Brahms’ Violinkonzert mit Christian Tetzlaff und Simon Rattle

Sa, 20. Juni 2015

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Christian Tetzlaff

  • Johannes Brahms
    Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77 (00:45:55)

    Christian Tetzlaff Violine

  • Claude Debussy
    Images pour orchestre (00:39:35)

  • George Enescu
    Rumänische Rhapsodie Nr. 1 A-Dur op. 11 Nr. 1 (00:22:18)

  • kostenlos

    Christian Tetzlaff über seine Saison als Artist in Residence (00:23:59)

 

Als »Meistergeiger«, der »in den Kompositionen versinkt, sich ganz hinein begibt, um unprätentiös wieder daraus hervorzusteigen« wird Christian Tetzlaff von der Presse gefeiert, als einer, der »blitzende Technik und analytische Schärfe mit umwerfender Musikantik und einer gehörigen Portion Schalk« zu kombinieren vermag, als Virtuose, der seinem Instrument eine »Schönheit und Fülle, Vielfalt und Farbigkeit des Klangs« abgewinnt, die »schlicht Staunen erregend« ist. Die Berliner Philharmoniker freuen sich, in der Spielzeit 2014/2015 mit Christian Tetzlaff einen außergewöhnlichen Musiker ihren Artist in Residence nennen zu dürfen. Neben seiner internationalen Konzerttätigkeit findet Christian Tetzlaff immer wieder Zeit, mit seinem Instrument Schulen zu besuchen, junge Menschen für die Welt der klassischen Musik zu begeistern und Nachwuchs zu fördern.

Seine Zusammenarbeit mit den Stipendiaten der Orchester-Akademie stellt daher einen wichtigen Aspekt seiner Residency bei den Berliner Philharmonikern dar. Den musikalischen Höhepunkt von Christian Tetzlaffs künstlerischer Partnerschaft mit dem Orchester stellt aber ohne Frage seine Interpretation von Johannes Brahms’ Violinkonzert unter der Leitung von Sir Simon Rattle dar. Im zweiten Teil des Konzerts erklingt das von Volksmelodien aus England, Spanien und Frankreich inspirierte, in allen nur denkbaren instrumentalen Farben schillernde orchestrale Triptychon Images von Claude Debussy. Abgerundet wird das Programm durch George Enescus von der Folklore seines Heimatlandes inspirierte Erste Rumänische Rhapsodie, einem lebenssprühenden, farbig instrumentieren Stück, das in einer furiosen Stretta seinen Abschluss findet.

Musik mit Fernweh

Orchesterwerke von Johannes Brahms, Claude Debussy und George Enescu

Ein Hamburger im Paradies: Johannes Brahms

Im Sommer 1878 empfing der Geiger Joseph Joachim eine »Anzahl Violinpassagen« mit der Post, gefolgt von einem Brief, in dem Johannes Brahms diese Arbeitsproben eines kommenden Violinkonzerts erläuterte: »Ich bin zufrieden, wenn Du ein Wort sagst, und vielleicht einige hineinschreibst: schwer, unbequem, unmöglich usw. Die ganze Geschichte hat vier Sätze, vom letzten schreib ich den Anfang – damit mir gleich die ungeschickten Figuren verboten werden!« Offenbar war es die Unsicherheit in technischen Fragen, die Brahms, der nie über die Elementarstufe des Violinspiels hinausgelangt war, so auffallend zögern ließ, bis er endlich ein Konzert für das Instrument des langjährigen Freundes in Angriff zu nehmen wagte. Der Geiger antwortete: »Es ist eine große echte Freude für mich, daß Du ein Violinkonzert (in vier Sätzen sogar!) aufschreibst. Ich habe sofort durchgesehen, was Du schicktest, und Du findest hie und da eine Note und Bemerkung zur Änderung – freilich ohne Partitur läßt sich nicht genießen.«

Bei persönlichen Begegnungen in Pörtschach am Wörthersee, der paradiesischen brahmsschen Sommerfrische, und bald darauf in Hamburg, am Rande der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Philharmonischen Konzerte, wurde die schriftlich begonnene Diskussion in unmittelbarem Gespräch und praktischer Erprobung fortgesetzt, und selbst nach der Uraufführung, die Brahms und Joachim am Neujahrstag 1879 mit dem Leipziger Gewandhausorchester bestritten, wurde noch debattiert, geändert, gefeilt, verbessert, ehe das Werk schließlich im Oktober 1879 bei Simrock gedruckt erschien. Da wies die »ganze Geschichte« nur noch drei Sätze auf, denn im Oktober 1878 war Brahms »über Adagio und Scherzo gestolpert«, wie er sagte, hatte die beiden Sätze (die möglicherweise später im Zweiten Klavierkonzert eine »Zuflucht« gefunden haben) fallengelassen und durch ein anderes Adagio ersetzt.

Brahms’ Violinkonzert teilt mit der im Jahr zuvor entstandenen Zweiten Symphonie nicht allein den Ursprungsort Pörtschach, die Tonart D-Dur und den pastoralen Typus des Hauptthemas mit seiner naturhaften Dreiklangmelodik, sondern auch den gelösten Grundton. In einer Festrede über Brahms sprach der Schriftsteller Martin Gregor-Dellin von einer »seelischen Heiterkeit, die widerlegt, dass große Kunst nur auf dem Hintergrund von beständigem Leiden, von Armut und Unglück gedeiht oder gedeihen kann und nicht auch der harmonische und im ganzen ausgeglichene Charakter die Daseinsrätsel in Kunst zu bannen vermag«. Und wie das Programm zu einem gelingenden Leben nannte Gregor-Dellin seine Rede denn auch Brahms als geistige Lebensform.

Traumlandschaften: Claude Debussy

Wie so viele französische Künstler seiner Zeit war Claude Debussy zutiefst anglophil, »in seiner Vorliebe für schönes Tafelsilber, für Whisky und für den sehr starken Tee, den er sich zum Frühstück zubereitete, mit derselben Langsamkeit und Sorgfalt, mit der er sich allen Dingen widmete« – so hat es seine Stieftochter Dolly Bardac überliefert. Erinnerungen an England, das wirkliche, das erträumte, an Landschaften einer schwermütigen Fantasie durchziehen Debussys 1909 bis 1912 komponierte Gigues, das erste Stück der Images, der »Bilder für Orchester«. Von den britischen Inseln war die Gigue auf das europäische Festland vorgedrungen, und bis zum heutigen Tag ist die Jig als Volkstanz in Schottland und Irland populär. Auch Debussy integrierte sie als belebendes tänzerisches Element in seine Partitur, doch die Weise, die er verarbeitete, empfing er auf dem Umweg über das Lied »Dansons la gigue« seines Landsmannes Charles Bordes. Eine Ballade aus Northumberland akzentuiert dann noch die Anklänge traditioneller englischer Musik in diesem Orchesterwerk eines Franzosen. Und selbst der Klagegesang der Oboe d’amore scheint einer Volksmelodie nachempfunden.

Mit einem harten Schnitt wandelt sich schlagartig die Szene, von England nach Spanien wendet sich diese fantastische Reise und zieht den Hörer mitten hinein in das taghelle Leben unter der südlichen Sonne. Par les rues et par les chemins (Durch die Straßen und über die Wege) heißt der einleitende von drei Sätzen, die unter dem gemeinsamen Titel Ibéria das Zentrum der ebenfalls dreiteiligen Images bilden. Der zweite taucht ein in die verführerischen Düfte einer spanischen Sommernacht (Les parfums de la nuit) und geht, langsam erwachend, in den Morgen eines Feiertages über: Le matin d’un jour de fête, ein turbulentes Stück, dessen collagierte Bildwechsel und Gedankensprünge den Vergleich mit einer Komposition nahelegen, die noch gar nicht existierte, als Debussy seine Ibéria 1908 vollendete: Igor Strawinskys Ballettmusik zu Petruschka.

Nach England und Spanien wird mit der letzten der Images das heimatliche Frankreich als »Schauplatz« erreicht. In den Rondes de printemps, wie Ibéria 1905 für zwei Klaviere konzipiert, aber erst 1909 als Orchesterpartitur abgeschlossen, zitiert Debussy zwei französische Kinderlieder. Diese »Frühlingsreigen« seien »ein Stück von ausgesprochen ätherischer Qualität«, betonte Debussy, und folglich dürfe man sie nicht behandeln »wie eine robuste Symphonie auf vier Füßen«. In seinen »Bildern für Orchester« habe er versucht, Eindrücke der Realität einzufangen: »Einige Schwachköpfe nennen dies ›Impressionismus‹, ein Begriff, der entsetzlich missbraucht wird, vor allem von den Kritikern.« Claude Debussys Images pour orchestre entwerfen Traumbilder des Lebens, Spiegelungen, Reflexionen, Innenansichten, wirklicher als die Wirklichkeit.

Der Nationalheld: George Enescu

»In Ungarn und Rumänien«, schreibt Yehudi Menuhin in seinen Memoiren, »sind die Nationalhelden Musiker: In Ungarn muss sich Zoltán Kodály diese Ehre mit Bartók teilen, aber in Rumänien erfreut sich George Enescu der Verehrung seiner Landsleute ungeteilt und unumstritten.« Menuhin wusste aus eigener Erfahrung und in Erinnerung an seine Besuche in Rumänien von jener »Verehrung« zu sprechen. Und er teilte sie uneingeschränkt, die Bewunderung für Enescu, der für ihn viel mehr war als »nur« ein ausgezeichneter Geigenlehrer und künstlerischer Ratgeber: »Für mich war und blieb Enescu das absolute Maß, an dem gemessen andere und ich weit zurückblieben.«

Als Komponist, als Geiger, Pianist, Kammermusiker und Dirigent lebte, wirkte und reiste Enescu in der westlichen Hemisphäre und vermochte diese vielfältigen Aktivitäten auch noch mit einer jahrzehntelangen Lehrtätigkeit in Paris, Italien und den Vereinigten Staaten zu vereinbaren. Doch erst nach der Gründung der Volksrepublik Rumänien (1947) sollte sich Enescu – mehr aus privaten denn aus politischen Motiven – ganz in Paris niederlassen. Bis dahin fuhr er alljährlich in seine Villa im mondänen rumänischen Kurort Sinaia. Und im Land seiner Geburt wuchs er immer stärker in die Rolle des unermüdlichen Gründervaters hinein. Er organisierte Opernaufführungen und Konzertreihen, engagierte sich als Pädagoge, Förderer und Schriftsteller, stiftete den Enescu-Kompositionspreis, leitete die Gesellschaft rumänischer Komponisten und begründete das Symphonieorchester von Iaşi. Aber er bewies und bekräftigte die tiefe Verbundenheit mit der Heimat auch in seiner Musik. Bereits 1901 hatte Enescu die erste von zwei Rumänischen Rhapsodien komponiert, diejenige in A-Dur op. 11 Nr. 1, eine hinreißende Orchesterpartitur, reich an solistischen, konzertanten, quasi improvisatorischen Vor- und Zwischenspielen, aber noch ganz im Bann der Nationalromantik und der virtuos überbordenden lisztschen Rhapsodien. Als Entree in die musikalische Welt Enescus ist dieses fulminante Stück in jedem Fall zu empfehlen – und als »Rausschmeißer« aus dem Konzertsaal muss es ohnehin keine Konkurrenz fürchten. Selten wird das Publikum in besserer Laune den Haltestellen und Parkplätzen entgegenstreben.

Wolfgang Stähr

Der gebürtige Hamburger Christian Tetzlaff studierte an der Musikhochschule Lübeck bei Uwe-Martin Haiberg und in Cincinnati bei Walter Levin. Als einer der führenden Violin-Virtuosen seiner Generation ist er ein begehrter Gast auf den Konzertpodien der internationalen Musikmetropolen und Festivalorte – sei es als Solist weltweit renommierter Orchester, mit Violin-Recitals oder als Kammermusiker sowie als Primarius seiner eigenen Streichquartett-Formation. Herausragende Interpretationen der bachschen Solo-Sonaten und -Partiten wie auch der Violinkonzerte von Beethoven, Brahms, Tschaikowsky, Berg, Schönberg, Schostakowitsch, Ligeti und Widmann sind beispielhaft für den Facettenreichtum seines Repertoires und die Universalität seines künstlerischen Könnens. Als Pädagoge ist der Geiger regelmäßig an der Kronberg Akademie tätig. Bei den Berliner Philharmonikern trat Christian Tetzlaff seit seinem Debüt im Jahr 1995 wiederholt auf; als Artist in Residence des Orchesters gestaltete er in der laufenden Saison bereits drei Kammerkonzerte gemeinsam mit Mitgliedern des Orchesters sowie der Orchester-Akademie; außerdem brachte er Ende Mai bei einem Solo-Abend Werke von Johann Sebastian Bach und Béla Bartók zur Aufführung. Die Residency des Künstlers bei den Berliner Philharmonikern findet mit diesen Konzerten ihren Abschluss. Christian Tetzlaff spielt eine Violine des in Bonn ansässigen Geigenbauers Stefan-Peter Greiner.

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