Kirill Petrenko dirigiert Mahlers Neunte in Amsterdam
Eigentlich hätte die dritte Edition des Mahler Festivals Amsterdam zu seinem 100. Jubiläum bereits 2020 stattfinden sollen. Pandemiebedingt musste das Musikfest, bei dem der gesamte Zyklus von Gustav Mahlers Symphonien zur Aufführung gelangt, um fünf Jahre verschoben werden. Umso größer war die Vorfreude der Berliner Philharmoniker, denen zusammen mit Chefdirigent Kirill Petrenko die Ehre zuteil wurde, das vorletzte Konzert des Festivals mit der so monumentalen wie visionären Neunten Symphonie des Komponisten zu gestalten.
Das Koninklijk Concertgebouw in Amsterdam und die Berliner Philharmoniker sind praktisch gleich alt: 1882, im Gründungsjahr des Orchesters, wurde der Bau des Konzerthauses in der niederländischen Hauptstadt beschlossen und bereits im Folgejahr begonnen. So majestätisch wie der Name des Hauses ist der Blick auf das Halbrund des Podiums im großen Saal: Hier thront nicht nur eine imposante Orgel. Auffällig sind auch zwei lange, mit rotem Teppich bedeckte Treppen, die von einer Galerie oberhalb der Bühne auf selbige herabführen – so haben alle Beteiligten ihren royalen Auftritt vor den Augen des Publikums. Während die Innenarchitektur vom alten Leipziger Gewandhaus inspiriert ist, reiht sich der Saal akustisch – wie auch die Philharmonie Berlin – in die Riege der weltweit besten ein.
Vor diesem Hintergrund reisten die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko ideal vorbereitet nach Amsterdam, denn die in ihrer Klangbalance besonders herausfordernde Neunte Symphonie Mahlers hatten sie kurz zuvor »zu Hause« aufgeführt. Anders als bei seinen vorigen Symphonien, hatte der Komponist hier nicht die Möglichkeit, nach der Uraufführung noch Korrekturen an der Partitur vorzunehmen – Mahler starb 1911, ein Jahr vor der Premiere seiner Neunten.
Die Musikwelt verlor in Mahler einen ihrer großen Visionäre. Als »das erste Werk der Neuen Musik« bezeichnete Alban Berg die Neunte Symphonie. Deren radikale Modernität erschließt sich schon beim Hören des Kopfsatzes, dessen chromatisch verdichtete Harmonik den tonalen Rahmen der Spätromantik selbstbewusst sprengt und zum prägenden Gestaltungselement avanciert. Das Melodische rückt in den Hintergrund, thematische Fragmente tauchen auf, ohne dass man sie lange verfolgen könnte – Mahler versinnbildlicht musikalisch eines der gewichtigsten Themen, die ihn, besonders seit der Diagnose seines Herzleidens, bewegten und belasteten: Werden und Vergehen. Ein Werk des Aufbruchs also? Ja, denn Mahler ebnete fraglos den Weg für spätere Generationen – unter anderem die Zweite Wiener Schule. Zugleich markiert die Neunte einen Endpunkt, oder wie es der Dirigent und Gründer des Amsterdamer Mahler Festivals Willem Mengelberg formulierte: »Mahlers Seele singt ihren Abschied!«
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