Herbert Blomstedt dirigiert Dvořák und Berwald

13. Feb 2016

Berliner Philharmoniker
Herbert Blomstedt

  • Franz Berwald
    Symphonie Nr. 3 C-Dur »Sinfonie singulière« (32 Min.)

  • Antonín Dvořák
    Symphonie Nr. 7 d-Moll op. 70 (52 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Herbert Blomstedt über Franz Berwald und Antonín Dvořák (19 Min.)

Wenn man einen Blick in den aktuellen Konzertkalender von Herbert Blomstedt wirft, kommt man nicht auf den Gedanken, dass der Mann schon ein Veteran der Klassikszene ist. Denn der in den USA geborene und in Schweden aufgewachsene Weltklassedirigent, Jahrgang 1927, hat ein Pensum zu bewältigen, das einem jungen Hüpfer alle Ehre machen würde: »Musik macht natürlich viel Arbeit – wie Richard Strauss zu sagen pflegte – aber sie gibt auch Kraft. Wenn man gesund ist, und wenn man merkt, dass man noch gebraucht wird, ist sie eine nicht zu stoppende Inspiration.«

Als regelmäßiger Gast der Philharmoniker machte Herbert Blomstedt auch in der Spielzeit 2015/2016 wieder in Berlin Station – diesmal mit einer aufregenden Repertoire-Neuentdeckung. Denn Blomstedt hat ein Werk des bedeutendsten schwedischen Symphonikers des 19. Jahrhunderts aufs Programm gesetzt: Franz Berwalds Sinfonie singulière, ein Opus, das »sehr zu Unrecht heute weitgehend unbekannt« ist. (Blomstedt) Die im Titel angeführte »Einzigartigkeit« dieser im März 1845 vollendeten Symphonie – es ist Berwalds Dritte – scheint sich schon in den ersten Takten zu bestätigen. Das Ungewöhnliche ist hierbei allerdings nicht die Harmonik, sondern ein eigentümliches Changieren der Musik, da ein schlichtes Motiv über wechselnde Harmoniefolgen geschichtet wird. Nach einem originellen zweiten Satz, in dem das Scherzo als ein Mittelteil in das Adagio integriert wird, folgt ein impulsiv-funkensprühendes Finale, dessen mitreißender Elan einen gelungenen Kontrast zum Vorhergehenden bietet.

Nach Franz Berwalds Sinfonie singulière, die Herbert Blomstedt im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe auch herausgegeben hat, folgt die Siebte Symphonie von Antonín Dvořák, den kein Geringerer als Hans von Bülow voller Bewunderung als »den nächst Brahms gottbegnadetsten Tondichter der Gegenwart« bezeichnete. Bei der Londoner Premiere hat das Werk »sehr gefallen« (Dvořák); selbst der damals gefürchtete Kritiker George Bernard Shaw lobte »die Mannigfaltigkeit der Rhythmen und Figuren«.

Bülows Berwald, Bülows Dvořák

Zwei denkbar unterschiedliche philharmonische Karrieren

Seltsam und absonderlich: Franz Berwalds Symphonie Nr. 3 C-Dur »Sinfonie singulière«

Franz Berwald hatte ein Image-Problem: Er passte nicht ins kleinkarierte Stockholm seiner Zeit, dafür war er einige Nummern zu groß und zu großspurig. Aber er war auch der Schrecken aller biedermeierlichen Salons in Berlin und Wien. Niemand verstand, auf welchen Leistungen Berwalds lärmendes Selbstbewusstsein beruhte. Felix Mendelssohn Bartholdy, der ihn 1830 in der preußischen Hauptstadt kennenlernte, beklagte die »Prahlerei und Arroganz« dieses seltsamen Vogels und die »sonderbar ausgestopften Harmonien« seiner Gesänge. Geschlagene zwölf Jahre lebte Berwald in Berlin, wo er als Komponist verkümmerte und das Gewerbe wechseln musste: Er gründete ein Orthopädisches Institut, entwickelte viele Apparaturen, mit denen er behinderten Menschen oft unentgeltlich half und die Anerkennung der medizinischen Zunft fand.

1841 gab er das Geschäft auf und fuhr nach Wien, machte die Bekanntschaft von Mozarts Sohn Franz Xaver, besuchte ehrfürchtig eine der Wohnungen Beethovens und dessen Grab auf dem Währinger Friedhof. Die neue Freiheit führte zu einer explodierenden kompositorischen Tätigkeit; innerhalb der nächsten Jahre entstanden seine vier Symphonien und zahlreiche weitere Orchesterwerke. Aber einen Durchbruch erzielte Berwald in Wien genauso wenig wie später in Paris. Er blieb der ungehobelte Außenseiter und setzte sich überall zwischen sämtliche Stühle. Nur einmal schob ihm das Ausland eine bequemere Sitzgelegenheit unter, und das war fast ein Thron.

Im Jahr 1882, als sich das Berliner Philharmonische Orchester gründete, unternahm Hans von Bülow, der es schon bald in einsame Höhen führen sollte, gerade eine Tournee durch Skandinavien. In einer Concertreiseskizze aus Stockholm erwähnte er Berwald und nannte ihn »einen wirklichen musikalischen Selbstdenker«. Wie kam ausgerechnet Bülow, der einstige Freund Wagners und vehemente Förderer von Brahms, Dvořák und Tschaikowsky, 1882 auf diesen schwedischen Komponisten, der bereits seit 14 Jahren tot war und nirgends aufgeführt wurde? Bülow hatte während seiner ersten Berliner Zeit kammermusikalische Soireen veranstaltet, und 1858 setzte er bei einer von ihnen Berwalds d-Moll-Klaviertrio aufs Programm, was einen handfesten Skandal entfachte. Bülow kannte noch weitere Werke Berwalds und empfahl einem Freund: »Das Trio von Berwald ist ferner ein wahres Prachtstück. Sieh Dir einmal die 3 Trios sowie die beiden Clavierquintette dieses alten Zukunftsmusikers an, und Ihr werdet Eure Freude daran haben.«

Als Bülow im Herbst 1887 Chef der Berliner Philharmoniker wurde, konnte er nichts für den Schweden tun. Die vier Symphonien waren ungedruckt, nur eine von ihnen, die Sérieuse, erklang zu Berwalds Lebzeiten, in einem desaströs endenden Stockholmer Konzert 1843. Danach ließ Berwald diese Werke lieber im Schrank reifen. Und vergaß sie schließlich: Berwalds Vierte, die Sinfonie naïve, erlebte ihre Uraufführung 1878, zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten, die Sinfonie singulière 1905 und die Sinfonie capricieuse 1914.

Was die Zeitgenossen Berwalds an seinen Werken auszusetzen hatten, wirkt heute originell und progressiv: abrupte Stimmungswechsel, erschütternd wenig melodisches Material. Doch das Wenige wird durch Berwalds Handhabung und Harmonik zu etwas ganz Eigenartigem. Gerade der Beginn seiner Sinfonie singulière illustriert dieses Verfahren exemplarisch: Es ist das Beben zweier Töne im Quartabstand, das von den Bässen und Geigen bis zu den Holzbläsern aufsteigt; aber wie gekonnt versteht es Berwald, die Monotonie durch dissonante Liegetöne zu umgehen und den ganzen Vorgang schließlich in einen berückenden Flötentriller münden zu lassen! Über mehrere motivische Kurzformeln entwickelt sich daraus das klangmächtig hervorbrechende Hauptthema in Hörnern und Trompeten. Aber es ist gar kein richtiges Thema, sondern nur die signalartige Wiederholung der stets gleichen Töne, unterbrochen von harmonisch changierenden, schäumenden Streicherläufen. Im weiteren Verlauf schwillt die Musik zu dämonischer Größe an, und die vom Orchester wütend herausgeschleuderten Achtelketten, jeweils nur um einen Halbton verschoben, drohen fast die symphonische Konstruktion zu zerbrechen. Doch beendet Berwald plötzlich den Sturmlauf und schiebt kurze Erholungsphasen ein, um sogleich wieder den nächsten Aufruhr loszutreten.

Die folgenden Sätze sind ebenfalls hochoriginell. Das Adagio wird, kaum hat es sein träumerisches Melos gefunden, dreist durch einen Forte-fortissimo-Schlag der Pauke unterbrochen und sofort vom Scherzo abgelöst. Dieses entrollt in geistvollem Wechselspiel launige Fantasiebilder, bevor das Adagio kurz zurückkehrt. Das Scherzo ist demnach als Triosatz des Adagios behandelt, eine bis dato unbekannte formale Lösung. Auch im Presto-Finale taucht die verträumte Melodie des langsamen Teils wieder auf, allerdings kaum überlebensfähig in einem vor Zorn berstenden Satz, dessen Hauptthema eher frenetisch als fröhlich ist. Er steht größtenteils in c-Moll und rettet sich erst ganz zum Schluss in die Grundtonart C-Dur. Ein deutscher Konzertführer resümierte 1919, Berwald sei es in der Singulière gelungen, »nordischem Wesen technischen Ausdruck zu geben, am wirksamsten durch die Harmoniebehandlung.«

Bis zum Jähzorn gesteigerte Empfindlichkeit: Antonín Dvořáks Symphonie Nr. 7 d-Moll op. 70

Vielleicht wäre Berwald durchzusetzen gewesen, hätte Bülow eine Symphonie dieses einzigen skandinavischen Musikgenies vor Grieg in Berlin präsentieren können. Denn Bülow pflegte sich rigoros für Komponisten einzusetzen, die es ihm angetan hatten. Ihn störte kein murrendes Publikum, keine Häme der Kritiker und am allerwenigsten politischer Gegenwind. Und der wehte ihm besonders heftig und seinen Eigensinn besonders anfeuernd im Fall Antonín Dvořáks entgegen. Eigentlich war dieser böhmische Dickschädel ein Glückskind. Er gewann Brahms zum Freund und den Wahl-Berliner Fritz Simrock zum Verleger. Die Deutschen förderten ihn enorm, versuchten aber zugleich, seine symphonischen Ambitionen in die Bahnen ihrer eigenen Tradition zu lenken.

Der Erfolg von Dvořáks Siebter Symphonie gründete sich in Deutschland auf den ernsten Zug des Werkes. Nationaltschechische Anklänge hört man zwar im Scherzo heraus, aber nur das Trio schlägt naiv-volkstümliche Töne an; sonst regieren auch hier ein trübes d-Moll und eine bis zum Jähzorn gesteigerte Empfindlichkeit. Das Scherzo reflektiert, wie das ganze Werk, jenen schicksalhaften Konflikt, in dem sich Dvořák als ein tschechischer Patriot befand, der volkstümlicher Rhapsode und international anerkannter Symphoniker zugleich sein wollte. Die Tendenz des Werks tritt sogleich in den ersten Takten deutlich hervor. Das Allegro maestoso wird von den tiefen Streichern mittels einer unheilverkündenden und doch kämpferischen Formel eröffnet. Lyrische Passagen werden rigoros beiseite gedrängt, und der Satz stürzt auf ein martialisches Ende zu, erlischt dann aber in Resignation. Es folgt einer der trostreichen Naturgesänge, wie er in keinem Werk Dvořáks fehlen darf. Romantischer Hörnerklang und sehnsuchtsvoll hymnisches Streichermelos, allerdings auch heftiges Aufbegehren, in Visionen eines düsteren Triumphs kulminierend, machen dieses Adagio zu Dvořáks großartigstem, tiefsinnigsten langsamen Satz. Nach dem d-Moll-Scherzo ist dann das Finale in derselben Tonart keine Überraschung, eher schon die abschließende Wendung nach D-Dur.

Dvořáks Siebte eroberte das Publikum, weil sie auf geniale Weise das vertraute Schema der tragisch-heroischen Symphonie erfüllte und dadurch letztlich alle Widerstände überwandt. Berwalds 40 Jahre ältere C-Dur-Symphonie fand nie den Weg ins Repertoire, weil sie zu spät gedruckt und auch von Bülow nicht aufgeführt wurde, vor allem aber, weil ihr bizarrer Eigensinn der zentraleuropäischen Tradition widersprach. Die Singulière blieb, wie es ihr Namensgeber geahnt hatte, seltsam und absonderlich. Bis zum heutigen Tag.

Volker Tarnow

Herbert Blomstedt, als Sohn schwedischer Eltern in den USA geboren, wurde zunächst am Konservatorium in Stockholm und an der Universität Uppsala ausgebildet. Später studierte er in New York (Dirigieren), in Darmstadt (Zeitgenössische Musik) sowie in Basel (Renaissance- und Barockmusik). Nach Lehrzeiten bei Igor Markevitch und Leonard Bernstein gab Herbert Blomstedt im Februar 1954 sein Dirigierdebüt beim Philharmonischen Orchester Stockholm. Es folgten Chefpositionen beim Philharmonischen Orchester Oslo, beim Dänischen und beim Schwedischen Radio-Symphonieorchester sowie bei der Staatskapelle Dresden (1975 bis 1985). Von der Saison 1985/1986 an war der Dirigent für ein Jahrzehnt Musikdirektor des San Francisco Symphony Orchestra. Zwischen 1996 und 1998 wirkte er als Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters in Hamburg; anschließend stand er bis zum Ende der Saison 2004/2005 an der Spitze des Gewandhausorchesters Leipzig. Die von ihm vormals als Chefdirigent geleiteten Orchester in San Francisco und Leipzig, die Radio-Symphonieorchester Dänemarks und Schwedens sowie das NHK Symphony Orchestra in Japan und die von ihm seit 1982 regelmäßig dirigierten Bamberger Symphoniker ernannten Herbert Blomstedt zum Ehrendirigenten; die Staatskapelle Dresden verlieh ihm 2007 die Goldene Ehrennadel des Orchesters. Als Gast dirigierte er u. a. die Münchner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, die führenden amerikanischen Orchester, das Israel Philharmonic Orchestra sowie die Wiener Philharmoniker. Auch am Pult der Berliner Philharmoniker war Herbert Blomstedt seit 1976 wiederholt zu erleben, zuletzt im Januar 2015 an drei Abenden mit Anton Bruckners Achter Symphonie. Der Musiker ist gewähltes Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie und mehrfacher Ehrendoktor. 2003 erhielt er das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

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