Herbert Blomstedt dirigiert Bruckners Sechste Symphonie

04. Jun 2010

Berliner Philharmoniker
Herbert Blomstedt

Daniel Stabrawa, Ludwig Quandt, Martin Helmchen

  • Ludwig van Beethoven
    Tripelkonzert C-Dur op. 56 (43 Min.)

    Daniel Stabrawa Violine, Ludwig Quandt Violoncello, Martin Helmchen Klavier

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 6 A-Dur (67 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Anton Bruckner: Symphonie Nr. 6 - Eine Einführung von Herbert Blomstedt (16 Min.)

Es sind zwei sicherlich unterbewertete Werke, die Herbert Blomstedt in diesem Konzert mit den Berliner Philharmonikern dirigiert: Beethovens Tripelkonzert und die Sechste Symphonie Anton Bruckners. Das Tripelkonzert entstand in einer der spannendsten Schaffensphasen des Komponisten, als er zu seinem charakteristischen »heroischen« Stil fand. Ein herrlich vorwärtsstürmendes Werk, das aber wegen seiner ungewöhnlichen Besetzung nur unregelmäßig im Konzert zu hören ist. In diesem Mitschnitt gibt das Tripelkonzert Gelegenheit, zwei Musiker aus der Mitte der Berliner Philharmoniker in solistischer Funktion kennen zu lernen: den 1. Konzertmeister Daniel Stabrawa und den 1. Solo-Cellisten Ludwig Quandt. Ihnen zur Seite steht der junge Pianist Martin Helmchen, der mit diesem Auftritt bei den Berliner Philharmonikern debütiert.

Auch Bruckners Sechste Symphonie wird weit seltener aufgeführt als ihre Nachbarwerke: die Vierte, Fünfte und Siebte. Herbert Blomstedt allerdings charakterisierte die Symphonie bei seinem Gastspiel mit liebevollem Respekt. Wie ein Berg sei sie, »der wunderbare Ausblicke gewährt«. Dass Blomstedts Interpretation die Qualitäten des Werks bestens zur Geltung brachte, zeigt beispielhaft die Rezension des Tagesspiegels: »Souverän schlägt er weite Bögen, sorgt dafür, dass die innere Spannung keine Sekunde lang abreißt. Und die Philharmoniker folgen ihm gebannt, geben sich dieser schwelenden Musik hin, mit blendenden Bläsern und einem Streicherklang von wahrhaft berauschender Tiefe.«

Ausnahmeerscheinungen

Beethovens Tripelkonzert und Anton Bruckners Sechste Symphonie

Ist Ludwig van Beethovens Tripelkonzert ein problematisches Werk? Die musikinteressierte Öffentlichkeit scheint das anfangs so empfunden zu haben. Anton Schindler jedenfalls berichtet in seiner 1840 veröffentlichten Biographie von Ludwig van Beethoven über das Jahr 1808: »In den Sommerkonzerten im Augarten kam das Concertino für Pianoforte, Violine und Violoncell zum erstenmal zur Aufführung.« Doch bevor Beethovens Tripelkonzert dort präsentiert wurde, war es bereits am 18. Februar 1808 im Leipziger Gewandhaus erklungen. So berichtet es die Statistik der Concerte im Saale des Gewandhauses zu Leipzig. In einer Rezension heißt es: »Der Komponist hat darin seiner reichen, aber auch in ihrem Reichtum gern üppig schwelgenden Phantasie den Zügel, wie kaum sonst irgendwo, schiessen lassen.« Dem Vorwurf, Beethovens Tripelkonzert würde »nur aus Passagen bestehen, welche auf die drey Instrumente ziemlich gleichmäßig verteilt sind, mit der Zeit aber, für den Zuhörer, wie für den Spieler gleich ermüdend werden« – so die Allgemeine Musikalische Zeitung von 23. Juni 1808 – sah sich das Werk auch in Zukunft immer wieder ausgesetzt. Ausgenommen wurde dabei stets der dritte Satz, der offenbar »am meisten« gefiel, wie ein Rezensent in der Zeitung für die elegante Welt 1808 betonte.

Letztlich haben wir es mit einem »Klaviertrio in Form eines Konzerts« (Harry Goldschmidt) zu tun. Wobei Beethoven dem Violoncello die führende Rolle überträgt und ihm so eine partnerschaftliche Position gegenüber der Violine zuweist, während der transparente Klaviersatz mehr im Hintergrund bleibt. Dieses »Muster« gibt Beethoven bereits im ersten Satz vor: Einleitend trägt das Orchester das prägnante Thema vor, ehe das Violoncello mit dem geheimnisvoll-dunklen Gedanken einsetzt, der dann mit einem schwungvoll-marschartigen zweiten Thema konfrontiert wird. Nach brillanten Skalen- und Trillerfolgen in der Durchführung, nach überraschenden harmonischen Rückungen und spannenden Dialogen zwischen den Solisten bzw. zwischen ihnen und dem Orchester führt das Violoncello »cantabile« noch einen neuen sehnsüchtigen Gedanken in c-Moll ein. Erst danach endet der Satz im triumphalen Fortissimo, charakteristisch für Beethovens »heroische« Schaffensperiode.

Auf das klanglich reizvolle As-Dur-Largo folgt attacca das schwungvolle Rondo alla Polacca, unbeschwert in seinen thematischen Einfällen und auch hier in der Finalgestaltung typisch für den »mittleren« Beethoven: Nach einem Wechsel in den Zweiertakt schon fast am Ziel, nimmt er den ursprünglichen Polonaisenrhythmus im Dreiertakt wieder auf, ehe er das Tripelkonzert mit einer wirkungsvollen Stretta beschließt.

Genauso wenig wie Beethovens Tripelkonzert ein problematisches Werk ist, ist Anton BrucknersSymphonie Nr. 6 A-Dur eine unproblematische Komposition – auch wenn sie in der Literatur mitunter so eingeschätzt wird. Zweifellos, ihre geradlinige Entstehungsgeschichte ist, im Unterschied zu Bruckners vorangegangenen Symphonien Nr. 1 bis Nr. 5, tatsächlich leicht überschaubar: Ihren im Spätsommer 1879 begonnenen ersten Satz vollendete er am 27. September 1880. Knappe acht Wochen später, am 22. November, schloss er das Adagio ab; am 17. Januar 1881 waren das Scherzo und am 3. September 1881 der Finalsatz beendet. Danach gab es, völlig untypisch für Bruckner, keine Umarbeitungen, keine Mehrfachfassungen, keine Korrekturen. Das besorgten erst nachfolgende Dirigenten wie zum Beispiel Gustav Mahler, der das Werk gekürzt und instrumental verändert am 26. Februar 1899 in Wien mit den dortigen Philharmonikern aufführte. Bereits davor hatte dieses Orchester im Beisein von Bruckner am 11. Februar 1883 unter Wilhelm Jahn die beiden Mittelsätze Adagio und Scherzo interpretiert. Die vollständige originale Komposition, die Bruckner so nie gehört hat, erklang erstmals am 14. März 1901 mit der Stuttgarter Hofkapelle unter Wilhelm Pohlig.

In ihrer formalen Struktur unterscheidet sich die Sechste, von Bruckner als »keckste« und »kühnste« unter seinen Symphonien bezeichnet, kaum von den späteren symphonischen Werken. Die vier Sätze sind thematisch miteinander verknüpft und der erste Satz besteht aus drei deutlich voneinander abgesetzten und doch substanziell miteinander verbundenen Abschnitten. Harmonisch betreibt Bruckner ein »merkwürdiges Tonarten-Verwirrspiel« (Manfred Wagner); er wandert vom A-Dur im Kopfsatz mit kirchentonalen Anklängen zum F-Dur des Adagio, zum a-Moll des Scherzo mit C-Dur-Trio, und beschließt dann wieder mit einem strahlenden A-Dur die Symphonie. Klar und rhythmisch pointiert erklingt im eröffnenden Maestoso das erste Thema mit jenem für Bruckner so charakteristischen Quint-Sprung nach unten. Auch das rhythmische Spannungsfeld zwischen der Zweier- und Dreier-Zählzeit wird gleich in den ersten Takten etabliert. Diese Polymetrik dominiert auch den zweiten und dritten Themenkomplex. Während die beiden ersten Abschnitte in einer feierlichen Haltung einherschreiten, besitzt der dritte Abschnitt einen fast schon tänzerischen Gestus.

Herzstück der Sechsten Symphonie ist das Adagio mit seinem weitgespannten Ausdrucksgehalt. Zum ersten Mal innerhalb seines Schaffens stellt Bruckner hier den langsamen Satz in den Mittelpunkt der symphonischen Gesamtkonzeption. Und zwar nicht als leichtgewichtiges Genrestück, sondern als Ausgangspunkt und Zentrum für das gesamte Werk. Dementsprechend differenziert sind die drei Themenblöcke angelegt, werden sie im Ausdruck gesteigert und im Klangbild ausgeweitet. Glückliche Lebensbejahung, jubelnde Lebensfreude wird mit tiefster Verzweiflung, mit schmerz- und leidvollem Verzicht konfrontiert. Doch das Adagio spricht auch von Trost und Hoffnung und bestätigt diese Ausdruckshaltung am Satzschluss mit einer Wendung von Moll nach Dur. Gespenstisch-leise beginnt danach das ungewöhnliche Scherzo, in dem idyllische Beschaulichkeit immer wieder in ein aggressives Forte umschlägt. Eine Haltung, die das Finale, »bewegt, doch nicht zu schnell«, übernimmt. In der Form entspricht es dem ersten Satz mit seinen drei im Ausdruck unterschiedlichen Themenblöcken: kämpferisch-siegreich zu Beginn, verinnerlicht und mit anklingender Choralthematik im zweiten Themenkomplex und am Schluss strahlend-glanzvoll bei der Reminiszenz an das leuchtende Hauptthema aus dem ersten Satz. Mit einer triumphalen Steigerung endet Anton Bruckners Sechste Symphonie.

Ingeborg Allihn

Herbert Blomstedt, als Sohn schwedischer Eltern in den USA geboren, wurde zunächst am Konservatorium in Stockholm und an der Universität Uppsala ausgebildet. Später studierte er in New York (Dirigieren), in Darmstadt (Zeitgenössische Musik) sowie in Basel (Renaissance- und Barockmusik). Nach Lehrzeiten bei Igor Markevitch und Leonard Bernstein gab Herbert Blomstedt im Februar 1954 sein Dirigierdebüt beim Philharmonischen Orchester Stockholm. Es folgten Chefpositionen beim Philharmonischen Orchester Oslo, beim Dänischen und beim Schwedischen Radio-Symphonieorchester sowie bei der Staatskapelle Dresden (1975 bis 1985). Von der Saison 1985/1986 an war der Dirigent für ein Jahrzehnt Musikdirektor des San Francisco Symphony Orchestra. Zwischen 1996 und 1998 wirkte er als Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters in Hamburg; anschließend stand er bis zum Ende der Saison 2004/2005 an der Spitze des Gewandhausorchesters Leipzig. Die von ihm vormals als Chefdirigent geleiteten Orchester in San Francisco und Leipzig, die Radio-Symphonieorchester Dänemarks und Schwedens sowie die von ihm seit 1982 regelmäßig dirigierten Bamberger Symphoniker ernannten Herbert Blomstedt zum Ehrendirigenten, die Staatskapelle Dresden verlieh ihm 2007 die Goldene Ehrennadel des Orchesters. Als Gast dirigierte er u. a. die Münchner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, die führenden amerikanischen Orchester, das Israel Philharmonic Orchestra sowie das NHK Symphony Orchestra. Auch am Pult der Berliner Philharmoniker war er seit 1976 mehrfach zu erleben, zuletzt Anfang April 2008 mit Bruckners Fünfter Symphonie. Herbert Blomstedt ist gewähltes Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie, mehrfacher Ehrendoktor sowie – seit 2003 – Träger des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Martin Helmchen, ein gebürtiger Berliner, begann im Alter von sechs Jahren mit dem Klavierunterricht; später zählten Galina Iwanzowa an der Musikhochschule »Hanns Eisler« in Berlin, Arie Vardi an der Hochschule für Musik und Theater Hannover sowie William Grant Naboré an der Klavierakademie Comer See zu seinen Lehrern. 2001 gewann er den Clara-Haskil-Wettbewerb im schweizerischen Vevey, 2005 ein Stipendium des Borletti-Buitoni Trust und im Folgejahr den »Credit Suisse Young Artist Award«, der ihm auch sein Debüt mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev beim Lucerne Festival ermöglichte. Seither hat Martin Helmchen u. a. mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, den Bamberger Symphonikern, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem Orchestre National de France, dem Tonhalle Orchester Zürich, dem London Philharmonic Orchestra sowie dem BBC Symphony Orchestra und mit Dirigenten wie Marc Albrecht, Philippe Herreweghe, Marek Janowski, Vladimir Jurowski, Yakov Kreizberg und Bruno Weil zusammengearbeitet. Als einem bei den renommierten Festivals in aller Welt gern gesehener Gast, gilt Martin Helmchens besondere Leidenschaft der Kammermusik: Regelmäßig musiziert er mit Heinrich Schiff und Marie-Elisabeth Hecker (Violoncello); weitere Partner sind Gidon Kremer, Christian Tetzlaff und Julia Fischer (Violine), Sharon Kam und Sabine Meyer (Klarinette) sowie die Sopranistin Juliane Banse. Nach seinem Debüt-Recital in der Reihe Klavier der Stiftung Berliner Philharmoniker am 19. Mai ist Martin Helmchen mit der Klavierpartie in Beethovens Tripelkonzert nun erstmals auch als Solist des Orchesters zu hören.

Ludwig Quandt wurde in eine Familie von Berufsmusikern hineingeboren und begann mit sechs Jahren Cello zu spielen. Später war er Schüler von Arthur Troester an der Musikhochschule Lübeck; Meisterkurse bei Boris Pergamenschikow, Zara Nelsova, Maurice Gendron, Wolfgang Boettcher und Siegfried Palm ergänzten sein Studium. Ludwig Quandt wurde unter anderem beim ARD-Wettbewerb in München und mit dem Premio Stradivari in Cremona ausgezeichnet; zweimal gehörte er bei den »Konzerten junger Künstler« zur Bundesauswahl. 1991 kam Ludwig Quandt zu den Berliner Philharmonikern, seit 1993 ist er bei ihnen 1. Solo-Cellist. Neben seiner Arbeit im Orchester konzertiert er weltweit als Solist und als Kammermusiker, nicht zuletzt ist er Mitglied verschiedener philharmonischer Ensembles.

Daniel Stabrawa wurde in Krakau geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt, war Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe und erhielt 1979 die Konzertmeisterstelle beim Rundfunk-Orchester Krakau. Er ist seit 1983 Mitglied der Berliner Philharmoniker, seit 1986 einer von drei Ersten Konzertmeistern. 1985 gründete Daniel Stabrawa mit drei Kollegen aus dem Orchester das Philharmonia Quartett, das überaus erfolgreich in Berlin und anderen internationalen Musikzentren konzertiert und mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet wurde. Der Künstler, der sich seit 1994 verstärkt auch dem Dirigieren widmet, leitete vom Beginn der Spielzeit 1995/96 an für sieben Jahre die Capella Bydgostiensis in Bydgoszcz (Bromberg).

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