Chören der Welt. 1925 in Berlin gegründet, feiert er in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen. Sein breites Repertoire und reich nuanciertes Klangbild machen den Profichor zu einem gefragten Partner bedeutender Orchester und Dirigenten in aller Welt; in Berlin bestehen langjährige Kooperationen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Eine rege Aufnahmetätigkeit und viele Auszeichnungen, darunter drei »Grammy Awards«, dokumentieren den großen Erfolg dieser Arbeit. Gemeinsam mit Künstlern unterschiedlicher Disziplinen erschließt der Chor jedes Jahr mit einer spartenübergreifenden Produktion neue Erlebnisweisen von Chormusik: So stieß z. B. die szenische Umsetzung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms durch Jochen Sandig und ein Team von Sasha Waltz & Guests 2012 auf große Resonanz. Mit zahlreichen Aktivitäten im Bildungs- und Erziehungsbereich, so das jährliche Mitsingkonzert in der Philharmonie, die Liederbörse für Kinder und Jugendliche oder das Grundschulprojekt SING!, möchte der Chor möglichst viele Menschen zum Singen bringen. Zudem setzt sich das Ensemble auch für professionelle Nachwuchssänger ein. Seit seiner Gründung wurde der Chor von Dirigenten wie Helmut Koch, Dietrich Knothe, Robin Gritton und zuletzt Simon Halsey (2001 – 2015) geprägt; mit Beginn dieser Saison übernimmt Gijs Leenaars die Position des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters. Mit den Berliner Philharmonikern war der Rundfunkchor Berlin zuletzt im April dieses Jahres in Berliozʼ Damnation de Faust zu erleben; Dirigent war Sir Simon Rattle.

musikfest berlinIn Kooperation mit Berliner Festspiele/Musikfest Berlin

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