Bernard Haitink dirigiert Mahlers Erste Symphonie

01. Feb 1994

Berliner Philharmoniker
Bernard Haitink

  • Gustav Mahler
    Symphonie Nr. 1 D-Dur (63 Min.)

Seit seinem Debüt im Jahre 1964 gehört der Dirigent Bernard Haitink zu den treuesten und engsten künstlerischen Partnern der Berliner Philharmoniker. In mehr als 50 Jahren hat er unzählige Aufführungen in der Philharmonie dirigiert und das Orchester auf mehreren Gastspielreisen begleitet; er ist bei den Osterfestspielen in Salzburg aufgetreten und hat die Europakonzerte in London (1993) und Krakau (1999) geleitet. Haitink gehört zum exklusiven Kreis der Gastdirigenten, die mit den Philharmonikern eine szenische Opernaufführung einstudiert haben – 1991 wurde Mozarts Figaro in Salzburg realisiert –, 2004 wurde er in den noch exklusiveren Kreis der philharmonischen Ehrenmitglieder aufgenommen. Das gemeinsam aufgeführte Repertoire ergibt ein Kompendium der klassisch-romantischen Symphonik, hinzu kommen Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch, Béla Bartók und der französischen Moderne. Und doch nimmt die mit dem Orchester über Jahrzehnte geleistete interpretatorische Beschäftigung mit der Musik Gustav Mahlers einen ganz besonderen Stellenwert ein.

Bernard Haitink übernahm 1961 in jungem Alter die Leitung des Royal Concertgebouw Orchestra in seiner Heimatstadt Amsterdam. Das Orchester hatte einst eine bedeutende Mahler-Tradition begründet, war der frühere Chefdirigent Wilhelm Mengelberg doch ein großer Bewunderer und guter Freund des Komponisten gewesen. Doch Haitink war Mahlers Musik zunächst fremd, löste in ihm sogar das Gefühl der »Beängstigung« aus. Als eine Schallplattenfirma sich einen Mahler-Zyklus wünschte und für diesen die Produktionszeit von zwei Jahren veranschlagte, lehnte Haitink ab und bestand darauf, in jedem Jahr nicht mehr als eine Symphonie des Komponisten zu erarbeiten. Die vorsichtig angebahnte Partnerschaft erwies sich als stabil und dauerhaft: Haitink wurde zu einem zentralen Protagonisten der Mahler-Renaissance und hat mit dem Concertgebouw-Orchester nahezu 300 Konzerte mit der Musik des Komponisten realisiert.

Kein Wunder, dass auch die Berliner Philharmoniker ihn immer wieder als Mahler-Interpreten in Anspruch nahmen: Seit 1971 hat Haitink bei dem Orchester die neun vollendeten Symphonien Mahlers – viele von ihnen mehrmals –, das Lied von der Erde sowie das Adagio der Zehnten in Berlin, aber auch in New York, Amsterdam, London und Salzburg dirigiert. Und in seiner Abschiedsspielzeit als Chefdirigent der Philharmoniker wünschte sich Sir Simon Rattle für die Interpretation der Neunten ausdrücklich seinen holländischen Kollegen, den er seit seinen Jugendjahren bewundert. Dokumentiert sind Haitinks Mahler-Deutungen mit den Berliner Philharmonikern in CD-Aufnahmen sowie in einer Reihe von audiovisuellen Aufzeichnungen aus den 1990er Jahren – darunter die hier zu erlebende Erste Symphonie.

An seinem Gattungserstling arbeitete Gustav Mahler vier Jahre und revidierte dann noch einmal die Version der Uraufführung von 1889. Die komplizierte Entstehungsgeschichte ist auch in Mahlers damaligem Schwanken zwischen absoluter und programmatischer Musik begründet. Die Gattungsbezeichnung »Symphonische Dichtung«, die programmatischen Satznamen und den Werktitel Titan nach dem gleichnamigen Roman Jean Pauls zog der Komponist schließlich zurück: Die Musik sollte für sich selbst sprechen. Und doch evoziert das Werk eine schillernde und vieldeutige Bilderwelt: Die von Kukucksrufen durchzogene Einleitung lässt ein musikalisches Naturgemälde entstehen, das mit einem Zitat aus Mahlers Lied »Ging heut morgen übers Feld« einen romantischen Naturburschen aus der Welt der Wunderhorn-Gedichte ins Spiel bringt. Der dritte Satz ist mit dem nach Moll gewendeten und schaurig instrumentierten Bruder Jakob-Kanon ein frühes Beispiel für Mahlers verfremdende Anverwandlung folkloristischen Materials. Das Finale mündet nach Imaginationen von Chaos und Düsternis, vielen Steigerungen, Aufwallungen und Abbrüchen schließlich im Triumph, in dem sich dennoch die für Mahlers Tonsprache so charakteristische Doppelbödigkeit erkennen lässt.

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