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16. Apr 2016

Berliner Philharmoniker
Semyon Bychkov

Kirill Gerstein

  • Sergej Rachmaninow
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18 (44 Min.)

    Kirill Gerstein Klavier

  • Peter Tschaikowsky
    Symphonie Nr. 3 D-Dur op. 29 »Polnische« (53 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Kirill Gerstein im Gespräch mit Raphael Haeger (17 Min.)

In einem Fiasko allererster Güte endete 1897 die Uraufführung von Sergej Rachmaninows Erster Symphonie. Ob es wirklich daran lag, dass der mit der musikalischen Leitung betraute Alexander Glasunow sein Lampenfieber im Wodka ertränkt hatte? Rachmaninow, der damals kurz vor seinem 24. Geburtstag stand, stand nicht der Sinn nach Schuldzuweisungen: Er nahm den Misserfolg auf seine Rechnung, zog das von einem Kritiker mit den zehn biblischen Plagen verglichene Werk zurück und beschloss, dem Komponieren zu entsagen. Die Folge war eine schwere Depression, zu deren Überwindung sich Rachmaninow schließlich in ärztliche Behandlung begeben musste. Dem Moskauer Neurologen Nikolai Dahl gelang es, Lebensmut und Schöpferkraft des Komponisten zu neuem Leben zu erwecken – laut Rachmaninow u. a. durch Hypnose.

Von seinen Selbstzweifeln geheilt, schrieb Rachmaninow das dem behandelnden Arzt gewidmete Zweite Klavierkonzert, hob es unter der Leitung von Alexander Siloti im Moskau des Jahres 1901 als Solist aus der Taufe – und landete einen Welterfolg. Den mit exorbitanten technischen Schwierigkeiten aufwartenden Solopart des Werks übernimmt in diesem Konzert der Berliner Philharmoniker der russische Pianist Kirill Gerstein. Am Dirigentenpult steht Gersteins Landsmann Semyon Bychkov, der mit der sinnlichen, wahrlich hypnotischen Kraft von Rachmaninows Musik ebenso vertraut ist wie mit der besonderen Schwermut, die Peter Tschaikowskys Kompositionen auszeichnet.

Gleich Rachmaninow haderte Tschaikowsky ein Leben lang an seinen Fähigkeiten. So schrieb der Komponist 1888 etwa: »Ich habe oft Zweifel an mir selbst und frage mich, ist nicht die Zeit gekommen aufzuhören, habe ich meine Erfindungskraft nicht überspannt?« Die inneren Kämpfe, die Tschaikowsky beim Komponieren auszufechten hatte, sind auch aus der Musik seiner Dritten, wegen ihres im Rhythmus einer Polonaise gehaltenen Finalsatzes Polnische genannten Symphonie heraushören.

Wunderbare Zumutungen

Von wegen populär: Tschaikowsky und Rachmaninow fordern von uns weitaus mehr als genüssliches Mitleiden

Ein Russe schreibt eine polnische Symphonie: Leichtsinn, Irrsinn oder symphonischer Selbstmord? Weder noch. Peter Tschaikowsky wollte 1875 keine Solidaradresse an das unterdrückte Polen richten, wo elf Jahre zuvor der letzte Aufstand vom zaristischen Militär brutal niedergeschlagen worden war. Er verwendete in seiner Dritten Symphonie D-Dur lediglich eine Polonaise. Der Titel Polnische Symphonie geht nicht auf ihn zurück, auch nicht auf den Verleger, wurde aber schon im 19. Jahrhundert bei Aufführungen in Westeuropa verwendet. Doch verbirgt sich hinter dem Namen der Dritten deshalb nichts? Das Thema immerhin war heikel genug. Seitdem die Polen 1609 Moskau erobert und mehrere Jahre besetzt gehalten hatten, erfreuten sie sich nicht gerade vieler Sympathien im Lande. Die Russen sahen in der polnisch-litauischen Union lange ihren größten Feind, und die Zaren konnten diesen nur langsam zurückdrängen. Mitte des 17. Jahrhunderts wurden Smolensk und Kiew wieder russisch, und Ende des 18. Jahrhunderts gelang es mit Hilfe Preußens und Österreichs, den polnischen Staat restlos zu zerstören.

Die Dritte Symphonie von Peter Tschaikowsky

Tschaikowsky begann die Dritte Symphonie 1875 in Usowo, Gouvernement Tambow, auf den Besitzungen eines langjährigen Freundes. Dann begab er sich auf das Landgut eines anderen Freundes, gelegen im Dörfchen Nizy, und hielt sich anschließend in Werbowka auf, wo die Familie seiner Schwester den Sommer verbrachte. Dort vollendete er auch sein neues Werk. Nizy und Werbowka liegen in der Ukraine, nahe Kiew, genauso wie Kamenka, der Hauptwohnsitz der Dawidows, wo Tschaikowsky jedes Jahr zu Gast war. In diesen Gebieten lebten noch viele polnische Landeigentümer. Ein deutscher Autor, Friedrich Meyer von Waldeck, schilderte sie 1884 wie folgt: »Von den Häusern der Bauern unterscheiden sich ihre Wohnungen nur durch etwas mehr Gelass, größere Fenster, Fruchtgärten und abgesonderte Tennen und Viehställe. Nicht selten sieht man die Töchter dieser edlen polnischen Herren in der landesüblichen Bauerntracht, barfuß, auf Feld und Wiese im Schweiße ihres Angesichts arbeiten« – und singen, wie zu ergänzen ist.

Die Polonaise (italienisch: Polacca) untermalte nicht nur die Feste des Adels, sie war auch ein Volkstanz und schon bei Mozart, Beethoven, Schubert, Weber und Schumann beliebt, noch beliebter natürlich bei Chopin und Moniuszko. Trotz ihrer Aufwertung mittels Kunstmusik könnte es sein, dass Tschaikowsky von einer ländlichen Szene zum Finale der Dritten Symphonie inspiriert wurde. Polen selbst bedeutete ihm nichts, es diente nur als Durchgangsstation auf seinen vielen Reisen gen Westen, und politische Freiheitskämpfe ließen ihn ohnehin kalt. Aber von der polnischen Kultur künden bemerkenswerte Spuren in seinem Schaffen. Vier Liederzyklen Tschaikowskys – die Opera 27, 28, 47 und 54 – enthalten Vertonungen übersetzter polnischer Gedichte, und die symphonische Ballade Der Wojewode basiert auf einem Poem des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, übersetzt von Alexander Puschkin.

Tschaikowsky überschrieb das Finale der Dritten Symphonie zunächst mit »Allegro con tempo di Polacca«, verbesserte dann jedoch in »Alla Polacca«, womit deutlich wird, dass es hier nicht nur um eine Vortragsbezeichnung geht. Allerdings ist diese Änderung in den Noten-Editionen nicht berücksichtigt. Der Satz ist auch sonst recht ungewöhnlich. Er enthält extensive Fugen-Passagen, als wollte der Komponist seine Fähigkeiten in der gelehrten Schreibweise unter Beweis stellen, die man damals Russen gern absprach.

Wie andere große Kollegen erwirbt sich Tschaikowsky den Ruf des Symphonikers durch satztechnisches Können, durch eminente kontrapunktische Arbeit. Davon legt der Kopfsatz hinlänglich Zeugnis ab. Das an zweiter Stelle folgende Alla tedesca bringt die übliche Entspannung: Die Allemande oder der Deutsche war ein seit dem 16. Jahrhundert verbreiteter Drehtanz für Paare im Dreier-Takt; aus ihm ging später der Walzer hervor. Vielleicht wollte Tschaikowsky damit seinem Idol Schumann huldigen, dessen Rheinische Symphonie ja auch starke volkstümliche Momente aufweist. Durch das Andante eligiaco wehen Erinnerungen an den feierlichen Satz aus Schumanns Rheinischer, verbunden mit Gedanken, wie ihnen Beethoven in der Szene am Bach seiner Pastorale nachhing. Aus dem äußerst virtuosen und klanglich delikaten Scherzo glaubte man wiederum Glinka und Mendelssohn herauszuhören. Doch das alles sind nur Assoziationen; Tschaikowsky tondichtet hier bereits in seiner unverwechselbaren Sprache und antizipiert unzählige Charaktere und klangliche Valeurs, die wir aus seinen späteren Symphonien kennen. Vollends zu großer Form läuft das Finale auf, diese Symbiose des Volkstümlichen und Verkopften, die das ungewöhnliche Werk auf ebenso mitreißende wie kunstvolle Weise zum Abschluss bringt.

Bis heute verharrt die Polnische im Wartesaal des Repertoires und darf sich nur gelegentlich vor größerem Publikum hören lassen. Aber sie hatte auch Bewunderer: Igor Strawinsky etwa, der sie zu seiner Lieblingssymphonie erkor – kaum verwunderlich angesichts der ballettähnlichen Szenen in dem Stück. Strawinsky vergötterte Tschaikowsky geradezu. Als Zehnjähriger hatte er den »grauhaarigen Mann, breitschultrig und stämmig« im Foyer des Mariinsky-Theaters entdeckt, und 1893 saß er in der Petersburger Uraufführung der Symphonie pathétique, neun Tage vor Tschaikowskys Tod.Weitaus näher kam Sergej Rachmaninow dem Klassiker der russischen Musik. Tschaikowsky versorgte ihn mit Ratschlägen und einem Verleger, der das fis-Moll-Klavierkonzert des 18-Jährigen als Opus 1 druckte. 1893 widmete Rachmaninow dem Andenken des Verstorbenen sein Trio élégiaque.

Sergej Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 op. 18

Wie Tschaikowsky litt Rachmaninow an Selbstzweifeln; Misserfolge stürzten ihn in existenzielle Krisen und lösten langwierige künstlerische Blockaden aus. Die katastrophale Uraufführung seiner Ersten Symphonie beendete beinahe seine kompositorische Laufbahn. Während sich Tschaikowsky stets selbst therapiert hatte, indem er komponierte, musste Rachmaninow auf ärztliche Hilfe zurückgreifen. Der Moskauer Psychiater Nikolai Dahl heilte ihn durch Hypnose. Rachmaninow konnte wieder schreiben. Folgerichtig widmete er 1901 das Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18 diesem Dr. Dahl. In dem Werk steckt nicht mehr so viel Tschaikowsky wie in seinem Opus 1 – aber immer noch genug.

Seit eh und je wird Rachmaninow von wohlklangfeindlichen Widersachern nachgesagt, seine Musik sei noch süßlicher, larmoyanter, pessimistischer und protziger als jene Tschaikowskys. Eine Verleumdung ergibt sich gleichsam aus der anderen, und beide gehen an der Sache vorbei – was schon für Tschaikowsky nicht gilt, kann schlechterdings nicht für Rachmaninow gelten. Wie wenig im übrigen Rachmaninows Musik den Klischees von »grandioser Filmmusik« (Strawinsky) oder gar »gefühlvoller Jauche« (Richard Strauss) entspricht, lassen seine eigenen, unsentimentalen Aufnahmen auch und gerade des Zweiten Klavierkonzerts ahnen. Die dicke Soße haben spätere Pianisten darübergegossen; er selbst spielte, wie er komponierte: präzis die Höhepunkte kalkulierend, mit einem fabelhaften Sinn für Kontraste und einer sensationell klaren Tongebung. Mag Rachmaninow noch so tief im 19. Jahrhundert verwurzelt gewesen und noch so brav den konventionellen Formen gefolgt sein, ihm gelang eine unsagbar suggestive Musik. Sich auf seinen einzigartigen Stil einzulassen, sich auf die Höhe seiner Eingebungen – elegant und herzzerreißend – zu begeben und dabei auch noch einen kühlen Kopf zu bewahren, das ist die Aufgabe, mit der sich in jedem Rachmaninow-Konzert die Interpreten und Zuhörer konfrontiert sehen. Welch wunderbare Zumutung!

Volker Tarnow

Semyon Bychkov wurde in St. Petersburg geboren. Er studierte am dortigen Konservatorium bei Ilya Musin und gewann 1973 den Ersten Preis beim Rachmaninow-Dirigierwettbewerb. Seit er 1975 in die USA emigrierte, führte ihn eine steile Karriere vom New Yorker Mannes College of Music ans Pult der weltweit bedeutendsten Orchester; zudem dirigierte Bychkov vielbeachtete Opernproduktionen z. B. in Mailand, Paris, Wien, London, Berlin, Chicago, New York, bei den Salzburger Festspielen und beim Maggio Musicale Fiorentino (Florenz). In den Jahren 1989 bis 1998 leitete er das Orchestre de Paris; den St. Petersburger Philharmonikern war er von 1990 bis 1994 als Erster Gastdirigent verbunden. Von 1997 bis 2010 führte Semyon Bychkov als Chefdirigent das WDR Sinfonieorchester Köln; zwischen 1998 und 2003 war er in gleicher Funktion an der Dresdner Semperoper tätig. Mit dem BBC Symphony Orchestra tritt der Inhaber des Otto-Klemperer-Lehrstuhls an der Londoner Royal Academy of Music alljährlich bei den Proms auf. Seit Semyon Bychkov 1985 kurzfristig für Riccardo Muti ein Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker übernahm, hat er mehrfach bei ihnen gastiert, zuletzt im Juni 2014 als Einspringer für den erkrankten Lorin Maazel mit Don Quixote von Richard Strauss und der Symphonie Nr. 8 C-Dur von Franz Schubert.

Kirill Gerstein, 1979 in Woronesch (Russland) geboren, begann mit 14 Jahren ein Jazzpiano-Studium am Bostoner Berklee College of Music. Später wandte er sich verstärkt der klassischen Musik zu und setzte seine Ausbildung in New York, Madrid und Budapest bei Solomon Mikowsky, Dmitri Baschkirow und Ferenc Rados fort. Der Preisträger des Arthur-Rubinstein-Wettbewerbsin Tel Aviv 2001 konzertiert als Solist beispielsweise mit den Münchner Philharmonikern, den Symphonieorchestern des SWR, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und dem BBC Symphony Orchestra. In Nordamerika gastiert er regelmäßig u. a. beim Chicago Symphony Orchestra, Saint Paul Chamber Orchestra, dem New York Philharmonic und dem Cleveland Orchestra. Zu den Dirigenten, denen Kirill Gerstein seit Langem künstlerisch verbunden ist, gehören Charles Dutoit und Semyon Bychkov. Als begeisterter Kammermusiker arbeitet Kirill Gerstein – außer im Trio mit Kolja Blacher und Clemens Hagen – auch mit Tabea Zimmermann, Steven Isserlis und András Schiff zusammen. 2010 gewann er den Gilmore Artist Award, mit dessen Preisgeld er neue Kompositionen u. a. bei Alexander Goehr, Oliver Knussen und Brad Mehldau in Auftrag gab. Im Mai 2013 war der Pianist mit seinem Trio erstmals bei der Stiftung Berliner Philharmoniker zu Gast, nun gibt er in diesen Konzerten sein Debüt beim Orchester. Kirill Gerstein hat eine Professur für Klavier an der Musikhochschule Stuttgart inne und unterrichtet darüber hinaus am Boston Conservatory.

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