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Wege zur Symphonie

Am 2. Oktober vor genau 100 Jahren starb Max Bruch in Berlin. Der gebürtige Kölner war zeitlebens nicht gerade für Bescheidenheit bekannt. Besonders wenn es darum ging, seinen konservativen Stil gegen Angriffe aus dem Lager der Progressiven zu verteidigen, konnte er in vehemente Polemik verfallen. Auch wurmte es ihn, dass die Kritik ihn andauernd zu seinen Ungunsten mit dem fünf Jahre älteren Johannes Brahms verglich. »Treffe ich mit Brahms im Himmel zusammen«, schrieb Bruch einmal im Frust dem gemeinsamen Verleger Fritz Simrock, »so lasse ich mich in die Hölle versetzen!«

Mit der Reife eines knapp 70-Jährigen äußerte Bruch später hingegen freimütig in einem Interview: »Brahms war aus verschiedenen Gründen ein weit größerer Komponist als ich. [...] In 50 Jahren wird sein Glanz als der des überragendsten Komponisten aller Zeiten hell erstrahlen, während man sich meiner hauptsächlich nur wegen meines g-Moll-Violinkonzerts erinnern wird.« Diese Erkenntnis war fraglos bitter für Bruch, umso mehr als dies ein Jugendwerk war, das alle nachfolgenden Kompositionen in den Schatten stellte.

Bruch war Mitte zwanzig, als er unter engagierter Mithilfe des mit ihm und Brahms befreundeten Geigers Joseph Joachim sein erstes großes Instrumentalwerk schuf, nachdem er sich mit Chorwerken bereits einen Namen gemacht hatte. Das hörbar in der Nachfolge Mendelssohns stehende Konzert, dessen lyrisch singender Tonfall sich mit schwereloser Virtuosität und einem damals populären ungarischen Tonfall im Finale paart, wurde nach seiner umjubelten Uraufführung 1868 schnell zum Publikumsliebling. Doch der Segen des Erfolgs wandelte sich für Bruch zum Fluch, eben weil das Publikum nur noch dieses eine Werk von ihm hören wollte. Dabei hatte das Konzert ihm endlich so viel »Mut zur Instrumentalmusik gemacht«, dass er noch im Jahr der Uraufführung seine Erste Symphonie schrieb. Bruch widmete sie ebenso selbstbewusst wie anerkennend Brahms.

Johannes Brahms wiederum brauchte ungleich länger, um sich seinen Weg zur Symphonie zu bahnen. Der Versuch, eine Sonate für zwei Klaviere in ein großformatiges Orchesterwerk umzuarbeiten, mündete in das Erste Klavierkonzert, dessen Leipziger Uraufführung 1859 zu einem traumatischen Fiasko für den 25-Jährigen geriet. Parallel zu diesem Projekt arbeitete Brahms zwischen 1857 und 1859 an zwei Orchesterserenaden. Während die erste hörbar nach dem Studium haydnscher Symphonien entstand, ließ sich Brahms bei der Komposition der zweiten von den Bläserserenaden Mozarts inspirieren – Joachim hatte ihm zur Vorbereitung die Partituren geschickt.

In der A-Dur-Serenade verstärkte Brahms das tiefe Register der Bläser durch Bratschen, Celli und Kontrabässe und verlieh dem Werk so ein besonders warmes Klangbild. Von kaum einem seiner Werke schwärmte der für seine Ironie berüchtigte Komponist so offenherzig wie von seiner »zärtlichen« Serenade: »Mit solcher Lust habe ich selten Noten geschrieben, die Töne drangen so liebevoll und weich in mich, dass ich durch und durch heiter ward.« Für lange Zeit sollte dies das letzte Orchesterwerk von Johannes Brahms bleiben. Zwar empfand Joseph Joachim die Serenade als »sehr symphonieverkündend«, die Musikwelt jedoch sollte noch 16 Jahre auf Brahmsʼ Erste warten.

Susanne Ziese

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