Mikko Franck dirigiert Ravels »L’Enfant et les sortilèges«

21. Jan 2018

Berliner Philharmoniker
Mikko Franck

Noah Bendix-Balgley, Emily Fons

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 A-Dur KV 219 (34 Min.)

    Noah Bendix-Balgley Violine und Leitung

  • Camille Saint-Saëns
    Introduction et Rondo capriccioso für Violine und Orchester a-Moll op. 28 (12 Min.)

    Noah Bendix-Balgley Violine und Leitung

  • Johann Sebastian Bach
    Sonate für Violine solo Nr. 3 C-Dur BWV 1005: Largo (5 Min.)

    Noah Bendix-Balgley Violine

  • Maurice Ravel
    L’Enfant et les sortilèges (Das Kind und die Zaubereien) (50 Min.)

    Emily Fons Mezzosopran (Das Kind), Sir Paul Gay Bassbariton (Der Sessel, Der Baum), Kiera Duffy Sopran (Das Feuer, die Prinzessin, die Nachtigall), Marie Lenormand Mezzosopran (Die Katze, Das Eichhörnchen), Elodie Méchain Alt (Die Mutter, Die chinesische Tasse, Die Libelle), Mathias Vidal Tenor (Der kleine alte Mann, Der Frosch, Die Teekanne), Elliot Madore Bariton (Die Standuhr, Der Kater), Kanae Fujitani Sopran (Der Louis-XV-Stuhl, Die Fledermaus), Rundfunkchor Berlin, Gijs Leenaars Chor-Einstudierung, Kinderchor der Komischen Oper Berlin, Dagmar Fiebach Einstudierung

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    Interview
    Noah Bendix-Balgley über Mozarts Violinkonzert Nr. 5 und Camille Saint-Saëns’ Introduction et Rondo capriccioso (2 Min.)

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    Interview
    Mikko Franck im Gespräch mit Stephan Koncz (18 Min.)

Die Oper L’Enfant et les sortilèges, die Maurice Ravel nach einem Libretto von Colette schrieb, ist ein Stück voller Phantasie, Charme und Humor. Die Handlung schildert in fantastischen, märchenhaften Bildern die Entwicklung eines wütenden Kindes, das durch seine zerstörerischen Trotzreaktionen seine Umwelt und somit auch sich selbst schädigt, zu einem mitfühlenden, reflektierenden Jungen. Der Komponist hat diese Geschichte in Art einer »amerikanischen Operette« (Ravel) vertont. Revueartig reiht er die unterschiedlichsten Musikstile aneinander, angefangen vom barock anmutenden Bicinium über Belcanto-Arien bis hin zu Ragtime und Music-Hall-Sound. Hinzu kommt Ravels subtile, facettenreiche Behandlung des Orchesters, die L’Enfant et les sortilèges zu einem der eindrucksvollsten und persönlichsten seiner Werke macht. Die Leitung hat der finnische Dirigent Mikko Franck, der für Seiji Ozawa einspringt.

In der ersten Konzerthälfte steht – ohne die Mitwirkung Mikko Francks – Noah Bendix-Balgley im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Der aus North ­Carolina stammende Musiker ist seit 2014 Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Als Solist eröffnet er den Abend mit Wolfgang Amadeus Mozarts A-Dur-Violinkonzert. Das Werk ist das letzte der fünf Violinkonzerte, die Mozart zwischen 1773 und 1775 geschrieben hat. Es zeichnet sich durch seine geigerische Brillanz, seine originelle, oftmals überraschend wirkende Harmonik sowie sein folkloristisches Finalthema aus. Die in dieser Aufführung zu hörenden Kadenzen stammen von Noah Bendix-Balgley selbst. Es folgt mit Camille Saint-Saëns’ Introduction et Rondo capriccioso ein ebenso stimmungsvolles wie hochvirtuoses Stück für Violine und Orchester, das der Komponist für den berühmten Geiger Pablo Sarasate schrieb.

Spielregeln für Zauberer

Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Camille Saint-Saëns und Maurice Ravel

Mit »Turcheria«: Mozarts Violinkonzert A-Dur KV 219

A-Moll, natürlich: Wenn Wolfgang Amadeus Mozart der musikalischen Türkenmode seiner Zeit huldigen wollte, war a-Moll die angemessene Tonart: Im Allegretto Alla turcader Klaviersonate KV 331, in der Presto-Ouvertüre der Entführung aus dem Serail KV 384 – und eben auch im 2/4-Takt-Allegro, das im Final-Rondeau des Violinkonzerts KV 219 plötzlich in das galante Tempo di Menuetto hineinfährt. Die forte-piano-Akzente, die simple Wechsel-Harmonik mit chromatischen Trübungen, das »coll’arco al rovescio«-Spiel der Celli und Bässe (mit dem Holz auf die Saiten schlagend) – es waren sicher diese rund 130 Takte, denen das Konzert seine besondere Popularität verdankte und verdankt.

Es ist das letzte der fünf authentischen Violinkonzerte Mozarts, von denen die Nummern 2 bis 5 innerhalb eines ganz kurzen Zeitraums entstanden sind, zwischen Juni und Dezember 1775 in Salzburg – und zwar wahrscheinlich nicht für ihn selbst, sondern für Antonio Brunetti, den Konzertmeister der fürsterzbischöflichen Hofkapelle. Hinzu kommen noch drei später, gleichfalls für Brunetti komponierte Einzelsätze – ein Adagio (KV 261) und zwei Rondos (KV 269 und 373) – sowie ein verlorenes Andante in A-Dur (KV 470). Dabei war Mozart durchaus in der Lage, seine Konzerte auch selbst zu spielen. Den ersten Geigenunterricht hatte er natürlich von seinem Vater Leopold erhalten, und er muss ein recht passabler Violinist gewesen sein, bis er das Instrument mehr und mehr durch das Klavier ersetzte. Schon auf der ersten Italienreise berichtet Leopold, »der Wolfg: ... geigt, aber nicht öffent:lich«.

Gerade er bedauerte es sehr, dass Wolfgang »sein« Instrument nicht mehr regelmäßig zur Hand nahm, und ließ nicht ab, ihn zu ermahnen – etwa im Oktober 1777: »du weist selbst nicht wie gut du Violin spielst, wenn du nur die Ehre geben und mit Figur, Herzhaftigkeit, und Geist spielen willst, ia, so, als wärest du der erste Violinspieler in Europa. ... ò wie manchmal wirst du einen Violinspieler, der hochgeschätzt wird, hören, mit dem du Mitleiden haben wirst!«

»Trop célèbre«: Saint-Saënsʼ Introduction et Rondo capriccioso op. 28

Auch das Konzertstück Introduction et Rondo capriccioso op. 28 von Camille Saint-Saëns steht in a-Moll – dem Charakter nach ist es allerdings nicht »alla turca«, sondern »plus espagnol que jamais« (spanischer denn je), wie der Komponist am 30. Dezember 1884 an den Dirigenten Joseph Dupont schreibt. In einer Aufführungsrezension wird das Werk als »eine Art Fantaisie-Valse à l’espagnole« beschrieben, und tatsächlich ist der synkopierte 6/8-Rhythmus des Rondos eindeutig spanisch gefärbt – vage angelehnt an die Asymmetrien einer Seguiriya –, was zweifellos dem Widmungsträger Pablo de Sarasate geschuldet ist. 1859 waren sich der 24-jährige Komponist und der neun Jahre jüngere spanische Geiger erstmals begegnet. Es war der Beginn einer herzlichen und intensiven Künstlerfreundschaft, die bis zu Sarasates Tod am 20. September 1908 währte und der sich neben den beiden Violinkonzerten Nr. 1 A-Dur op. 20 (1859) und Nr. 3 h-Moll op. 61 (1880) eben jenes Konzertstück verdankt, das bis heute zum Kernrepertoire aller großen Geiger gehört.Ursprünglich sollten Introduction et Rondo capriccioso wohl das Finale des – letztendlich einsätzigen – A-Dur-Konzerts werden, und beide Werke wurden auch in demselben Konzert am 4. April 1867 unmittelbar nacheinander unter der Leitung von Saint-Saëns und mit Sarasate als Solist uraufgeführt. Doch das Stück entwickelte schnell ein so erfolgreiches Eigenleben, dass der Komponist selbst es später sogar als »trop célèbre« (allzu berühmt) apostrophierte.

Ein Kaleidoskop (alb-) traumhafter Bilder: Ravels L’Enfant et les Sortilèges

Im Mai 1921 bezog Maurice Ravel die Villa Le Belvédère in Montfort-l’Amaury, einem kleinen Dorf westlich von Paris. Das Interieur des Hauses: fantastische Tapeten, vom Komponisten selbst entworfen, ebenso wie die Ornamente auf dem Marmor des Kamins, zierliche Möbel im Stil der Arts décoratifs des Fin de Siècle und eine immer größer werdende »Sammlung von Fälschungen«, wie es die Geigerin Hélène Jourdan-Morhange nannte, über alle Räume verteilt: Gotische Aschenbecher, Nippesfiguren und imitiertes chinesisches Porzellan, eine mechanische Nachtigall mit Spielwerk, Chinoiserien, auf dem Flügel – von zwei schweren Metalllampen mit ziselierten Milchglaskugeln in diffuses Licht getaucht – ein Glassturz, unter dem Schiffe sich auf einem Meer von Muscheln, Blumen und Seesternen zu wiegen schienen. Nicht anders der Garten dieser gewaltigen Spielzeugschachtel: ein mit Bonsais und ähnlichen Zwergpflanzen kunstvoll hergerichteter Mikrokosmos, in dem sich der nur 1,58 Meter große Komponist wie ein neuzeitlicher Gulliver vorgekommen sein mag. In dieser Zauberwelt von Le Belvédère schuf sich Ravel ein mystisches Reich – ein »künstliches Paradies«, in dessen Schutz er in den Träumen eines Kindes versank, aus denen seine Musik entspringt. L’Enfant et les Sortilèges – Ravel und seine Märchenwelt: wunderbare Verschmelzung von Schöpfer und Werk, die Hans Heinz Stuckenschmidt zu Recht als »sein opus summum schlechthin« bezeichnet hat.

Im Auftrag von Jacques Rouché, dem Direktor der Pariser Opéra, hatte die französische Schriftstellerin (Sidonie-Gabrielle) Colette 1916 ein Libretto verfasst, das unter dem Arbeitstitel Ballet pourma fille (Ballett für meine Tochter) Ravel zur Vertonung angetragen wurde. »Er sagte ja«, erinnerte sich Colette später, »trug mein Libretto heim, und wir hörten nichts mehr von ihm.« Auf eine vorsichtig drängende Anfrage, wie weit denn die Partitur gediehen sei, erklärte Ravel am 27. Februar 1919: »Ich habe sogar schon mit dem Gedanken gespielt, Sie zu fragen, ob Sie mit einem so unzuverlässigen Mitarbeiter wie mir überhaupt weitermachen wollen. Im Grunde arbeite ich schon an unserer Oper und mache mir Notizen, ohne eine einzige Note zu Papier zu bringen.«

»Fünf Jahre vergingen«, fährt Colette in ihren Erinnerungen fort, »und ich gewöhnte mir allmählich ab, an LʼEnfant et lesSortilèges zu denken«, wie das Werk später getauft wurde. Es war Raoul Gunsbourg, der Direktor der Oper von Monte Carlo, dessen hartnäckigem Drängen Ravel schließlich nachgab und dem er im Sommer 1924 die Ablieferung der Partitur bis zum Jahresende vertraglich zusicherte. So konnten, zu Colettes und Gunsbourgs größter Freude, im Januar 1925 tatsächlich die Proben beginnen, und am 21. März fand die triumphale Uraufführung von LʼEnfant et lesSortilèges statt.

Das Libretto reiht in der Art eines Kaleidoskops (alb-) traumhafte Bilder von so unterschiedlicher Prägung aneinander, dass es die stilistische Melange der Musik gleichsam herausfordert. Manche Teile des Texts – der Foxtrott von englischer Teekanne und chinesischer Tasse zum Beispiel, und das Katzenduett – waren nach genauen Anweisungen Ravels gestaltet, der in L'Enfant et lesSortilèges ein wahres Feuerwerk von Klängen und Rhythmen entfesselte. Ihr Spektrum reicht vom mittelalterlichen Organum (die in parallelen Quarten und Quinten fortschreitenden Oboen der Einleitung) über barocke Tanzformen bis hin zum Jazz.

Es ist sicher kein Zufall, dass Ravel die Partitur der Oper in Le Belvédère niederschrieb; jede Seite strömt diese »Atmosphäre der Zärtlichkeit und den feinsinnigen Pantheismus« (Émile Vuillermoz in Excelsior)aus, die den Komponisten in Montfort-lʼAmaury umgaben. Wenn das Kind im zweiten Teil den zu riesenhafter Größe gewachsenen Katzen ins Freie folgt, scheint das Szenario den Garten von Montfort-l’Amaury zu beschreiben: »Bäume, Blumen, ein winziger grüner Teich und ein efeubewachsener Baumstumpf« schimmern im Mondlicht; man hört »die Musik der Insekten, der Frösche und Kröten, das Lachen der Käuzchen, das Murmeln des Windes und Nachtigallen.« Der Zauber dieses Märchenreiches ist durch LʼEnfant et lesSortilèges unsterblich geworden.

Michael Stegemann

Der finnische Dirigent Mikko Franck wurde 1979 in Helsinki geboren und begann im Alter von fünf Jahren mit dem Violinspiel. Er studierte von 1992 an zunächst Geige an der Sibelius-Akademie; 1995 begann er mit dem Dirigierunterricht bei Jorma Panula; weitere Studien führten ihn nach New York, Israel und Schweden. Seither hat er bei vielen renommierten Orchestern – darunter in Deutschland bei den Münchner Philharmonikern und beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin – und führenden Opernhäusern gastiert. Von 2001 bis 2007 war er Chefdirigent des Orchestre National de Belgique, und in den Jahren 2006 bis 2013 Generalmusikdirektor sowie (von 2007 an) künstlerischer Leiter der Finnischen Nationaloper. Neben seinen dortigen Aktivitäten leitete Mikko Franck auch Aufführungen am Opernhaus Zürich, an der Metropolitan Opera, New York, und am Royal Opera House, Covent Garden. Mehrfach war er an der Wiener Staatsoper zu Gast, wo er u. a. La Bohème, Salome, Lohengrin, Tristan und Isolde, Elektra, Tosca und Die tote Stadt dirigierte. Im September 2015 übernahm der Künstler die musikalische Leitung des Orchestre philharmonique de Radio France, mit dem er in der vergangenen Spielzeit auch auf Tournee in Europa und Asien war. Seit Beginn dieser Spielzeit ist er außerdem Erster Gastdirigent der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom. Am Pult der Berliner Philharmoniker stand Mikko Franck erstmals im Februar 2003 mit Werken von Maurice Ravel und Dmitri Schostakowitsch.

Noah Bendix-Balgley stammt aus Asheville, North Carolina, und erhielt seinen ersten Geigenunterricht mit vier Jahren. Bereits als Neunjähriger spielte er Yehudi Menuhin vor, später studierte er an der Indiana University, dann an der Münchner Musikhochschule bei Mauricio Fuks, Christoph Poppen und Ana Chumachenco. Er war Preisträger zahlreicher Wettbewerbe, u. a. des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel. Von 2011 bis 2014 Konzertmeister des Pittsburgh Symphony Orchestra, kam Noah Bendix-Balgley im September 2014 als Erster Konzertmeister zu den Berliner Philharmonikern. Als Solist hat er mit namhaften Orchestern zusammengearbeitet, etwa dem Orchestre philharmonique de Radio France und dem Orchestre National de Belgique. Der leidenschaftliche Kammermusiker tritt auch mit Partnern wie Gidon Kremer, Yuri Bashmet, Emanuel Ax, Lars Vogt und Colin Currie auf Festivals in Europa und Nordamerika auf. Mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Manfred Honeck brachte er im Juni 2016 sein eigenes Klezmer-Konzert Fidl-Fantazye zur Uraufführung.

Die amerikanische Mezzosopranistin Emily Fons stammt aus Wisconsin, studierte in Illinois und besuchte anschließend das Ryan Opera Center an der Lyric Opera in Chicago. In den vergangenen Jahren ist sie insbesondere als Interpretin von Barock- und Mozartrollen (Cherubino, Dorabella, Zerlina, Rosina u. a.) an einer Reihe von Opernhäuser in den Vereinigten Staaten aufgetreten, darunter an der Santa Fe Opera und der Boston Lyric Opera. In der Saison 2013/2014 gab sie ihr Rollendebüt als Prinz Orlofsky (Die Fledermaus) an der Lyric Opera Chicago. 2015 sang Emily Fons die Partie des Kindes in Ravels L’Enfant et les Sortilèges an Seiji Ozawas Musik-Akademie in Japan. In Europa war sie in der vergangenen Spielzeit in der Titelrolle von La Cenerentola an der Opéra de Lille zu hören. Im Konzertfach gastierte die Künstlerin beim Cleveland Orchestra unter der Leitung von Franz Welser-Möst, bei der Alabama Symphony und dem Los Angeles Chamber Orchestra. In Konzerten der Berliner Philharmoniker gibt Emily Fons nun ihren Einstand.

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