Mariss Jansons dirigiert Sibelius, Weber und Bartók

29. Apr 2017

Berliner Philharmoniker
Mariss Jansons

Andreas Ottensamer

  • Jean Sibelius
    Symphonie Nr. 1 e-Moll op. 39 (44 Min.)

  • Carl Maria von Weber
    Konzert für Klarinette und Orchester Nr. 1 f-Moll op. 73 (26 Min.)

    Andreas Ottensamer Klarinette

  • Béla Bartók
    Der wunderbare Mandarin Sz 73, Suite (26 Min.)

Seit 1976 ist Mariss Jansons regelmäßiger Gast der Berliner Philharmoniker, an deren Pult er allerdings schon fünf Jahre zuvor stand: im Rahmen des Karajan-Dirigierwettbewerbs, den er damals als Endzwanziger gewann. Erst kürzlich schwärmte der lettische Dirigent in einem Interview mit der Berliner Morgenpost: »Ich liebe dieses Orchester. Die Musiker sind nicht nur absolut fantastische Instrumentalisten, sie sind echt leidenschaftlich. Ihr künstlerischer Einsatz ist unglaublich. Es ist mir jedes Mal eine Freude, mit dem Spitzenorchester zu musizieren.«

Für seine nächsten philharmonischen Konzerte hat Mariss Jansons ein Programm ausgewählt, das einen weiten Bogen durch verschiedene Epochen der Musikgeschichte schlägt. Am Anfang dieser musikalischen Zeitreise steht das Klarinettenkonzert f-Moll, das Weber 1811 für den Klarinettisten der Münchner Hofkapelle Heinrich Joseph Bärmann schrieb, der über eine Klarinette neuester Bauart verfügte, die den Komponisten zu diesem brillanten Konzert inspirierte. Allerdings geht bereits der melancholisch-elegante Kopfsatz über ein virtuoses Spiel in Tönen weit hinaus, da die Musik eine innere Dramatik entwickelt, die ihre Spannung aus einer Gegenüberstellung bravouröser Spielfiguren und elegischer Ruhe gewinnt. Das stimmungsvolle Adagio lässt in seiner romantischen Klangsprache bereits den Freischütz erahnen. Kontrastierend dazu setzt das folgende lebhafte Rondo einen schmissigen Schlusspunkt. Den Solopart spielt Andreas Ottensamer, Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker.

88 Jahre nach Webers musikalischem Geniestreich entstand Jean Sibelius’ e-Moll-Symphonie, die Mariss Jansons ebenfalls aufs Programm gesetzt hat – ein symphonischer Erstling, in dem sich der finnische Komponist formal an den Gattungsmodellen orientierte, dabei allerdings zu einem höchst individuellen national-romantischen Tonfall fand (nicht umsonst resümierte Armas Järnefelt, Sibelius’ Schwager: »Er verwandelt alles, was sein Ohr erreichte, in ›Sibelius‹«). Abgerundet wird der Abend mit der Suite aus der expressionistischen Tanzpantomime Der wunderbare Mandarin, in der Béla Bartók in ostentativer Abkehr vom Ästhetizismus traditioneller Ballette die »Widerlichkeit der zivilisierten Welt« spiegeln wollte. Die Premiere, die unter der Leitung von Jenő Szenkár am 27. November 1926 an der Kölner Oper stattfand, geriet zum Skandal, der sogar die Politik auf den Plan rief: Der Dirigent wurde in das Amt des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer zitiert, der Bartóks Stück vom Spielplan verbannte...

Mit Tönen sprechen

Anmerkungen zu Werken von Jean Sibelius, Carl Maria von Weber und Béla Bartók

Die Sänger der Münchner Hofoper hatten im frühen 19. Jahrhundert eine starke Konkurrenz im eigenen Haus. Wenn Heinrich Joseph Baermann im Orchestergraben zum Solo ansetzte, stockte so manchem der Atem: »Die ersten Kunstkenner behaupteten, dass die Sänger es nicht versäumen sollten, bei Baermann, dem Klarinettisten, die Geheimnisse über Ansetzen, Bilden, Schwellen und Hinstreben des Tones nicht zu übersehen, und Vortrag, Atemholen, Triller und alle jene Eigenschaften, die sich der gute Sänger so sehr wünschen muss, in der Vollkommenheit zu studieren«, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Carl Maria von Weber war von Baermanns Kunst so angetan, dass er ihm gleich vier große Klarinettenwerke widmete, darunter das heute zu hörende Konzert in f-Moll. Baermanns Meisterschaft kam der Neigung vieler Komponisten entgegen, die Klarinette als Symbol der menschlichen Stimme einzusetzen. Die Erste Symphonie von Jean Sibelius hebt mit dem geheimnisvollen Bardengesang einer einsamen Klarinette an, und Béla Bartók lässt die Lockrufe des Mädchens in seiner Pantomime Der wunderbare Mandarin in der Klarinettenstimme ertönen.

Musikalischer Dialog: Jean Sibeliusʼ Erste Symphonie

Der ungewöhnliche Beginn seines symphonischen Erstlings kündet von dem langen Weg, den Sibelius bis zu diesem Werk zurücklegen musste. Zur Entstehungszeit, kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert, war der finnische Komponist bereits ein arrivierter Künstler, der sich während seiner Studien in Berlin und Wien von einem Symphoniker wie Bruckner ebenso beeindruckt gezeigt hatte wie von den Schöpfern der zeitgenössischen Tondichtung. Zwischen beiden Sphären – und vollständig im Bann des finnischen Nationalepos Kalevala – stehen die symphonische Kantate Kullervo op. 7 sowie die Lemminkäinen-Suite op. 22. Eingedenk dieser Vorgängerwerke scheint sich seine Erste Symphonie ihrer Form erst nach dem buchstäblich sagenhaften Klarinettensolo der einleitenden Takte bewusst zu werden – und stößt an eine Gattungsgrenze, wenn der mit Quasi una Fantasia überschriebene Finalsatz beginnt. Dabei wirkt die e-Moll-Symphonie auf den ersten Blick keineswegs unkonventionell: vier Sätze, Sonatenhauptsatz mit langsamer Einleitung, dreiteiliges Andante, Scherzo mit Trio, Finale mit langsamer Einleitung. Auch die Binnenarchitektur der Sätze mit einander gegenübergestellten Themengruppen mutet vertraut an, allerdings zeigt sich der ureigene Tonfall ihres Schöpfers schon bald in der Überleitung zum Seitenthema des Kopfsatzes, wenn die hohen Streicher den Flöten mit flirrenden Tremoli den Boden bereiten. Das zunächst liedhafte Andante erreicht im weit entfernten Es-Dur ein weiteres Klangplateau, in südlich anmutende Gefilde entführt uns das Scherzo in C-Dur. Das Finale greift das Klarinettenthema vom Beginn wieder auf, doch eine Apotheose will in diesem bewegenden Satz nicht gelingen: Der Hymnus wird zurückgenommen, eine tragische Wendung mit einem lakonischen e-Moll-Schluss quittiert – diese Symphonie mündet in keine Finlandia, auch wenn der Komponist mit Anspielungen auf die karelische Volkskultur nicht spart: So verweist die von Sibelius selten eingesetzte Harfe auf den Klang der symbolträchtigen Kantele.

Instrumentales Theater: Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert Nr. 1

»Weber kam auf die Welt, um den Freischütz zu schreiben« – dieses Wort Hans Pfitzners, ausgesprochen 1926 in einer Rede zum 100. Todestag des Komponisten, wird durch häufiges Zitieren nicht richtiger. Aber das Eigenleben dieser Sentenz spricht Bände, wenn es um die Wirkungsgeschichte Webers geht. Davon zeugen auch die Annalen der Berliner Philharmoniker, die den Freischütz mit Joseph Keilberth und Nikolaus Harnoncourt gleich zweimal vollständig eingespielt haben, während das Erste Klarinettenkonzert, abgesehen von einer Plattenaufnahme mit Karl Leister als Solist und Rafael Kubelík am Pult sowie einer Präsentation des Adagios im Rahmen eines Potpourris, nur zweimal aufgeführt wurde – und zwar 1887 und 1938.

Dabei müsste jeder, der vom Freischütz begeistert ist, auch für dieses Konzert zu gewinnen sein. Unvorstellbar, dass dieses Meisterwerk in kürzester Zeit und parallel zu anderen Arbeiten entstand: 1811 hatte der Komponist den Virtuosen Baermann kennengelernt, ihm zunächst ein Concertino (Es-Dur op. 26) gewidmet und nach der erfolgreichen Uraufführung erfahren, dass der bayerische König Max Joseph und sein Orchester »Concerte von mir haben« wollten. Wenige Monate später lagen zwei Konzerte (f-Moll op. 73 und Es-Dur op. 74) vor und gaben Baermann die Gelegenheit, seine instrumentale Gesangskunst ebenso wie seine stupende Virtuosität zu zeigen. Letztere wird im f-Moll-Konzert eher beiläufig aufgerufen; sie ergibt sich aus den innigen Melodien der Klarinette quasi von selbst. Der erste Satz wirkt wie eine klagende Opernarie, die nach einer mystischen Introduktion des Orchesters anhebt und den Rahmen eines brillanten Konzerts sprengt. Auch das C-Dur-Adagio scheint aus der Welt des Theatermenschen Weber zu kommen – eine romantische Idylle mit sehnsüchtigen Hornrufen. Das finale Rondo, nun in gelöstem F-Dur, kreist um ein tänzerisches Thema, das zu den prägnantesten Erfindungen Webers zählt.

Geschichten aus dem Großstadtdschungel: Béla Bartóks Suite Der wunderbare Mandarin

Mit dem Theater hatte Béla Bartók kein Glück, wenngleich seine drei jeweils einaktigen Bühnenstücke als Hauptwerke bezeichnet werden können. Sie entstanden in jener Zeit, in der sich das »lange 19. Jahrhundert« in eine »Welt von Gestern« verwandelte: 1911 die Oper Herzog Blaubarts Burg op. 11, 1914 bis 1917 die Ballettpantomime Der holzgeschnitzte Prinz op. 13 sowie ab 1917 die Pantomime Der wunderbare Mandarin op. 19, die über mehrere Jahre hinweg komponiert, instrumentiert und dann zur heute erklingenden Suite umgearbeitet wurde.

Die Handlung ist »in einem ärmlichen Vorstadtzimmer« angesiedelt. Hier – so Bartók in einer Inhaltsangabe – »zwingen drei Strolche ein Mädchen, Männer, die ausgeraubt werden sollen, von der Straße heraufzulocken«. Bei einem alten Charmeur sowie einem schüchternen Jüngling ist nichts zu holen, dann aber tritt der exotisch-rätselhafte Mandarin auf, der sich in seiner echten Leidenschaft für das Mädchen durch nichts beirren lässt – auch nicht durch die Zuhälter, die ihn weder durch Ersticken noch durch Erstechen, geschweige denn durch Erhängen zu töten vermögen: »Erst als man den Körper herabgenommen und das Mädchen ihn in die Arme genommen hat, fangen seine Wunden an zu bluten und er stirbt« – Lebenskraft und Liebestod kommen an unerwarteter Stelle zusammen.

Das gewaltsame Ende der Handlung ist allerdings nicht Teil der Mandarin-Suite, welche die letzten zehn Minuten der Ballett-Pantomime durch einen knappen Konzertschluss ersetzt. Bartók erstellte diese Kurzfassung vor allem aus praktischen Gründen, da die Originalversion neben der ohnehin schon üppigen Orchesterbesetzung noch einen gemischten Chor verlangt, der die Widerstandskraft des attackierten Mandarins im Finale mit einer Vokalise kommentiert. Allerdings ist das Werk auch ohne diesen zusätzlichen Reiz spektakulär: Aggressive Motorik, atonale Harmonik, wüst übereinander geschichtete Klangfelder, dazu die markanten Glissandi der Posaunen – die Geburt der Apokalypse aus dem Geiste des Jazz –, all das macht den Wunderbaren Mandarin zu einer der aufregendsten Partituren der Moderne. Wenn das Mädchen mit dem Mandarin tanzt, hebelt Bartók den Dreiertakt aus, indem er den leichten Auftakt auf die schwere Eins setzt: Dieser verschobene Walzer kennt keine »G’schichten aus dem Wienerwald«, sondern nur Storys aus dem Großstadtdschungel.

Olaf Wilhelmer

Mariss Jansons ist seit 2003 Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks. In gleicher Position leitete er zudem von 2004 bis März 2015 das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dessen Ehrendirigent er bleibt. 1943 in Riga geboren, studierte Mariss Jansons Violine, Klavier und Dirigieren am Leningrader Konservatorium und anschließend in Wien bei Hans Swarowsky sowie bei Herbert von Karajan in Salzburg. 1971 gewann er den Herbert-von-Karajan-Dirigentenwettbewerb in Berlin; im selben Jahr holte ihn Jewgeni Mrawinsky als Assistenten zu den Leningrader Philharmonikern (seit 1991: St. Petersburger Philharmoniker), deren ständiger Gastdirigent er bis 1999 war. Von 1979 bis 2000 formte Mariss Jansons das Philharmonische Orchester Oslo als dessen Chefdirigent zum internationalen Spitzenensemble. Zwischen 1992 und 1997 Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra, übernahm er danach (bis 2004) die Leitung des Pittsburgh Symphony Orchestra. Darüber hinaus hat er mit allen bedeutenden Orchestern der Welt erfolgreich zusammengearbeitet. So steht Jansons seit 1976 auch regelmäßig am Pult der Berliner Philharmoniker, zuletzt Anfang März 2016 mit Werken von Berlioz, Dutilleux und Schostakowitsch. Fast 30 Jahre lang, von 1971 bis 2000, hatte Mariss Jansons eine Professur für Dirigieren am St. Petersburger Konservatorium. Zu den vielen Auszeichnungen des Künstlers zählen die Hans-von-Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker (2003), die Ernennung zum »Conductor of the Year« (Royal Philharmonic Society London, 2004) sowie Ehrenmitgliedschaften der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und der Royal Academy of Music. 2010 erhielt Mariss Jansons den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, 2013 den Ernst-von-Siemens-Musikpreis sowie das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland. Für sein Lebenswerk wurde er im März 2015 mit dem Großen Musikpreis von Lettland geehrt, der wichtigsten künstlerischen Ehrung des Landes.

Andreas Ottensamer, in Wien geboren, begann 1999 ein Cellostudium an der dortigen Universität für Musik und darstellende Kunst. 2003 wechselte er ins Klarinettenfach zu Johann Hindler. 2006 spielte Andreas Ottensamer als Substitut im Orchester der Wiener Staatsoper. Er war Mitglied im Gustav Mahler Jugendorchester und im Verbier Festival Orchestra. Im Oktober 2009 unterbrach er ein »Liberal Arts«-Studium an der Harvard University, um der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker beizutreten. Von Juli 2010 an war Andreas Ottensamer Soloklarinettist des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, bevor er Anfang März des folgenden Jahres die gleiche Position bei den Berliner Philharmonikern übernahm. Der Preisträger zahlreicher Wettbewerbe gastiert bei Orchestern wie den Berliner und Wiener Philharmonikern, dem Konzerthausorchester Berlin, dem Rotterdams Philharmonisch Orkest, der Kammerphilharmonie Bremen und der Kammerakademie Potsdam. 2005 gründete Andreas Ottensamer mit seinem Vater Ernst und dem Bruder Daniel (beide sind Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker) das Klarinettentrio The Clarinotts, dem auch bereits einige zeitgenössische Komponisten Werke gewidmet haben. Hinzu kommen künstlerische Partnerschaften mit Leonidas Kavakos, Janine Jansen, Murray Perahia, Leif Ove Andsnes, Sol Gabetta und Yo-Yo Ma. Seit Februar 2013 ist Andreas Ottensamer Exklusivkünstler bei Universal Music. Für sein zweites Album Brahms: The Hungarian Connection erhielt er 2015 den »Echo Klassik«-Preis und wurde als Instrumentalist des Jahres ausgezeichnet. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Andreas Ottensamer zuletzt gemeinsam mit dem Varian Fry Quartett Mitte März 2017 zu hören. Einen Höhepunkt dieser Saison bildet das Europakonzert der Berliner Philharmoniker am 1. Mai 2017, in dem der Musiker den Solopart von Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert Nr. 1 übernehmen wird. Andreas Ottensamer ist gemeinsam mit dem Pianisten José Gallardo künstlerischer Leiter des Schweizer Bürgenstock Festivals.

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