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27. Feb 2016

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Daniel Stabrawa

  • Albert Roussel
    Le Festin de lʼaraignée, Symphonische Fragmente aus der Ballett-Pantomime op. 17 (18 Min.)

  • Karol Szymanowski
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 op. 61 (25 Min.)

    Daniel Stabrawa Violine

  • Jean-Philippe Rameau
    Les Boréades: Orchesterstücke aus der Oper, zu einer Suite zusammengestellt von Sir Simon Rattle (33 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Daniel Stabrawa im Gespräch mit Rainer Seegers (12 Min.)

Mit Le Festin de l’araignée (Das Festmahl der Spinne) schuf Albert Roussel eine der farbenreichsten Ballettpartituren des 20. Jahrhunderts – eine brillant instrumentierte Tanzpantomime, in welcher der Mikrokosmos der Insekten zu einem ironischen Spiegelbild des menschlichen Lebens wird. Die Premiere des impressionistisch-schillernden Meisterwerks am 3. April 1913 wurde Roussels erster großer Erfolg – kein Wunder, dass der einstige Vincent-d’Indy-Schüler von dem Stück bald eine Version für den Konzertsaal anfertigte, die Sir Simon Rattle an den Anfang dieses Konzerts gestellt hat.

Anschließend widmet sich Daniel Stabrawa, 1. Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, dem zweiten Violinkonzert seines Landsmanns Karol Szymanowski, der zu den bedeutendsten schöpferischen Talenten der polnischen Musikgeschichte im 20. Jahrhundert zählt. Das Werk, in dem das reiche Klanggewebe des Orchesterparts aufgrund der Verwendung ständig wechselnder Instrumentalgruppen eine geradezu kaleidoskopartige Vielfalt der Klangfarben erzeugt, ist von den folkloristischen Musiktraditionen der hohen Tatra beeinflusst, wobei diese Einflüsse untrennbar mit Szymanowskis eigenem Komponieren verbunden werden.

Nach der Pause präsentiert Sir Simon ein Werk, das er während seiner 18 Jahre währenden Zeit in Birmingham als ureigenes Markenzeichen eingeführt, und das er in Berlin erstmals Anfang November 1993 dirigiert hat: Ein eigenes Arrangement aus Jean-Philippe Rameaus letzter Tragédie lyrique Les Boréades, die erst mehr als 200 Jahre nach der Entstehung ihre konzertante Premiere erlebte. Denn das Werk, das Rameau als 80-Jähriger in seinem vorletzten Lebensjahr komponierte, wurde seinerzeit zwar geprobt, und das mit den damals bedeutendsten Sängerinnen und Sängern der Pariser Opéra. Die fürs Frühjahr 1764 avisierte Premiere kam jedoch nicht zustande. Ursachen hierfür könnten ebenso das Égalité und Fraternité verherrlichende Libretto gewesen sein, wie die extremen Schwierigkeiten, mit denen die Partitur nicht nur in den Gesangspartien aufwartet.

L’orchestre danse

Tänze und Konzerte aus Frankreich und Polen

Die Flöhe husten hören: Le Festin de l’araignée op. 17 von Albert Roussel

Möglicherweise war es der frühe Verlust familiärer Wurzeln, der den 1869 geborenen Albert Roussel dazu bewog, die Laufbahn eines Seemanns einzuschlagen, bevor er sich dem Musikstudium widmete. Mit acht Jahren Vollwaise, wuchs Roussel bei diversen Verwandten auf, die sein musikalisches Talent erkannten und ihn durch Orgel- und Theorieunterricht förderten. Nach dem Besuch der Eliteschule des Collège Stanislas in Paris stellte er sich der Aufnahmeprüfung, jedoch nicht – wie zuvor Claude Debussy oder wenig später Maurice Ravel – am Konservatorium, sondern an der Marineschule. Als Matrose fuhr er anschließend sieben Jahre zur See und brachte sich u.a. während Überfahrten nach Fernost im Selbststudium Musiktheorie bei. Im Winter 1893/1894 nutzte Roussel einen längeren Landgang im nordfranzösischen Roubaix dazu, die Harmonielehreklasse von Julien Koszul zu besuchen. Dieser ermutigte den 25-jährigen Marineleutnant, die See gegen die Musik einzutauschen und bei Vincent d’Indy an der gerade in Paris gegründeten Schola Cantorum Komposition zu studieren.

Nicht nur der berufliche Umweg über die Weltmeere macht Roussels Sonderstellung als Komponist aus, sondern auch seine Vorliebe für exotische Themen. Berühmt wurde er vor allem durch seine Ballett-Pantomime Le Festin de l’araignée op. 17. Deren Widmungsträger, der Dirigent Jacques Rouché, wurde während der Komposition am »Festmahl der Spinne« im Dezember 1912 über einige der Figuren des auf Jean-Henri Fabres Souvenirs entomologiques basierenden Insektendramas informiert: »Neben der Spinne, die sowohl durch Mimik als auch durch Tanz dargestellt wird, gibt es die schon weit fortgeschrittenen Tänze der Eintagsfliege und des Schmetterlings.«

Roussels Ballett, in dessen dargestelltem Mikrokosmos auch Ameisen und eine Gottesanbeterin in Erscheinung treten, wurde am 3. April 1913 im Théâtre des Arts Paris aus der Taufe gehoben und zählt bis heute zu den am häufigsten aufgeführten Werken Roussels.

Aus dem Tatragebirge: Karol Szymanowskis Violinkonzert Nr. 2 op. 61

Mit der Unabhängigkeit Polens 1918 gab es Bestrebungen, die eigene nationale kulturelle Identität neu zu definieren. Auch im Spätwerk von Karol Szymanowski, dem ersten bedeutenden polnischen Komponisten nach Frédéric Chopin, zeigt sich von 1920 an bis zu seinem Tod die deutliche Formulierung eines modernen musikalischen Nationalstils, in dem sich polnische Folklore und kompositionstechnische Neuerungen des 20. Jahrhunderts miteinander verbinden. Nachdem Szymanowski das Amt als Direktor des Warschauer Konservatoriums niedergelegt hatte, nahm er 1932 in Zakopane in der Tatra seinen ständigen Wohnsitz. Hierhin war er schon in den Jahren zuvor gereist, um die musikalische Folklore der Goralen, den Bewohnern des Tatragebirges, zu studieren. Bei den gemeinsam mit dem befreundeten Dichter Mieczysław Rytard besuchten Tanz- und Musikvergnügungen hatte das Geigenspiel eines schmächtigen alten Bauers mit Namen Bartuś Obrochta besonderen Eindruck auf den Komponisten gemacht. Rytard berichtet davon, wie sehr Szymanowski trotz der »bei solchen Gelegenheiten nicht wegzudenkenden Schnäpschen« daran gelegen war, »diese merkwürdigen, primitiven Melodien zu enträtseln. Als Bartuś gebeten wurde, einige Klänge zu wiederholen, war Karol über gewisse, sich jedesmal voneinander unterscheidende Änderungen der Grundmelodie erstaunt... ›Sein Spiel ist eigentlich eine Art Improvisation‹, lautete Karols Urteil.«

Im Juni 1932 reiste Szymanowski nach Paris, wo er an einem Festival polnischer Musik teilnahm und den befreundeten Geiger Paweł Kochański traf. Dieser war bereits Widmungsträger von Szymanowskis Erstem Violinkonzert und überredete den Komponisten zu einem weiteren Gattungsbeitrag: »Paweł provozierte mich und presste buchstäblich das ganze (zweite) Violinkonzert aus mir heraus.« Innerhalb von nur vier Wochen entstand im Sommer des Jahres das Violinkonzert Nr. 2 op. 61; die Instrumentierung und Reinschrift der Partitur wurde jedoch erst im September 1933 fertig, noch ergänzt durch eine von Kochański komponierte Solokadenz. Für den mittlerweile schwer krebskranken Geiger war die von Grzegorz Fitelberg dirigierte Warschauer Uraufführung am 6. Oktober 1933 zugleich der letzte Auftritt in Polen.

Das optimistische Grundmotiv des Werkes ist ein umgekehrter, aufwärts geführter Kuckucksruf, der sich, vier Mal nacheinander gespielt, zu einem schlichten Thema fügt. Zyklisch kreist das einsätzige Konzert um diese idée fixe, die zwar selbst keine originale Volksmelodie ist, aber doch in Einfachheit und Gestus die Spielweise der Goralenmusiker aufgreift. Szymanowski beleuchtet die Melodie mit fast unmerklichen Veränderungen in vier unterschiedlichen Tempi und Charakteren immer neu: Sehnsüchtig schwärmerische Geigenkantilenen zu Beginn werden in ein rhythmisch pointiertes Stampfen überführt, das genauso vom Schlagwerk unterstützt wird wie die energisch-treibende Melodievariante nach der Solokadenz mit nun vier nach oben führenden Tönen. Sie ist der Auftakt zu einer ausgelassenen Tanzmusik nach Art der Bergbauern, verliert sich nur kurz in einem lyrischen Zwiegespräch von Solist und Orchester, um am Schluss mit vollem Einsatz der Blechbläser zu einem grandiosen Schluss geführt zu werden.

Vom Winde verweht: die Oper Les Boréades von Jean-Philippe Rameau

Seine letzte, 1763 im Alter von 80 Jahren komponierte Oper Les Boréades sollte Jean-Philippe Rameau nicht mehr auf der Bühne zu Gesicht bekommen. War der Grund hierfür Rameaus Tod am 12. September 1764 oder ein allzu subversives Textbuch, in dem »das höchste Gut, die Freiheit« gefeiert wird? Bis 1982 ließ die szenische Aufführung der Tragédie lyrique (beim Festival in Aix-en-Provence) auf sich warten. Die instrumentale Suite des Werks mit Ouvertüre und einem Dutzend Nummern aus Tänzen, Zwischenaktmusiken und Airs wurde in unterschiedlicher Reihenfolge dagegen häufig gespielt.

1653 hatte der gerade 15-jährige König Ludwig XIV. mit seinem spektakulären Auftritt als Figur der aufgehenden Sonne in dem Ballet de la Nuit – was ihm den Beinamen „Sonnenkönig“ eintragen sollte – die Tanzbegeisterung der französischen Aristokratie vollends entfacht. Ein mit ihm tanzender, frisch berufener Hofkomponist und späterer Hofkapellmeister, Jean-Baptiste Lully, begründete nicht nur die neuen Musiktheatergattungen Tragédie lyrique, Opéra-ballet und (gemeinsam mit Molière) Comédie-ballet, sondern auch die instrumentale Ballettsuite, die noch zu Rameaus Zeiten überaus beliebt war. Dabei waren die meisten Tänze ursprünglich Volkstänze, die erst im 17. Jahrhundert an den französischen Königshof kamen: In stilisierter Form tanzte man den südfranzösischen Rigaudon ebenso wie die Gavotte, einen Volkstanz der als »gavots« bezeichneten Bergbewohner der Provence. Im leicht bewegtem Viervierteltakt mit einer bzw. zwei Noten als Auftakt wurden sie im Tanzsaal und auf der Opernbühne populär, nur noch übertroffen vom Menuett, dessen gemessene Gangart im Dreivierteltakt zum musikalischen Kennzeichen des Adels und seiner verfeinerten Lebensführung wurde. Bezeichnenderweise verschwand dieser Gesellschaftstanz nach der französischen Revolution von der Tanzfläche und nahm als dritter Satz seinen festen Platz in der Symphonie ein.

Auch in Form einer Orchestersuite verliert Rameaus Boreaden-Musik wegen des programmatischen Themas der durch Winde und Stürme dargestellten Leidenschaften nichts von ihrer Faszination. Eine genaue Kenntnis der komplizierten Liebeswirren um die Königin Alphise – die eigentlich Abaris liebt, aber von den Söhnen aus dem Boreas-Geschlecht der Nordwinde bedrängt wird – ist nicht vonnöten. In die als Jagdmusik gestaltete dreisätzige Ouvertüre pfeifen bereits bedrohlich die kalten Nordwinde hinein – ein Vorgeschmack auf die zupackende Sturmmusik des Entr’acte Suite des Vents. Sanftere Westwinde wehen bei besserem Wetter in den heiteren Airs und Gavotten pour les Heures et les Zéphirs.

Klaus Oehl

Daniel Stabrawa wurde in Krakau geboren. Er studierte an der Musikhochschule seiner Heimatstadt bei Zbigniew Szlezer, war Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe und erhielt 1979 die Konzertmeisterstelle beim Rundfunk-Orchester Krakau. Seit 1983 ist er Mitglied der Berliner Philharmoniker, drei Jahre später wurde er einer ihrer drei Ersten Konzertmeister. Bereits mehrfach war er auch als Konzertsolist der Berliner Philharmoniker zu erleben: so führte er unter anderem Violinkonzerte von Prokofjew, Mozart und Beethoven mit dem Orchester auf. 1994 spielte er das Erste Violinkonzert von Karol Szymanowski unter der Leitung von Mariss Jansons, welches seit 1955 nicht mehr mit dem Orchester erklungen war. In jüngerer Zeit war er Solist des Orchesters mit dem Dritten Violinkonzert von Jenö Hubay im Dezember 2011 (Dirigent: Iván Fischer) sowie im Dezember 2012 mit der Musik für Violine und Orchester von Rudi Stephan unter der Leitung von Kirill Petrenko.

1985 gründete Daniel Stabrawa mit drei Kollegen aus dem Orchester das Philharmonia Quartett, dessen Primarius er seitdem ist. Das angesehene Ensemble ist regelmäßig im Kammermusiksaal der Philharmonie sowie in renommierten Konzertsälen weltweit zu Gast. Weitere Kammermusikpartner sind Yefim Bronfman, Murray Perahia, Emmanuel Ax, Rafał Blechacz und Nigel Kennedy sowie seine Ehefrau Elzbieta Stepien-Stabrawa, mit der er seit seiner frühesten Jugend bis heute gemeinsam auftritt. Darüber hinaus widmet sich Daniel Stabrawa auch dem Dirigieren: So war er neun Jahre lang künstlerischer Leiter der Capella Bydgostiensis in Bydgoszcz (Bromberg). Von 1986 bis 2000 unterrichtete er außerdem an der philharmonischen Orchester-Akademie; er ist weiterhin als Tutor bei Meisterkursen sowie als Juror verschiedener Wettbewerbe aktiv.

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