François-Xavier Roth dirigiert Strauss, Berlioz und Boulanger
Eine Sensation: 1913 gewann die 19-jährige Lili Boulanger mit Faust et Hélène als erste Frau den renommierten Prix de Rome. Poetisch, sinnlich und farbenprächtig erzählt die Kantate von Faust, der seine Seele verkauft, um der schönen Helena zu begegnen. Hector Berlioz vertonte in seiner Dramatischen Symphonie Roméo et Juliette die vielleicht größte aller Liebesgeschichten. François-Xavier Roth eröffnet das Programm mit den eindringlichen Metamorphosen von Richard Strauss.
Die Zerstörung der großen deutschen Opernhäuser im Zweiten Weltkrieg symbolisierte für den über 80-jährigen Richard Strauss – dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus durchaus ambivalent gewesen war – das Ende einer großen kulturellen Tradition. Entsprechend elegisch gestimmt sind die Metamorphosen, die in den letzten Kriegsmonaten entstanden. In ihnen beschränkte sich der für seine meisterhafte Instrumentationskunst berühmte Komponist auf den seidig-warmen Klang eines intimen Streicherensembles. Den Charakter einer Rückschau erhält das Werk auch durch ein Zitat aus Beethovens Eroica-Symphonie.
Zu Strauss’ Vorbildern gehörte Hector Berlioz, den er als »genialen Farbenmischer« und »eigentlichen Schöpfer des modernen Orchesters« bezeichnete. Roméo et Juliette changiert zwischen Symphonie und musikalischem Drama und zählt deshalb zu den Wegbereitern von Strauss’ Tondichtungen. Vokale Partien erhalten in dieser Shakespeare-Vertonung nur Nebenfiguren, während »Roméo seul« – das einsame Selbstgespräch des Titelhelden – als rein instrumentales Stück gestaltet ist. Die Welt der imaginären Feenkönigin Mab ist durch die Mischung aus gedämpften Streichern, schillernden Flötentönen und dem Klang der Zimbeln ein Paradebeispiel für Berlioz’ Orchestrierungskunst, die Strauss so bewunderte.
Als Hauptwerk des Programms erklingt Lili Boulangers Kantate Faust et Hélène. Sie handelt von der Begegnung Fausts mit der schönsten Frau der griechischen Antike, die Goethe im zweiten Teil seiner tragischen Dichtung schildert. Mit der Komposition gewann die erst 19-jährige Komponistin als erste Frau überhaupt den begehrten Prix de Rome. Souverän und einfallsreich geht Boulanger mit Gesang wie Instrumenten um – und gestaltet eindrucksvoll Stimmungsbilder und dramatische Bögen.
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