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03. Feb 2018

Berliner Philharmoniker
Dima Slobodeniouk

Baiba Skride

  • Jean Sibelius
    Tapiola, Tondichtung op. 112 (19 Min.)

  • Dmitri Schostakowitsch
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 cis-Moll op. 129 (37 Min.)

    Baiba Skride Violine

  • Sergej Prokofjew
    Symphonie Nr. 2 d-Moll op. 40 (39 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Dima Slobodeniouk im Gespräch mit Emmanuel Pahud (16 Min.)

»Kraft, Intelligenz und Raffinement« seines Dirigats machen im Verbund mit einer »fein modellierten Klangästhetik« jedes seiner Konzerte zu einem »Rundum-Genuss«, schreibt die internationale Presse über Dima Slobodeniouk und weiß außerdem zu berichten, dass die künstlerischen Leistungen des 1975 geborenen Dirigenten auch mit »Bravi vom Publikum« bedacht werden. In seiner Geburtsstadt Moskau zum Konzertgeiger, in Helsinki zum Dirigenten ausgebildet, führte ihn sein Werdegang als Orchesterleiter über südliche Gefilde wieder nach Finnland: Nachdem er zu Beginn der Saison 2013/2014 die Position des Chefdirigenten des Orquesta Sinfónica de Galicia in La Coruña angetreten hat, ist Slobodeniouk seit der vergangenen Spielzeit außerdem sowohl Chef der finnischen Sinfonia Lahti als auch künstlerischer Leiter des von diesem Klangkörper ins Leben gerufenen, international renommierten Sibelius-Festivals. Neben diesen Verpflichtungen leitete Slobodeniouk als Gastdirigent u. a. Konzerte des London Philharmonic Orchestra, des Orchestre National de France und des Orchestre Philharmonique de Radio France, des Philharmonischen Orchesters Warschau, des SWR Symphonieorchesters sowie des Philharmonischen Orchesters Helsinki und des Finnischen Radio-Symphonie-Orchesters.

Im Rahmen seines Debüts bei den Berliner Philharmonikern präsentiert der charismatische, fernab jeglichen Medienrummels zu einem der interessantesten Orchesterleiter seiner Generation aufgestiegene Dirigent ein finnisch-russisches Programm: Auf die 1926 uraufgeführte, nordische Mythen verarbeitende Symphonische Dichtung Tapiola von Jean Sibelius folgt das von seinem Widmungsträger David Oistrach 1967 aus der Taufe gehobene Zweite Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch. Solistin ist die 1981 in Riga geborene Geigerin Baiba Skride, mit der sowohl Slobodeniouk als auch die Berliner Philharmoniker eine künstlerisch überaus fruchtbare Freundschaft verbindet und der ein Berliner Kritiker einmal bescheinigte, ihr Spiel würde das Publikum »atemlos« machen. Den krönenden Abschluss bildet Sergej Prokofjews selten zu hörende, 1925 in Paris uraufgeführte Zweite Symphonie – ein Werk, mit dem sein Komponist den Beweis antrat, dass er neben seiner sieben Jahre zuvor entstandenen, dem Stil des ausgehenden 18. Jahrhunderts nachlauschenden, sogenannten »klassischen« Symphonie durchaus noch andere, ebenso kraftvolle wie intelligente und raffinierte kompositorische Karten im Ärmel hatte.

Kunst und Wirklichkeit

Werke von Jean Sibelius, Dmitri Schostakowitsch und Sergej Prokofjew

Eine Sammlung naturhafter Bilder: Tapiola von Jean Sibelius

Die Geschichte taugt zur Legende. Auf dem Weg zu ihrer neuen Oper konnten sich Richard Strauss und sein begnadeter Librettist Hugo von Hofmannsthal nicht auf einen Titel einigen. Fürwahr absurde Vorschläge geisterten durch den imaginären Raum (unter denen Mariandel und, noch besser: Der Grobian in Liebesnot die absurdesten waren), bis schließlich die Gattin des Komponisten ein Machtwort sprach. Das Werk, so Pauline Strauss, könne nur einen Titel tragen: Der Rosenkavalier.

Ähnlich verfuhr Aino Sibelius, als ihr Gatte eine Symphonische Dichtung ersann, zu der ihm der Dirigent Walter Damrosch Anfang 1926 Inspiration und Auftrag gegeben hatte. Während Sibelius noch überlegte, ob er das Opus The Wood nennen sollte, änderte seine Ehefrau den Titel kurzerhand in The Forrest um. Anders jedoch als Pauline vermochte sich Aino nicht durchzusetzen. Als Damrosch das Orchesterstück am 26. Dezember 1926 in New York erstmals dem Publikum präsentierte, trug das Opus den finnischen Namen Tapiola, zu deutsch, sehr frei, aber sinngemäß: Anrufung des Waldgotts Tapio. Dem Hörer ließ dieser Titel genügend Freiraum, um sich entweder auf die anthropomorphe Göttergestalt oder auf den Mythos des Waldes an und für sich einzulassen.

Tapiola ist eine (einsätzige) Symphonie, die nicht so genannt wird. Diesen Rahmen nutzt Sibelius zu einer Sammlung von naturhaften »Bildern«, die aber nicht »definieren«, ob sie der finnischen Waldrealität abgewonnen oder womöglich dem mythischen Land Kalevala entliehen wurden. Gleich das erste Thema der Streicher in dunklem h-Moll evoziert die Atmosphäre von Einsamkeit, Unendlichkeit, ja, auch Freiheit. Doch verweilt Sibelius nicht in dieser deskriptiven Position. Das Thema erlebt mehrere Metamorphosen, klangfarblich wie semantisch (und semiotisch). Mal braust ein Crescendo durch die Streicher; mal erheben die Holzbläser ihre Stimme(n); mal ist das Ganze mit einem brummenden Orgelpunkt im Blech oder in den Kontrabässen unterlegt. Quasi 100 Takte Waldesweben, dem sich ein bewegteres Motiv in den Holzblasinstrumenten anschließt, das aber bei genauem Hinhören auch nichts anderes darstellt als eine Variante des ursprünglichen Themas. Der Unterschied ist der »Grund«, auf dem dieses Motiv wandelt: Wo vorher der Boden eher flauschig-samtig war, strecken nun dissonante Dornen keck und widerborstig ihre Spitzen aus; und es waren nicht zuletzt diese clusterhaften Tontrauben, die Edgard Varèse dazu brachten, Sibelius den Leitbildern der musikalischen Moderne zuzurechnen.

Ein antizipiertes Geburtstagsgeschenk: Dmitri Schostakowitschs Zweites Violinkonzert

Dmitri Schostakowitsch zählt noch heute nach Ansicht vieler (westlicher) Avantgardisten nicht zu diesem illustren Kreis. Damit tut man ihm jedoch Unrecht. Zum einen, weil Schostakowitsch den von vielen eingeschlagenen Weg der Dodekafonie bis hin zum Serialismus dezidiert als Sackgasse bezeichnete und auf eigenen, verschlungenen Pfaden zu wandeln pflegte. Zum anderen berücksichtigt die harsche Kritik an Schostakowitsch nicht, unter welchen Umständen der russische Komponist diesen Weg beschreiten musste. Einer von vielen Belegen ist die Geschichte rund um das Violinkonzert Nr. 1 op. 77. Vollendet wurde das Werk exakt in jenem Jahr 1948, das in Gestalt des sogenannten Schdanow-Dekrets durch das Zentralkomitee der KPdSU die ernste Instrumentalmusik faktisch zum Tabu erklärte. Sieben Jahre lag das Violinkonzert auf Eis, bis es am 20. Oktober 1955 der Widmungsträger David Oistrach mit den Leningrader Philharmonikern unter der Leitung von Jewgeni Mrawinski uraufführen konnte.

Auch sein Zweites Violinkonzert op. 129 schrieb Schostakowitsch für den Freund Oistrach, nunmehr zu dessen 60. Geburtstag. Allerdings vollendete er es vorzeitig, sodass der Geiger das Opus bereits ein Jahr vor dem eigentlichen Jubiläum in Moskau erstmals öffentlich spielte. Der Kopfsatz (Moderato) besitzt eine sonatenähnliche Form, in welcher sich eine düstere Lyrik langsam, aber deutlich ausdehnt und hinführt zu einer Gruppe von unschuldig-verspielten Nebenwolken, die aber das Spielerische nur als Vorwand nimmt für eine tiefer liegende Traurigkeit. Beide Themen(komplexe) werden in einer Durchführung verzahnt und zu einem Höhepunkt gedrechselt. Diese Kulmination löst erst eine Überleitungskadenz der Solovioline in Wohlgefallen auf. Von hier aus führt eine Kantilene des Horns zurück zum Hauptthema des nächtlichen Satzes, das in der verkürzten Reprise erneut in den Dialog mit den Nebenwolken tritt.

Durch eminente melodische Fülle zeichnet sich das Adagio aus; Schostakowitsch taucht es in das von der Tonart des Kopfsatzes um einen Tritonus entfernte g-Moll: Trübsinnig-gedrückt, ja beinahe ängstlich-verhuscht ist die Stimmung dieses langsamen Satzes. Erst gegen Ende scheint feierliches Des-Dur-Licht auf die imaginäre Szene: Begleitet von den Streichern, hebt (erneut) das Horn zu einem schwerelosen Gesang an. Doch das Idyll ist von kurzer Existenz: Die Solovioline (gewissermaßen das Alter Ego des Komponisten) stellt sich kratzbürstig quer gegen die leise Schönheit und führt den Hörer über eine etwas morsche Adagio-Brücke hinüber in das Rondo-Finale mit seinem semiklassischen Hauptgedanken, lautem Gekicher des sordinierten Horns, gewaltigen Tomtom-Schlägen und deftigen Passagen, die auf den Kopfsatz rekurrieren. Nach diesem, vermutlich von Prospero mit Hilfe Ariels entfachtem Sturm meldet sich – in einer langgestreckten, glänzenden Kadenz – nochmals die Sologeige zu Wort, und an ihrer Seite betritt das Hauptthema in der Grundtonart cis-Moll das musikalische Seelenfeld. Man wünschte sich Trost – allein, die Verheerungen sind dadurch nicht hinwegzuleugnen.

Über das eigene Credo hinaus: Sergej Prokofiews Zweite Symphonie

Alles, nur nicht Wagner – so lautete die Devise der russischen Tonsetzer zu Beginn des Jahrhunderts der Extreme. Doch wie der Weg in die Zukunft zu beschreiten sei, darüber herrschte keine Einigkeit. Es kam zum Ästhetenstreit: Igor Strawinsky wandte sich gänzlich ab, Nikolai Mjaskowski entdeckte die Langatmigkeit, Prokofjews Ideal lautete Essenzialisierung. Eine Symphonie, so sein Credo, dürfe »maximal 30 Minuten« dauern. Während er dieses Bekenntnis in seinem Gattungserstling, der Symphonie classique aus dem Revolutionsjahr 1917, scheinbar mühelos bestätigte, wurde er sich schon mit dem nachfolgenden Schwesterwerk untreu. Obschon auf Höhe der Zeit und wiewohl nur zweisätzig konzipiert, dauert seine Zweite Symphonie d-Moll op. 40 bis zu zehn Minuten länger. Mit anderen Worten: In die stahlharte Schatztruhe der Methodik packt Prokofjew einen riesigen Fundus an Melodien; allerdings muss man sie – um das Bild beizubehalten – inmitten des (zudem lärmenden und mächtig knirschenden) Klamottengewühls erst einmal auffinden wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen.

Die Bestandteile des einleitenden Allegro ben articolato wollen im Grunde gar nicht zueinander finden: Knallharter Kontrapunkt auf der einen, urig-ursprüngliche Gesänge, die an die Skythische Suite gemahnen, auf der anderen Seite. Völlig verschieden davon ist der zweite Satz. Das Andante-Thema ist diatonisch gebaut, um dann in den folgenden sechs Variationen in einer Art und Weise durchgeschüttelt zu werden, dass man seiner (des Themas) nicht mehr habhaft wird, so sehr man nach ihm sucht. Durch den Flor der Ordnung schimmert das Chaos, durch das Chaos gleitet ein Schimmer karger Schönheit. Die symphonische Einheit stellt Prokofjew erst in dem Moment wieder her, als das Schlimmste droht: die Katastrophe, die symphonische Sintflut. Umso schöner der Sonnenaufgang danach: Wehmütig erklingt im Andante molto (Doppio movimento), wenn das Thema wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, ein Lied von der Vergänglichkeit.

Jürgen Otten

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