Sa, 28. Februar 2015

Berliner Philharmoniker
Valery Gergiev

Hélène Grimaud

  • Ludwig van Beethoven
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58 (39:05)

    Hélène Grimaud Klavier

  • Sergej Prokofjew
    Symphonie Nr. 6 es-Moll op. 111 (48:18)

  • kostenlos

    Valery Gergiev im Gespräch mit Matthew Hunter (17:14)

Zwei Ausnahmeerscheinungen des Konzertbetriebs unserer Tage treffen in diesem Konzert der Berliner Philharmoniker aufeinander: die französische Pianistin Hélène Grimaud, die nicht nur als ebenso feinfühlige wie eigensinnige Interpretin des Klavierrepertoires zwischen Bach und Bartók in Erscheinung getreten ist, sondern auch als engagierte Tierschützerin, die sich seit der nunmehr 15 Jahre zurückliegenden Gründung ihres Wolf Conservation Centers für den Fortbestand einer faszinierenden Spezies einsetzt. Und Valery Gergiev, der sensible Exzentriker, dessen Karriere 1976 mit dem Ersten Preis des Herbert-von-Karajan-Dirigierwettbewerbs ihren Anfang nahm, bevor er dem traditionsreichen Mariinski-Theater zu neuer Blüte verhalf und international zu einem der gefragtesten Orchesterleiter seiner Generation avancierte.

Bei seinem diesjährigen Konzert mit den Berliner Philharmonikern leitet der laut DIE ZEIT »einflussreichste russische Dirigent der Gegenwart« ein kontrastreiches Programm: Auf Ludwig van Beethovens Viertes Klavierkonzert mit Hélène Grimaud als Solistin folgt Sergej Prokofjews Sechste Symphonie. Das G-Dur-Konzert war die letzte konzertante Klavierkomposition, die der ertaubende Beethoven als Solist aus der Taufe heben konnte. Prokofjews rund 140 Jahre später uraufgeführte, von sowjetischen Kulturbehörden schon bald verbotene Sechste hingegen steht nicht im Kontext von künstlerischen Grenzerfahrungen, sondern verarbeitet musikalisch eine humane Krise von bis dato unbekannten Ausmaßen: den Zweiten Weltkrieg.

Mit Poesie gegen den Schrecken

Zu Beethovens Viertem Klavierkonzert und Prokofjews Sechster Symphonie

»Ein Horchen nach innen«: Ludwig van Beethovens Viertes Klavierkonzert

Den Beginn seiner Karriere im Wiener Musikleben verdankte Ludwig van Beethoven den eigenen virtuosen Fähigkeiten auf dem Klavier. Als Interpret und Improvisator trat er häufig in Theatern, bei Hauskonzerten oder in den Palais der wohlhabenden Aristokratie auf. »Beethoven ist ein musikalisches Genie«, heißt es im Wiener Jahrbuch 1796. »Er wird allgemein wegen seiner besonderen Geschwindigkeit bewundert, welche er mit so vieler Leichtigkeit exequiert.« Beethovens Ruf als Pianist wurde jedoch immer mehr durch sein Ansehen als Komponist verdrängt, zumal die Beeinträchtigung seines Gehörs seit dem Ende des 18. Jahrhunderts beständig zunahm. 1803 wurde er als Opernkomponist am Theater an der Wien engagiert, was auch das Vorrecht einer jährlichen »Akademie« zu eigenen Gunsten mit sich brachte. Eine der denkwürdigsten dieser Veranstaltungen fand am 22. Dezember 1808 statt. Das Programm war von riesigem Umfang und bestand zur Gänze aus Beethovens eigenen Werken. U.a. erklang auch das Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 zum ersten Mal in großer Öffentlichkeit. Mit diesem Werk brachte Beethoven zahlreiche Neuerungen in die Gattung ein.

Entgegen der Konvention eröffnet nicht das Orchester, sondern der Pianist den ersten Satz. Aus einem klangvollen G-Dur-Akkord entwickelt sich eine kurze, »dolce« zu spielende und eher versonnene Phrase. Die Streicher transformieren das akkordische Pochen des Klavierparts dann zunächst in die fremdartig wirkende Tonart H-Dur. Unter geschäftigen Begleitfiguren fächert sich der Orchesterklang auf. Schwingende Punktierungen eines neuen Themas führen in immer andere Tonarten, dann aber mischt sich die Achtelmotivik des Beginns dramatisierend unter das Geschehen. Der Solist verhindert das versöhnliche Ausklingen dieses Abschnitts, indem er die Motivik der Schlussgruppe (abermals handelt es sich um eine Variante des Hauptmotivs) wie ein interessierter Gesprächspartner aufgreift und weiterführt. Die Energie der Hornfanfaren am Ende der Durchführung überträgt sich schließlich auf das Klavier, dann steigern sich Umfang und Brillanz der Solo-Partie mit jedem neuen Abschnitt bis zur virtuosen Kadenz. Mit dem aufgetürmten Hauptmotiv und flächigen Kaskaden über die Klaviatur klingt der Kopfsatz aus.

Das folgende Andante con moto wurde schon früh mit der Orpheus-Sage in Beziehung gesetzt. Ein harsches Unisono-Thema der Streicher steht einem melancholischen Gesang des Klaviers gegenüber. Beide musikalischen »Welten« folgen in immer kürzer werdenden Abständen aufeinander. Dabei verliert das Orchester beständig an Dramatik und Kontur, die Klavierstimme weitet sich zu einer romantischen Kantilene. Nach deren plötzlichem Changieren zu dramatischer Verdunklung endet der Satz mit versöhnlichen Streicherklängen – die Gesanglichkeit des Solo-Parts, so scheint es, hat den Schrecken des Hades gebannt.

Mit dem abschließenden Rondo bricht eine neue Welt an. Erwartungsvolle Staccati der Streicher werden vom Pianisten verspielt und rhythmisch pointiert aufgenommen. Ein rasanter Disput entwickelt sich, aus dessen abschließenden Klavier-Figurationen ein neues Thema entsteht. Es verwandelt sich in erst brillante, dann dramatische Akkordbrechungen. Der Wiederholung des Hauptthemas folgt eine flächige Passage, in der sowohl das Orchester als auch der Solist das Hauptthema farbenreich variieren. Der Klavier-Part schraubt sich mit ungestümer Chromatik in die Höhe, bis das lyrische Seitenthema erneut erklingt. Die Bratschen breiten nun das Hauptthema in einer gelöst-harmonischen Abwandlung aus, ehe das Orchester in schroff abwärtsgerichteten Motiven einen dramatischen Höhepunkt entwickelt. Kräftige Tutti-Takte leiten die kurze Solo-Kadenz ein, deren abschließende Trillerkette vom wieder einsetzenden Orchester untermalt wird, bis sie sich in lyrische Arabesken auflöst. Wie im Kopfsatz gestalten Pianist und Orchester auch im Finale den letzten Abschnitt gemeinsam, ehe die prächtigen Schlussakkorde den lebendigen Dialog beenden.

»Noch nicht vernarbte Wunden«: Sergej Prokofjews Sechste Symphonie

Sieben Symphonien hat Sergej Prokofjew geschrieben, wobei er mehrfach an die Musik der Wiener Klassiker anknüpfte. Nach der Orientierung am »klaren« Stil Haydns und Mozarts in der Symphonie classique op. 25 verweist Prokofjews Symphonie Nr. 6 es-Moll op. 111 auf Beethoven. Zum einen hat das Werk mit dessen letzter Klaviersonate die Opuszahl gemein, zum anderen ist es ausdrücklich »dem Andenken Beethovens« gewidmet.

Der Kopfsatz wirkt zerrissen und tragisch – die Musik scheint beständig vom Grauen der Kriegserfahrung durchzogen zu sein. Das suchend umherschweifende Hauptthema, das einer zwielichtigen Blechbläser-Einleitung folgt, wird immer wieder von schrillen und aufgewühlten Episoden unterbrochen. Eine zweite, trostlose Weise erklingt und verebbt. Nach einer kurzen Wiederkehr des Hauptthemas entwickelt sich in Fagotten und Klavier ein trockener Marschrhythmus, den Posaune, Tuba, Celli und Kontrabässe rhythmisch akzentuieren. Die elegische Melodie, die über diesem Rhythmus anhebt, gerät nach anfänglicher Gelöstheit in den Sog des Marschs. Immer greller, immer verzweifelter, immer angestrengter ballt sich das musikalische Geschehen zusammen, ehe es unter dem rhythmischen Pulsieren der Blechbläser ins Stocken gerät. Mit Trompetenfanfaren, dem Schnarren der Kleinen Trommel und dem Lärm des Tamtams erreicht der Satz seinen Höhepunkt. Einem wie in Zeitlupe nachhallenden Klang – mehrere an- und abschwellende Posaunen werden zu einem eindrucksvollen Effekt verkettet – schließt sich zunächst das melancholische zweite Thema an. Nach dem erneuten Einsatz des Marschs flackert das Anfangsthema kurz auf und schwingt sich in unverhältnismäßig prachtvollem Dur empor. Doch so schnell, wie es gekommen ist, färbt es sich durch klagende Trompetenklänge melancholisch ein.

Im zentralen Largo durchdringen sich Pathos, lyrische Melodielinien und Dramatik. Nach der dissonanzenreichen Eröffnung erklingen nacheinander zwei großflächig-kantable Abschnitte. Den ersten führen Solo-Trompete und Violinen an, bis er sich in der Wiederholung des gesamten Orchesters in strahlendes Forte steigert. »Molto espressivo« schließt in hoher Fagott- und Cellolage der zweite Abschnitt an, dessen Wiederholung die Streicher pathetisch aufnehmen. Abrupt wandelt sich die Stimmung: Für einen kurzen Moment erzeugt der stagnierende Rhythmus von gestopftem Blech, Klavier und Schlagwerk einen grotesken Eindruck. Eine beruhigte, fast idyllische Melodie der Hörner wird vom gesamten Orchester aufgenommen; der sphärische Klang von Harfe und Celesta umspannt die Wiederholung. Die beiden Themen des Anfangs kehren nun in verknappter Form zurück, und nach einer kurzen Beschleunigung brechen die Dissonanzen des Beginns hervor. In der Coda verlieren sich aufsteigende Linien, Motivsplitter und wiegende Begleitfiguren im Nichts.

Diesen beiden hochdramatischen, emotional verdichteten Sätzen lässt Prokofjew ein heiteres, klassizistisch inspiriertes Vivace in Rondoform folgen. Die motorischen Sechzehntel des agilen Hauptthemas werden jedoch in den Stimmen der tiefen Bläser und des Klaviers schon bald mürrisch kommentiert. Das Seitenthema wirkt einerseits äußerst flächig, andererseits durch die beständigen Nachschläge der Streicher rastlos und getrieben. In Anlehnung an die von Beethoven gepflegte Technik des »durchbrochenen Satzes« werden die Themen in ihre Bestandteile zerlegt und verschiedene Instrumente verteilt – alles vollzieht sich in atemberaubendem Tempo. Schließlich schichten sich Hauptthema und Seitenthema in enger Verzahnung übereinander. Kurz vor Ende des Satzes wendet sich erneut die Stimmung. Eine elegische Passage der Bassklarinette und des Fagotts weist auf den Beginn der Symphonie zurück. Die Musik gipfelt in einer zweifachen, erschütternden Klimax. Noch einmal werden die punktierten Rhythmen des Hauptthemas beschleunigt, bevor sich das Finale und seine ganze rhythmische Energie in einem rauschhaften Tusch verflüchtigen.

Felix Werthschulte

Valery Gergiev wurde 1953 in Moskau geboren und wuchs im Kaukasus auf. Nach einem Musikstudium in Leningrad (dem heutigen St. Petersburg) stand am Anfang seiner Dirigentenkarriere 1975 der Erste Preis beim All-Unionswettbewerb in Moskau; ein Jahr später gewann er den Herbert-von-Karajan-Wettbewerb in der Berliner Philharmonie. Seit 1988 steht er als Künstlerischer Leiter und Chefdirigent an der Spitze des St. Petersburger Mariinsky-Theaters, mit dessen Ensembles (Oper, Ballett und Orchester) er inzwischen über 30 Länder bereist hat. Wiederaufbau und Erweiterung des Hauses – sowohl räumlich als auch künstlerisch – sind ihm wesentlich zu verdanken. Außerdem ist Valery Gergiev Erster Dirigent des London Symphony Orchestra und Künstlerischer Leiter mehrerer Festivals, wie der von ihm gegründeten St. Petersburger »Stars of the White Nights«, des Moskauer Osterfestivals sowie der Festspiele im finnischen Mikkeli und in Rotterdam. 2013 übernahm er zudem die Leitung des Nationalen Jugendorchesters der USA. Der mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen geehrte Musiker ist Gast der führenden Opern- und Konzerthäuser in aller Welt; regelmäßig arbeitet er mit den New Yorker und den Wiener Philharmonikern sowie dem Philharmonischen Orchester Rotterdam, dessen Chefdirigent er von 1995 bis 2008 war. Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab Valery Gergiev Anfang Juni 1993 in Konzerten mit Kompositionen seiner Landsleute Prokofjew und Schostakowitsch. Zuletzt brachte er mit ihnen im Dezember 2010 Werke von Schtschedrin, Rachmaninow und Mussorgsky zur Aufführung.

Hélène Grimaud studierte in ihrer Heimatstadt Aix-en-Provence, in Marseille sowie in Paris (bei György Sándor und Leon Fleisher). 1987 mit dem »Cannes Classical Award« der Musikmesse MIDEM ausgezeichnet, wurde sie von Daniel Barenboim dem Orchestre de Paris als Solistin empfohlen; weitere Engagements wie ihr erster Auftritt beim Festival International de Piano de La Roque d’Anthéron und ihr Debüt-Recital in Tokio folgten. Hélène Grimaud ist bei Orchestern wie den Münchner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Concertgebouworkest Amsterdam, den St. Petersburger Philharmonikern, dem NHK Symphony Orchestra Tokio sowie bei den großen Londoner und amerikanischen Orchestern regelmäßig zu Gast und arbeitet mit den weltbesten Dirigenten zusammen. Bei den Berliner Philharmonikern gab sie ihr Debüt 1995 als Solistin in Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert (Dirigent: Claudio Abbado); zuletzt trat sie bei ihnen im Januar 2010 unter der Leitung von Tugan Sokhiev mit dem Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel auf. Ihre Partner in den Bereichen Kunstlied und Kammermusik sind u. a. Sol Gabetta, Rolando Villazón, Clemens Hagen und Truls Mørk. 1999 gründete Hélène Grimaud im Bundesstaat New York das »Wolf Conservation Center«; ihr soziales Engagement zeigt sie auch als Mitglied von Musicians for Human Rights. Darüber hinaus ist sie Autorin der Bücher Variations sauvages (dt. Wolfssonate) und Leçons particulières (dt. Lektionen des Lebens). Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen zählen die Ernennungen zum »Officier dans l’Ordre des Arts et des Lettres« (2002) und zum »Chevalier de l’Ordre National du Mérite« (2008) in ihrem Heimatland Frankreich.

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