Do, 10. Juni 2010

Jazz at Lincoln Center Orchestra

Jazz at Lincoln Center Orchestra, Wynton Marsalis

  • Igor Strawinsky
    Petruschka (revidierte Fassung von 1947) (00:40:05)

  • Wynton Marsalis
    Swing Symphony (Uraufführung) (01:10:45)

    Jazz at Lincoln Center Orchestra

  • kostenlos

    Sir Simon Rattle und Wynton Marsalis im Gespräch mit Catherine Milliken (00:18:51)

Es war bei der Grammy-Verleihung des Jahres 1983, als der Trompeter Wynton Marsalis etwas bis dahin Einzigartiges erreichte und sowohl als Jazz- wie auch als Klassik-Musiker ausgezeichnet wurde. Herausragendes Können in beiden Genres ist bis heute sein Markenzeichen, wie beim bevorstehenden Konzert der Berliner Philharmoniker zu erleben ist. An diesem Abend wird Marsalis gemeinsam mit seiner Band – dem Jazz at Lincoln Center Orchestra – und den Berliner Philharmonikern seine Swing Symphony zur Uraufführung bringen. Der Dirigent ist Sir Simon Rattle.

Die Komposition, die im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker entstand, ist bereits das dritte symphonische Werk von Wynton Marsalis. Mit ihm nimmt er sich nichts Geringeres vor, als die große, reiche Geschichte des Jazz nachzuzeichnen. Später wird die Symphonie im Rahmen des diesjährigen Education-Tanzprojekts der Berliner Philharmoniker »MusicTANZ – Live aus der arena« von Berliner Schülern als Choreographie aufgeführt. Marsalis’ Gastspiel ist keineswegs ein Debüt: Schon 2001 bestritt er mit dem Jazz at Lincoln Center Orchestra und den Berliner Philharmonikern einen Strawinsky/Gershwin-Abend unter der Leitung von Claudio Abbado.

Eine Premiere wiederum erleben wir mit Sir Simon Rattles Interpretation von Strawinskys Ballettmusik Petruschka. Andere Partituren des Komponisten – vor allem die Musik zu Le Sacre du printemps – hat Rattle mit den Berliner Philharmonikern wiederholt und mit überwältigendem Erfolg aufgeführt. Die Geschichte um den unglücklichen Petruschka hingegen, der auf einem russischen Jahrmarkt erst seine Geliebte und dann sein Leben verliert, war bisher noch nicht in dieser Konstellation zu hören.

Zwischen Tradition und Freiheit

It Don’t Mean a Thing if it Ain’t Got That Swing

Es wäre eine schöne Filmszene gewesen: An einem Nachmittag Ende Februar sitzt der Trompeter und Komponist Wynton Marsalis in seinem Wohnzimmer mit großartigem Blick über New York auf dem Sofa und singt mir mit ansteckender Begeisterung die halbe Jazz-Geschichte vor, während draußen ein Schneesturm durch die Stadt wirbelt. Fröhlich wechselt Marsalis von einem Stil zum nächsten, wippt im Takt und freut sich, dass mir diese kleine akustische Reise durch die Jazz-Geschichte gefällt. Tatsächlich ist sie nur ein kleiner Vorgeschmack auf seine neue Komposition, die er für die Berliner Philharmoniker und sein eigenes Orchester, das Jazz at Lincoln Center Orchestra, geschrieben hat. In diesem Werk hat sich der Komponist nichts Geringeres vorgenommen, als die Geschichte des Jazz aus seiner persönlichen Perspektive zu erzählen. Der Titel seines neuen Stücks Swing Symphonyist dabei Programm, denn die Geschichte des Jazz stimmt für ihn im Wesentlichen mit der des Swing überein, ganz im Sinne von Duke Ellingtons berühmtem Standard »It Don’t Mean a Thing if it Ain’t Got That Swing«.

In seinem musikalischen Epos schöpft Marsalis aus dem Reichtum und der Vielfalt der verschiedenen Stile und Strömungen,die für ihn in der Tradition des Swing stehen. Mambo, Bebop, Charleston, Slow Tango oder Kansas City Swing sind nur einige der vielen Swing-Arten, die in der Swing Symphony erkennbar widerhallen. Nach Marsalis’ Ansicht entspricht es genau dem Charakter des Swing, verschiedene Stationen seiner Geschichte in einer Komposition aus dem Jahr 2010 hörbar werden zu lassen: »Mein Stück verfolgt die Evolution des Swing bis in die moderne, heutige Zeit. Die Grundidee ist, dass alle Phasen des Swing immer präsent sind. Jeder Moment im Swing ist modern und fortwährend neu. Er erneuert sich ständig, denn ein Swing-Rhythmus ist zeitlos und altert nie.«

Der Titel Swing Symphony und die Besetzung deuten schon darauf hin, dass sich Marsalis mit seiner Reise durch die Jazz-Geschichte keiner geringen Herausforderung gestellt hat. Mit den Berliner Philharmonikern und dem Jazz at Lincoln Center Orchestra treffen schließlich zwei sehr unterschiedliche Formationen aufeinander, auch wenn Marsalis zunächst die Gemeinsamkeiten betont. Die Grundlagen des Jazz wie die Harmonik oder die Formen sieht er in der europäischen klassischen Überlieferung. Dennoch verkörpern die zwei Orchester natürlich die westeuropäische klassische Kunstmusik auf der einen und den nordamerikanischen Jazz auf der anderen Seite. Solch verschiedenartige Klangkörper lassen sich, wie Marsalis weiß, nur »sehr vorsichtig« miteinander verschmelzen: »Das Wichtigste ist die Arbeitsteilung. Wenn man mit zwei so starken Kräften wie zwei Orchestern arbeitet, muss man die Funktion der einzelnen Gruppen sehr klar gestalten, weil es ansonsten schnell zu chaotisch und zu komplex wird. Normalerweise funktioniert es nicht, Jazz-Orchester und klassische Orchester zusammenzubringen, weil die verschiedenen Instrumentengruppen nicht zueinander passen.« In der Tat kollidieren die Gruppen leicht. Während es im Jazz die Rhythmusgruppe gibt, übernehmen im klassischen Orchester oft auch die Streicher diese Rolle. »Die Identität unserer Musik liegt in der Rhythmusgruppe«, fährt Marsalis fort, »Wenn sie nicht spielt, dann klingt es nicht nach Jazz. Wir brauchen also einen Groove, einen Swing. Ein klassisches Orchester spielt hingegen ganz anders.« Der US-amerikanische Komponist gesteht zwar ein, dass bisher noch niemand herausgefunden hat, wie man ein Jazzorchester und ein klassisches Orchester so vereinen kann, dass beide Orchester ihre Identität bewahren und zugleich ein künstlerisch überzeugendes Werk entsteht. Aber genau hierin besteht für ihn der Reiz seiner neuen Komposition: »Ich wage einen neuen Versuch und entwickle andere Wege, wie die beiden Orchester zusammen spielen können. Die große Herausforderung liegt wirklich darin, dass es swingen muss. Das ist mein Ziel.«

Igor Strawinsky und das Ballett

Es ist einer einzigartigen Konstellation von Künstlern und Umständen zu verdanken, dass gerade von der Gattung des Balletts in Paris ab 1910 entscheidende musikalische Impulse ausgingen. Im Zentrum dieser Entwicklung stand der Gründer und Impresario der Ballets russes, Sergej Diaghilew, der ein außergewöhnliches Talent dafür besaß, bedeutende Werke anzuregen und künstlerische Zusammenarbeiten zu initiieren. Als er dem erst 27-jährigen Igor Strawinsky 1909 den ersten Auftrag erteilte, wurde damit nicht nur der Grundstein für die langjährige Verbindung Strawinskys mit den Ballets russes gelegt, die erst mit dem Tod des Impresarios 1929 endete, sondern vor allem für seinen späteren Ruhm. Das Ballett L’Oiseau de feu machte den jungen Komponisten 1910 auf Anhieb bekannt und eröffnete ihm den Zugang zu den interessantesten intellektuellen und künstlerischen Kreisen von Paris.

Im Anschluss an diesen Triumph begann Strawinsky an einem Konzertstück für Klavier und Orchester zu arbeiten, aus dem sein zweites Ballett hervorgehen sollte. »Bei dieser Arbeit«, erinnert er sich, »hatte ich die hartnäckige Vorstellung einer Gliederpuppe, die plötzlich Leben gewinnt und durch das teuflische Arpeggio ihrer Sprünge die Geduld des Orchesters so sehr erschöpft, dass es sie mit Fanfaren bedroht. Darauf entwickelt sich ein schrecklicher Wirrwarr, der auf seinem Höhepunkt mit dem schmerzlich-klagenden Zusammenbruch des armen Hampelmanns endet.« Strawinsky benannte diesen Hampelmann nach Petruschka, einer »drolligen, hässlichen, sentimentalen und launischen Persönlichkeit« des russischen Puppentheaters.

Zwar schrieb Strawinsky die Musik von Petruschka für das Ballett, aber sie kann ebenso gut im Konzertsaal gespielt werden. In der künstlerischen Welt der Ballets russes wie im Werk Strawinskys verlieren jegliche Kategorien ihre engen Grenzen und werden austauschbar. Wenn Strawinsky zunehmend Gattungen, Stile und Traditionen mischt, entwickelt er damit eines der wichtigsten Prinzipien seiner Ästhetik. Tatsächlich gilt Petruschka als das Werk, in dem er kompositorisch zu sich selbst fand und seine eigene, unverwechselbare Sprache entdeckte. In Petruschka setzt der Komponist zum ersten Mal extensiv eine Technik ein, die für ihn charakteristisch werden sollte und sich am besten als Baukastenprinzip beschreiben lässt. Er entwirft kleine Zellen oder Motive, die er erweitert, verkürzt, neu akzentuiert, kombiniert und übereinanderschichtet. Statt sie traditionell thematisch zu entwickeln oder fortzuspinnen, fügt er sie mechanisch-experimentell zu einem Mosaik zusammen. Er arbeitet wie »mit der Schere« und fügt Motive – ähnlich wie bei der Montage im Film – mit harten Schnitten aneinander. Die Vorbilder dieser Verfahren stammen aus der russischen Volksmusik, die – neben dem Ballett – Strawinskys Kompositionsweise entscheidend prägte.

Die mitreißende Kraft von Petruschka verdankt sich nicht zuletzt Strawinskys großem Einfallsreichtum, den er in den vier Bildern in seiner ganzen Fülle entfalten kann. Diese Originalität wird durch die zum Teil notengetreue Einbindung von russischen Volksliedern, Walzern und Schlagern nicht gemindert. Im Gegenteil liegt die radikale Modernität von Strawinskys Musik gerade auch in seiner Aneignung und Interpretation dieses überaus heterogenen und fremden Materials aus der Vergangenheit. Auf Petruschka sollten in Strawinskys langem und ungemein vielfältigem Schaffen noch viele bedeutende Werke folgen. Doch schon Claude Debussy befand in einem Brief vom 13. April 1912 an den Freund und Kollegen: »Sie werden über Petruschka hinausgehen, das ist gewiss, aber Sie können bereits stolz auf das sein, was sie mit diesem Werk erreicht haben.«

Lydia Rilling

Wynton Marsalisist der anerkannteste wie auch erfolgreichste Jazzmusiker und -komponist seiner Generation; als kreativer Geist, Pädagoge und als künstlerische Leitfigur mit großer sozialer Verantwortung gehört er überdies zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. 1961 in New Orleans geboren, begann Wynton Marsalis mit zwölf Jahren eine klassische Ausbildung an der Trompete; in den Funk- und Jazzbands und den Marching Bands von New Orleans sammelte er wichtige Erfahrungen. 1979 wurde er an der Juilliard School in New York aufgenommen. Bereits während des Studiums kam Wynton Marsalis mit Art Blakey und den Jazz Messengers zusammen. Seinem Schallplatten-Debüt 1982 als Bandleader dieser Formation folgten bislang mehr als 60 Einspielungen mit Werken des Jazz und der klassischen Musik; 1983 wurden ihm als erstem Musiker der Grammy für klassische Musik und derjenige für Jazz gleichzeitig verliehen. Wynton Marsalis hat mit führenden Symphonieorchestern wie dem New York Philharmonic Orchestra, dem Los Angeles Philharmonic Orchestra und der Tschechischen Nationalphilharmonie Prag zusammengearbeitet. Zu seinen Kompositionen zählen das Oratorium Blood on the Fields (das ihm 1997 den Pulitzer-Preis im Bereich Musik einbrachte) sowie seine ersten zwei Symphonien All rise (1999) und Blues Symphony (2009). Wynton Marsalis ist Mitbegründer der Sektion Jazz at Lincoln Center in New York und Künstlerischer Leiter des Jazz at Lincoln Center Orchestra. Sein besonderes Engagement gilt der musikalischen Erziehung Jugendlicher: So hat er am Lincoln Center die populären Jazz for Young People Concerts sowie regelmäßige Lesungen und Filmreihen zum Thema Jazz eingeführt. Wynton Marsalis wurde von zahlreichen Universitäten und Colleges zum Ehrendoktor ernannt; er vertrat die Vereinten Nationen als Friedensbotschafter und er ist Mitglied der Ehrenlegion der Republik Frankreich. Als Gäste der Berliner Philharmoniker waren Wynton Marsalis und das Jazz at Lincoln Center Orchestra bereits Anfang März 2001 mit einem Auftritt dieses Ensembles sowie in drei philharmonischen Konzerten unter der Leitung von Claudio Abbado zu erleben, auf deren Programm auch Teile von Marsalis’ Symphonie All rise standen. Seiner Swing Symphony ist das diesjährige Zukunft@BPhil-Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker am 12. und 13. Juni in der Arena Berlin in Treptow gewidmet.

Das Jazz at Lincoln Center Orchestra, ein Zusammenschluss exzellenter Jazzmusiker, ist seit fast zwei Jahrzehnten »Hausorchester« des Lincoln Center in New York. Mit seinem Künstlerischen Leiter Wynton Marsalis widmet es sich den klassischen Repertoire-Stücken aus der Geschichte des Jazz und hält damit die Erinnerung an Stile, Komponisten und Interpreten vergangener Zeiten lebendig. Aber auch zahlreiche Uraufführungen und die Erteilung von Kompositionsaufträgen an stilistisch ganz unterschiedliche Vertreter der aktuellen Szene wie Benny Carter, Joe Henderson, Joe Lovano, Freddie Hubbard und nicht zuletzt Wynton Marsalis selbst sind wesentlicher Bestandteil der Arbeit des Ensembles. Außerhalb von New York tritt das Jazz at Lincoln Center Orchestra amerikaweit und auch in den Konzertsälen der Musikmetropolen der anderen Kontinente auf; es musiziert bei Tanzveranstaltungen, in Jazzclubs, in öffentlichen Parks und in Kirchen. Immer wieder arbeitet das Ensemble mit großen Symphonieorchestern, mit Ballett-Truppen, Studentengruppen und mit einer stets wachsenden Liste von Solisten und Gastdirigenten zusammen.

EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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