Bernard Haitink dirigiert Schubert und Schostakowitsch
Am 31. Januar 1997 jährte sich Franz Schuberts Geburtstag zum 200. Mal. Gerade volljährig, schrieb der Komponist seine vor Lebenslust überschäumende Dritte Symphonie, die Bernard Haitink wenige Tage vor dem Jubiläum gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern zur Aufführung brachte. Einen Kontrapunkt bildete Dmitri Schostakowitschs Vierte Symphonie: ein erschütterndes Werk von epischer Dimension, entstanden im bedrohlichen Schatten stalinistischer Zensur.
Noch bevor Franz Schubert 20 Jahre alt wurde, komponierte er mehrere Streichquartette, sechs Opern, fast 300 Lieder – und auch seine ersten drei Symphonien. Die 1815 zu Papier gebrachte Dritte hebt mit einer atmosphärischen Einleitung an, deren Changieren zwischen weichen Bläserklängen und dramatischen Akzenten an eine Opernouvertüre denken lässt. Kündigt sie ein Drama an? Nein, der Teenager Schubert hat uns ausgetrickst: Plötzlich perlt ein überaus heiteres Allegro con brio mit keck punktiertem Thema daher. Dem an Haydn erinnernden Streicherthema des Allegrettos stellt Schubert einen serenadenhaften Mittelteil mit Bläsersoli zur Seite. Ein resolut-zupackender Tonfall rückt das Menuett in Beethoven-Nähe, wohingegen das Tarantella-Finale die leichtfüßige Italianità eines Rossini heraufbeschwört. So sehr man die Kollegen herauszuhören meint, zeigt sich hier doch bereits die individuelle Handschrift Schuberts – insbesondere das Finale weist in seiner spannungsvollen Themenverarbeitung auf die monumentalen Sätze späterer Symphonien voraus.
In Bernard Haitinks Programmen mit den Berliner Philharmonikern trat die Paarung aus Klassik und Moderne häufig auf. Auch hier kontrastierte der Niederländer, den das Orchester nach vier Jahrzehnten der Zusammenarbeit 2004 zum Ehrenmitglied ernannte, Schuberts Jugendfrische mit der existentiellen Wucht Schostakowitschs. Dass Letzterer im Angesicht der rigorosen Zensur durch die stalinistische Kulturpolitik unter andauernder Lebensgefahr komponierte, ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Die Vierte Symphonie – 1935 geschrieben, dann aufgrund akuter Bedrängnisse 25 Jahre zurückgehalten – legt Zeugnis ab von der belastenden Lage des Komponisten. »Schostakowitsch hüllt einen in eine Traurigkeit ein«, so Haitink in einem Interview, »aber er ist auch zynisch, vielleicht sarkastisch, außerdem skurril und humorvoll«. Er hatte Schostakowitsch noch persönlich getroffen, 1975 in Moskau kurz vor dessen Tod. »Er war ein zu großartiger Musiker, um unglücklich zu sein«, befand der Dirigent, »und das, was Schostakowitsch tat, um sein wahres Ich zu verbergen, steht auf einem anderen Blatt«.
© 1997 NHK
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