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28. Okt 2016

Berliner Philharmoniker
Iván Fischer

Christiane Karg, Felix Derveaux

  • George Enescu
    Suite für Orchester Nr. 1 C-Dur op. 9: 1. Prélude à l'unisson (8 Min.)

  • Béla Bartók
    Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Sz 106 (35 Min.)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Mitridate, re di Ponto KV 87: »Lungi da te, mio bene« (10 Min.)

    Christiane Karg Sopran, Felix Derveaux Horn

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    »Misera, dove son!« – »Ah! non son’io che parlo«, KV 369 (9 Min.)

    Christiane Karg Sopran

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Symphonie Nr. 38 D-Dur KV 504 »Prager« (29 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Iván Fischer im Gespräch mit Stephan Koncz (18 Min.)

Es war Stanley Kubrick, der Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta zu einer breitenwirksamen Popularität verhalf: 1980 unterlegte der legendäre amerikanische Filmemacher einige Szenen seines auf Steven Kings gleichnamigem Roman basierenden Horrorfilms The Shining mit dem Beginn des zweiten Satzes von Bartóks 44 Jahre zuvor entstandener Komposition – eine eigenwillige Interpretation dieser Musik, die wie die anderen Sätze des Werks auch Zeugnis von Bartóks ebenso suggestiver wie kompositorisch präzise ausgearbeiteter Klangsprache ablegt. Acht Jahre bevor er die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta schrieb, bekannte Bartók: »In meinen neueren Werken verwende ich mehr Kontrapunkt als früher. So vermeide ich die Formeln des 19. Jahrhunderts, die vorwiegend homofoner Art waren. Ich studiere Mozart. Vereinigte er nicht in wunderbarer Weise kontrapunktische und homofone Ideen in einigen seiner langsamen Sätze?«

Kein Wunder also, dass Bartóks Landsmann Iván Fischer für dieses Konzert auch eine der beliebtesten Symphonien aus Mozarts Feder auf das Programm gesetzt hat. In dem nach gängiger Zählung 38. Gattungsbeitrag Mozarts, der sogenannten Prager Symphonie, sind Anklänge an das Opernschaffen ihres Komponisten kaum zu überhören. Und so ist nur folgerichtig, dass in diesen Konzerten der Berliner Philharmoniker auch Vokalmusik erklingt. Christiane Karg, deren technisch makellos geführter Sopran geradezu dazu prädestiniert ist, Mozarts Musik zum Klingen zu bringen, ist als Interpretin von einigen Arien zu erleben, die Mozart für Konzerte seinerzeit umjubelter Primadonnen schrieb oder mit denen er Bühnenwerken anderer Komponisten zum Erfolg verhalf.

Eröffnet wird das Programm mit Prélude à l’unisson, dem ersten Satz aus der Orchestersuite Nr. 1 des 1955 in Paris verstorbenen rumänischen Komponisten George Enescu. Und auch dieser selten zu hörende Programmpunkt passt ins Bild. Denn seit Fischer im August 2012 sein Amt als Chefdirigent des Konzerthausorchesters antrat, hat er das Berliner Musikleben um zahllose spannende Facetten bereichert. Sein Brückenschlag zwischen Mozart und Bartók, zwischen konzertanter und vokaler Musik, zwischen Altbekanntem und Neuentdecktem verspricht einen ähnlich interessanten Abend.

Goldener Schnitt und Symmetrien in Werken von Enescu, Bartók und Mozart

Proportionen aus der Natur als Vorbild: George Enescus Prélude à lʼunisson

»Enescu ist die größte musikalische Naturerscheinung seit Mozart – was die Tiefe und Mannigfaltigkeit seiner Begabung betrifft.« Ähnlich wie Pablo Casals haben auch Zoltán Kodály und Yehudi Menuhin immer wieder die Universalbegabung von George Enescu hervorgehoben, der Komponist, begnadeter Geiger und Geigenlehrer, Pianist, Dirigent und Musikwissenschaftler in Personalunion war. Das Musizieren Enescus empfand dessen Schüler Menuhin als sprachähnlich, »als ob die Geige eine menschliche Stimme gewesen wäre –, so dass ich jeder Note eine genaue verbale Bedeutung zumessen konnte.« Sein Lehrer riet ihm, »Mozart zu spielen, wie man ihn spielen und verstehen muss: nämlich so, dass jeder Ton, den er komponiert hat, wie eine Silbe oder eine Gebärde eine ganz genaue Bedeutung hat.«

Neben den Violinkonzerten Mozarts führte Enescu schon früh auch das Dritte Konzert von Camille Saint-Saëns auf, dem er später seine 1903 komponierte Orchestersuite Nr. 1 C-Dur op. 9 widmete. Deren Kopfsatz, das Prélude à l’unisson, ist wegen seiner im Einklang geführten Streicher (ohne die Kontrabässe, jedoch mit einer einzelnen Pauke) ein außergewöhnliches, eindringliches Werk mit aus der Natur übernommenen Proportionen, die sich am Goldenen Schnitt orientieren. Pascal Bentoiu, der sich intensiv mit Enescus Leben und Werk auseinandergesetzt hat, wies in diesem Satz die Anwendung der sogenannten Fibonacci-Reihe nach, bei der die Summe von zwei aufeinander folgenden Zahlen jeweils die nächste Zahl der Reihe ergibt (1+1+2+3+5+8+13 etc.), wobei deren Verhältnis zueinander eben den Goldenen Schnitt beschreibt.

Ein Höhepunkt der klassischen Moderne: Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta

Enescus frühes Prélude und Béla Bartóks 1936 komponierte Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta verbindet zum einen die konsequente Anwendung der Fibonacci-Zahlenfolge, nämlich wenn Bartók zu Beginn des ersten Satzes das vorsichtig tastende Fugenthema (mit zuerst fünf, dann acht Tönen und jeweils einer neuen Fugenstimme bei den Takten 5, 8 und 13) langsam bis zu einem Unisono-Höhepunkt ausdehnt. Er schrieb sein Auftragswerk für Paul Sacher und dessen Basler Kammerorchester (ebenfalls für die Kombination von Streichorchester und Schlagwerk (hier zuzüglich Celesta), es ist allerdings deutlich größer besetzt, und Bartók nimmt als Saiteninstrumente neben den Streichern noch die Harfe und das Klavier hinzu. Die Streicher werden zudem in den folgenden drei Sätzen zum Doppelorchester aufgeteilt. Im zweiten Satz über ein folkloristisch anmutendes Tanzthema spielen sie scheinbar um die Wette. Den anschließenden, symmetrisch gebauten langsamen Satz prägt eine typische bartóksche »Brückenform« (A, B, C, B, A) mit Zitaten des Streicher-Fugenthemas innerhalb immer neuer, faszinierend schillernder Klang- und Geräuschkombinationen. Das Rondo-Finale wird zu einem konzertanten Kehraus über ein möglicherweise originär bulgarisches Hauptthema, das die beiden Orchestergruppen wie einen Peitschenkreisel immer von neuem antreibt, nur unterbrochen von dem erneut – nun majestätisch in parallelen Sexten – erklingenden Fugenthema.

Mozarts Musik zwischen Oper und Konzertsaal: Dramen mit und ohne Bühne

1. Mailand 1770/1771

Knapp zwei Wochen vor der Uraufführung von Mozarts Mitridate, re di Ponto KV 87 am 26. Dezember 1770 musste das Mailänder Opernpublikum noch glauben, »daß es unmöglich wäre, daß ein so junger knab, und noch dazu ein deutscher eine italiänische opera schreiben könnte«, wie es Leopold Mozart in einem Brief an seine Frau formuliert. Das von Vittorio Amedeo Cigna-Santi nach der gleichnamigen Racine-Tragödie verfasste Mitridate-Libretto war Mozart Ende Juli 1770 zugegangen. Er hatte allerdings bislang nur die Rezitative sowie lediglich eine Arie für den Sopran-Kastraten Pietro Benedetti, genannt Sartorini, komponiert und wollte nun Leopold zufolge doch »lieber seine Gegenwart erwarten, um das Kleid recht an den Leib zu messen«. Und in der Tat passte dieses nicht auf Anhieb. Für die Arie »Lungi da te, mio bene« (»Fern von dir, meine Liebe«) wurde eine erste Fassung wohl auf den Wunsch Sartorinis noch ausgebaut, die schließlich während der Orchesterproben noch einmal umgearbeitet werden musste. Neben Streichern, paarigen Oboen und Hörnern setzt Mozart zusätzlich ein Solo-Horn in dieser Arie ein, in der Sifare auf seine große Liebe verzichtet und freiwillig in die Ferne ziehen will, um dem Liebesglück des Vaters Mitridate nicht im Weg zu stehen.

2. München 1780/1781

Zehn Jahre später reiste Mozart Anfang November 1780 zur Einstudierung seiner Oper Idomeneo nach München, mit der er versuchte, sich um eine feste Anstellung am Münchner Hof zu bewerben. Schon bei der ersten Probe mit Orchester war der pfalz-bayerische Kurfürst Karl Theodor voll des Lobes, das Mozart sogleich seinem Vater per Brief weiterleitete: »Man sollte nicht meynen, daß in einem so kleinen kopf, so was grosses stecke.« Eine der letzten in München entstandenen Kompositionen ist die für die Gräfin Maria Josepha Paumgarten geschriebene Konzertszene »Misera, dove son!« – »Ah! Non sonʼio che parlo« KV 369. Der Text ist dem Opernlibretto Ezio von Pietro Metastasio entnommen, das bis dato schon von über 40 Komponisten in Musik gesetzt worden war. Der Schmerz der Protagonistin Fulvia über einen verbrecherischen Vater und den zu Unrecht angeklagten geliebten Ezio bohrt sich in spitzen, manisch wiederholten Geigentönen ins Ohr, bis schließlich Koloraturenketten den Ausnahmezustand der Bühnenfigur hochdramatisch darstellen.

3. Prag 1786/1787

Die am 6. Dezember 1786 in Wien vollendete Symphonie Nr. 38 D-DurKV 504erhielt ihren nicht von Mozart stammenden Beinamen durch den Uraufführungsort Prag. Eigentlicher Anlass zur Pragreise war die dort stürmisch umjubelte Premiere seiner Oper Le nozze di Figaro. Mozart hatte sich im Dezember auf den Weg in die Moldau-Metropole gemacht, um eine der folgenden Aufführungen des Figaro selbst zu dirigieren und weitere eigene Konzerte als Pianist zu geben. Die Prager ist die einzige der letzten vier Symphonien, von der wir neben dem Ort auch das genaue Datum der Uraufführung kennen. Wenige Tage nach der Aufführung des Figaro im Gräflich Nostitzschen National-Theater – dem späteren Ständetheater – erklang sie ebenfalls dort am 19. Januar 1787 in einer von Mozart veranstalteten »Akademie«. Im selben Jahr und am selben Ort sollte am 29. Oktober überdies Mozarts neue Oper Don Giovanni ihre Uraufführung erleben.

Bis ins Detail sind Allusionen an die Klangwelten dieser beiden Opern zu vernehmen: Die erhabene feierliche Einleitung des ersten Satzes bietet überraschende Stimmungswechsel, die auf die Ouvertüre und die Komturszene mit einem zuerst überheblichen, dann wie vom Schlag getroffenen Don Giovanni vorausweisen. Dem mit der später entstandenen Oper vertrauten Hörer will es scheinen, als begegne ihm der Verführer – Hand in Hand mit Zerlina auf dem Weg zu seinem Schloss – bereits im Andante der Symphonie, als lenke Mozart in dessen Seitensatz mit einem Pianissimo-Takt und einer kurzen Pause unsere Aufmerksamkeit auf dieses intime Duett aus dem ersten Akt: Über Liegetönen von Hörnern und Bässen intonieren die Geigen eine Melodie wie »Andiam, andiam, mio bene« (Lass uns gehen, Geliebte).

Turbulent überschlagen sich die Ereignisse im Presto-Finale mit dem ohne Zweifel aus dem Figaro-Duett von Susanna und Cherubino übernommenen Hauptthema: »Aprite, presto aprite« (Öffnet schnell). Der Einfallsreichtum, mit dem Mozart schon in den ersten beiden Symphoniesätzen immer wieder neue Türen geöffnet hat, hinter denen sich wunderbare Schöpfungen seines Genies verbergen, generiert erst recht im Rondo-artigen Schluss ein komplexes Ensemble von gleichzeitig durch die Stimmen des Orchesters laufenden musikalischen Gestalten.

Klaus Oehl

Iván Fischer ist seit Beginn der Saison 2012/2013 Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. Der gebürtige Ungar studierte Klavier, Violine und Violoncello in Budapest, bevor er in Wien die Dirigierklasse des bedeutenden Pädagogen Hans Swarowsky besuchte. Danach war er zwei Jahre lang Assistent von Nikolaus Harnoncourt. Iván Fischers internationale Karriere begann 1976 mit dem Sieg beim Dirigentenwettbewerb der Rupert Foundation in London. 1983 kehrte er in seine ungarische Heimat zurück und gründete zusammen mit Zoltán Kocsis das Budapester Festivalorchester, dem er bis heute als Musikdirektor vorsteht. Zudem rief er mehrere Festivals ins Leben, u. a. das Budapester Mahler-Festival, das auch zeitgenössischen Komponisten ein Forum für deren neue Werke bietet. Eine enge künstlerische Partnerschaft verbindet Iván Fischer mit der Wiener Staatsoper; hinzu kommen zahlreiche Produktionen an Opernhäusern wie denen in Zürich, London, Paris und Brüssel. Als Gast dirigiert Iván Fischer z. B. das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Cleveland Orchestra, das New York Philharmonic, das Orchestre de Paris, die Münchner Philharmoniker und das Israel Philharmonic Orchestra. Am Pult der Berliner Philharmoniker war er seit 1989 ebenfalls wiederholt zu erleben, zuletzt Ende Januar 2016 mit Gustav Mahlers Dritter Symphonie. Der auch als Komponist erfolgreiche Musiker – im Juni 2014 wurde seine neue Oper Die Rote Färse im Konzerthaus Berlin erstmals in Deutschland aufgeführt – ist Gründer der Ungarischen Mahler-Gesellschaft und Schirmherr der British Kodály Academy. Zu seinen Auszeichnungen zählen die Goldene Medaille des Präsidenten der Republik Ungarn und der Kossuth-Preis, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Budapest sowie die Ernennung zum »Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres« der Republik Frankreich.

Christiane Karg, in Feuchtwangen (Bayern) geboren, erhielt ihre Gesangsausbildung an der Universität Mozarteum in Salzburg. 2006 debütierte sie bei den dortigen Sommerfestspielen, seit Herbst 2008 ist sie Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, wo sie u. a. die Partien der Susanna, Pamina, Musetta, Mélisande und Zdenka sang. Außerdem gastiert sie regelmäßig an Opernhäusern wie dem Theater an der Wien, der Bayerischen Staatsoper München, der Komischen Oper Berlin, der Semperoper Dresden und der Opéra de Lille. In der vergangenen Spielzeit war die Sopranistin erstmals im Festspielhaus Baden-Baden, am Royal Opera House Covent Garde sowie an der Lyric Opera Chicago zu erleben. Christiane Karg ist auch im Konzertfach international gefragt und tritt mit Orchestern wie dem Concentus Musicus Wien, dem NDR Sinfonieorchester, der Staatskapelle Dresden, dem Philadelphia Orchestra oder dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf. Daniel Harding, Christoph Eschenbach, Riccardo Muti und Mariss Jansons zählen zu den Dirigenten, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Mit besonderer Leidenschaft dem Liedgesang verbunden, ist die Sopranistin regelmäßig zu Gast bei der Schubertiade Schwarzenberg und in der Wigmore Hall, London; zudem gibt sie Liederabende in vielen europäischen Musikmetropolen. In Konzerten der Berliner Philharmoniker debütierte Christiane Karg im März 2014 als Solistin in Gustav Mahlers Vierter Symphonie (Dirigent: Yannick Nézet-Séguin); zuletzt sang sie hier im Januar 2016 unter der Leitung von Christian Thielemann die Sopran-Partie im Requiem von Gabriel Fauré. Im Herbst 2015 wurde Christiane Karg mit dem Kulturpreis Bayern in der Kategorie Kunst ausgezeichnet.

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