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Andris Nelsons dirigiert Strauss’ »Alpensinfonie«

30. Okt 2015

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons

Baiba Skride

  • Dmitri Schostakowitsch
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 99 (op. 77) (47 Min.)

    Baiba Skride Violine

  • Richard Strauss
    Eine Alpensinfonie op. 64 (61 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Baiba Skride im Gespräch mit Philipp Bohnen (12 Min.)

Er könne selbst ein Glas Bier so präzise in Musik setzen, dass seine Zuhörer den Unterschied zwischen Pils und Export erkennen würden, soll Richard Strauss einmal von sich behauptet haben. Nun, in seiner 1915 in Berlin uraufgeführten Alpensinfonie ging es dem Komponisten um etwas anderes: die musikalische Schilderung einer alpinen Bergwanderung mit all ihren Schönheiten und Gefahren. Ursprünglich hatte Strauss eine viersätzige Symphonie nach Friedrich Nietzsches polemischer Schrift Der Antichrist geplant. Doch beim Komponieren stellte er fest, dass ihm die musikalischen Themen so aus der Feder flossen »wie die Kuh Milch gibt«. Also nahm Strauss Abstand von dem geplanten Projekt, gab sich ganz seinem überbordenden musikalischen Einfallsreichtum hin und schrieb ein hochvirtuoses, rund 130 Musiker auf den Plan rufendes Stimmungsgemälde ohne weltanschaulichen Überbau.

Ganz so selbstvergessen sollten sich sowjetische Komponisten ihrem Tun nicht hingeben – das war zumindest die Ansicht der stalinistischen Kulturbehörden, die mehr oder weniger konkrete Vorstellungen davon hatten, wie Künstler ihren Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft leisten sollten. Dmitri Schostakowitsch wurde wiederholt öffentlich für die vermeintlich »formalistischen« und »volksfremden« Tendenzen seiner Musik gerügt, so auch 1948. In der Folge ruhte Schostakowitschs in jenem Jahr vollendetes a-Moll-Violinkonzert sieben Jahre in der Schublade: Erst Stalins Tod und das damit einsetzende politische Tauwetter in der UdSSR gaben den Weg zur verspäteten Uraufführung des Werks am 29. Oktober 1955 in Leningrad frei.

Im Rahmen dieses kontrastreichen Programms feiern die Berliner Philharmoniker ein Wiedersehen mit zwei langjährigen musikalischen Partnern: Für die musikalische Leitung zeichnet Andris Nelsons verantwortlich, den technisch und emotional schwer zu bewältigenden Solopart in Schostakowitschs Violinkonzert übernimmt die wie Nelsons aus Lettland gebürtige Geigerin Baiba Skride.

Schattenbilder vor Sonnenuntergang

Orchesterwerke von Dmitri Schostakowitsch und Richard Strauss

Tiefgründige Synthese von solistischer und symphonischer Konzeption: Schostakowitschs Erstes Violinkonzert

Es ist, um mit dem Dichter zu sprechen, ein weites Feld: die wechselvolle, gerade im 20. Jahrhundert stets heikle Beziehung zwischen Musik und Politik, zwischen ästhetischem Diskurs und gesellschaftlicher Realität. Nicht selten verspürten Komponisten das, was der Philosoph Slavoj Žižek einmal als das größte Problem der Postpostmoderne ausgemacht hat: den harten Aufprall des Individuums auf die Totalität des Seins. Dmitri Schostakowitsch hätte den Satz nicht nur verstanden, sondern ihn gewiss auch unterschrieben. Und fast ist es ja ein Wunder, dass er nicht in einem der zahllosen Säuberungsexzesse, die es in der Sowjetunion nach der bolschewistischen Revolution immer wieder gab, unterging oder einfach verschwand.

Schostakowitsch hätte der Titelheld des fulminanten Berlin-Romans Die Gabe von Wladimir Nabokov sein können, in dem es (auch) um außergewöhnliche Talente geht. Er besaß jene »Gabe«, die vom Normalsterblichen das Genie abhebt, welches – mit Kant – das Gesetz nicht befolgt. Erstaunen kann dabei nur, dass sich Schostakowitsch manchmal viel Zeit ließ, bevor er in einer bestimmten Gattung ein weiteres Werk in Angriff nahm. So vergingen beispielsweise 14 Jahre zwischen dem weithin akklamierten Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester op. 35 und seiner zweiten Konzertkomposition, dem 1947 begonnenen Violinkonzert a-Moll op. 77. Vollendet wurde es am 24. März 1948, öffentlich erklang es jedoch erst sieben Jahre später: am 29. Oktober 1955. Maßgeblicher Grund für die Verzögerung war das sogenannte Schdanow-Dekret des Zentralkomitees der KPdSU aus dem Jahr 1948, das ernst(haft)e Instrumentalmusik praktisch verbot; einzig und allein proletarische Vaterlandsmusik, vorzugsweise als Untermalung dafür geeigneter Texte und Filme, galt als linientreu und ästhetisch richtig. Erst der Tod Stalins am 5. März 1953 ermöglichte zumindest in Teilen ein geringes Maß an künstlerischer Freiheit.

Bei Schostakowitschs Opus 77 handelt es sich um ein wahrhaft majestätisches und tiefgründiges Instrumentalkonzert, das vor allem durch die Synthese von solistischer und symphonischer Konzeption besticht. Schon die Viersätzigkeit deutet auf eine großformatige Anlage hin, wobei Schostakowitsch die überlieferten Tempo-Relationen der Klassik und Romantik umkehrt. Der Kopfsatz, ein Adagio, ist ein schwermütiges, mysteriöses Nocturne, das sich durch den Verzicht auf lebhafte thematische Kontraste auszeichnet. Wir hören eine lyrische Improvisation, deren erstes Thema (Celli und Kontrabässe stellen es vor) beinahe ritornellhafte Verwendung findet – besonders eindringlich an jener Stelle, wo die Celesta es aufnimmt.

Den krassen Gegensatz, der im anschließenden Scherzo ausformuliert ist, demonstriert schon die Wahl der Tonart b-Moll. Gespeist wird das Geschehen in diesem wild dahinfliegenden Satz von einem temperamentvoll sprühenden, mal ins Diabolisch-Hintergründige, mal ins Groteske driftenden Musizierimpuls sowie von der Gegenüberstellung zweier inkongruenter Themen, die im weiteren Verlauf gewissermaßen aneinander wachsen, bis sich eine komprimierte Reprise anschließt, die wiederum in eine rasant-kaskadenhafte Presto-Coda mündet. Eingewoben in dieses formal wie inhaltlich extraordinär-exaltierte Allegro ist ein epigrammatisches Motiv, das eine enge Verwandtschaft mit jenem berühmten musikalischen Monogramm D-Es-C-H bekundet, welches die Zehnte Symphonie und das Achte Streichquartett durchwirkt.

Wie so oft bei Schostakowitsch folgt auf die ekstatisch-enthemmte Überstürzung die innere Einkehr. Der Weg führt hierbei vom in die Dur-Variante gewendeten Schluss des b-Moll-Scherzos nach f-Moll und direkt in eine ausdrucksvolle Passacaglia. Deren dynamische Kurve spannt sich bis zum imFortissimo formulierten Zitat des Themas durch die Solo-Violine, um danach wieder in die Sphäre der Stille einzutauchen. Aus ihr löst sich eine lange und intensiv-intime Solo-Kadenz heraus, die dann attacca in die finale Burleske übergeht. Diese hebt sich mit ihrem leicht folkloristisch angehauchten und pointierten Kehraus-Charakter deutlich von der gemessenen Würde der Passacagliaab. Und doch gibt es ein verbindendes Element zwischen beiden Sätzen: Die Bläser zitieren im Finale das Passacaglia-Thema; erst danach saust das gesamte Orchester mit tänzerischer Verve übers Parkett und strebt schließlich – in einem furiosen Presto – zur Saaltür hinaus.

Spiegel Garmischer Seh-Erfahrungen? – Eine Alpensinfonie von Richard Strauss

Wie so viele schnelle Sätze von Schostakowitsch wirkt auch diese Burleske, als habe sie der Komponistin einem Rausch hingeworfen. Ganz anders erging es seinem vier Jahrzehnte älteren Kollegen Richard Strauss. Als der sich zehn Jahre nach der Vollendung seiner bürgerlich-privaten, instrumental etwas übergewichtigen Sinfonia domestica mit dem Gedanken trug, ein weiteres symphonisches Werk zu Papier zu bringen, war dieser Gedanke sogleich bleiern beschwert. Beleg ist ein Brief an Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahr 1911: Strauss berichtet darin von der Qual, die ihm die neue Tondichtung bereite. Gemeint war die Alpensinfonie, die dann von 1914 an Gestalt annahm und am 28. Oktober 1915 uraufgeführt wurde.

Zugrunde liegt diesem Werk das Erleben der bayerischen Bergwelt, eine fast naive Hingabe an all jene Naturschauspiele, die sich dort zutragen. Fast kann man sagen: Strauss »erkennt« die Alpensinfonie, während er aus seinem Fenster in Garmisch hinausschaut. Was er, mit diesen Seh-Erfahrungen gesegnet, anstrebt, ist schlicht und ergreifend ein musikalisiertes, gewissermaßen naturalistisches Alpenpanorama. Der dem Opus zugrunde liegende ästhetische Imperativ ist in Worten des Komponisten eindrucksvoll beschrieben: »Ich hab’ einmal komponieren wollen, wie die Kuh, die Milch gibt.«

Ein bedeutendes Werk ist es dennoch geworden, ein Tongemälde par excellence, mit einer Dauer von über 50 Minuten wahrlich opulent, diese Üppigkeit auch durch eine klangliche Massierung beglaubigend. Das Klangbild Nacht bildet den Rahmen für dieses grandiose Panorama, dessen orchestrale Besetzung das Gigantomanische mehr als nur streift und dessen »Handlung« sich relativ leicht nachvollziehen lässt. Mit nächtlich-geheimnisvollem Schaudern beginnt und endet die Alpensinfonie, die freilich trotz ihrer lose-lockeren Vierteiligkeit (inklusive eines Variationensatzes) nicht so streng gebaut ist wie eine Symphonie, sondern aus 18 ineinander gehäkelten Episoden besteht. Von der dunklen Stimmung des Anfangs wird der Hörer durch das A-Dur-Strahlen des Sonnenaufgangs erlöst. Kurz darauf beginnt der Aufstieg; von ferne hört man Jagdhörner, der Wanderer tritt in den Wald hinein. Auf seiner Wanderung neben dem Bach gelangt er zum Wasserfall, wo Geigen, Celesta und Harfen rauschen. Über Blumige Wiesen steigt der imaginäre Held hoch zur Alm. Durchs Fugato-Gestrüpp geht es weiter hinauf, bis das Ziel erreicht ist: Von in höchsten Lagen geführten Trompeten bejubelt, steht der Wanderer auf dem Gletscher. Doch nicht Triumph empfindet der Aufsteiger – eine Melodie der Oboe insinuiert viel eher Beklemmung, die zur Vision führt im Angesicht der erhabenen Natur und danach zu der Erkenntnis: Die Sonne verstert sich allmählich. Das allerdings so sehr, dass das Englischhorn eine Elegie singt und die Stille vor dem Sturm unerträglich wird. Was folgt, ist ein tumultuarisches, mit heftigen Blitzen garniertes Orchestergewitter, das sämtliche Dezibelgrenzen mindestens anrührt, wenn nicht übertritt, und den Wanderer bei seinem Abstieg zittern lässt. Gottlob unverletzt kommt dieser erneut am Wasserfall vorbei, sieht den Sonnenuntergang, verharrt andächtig im Ausklang und rutscht über die Tonart b-Moll zurück in die Nacht, wo sie zunächst ins Fahle hinübergeht und schließlich in Gänze verbleicht.

Jürgen Otten

Andris Nelsons wurde 1978 in Riga als Kind einer Musikerfamilie geboren. Er begann seine Laufbahn als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper sowie als Sänger, der diverse renommierte Preis errang, beispielsweise den Großen Lettischen Musikpreis für herausragende Leistungen. Nach Abschluss eines Dirigierstudiums in seiner Geburtsstadt wurde er Schüler von Alexander Titov in St. Petersburg; er besuchte Meisterkurse bei Neeme Järvi und Jorma Panula, überdies wurde Mariss Jansons zu seinem wichtigsten Mentor. Von 2003 bis 2007 war Andris Nelsons Musikdirektor der Lettischen Nationaloper; In den Jahren 2006 bis 2009 auch Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. 2008 bis Sommer 2015 stand er an der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra. Mit Beginn der Spielzeit 2014/2015 wurde Andris Nelsons neuer Music Director des Boston Symphony Orchestra. Regelmäßig ist er am Londoner Royal Opera House, Covent Garden, an der Metropolitan Opera New York sowie an den Staatsopern in Wien und Berlin zu Gast. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte der Künstler 2010 als Dirigent einer Neuproduktion des Lohengrin in der Regie von Hans Neuenfels, deren Aufführungen er auch in den folgenden Jahren leitete. Zu den internationalen Spitzenorchestern, an deren Pult Andris Nelsons in der Vergangenheit auftrat, zählen die Wiener Philharmoniker, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Staatskapelle Berlin, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Philharmonia Orchestra London und das New York Philharmonic Orchestra. Mit den Berliner Philharmonikern arbeitete Andris Nelsons erstmals Mitte Oktober 2010 zusammen; zuletzt dirigierte er sie im April 2015 in drei Konzerten, auf deren Programm das Trompetenkonzert von HK Gruber (Solist: Håkan Hardenberger) und Gustav Mahlers Fünfte Symphonie standen.

Baiba Skride stammt aus Lettland, wuchs in einer Musikerfamilie auf und begann das Violinstudium in ihrer Geburtststadt Riga. Von 1995 an unterrichtete Petru Munteanu sie an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, 2001 gewann sie den Ersten Preis beim Concours Reine Elisabeth in Brüssel. Inzwischen gastiert Baiba Skride bei Orchestern von Weltrang wie dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem London Philharmonic Orchestra und dem Tonhalle-Orchester Zürich; bei den Berliner Philharmonikern gab sie ihr Debüt im Oktober 2010 als Solistin in Alban Bergs Violinkonzert unter der Leitung von Andris Nelsons. Weitere Dirigenten, mit denen Baiba Skride zusammenarbeitet, sind Paavo Järvi, Yannick Nézet-Séguin, Kirill Petrenko, Simone Young, Donald Runnicles, Thierry Fischer und Mikko Franck. In der Spielzeit 2015/2016 ist die Geigerin Artist in Residence beim City of Birmingham Symphony Orchestra. Kammerkonzerte in Partnerschaft mit Interpreten wie Alban Gerhardt, Brett Dean, Daniel Müller-Schott, Sol Gabetta, Bertrand Chamayou, Xavier de Maistre und ihrer Schwester Lauma führten Baiba Skride beispielsweise in das Concertgebouw Amsterdam und die Wigmore Hall London. Die Künstlerin spielt die »Ex Baron Feilitzsch« genannte Violine von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1734, eine großzügige Leihgabe von Gidon Kremer.

Sony ClassicalBaiba Skride tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Sony Classical auf.

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