Mariss Jansons und Daniil Trifonov mit Schumanns Klavierkonzert

27. Jan 2018

Berliner Philharmoniker
Mariss Jansons

Daniil Trifonov

  • Robert Schumann
    Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 54 (34 Min.)

    Daniil Trifonov Klavier

  • Frédéric Chopin
    Sonate für Violoncello und Klavier: Largo (Bearbeitung von Alfred Cortot) (6 Min.)

    Daniil Trifonov Klavier

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 6 A-Dur (64 Min.)

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    Interview
    Mariss Jansons im Gespräch mit Raphael Haeger (18 Min.)

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    Interview
    Die Berliner Philharmoniker ernennen Mariss Jansons zum Ehrenmitglied (12 Min.)

»Es ist verblüffend zu sehen, was für ein breites Spektrum an Emotionen und Ideen Schumanns musikalische Sprache besitzt«, schwärmt Daniil Trifonov. Der russische Pianist, der im Silvesterkonzert 2016 mit Sergej Rachmaninows Drittem Klavierkonzert sein furioses Orchesterdebüt bei den Berliner Philharmonikern gab, spielt nun den Solopart in Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll. Mit diesem Werk wollte der Komponist einen Gegenentwurf zu den nur auf technische Brillanz setzenden Virtuosenkonzerten seiner Zeit schaffen. Ihm schwebte ein »Mittelding zwischen Symphonie, Konzert und großer Sonate vor«.

Das Besondere und Neue an diesem Stück war, dass Schumann sämtliche Themen und Motive aus dem Hauptgedanken des Kopfsatzes ableitete. Der Komponist hatte diesen Satz ursprünglich als Phantasie für Clavier und Orchester konzipiert und – weil sich kein Verleger für diese Form interessierte – später zu einem dreisätzigen Konzert erweitert. Ungewöhnlich erschien damals außerdem die enge Verbundenheit zwischen Solist und Orchester. »Das Clavier ist auf das Feinste mit dem Orchester verwebt – man kann sich das eine nicht denken, ohne das andere«, bemerkte Schumanns Frau Clara, die den Solopart nicht nur bei der Dresdner Uraufführung 1845, sondern auch bei ihrem ersten Auftritt mit den Berliner Philharmonikern im Februar 1883 spielte.

Nahezu zeitgleich erlebten die beiden Mittelsätze, Adagio und Scherzo, von Anton Bruckners Sechster Symphonie im Wiener Musikvereinssaal unter der Leitung von Wilhelm Jahn ihre erste öffentliche Aufführung – mit beachtlichem Erfolg. Eine Gesamtaufführung der Symphonie, die der Komponist selbst als seine »keckste« bezeichnete, fand erst drei Jahre nach dem Tod des Komponisten mit Gustav Mahler als Dirigenten statt. Anders als in der vorausgehenden Fünften, die in einem großangelegten, kontrapunktischen Finalsatz kulminiert, verschob Bruckner hier den Schwerpunkt auf den Kopfsatz, der zunächst einen wie ein Morsesignal wirkenden Rhythmus etabliert, über den sich die drei Themen des Satzes erheben. Von Beginn an macht Bruckner deutlich, woraus er die Spannung dieser Symphonie bezieht: aus dem Konflikt zwischen Zweier- und Dreiermetrum. Dieser Konflikt zieht sich durch das feierlich erhabene Adagio, das spukhafte Scherzo bis hin zum Finale, das sich thematisch auf den Anfangssatz rückbesinnt. Geleitet wird das Werk von Mariss Jansons, einem Dirigenten, der den Berliner Philharmonikern schon seit Jahrzehnten künstlerisch verbunden ist. Ein Werk Bruckners haben er und das Orchester allerdings bislang noch nie zusammen interpretiert.

»Aufs feinste verwebt«

Verbindungen und Verwandlungen bei Schumann und Bruckner

Traumverbindung

1835 besiegelt ein schüchterner Kuss eine Verbindung, die heute eine der berühmtesten der Musikgeschichte ist. »Wir sind schon für einander bestimmt: schon lange wusste ich das«, gesteht der 25-jährige Robert Schumann seiner neun Jahre jüngeren Auserwählten Clara, Tochter des Klavierpädagogen Friedrich Wieck, der das hochbegabte Mädchen zu einem umjubelten Wunderkind ausgebildet hat. Schumanns Werben, das sich fortan in schwärmerischen Briefwechseln ausdrückt, ist ihm ein Dorn im Auge, seine Tochter hat Besseres verdient als einen mittellosen Musiker. Er schickt sie nach Dresden, um die Liebelei zu unterbinden. Der junge Komponist reist ihr heimlich nach. Friedrich Wieck verbietet Clara rigoros jeden weiteren Kontakt und zwingt sie zur Rückgabe all seiner Briefe. Robert und Clara verloben sich 1837 heimlich und setzen ihre schriftliche Korrespondenz mithilfe einer Camouflage aus Codes und Chiffren fort.

Verbindungstraum

Anton Bruckner ist voller Vorfreude, als er am 13. August 1880 zu einer mehrwöchigen Reise in die Alpen aufbricht. Der leidenschaftliche Wanderer will die Berge, ihre Höhen und Abgründe genießen, das Gefühl der Erhabenheit inmitten der göttlichen Natur spüren und endlich den Gletschergipfel des Montblanc bestaunen. Zudem kann er auf einen ausgesprochen befriedigenden Sommer zurückblicken, denn nach einer längeren Phase der für ihn so typischen Revisionen älterer Werke, hat er ein Streichquintett und den ersten Satz seiner Sechsten Symphonie zu Papier gebracht. Bruckners Reise führt aber auch an eine für ihn ganz besondere Station: Der im geistlichen Umfeld aufgewachsene Katholik besucht die Passionsspiele in Oberammergau. Doch auf einmal wird er abgelenkt – eine andere Passion wallt in dem 56-jährigen Junggesellen auf. Bruckner hat ein junges Mädchen unter den Darstellern entdeckt, dessen anmutiges Wesen ihn augenblicklich in den Bann schlägt. Für ihn steht fest: Sie wird seine Braut. Es gelingt ihm, die gerade einmal 17-jährige Marie nach Hause zu begleiten, wo sie mit ihrer Mutter lebt. In der für ihn charakteristischen Mischung aus provinzieller Unbeholfenheit und selbstbewusstem Stolz trägt Bruckner ihr vor, dass er, der »Organist des Kaisers«, Marie gern ehelichen würde. Die Mutter zögert, scheint jedoch das Angebot in Betracht zu ziehen. Voller Hoffnung verlässt Bruckner Oberammergau.

Formidee

Mehrfach erinnert Clara den heimlichen Verlobten an ihren Wunsch, er möge ihr ein Klavierkonzert komponieren. Robert beginnt einen Entwurf in d-Moll, stellt aber fest: »Ich sehe, ich kann kein Concert schreiben für den Virtuosen; ich muß auf Anderes sinnen«, ihm schwebt »ein Mittelding zwischen Symphonie, Concert u. großer Sonate« vor. Schon länger beschäftigt ihn die Idee, Gattungsformen zu verbinden und dadurch die orchestralen Möglichkeiten des sich technisch fortlaufend weiterentwickelnden Klaviers auszuloten – 1836 hat er eine dreisätzige Sonate mit dem Titel Concert sans orchestre komponiert, ein Jahr darauf veröffentlicht er die Symphonischen Etüden für Klavier. Nach der gerichtlich erkämpften Eheschließung im September 1840 widmet sich Schumann dann zunächst ein Jahr lang geradezu rauschhaft der Komposition von Liedern, um sich 1841, nach längerer Abstinenz, wieder mit dem Klavier zu beschäftigen: »Eine Phantasie angefangen (m. Orch.)«, notiert er am 4. Mai in sein Haushaltsbuch. Wie der Titel verrät, erfüllt das einsätzige Werk, das sich in die drei dem klassischen Konzert entsprechenden Tempoabschnitte schnell – langsam – schnell gliedert, die Idee eines Klavierkonzerts in neuer Form, bei der, wie Clara nach einem ersten Durchspiel treffend erkennt, »das Klavier mit dem Orchester auf das feinste verwebt« ist.

Formvollendet

Am 3. September 1881 hat Bruckner seine Sechste fertiggestellt. Der Anfang des mit »Maestoso« überschriebenen Kopfsatzes, eine punktiert-flackernde triolische Streicherfigur auf dem Ton »cis«, erzeugt unmittelbar Spannung. Mit dem Eintritt des Hauptthemas in den Celli und Bässen spreizt sich der klangliche Raum so sehr, dass das melodische Gebilde, zusammengesetzt aus einem auftaktigen Quintfall vom »e« aus und einer stufenweise kreisenden Bewegung mit abschließendem Sprung zurück auf das »e«, archaisch-modal anmutet, da die Terz des A-Dur-Dreiklangs, das flackernde »cis«, zu weit entfernt scheint. In Oboen und Flöten tritt ein neues punktiertes Motiv hinzu, Bruckner hat Großes mit ihm vor. Der Hörer ahnt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Denn er fiebert bei zunehmender Verdichtung des Satzes nur auf den ersten großen Höhepunkt hin, bei dem das Thema im Orchestertutti vorgetragen seine gesamte Kraft entfaltet. Doch dieser kleine Motivkern wird kaum merklich zum Protagonisten heranreifen, aus dem sich, ganz ökonomisch, zahlreiche weitere melodische Gebilde entwickeln – im feierlichen, kontrapunktisch ausgeklügelten Adagio, über das lichte, fast mendelssohnisch-federnde Scherzo bis ins Finale, um dessen klare Form- und Kontrastgestaltung Bruckner sich besonders bemühte. Verwandlungen, Metamorphosen sind die treibenden Formate der Entwicklung. Erst ganz am Ende, als Schlussthema der Finalexposition erlangt das kleine Motiv die Gestalt eines vollgültigen Themas und offenbart so rückwirkend seine strukturelle Bedeutung.

Form vollendet

1845 holt Schumann die Klavierfantasie, für die sich kein Verlag interessiert hatte, aus der Schublade hervor und beschließt, sie zu einem dreisätzigen Konzert umzuarbeiten. Mit ihrem Mittelteil, einem Andante espressivo, soll sie den Kopfsatz bilden. Da Schumann das Stück schon als in sich geschlossenes Gebilde ersonnen hat, komponiert er nun zunächst einen mit einigen brillant-virtuosen Passagen gespickten Schluss, der an die Motivik der Fantasie anknüpft. Um dem Herzstück des Werks seinen Rang nicht streitig zu machen, fügt er keinen weiteren langsamen Teil ein, sondern ein Intermezzo, aus dem das Finale nach einer spannungsvoll gestalteten Überleitung attacca hervorgeht. Über 100 Mal spielt allein Clara Schumann das Werk zwischen 1845 und 1887; bis heute gilt es als der Prototyp des romantischen Klavierkonzerts und ist nach wie vor eines der beliebtesten Werke der Gattung.

Folgen und Erfolge

Sind sie vielleicht doch nicht füreinander bestimmt? Bruckner kann nicht verstehen, warum Marie, die ihm nun über Wochen hinweg regelmäßig geschrieben hat, seinen letzten Brief nicht beantwortet. Er wartet, betet, versucht geduldig zu sein. Was er nicht weiß ist, dass es Marie genau wie ihm ergeht, denn die immer stärker zweifelnde Mutter hat Bruckners Brief abgefangen. Marie heiratet später einen Bildhauer. Das Foto und das Gebetbuch ihres früheren Verehrers bewahrt sie bis an ihr Lebensende auf. Bruckner muss den Verlust der erträumten Braut verkraften – das Glück der Ehe soll er nie erfahren.

Zwischen den großen Nachbarn – der heroischen Fünften und der unmittelbar im Anschluss an die Sechste komponierten Siebten Symphonie, die Bruckner 1884 den langersehnten Durchbruch als Symphoniker beschert – fällt der A-Dur-Symphonie zunächst die Rolle einer halbvergessenen Stiefschwester zu. Nur langsam mehren sich die Forschungsbeiträge und Aufführungen dieses in seiner kompositorischen Dichte für Bruckner einzigartigen Werks, dem es zu wünschen ist, dass es sich in eine vollgültige Schwester der großen Symphonien Bruckners verwandeln möge.

Susanne Ziese

Mariss Jansons ist seit 2003 Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks. In gleicher Position leitete er zudem von 2004 bis März 2015 das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dessen Ehrendirigent er bleibt. 1943 in Riga geboren, studierte Mariss Jansons Violine, Klavier und Dirigieren am Leningrader Konservatorium und anschließend in Wien bei Hans Swarowsky sowie bei Herbert von Karajan in Salzburg. 1971 gewann er den Herbert-von-Karajan-Dirigentenwettbewerb in Berlin; im selben Jahr holte ihn Jewgeni Mrawinsky als Assistenten zu den Leningrader Philharmonikern (seit 1991: St. Petersburger Philharmoniker), deren ständiger Gastdirigent er bis 1999 war. Von 1979 bis 2000 formte Mariss Jansons das Philharmonische Orchester Oslo als dessen Chefdirigent zum internationalen Spitzenensemble. Zwischen 1992 und 1997 Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra, übernahm er danach (bis 2004) die Leitung des Pittsburgh Symphony Orchestra. Darüber hinaus hat er mit allen bedeutenden Orchestern der Welt erfolgreich zusammengearbeitet. So steht Jansons seit 1976 auch regelmäßig am Pult der Berliner Philharmoniker, in den Abonnementkonzerten zuletzt Ende April 2017 mit Werken von Sibelius, Weber und Bartók. Anschließend dirigierte er das gleiche Programm im Rahmen des Europakonzerts 2017, das im mittelalterlichen Schloss der Hafenstadt Paphos auf Zypern stattfand. Fast 30 Jahre lang, von 1971 bis 2000, hatte Mariss Jansons eine Professur für Dirigieren am St. Petersburger Konservatorium. Zu den vielen Auszeichnungen des Künstlers zählen die Hans-von-Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker (2003), die Ernennung zum »Conductor of the Year« (Royal Philharmonic Society London, 2004) sowie Ehrenmitgliedschaften der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und der Royal Academy of Music. 2010 erhielt Mariss Jansons den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, 2013 den Ernst-von-Siemens-Musikpreis sowie das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland. Für sein Lebenswerk wurde er im März 2015 mit dem Großen Musikpreis von Lettland geehrt, der wichtigsten künstlerischen Ehrung des Landes. Im November 2017 erhielt er zudem die Goldmedaille der Royal Philharmonic Socitey.

Daniil Trifonov wurde1991 in Nischni Nowgorod geboren, beide Eltern waren Berufsmusiker. Als Fünfjähriger erhielt er ersten Klavierunterricht, bereits mit acht Jahren trat er erstmals mit Orchester auf. Daniil Trifonov studierte an der Gnessin-Musikschule in Moskau bei Tatiana Zelikman. 2009 wechselte er auf Empfehlung seiner Lehrerin zu Sergei Babayan ans Cleveland Institute of Music, wo er auch Kompositionsunterricht erhielt. 2011 gewann der junge Pianist den 13. Internationalen Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv. Im selben Jahr wurde er mit dem Ersten Preis, dem Grand Prix, dem Publikumspreis und dem Preis für die beste Aufführung eines Mozart-Konzerts beim 14. Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau ausgezeichnet. Seitdem ist Trifonov als Solist renommierter Orchester und mit Soloabenden in der ganzen Welt gefragt. Seine Aufführungen von Prokofjews Klavierkonzerten Nr. 1 und Nr. 3 mit dem London Symphony Orchestra und Valery Gergiev waren einer der Höhepunkte der BBC Proms 2015. Im selben Jahr gab Trifonov Rezitale in der Walt Disney Hall in Los Angeles, ein vier Konzerte umfassendes Gastspiel in der Londoner Wigmore Hall und sein Debüt bei den Abonnementskonzerten des Philadelphia Orchestra. Zudem gastierte er in Schanghai mit den New Yorker Philharmonikern, in deren Vorstand er gewählt wurde. Zu den Höhepunkten der jüngeren Vergangenheit zählen ein Kammermusikabend mit Anne-Sophie Mutter und Mitgliedern der Mutter’s Virtuosi bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2017, Konzerte mit Yannick Nézet-Séguin und dem Philadelphia Orchestra sowie Auftritte mit Andris Nelsons und dem Boston Symphony Orchestra beim Tanglewood Festival. In der Klavierreihe der Stiftung Berliner Philharmoniker war Daniil Trifonov erstmals Anfang Oktober mit Werken von Schumann, Schostakowitsch und Strawinsky zu Gast; beim Orchester debütierte er in den von Sir Simon Rattle dirigierten Silvesterkonzerten 2016/2017 als Solist in Rachmaninows Drittem Klavierkonzert.

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