Alan Gilbert und Wenzel Fuchs mit Mozarts Klarinettenkonzert

27. Apr 2018

Berliner Philharmoniker
Alan Gilbert

Wenzel Fuchs

  • Thomas Adès
    Three Studies from Couperin (15 Min.)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622 (35 Min.)

    Wenzel Fuchs Klarinette

  • Claude Debussy
    Images pour orchestre (41 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Wenzel Fuchs im Gespräch mit Daishin Kashimoto (18 Min.)

Seit seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern im Februar 2006 hat Alan Gilbert bei seinen Gastauftritten ein breites Repertoirespektrum vorgestellt, angefangen von Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart über Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann, Johannes Brahms, Antonín Dvořák, Peter Tschaikowsky, Leoš Janáček und Béla Bartók bis hin zu Magnus Lindberg und John Adams. Was auf den ersten Blick wie ein »Gemischtwarenladen« wirkt, hat System: »Auf diese Weise konnte ich ganz verschiedene Aspekte des Orchesters ausprobieren«, verrät der Dirigent.

In dieser Saison präsentiert sich Gilbert, der von 2009 bis Sommer 2017 das Amt des Musikdirektors des New York Philharmonic bekleidete, dem Berliner Publikum wieder von einer neuen musikalischen Seite – mit Thomas Adès’ Three Studies from Couperin und Claude Debussys Images pour orchestre. Beide Stücke verbindet, dass sie von bereits vorhandener Musik inspiriert wurden. Adès hat drei Cembalostücke des französischen Barockmeisters François Couperin auf neue, ungewöhnliche Weise instrumentiert. Debussy hingegen kreierte in seinem Triptychon Images ausgehend von folkloristischen Tanz- und Volksmelodien drei musikalische Landschafts- und Stimmungsbilder von England, Frankreich und Spanien. Der Reiz der Komposition liegt darin, dass Debussy mit seiner eigenen, schillernden Tonsprache eine absolut authentisch wirkende, aber gleichzeitig atmosphärisch überhöhte Klangvision der drei Nationen schuf.

Nicht vorgegebene Musik, sondern das betörende Spiel eines Instrumentalvirtuosen hat Wolfgang Amadeus Mozart zu einem seiner schönsten Konzerte angeregt: das Klarinettenkonzert A-Dur, das durch seine formale Klarheit, seine innigen, gesanglichen Themen und seine spielerische Brillanz besticht. Mozart schrieb das Konzert für seinen Freund Anton Stadler. Dieser beherrschte das damals noch relativ neuartige Instrument wie kein anderer: »Was du mit deinem Instrument beginnst, das hört’ ich noch nie. Hätt’s nicht gedacht, daß ein Klarinet menschliche Stimme so täuschend nachahmen könnte, als du sie nachahmst. Hat doch dein Instrument einen Ton so weich, so lieblich, daß ihm niemand widerstehn kann, der ein Herz hat«, schwärmte ein Kritiker. Gleiches lässt sich auch von dem Solisten dieses Programms sagen. Wenzel Fuchs, seit 1993 Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, wurde in Wien ausgebildet und verfügt über jene Weichheit und Flexibilität des Tons, die sein Spiel den Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme vergleichbar erscheinen lässt.

Klangbilder in hellen Farben

Musik von Adès, Mozart und Debussy

Die französische Region Brie, östlich der Hauptstadt gelegen und bekannt für ihren Weichkäse, ist die Heimat der Musikerfamilie Couperin. Der 1668 in Paris geborene François Couperin war ihr bedeutendstes Mitglied und erhielt deshalb den Beinamen »le Grand«. Der Hoforganist und -cembalist in Versailles, zudem Klavierlehrer der königlichen Familie veröffentlichte ab 1713 vier Bände mit insgesamt 212 Pièces de clavecin. Unter diesen Cembalowerken, die ihn bekannt machten, finden sich viele Charakterstücke, deren programmatische Titel einzelne Personen und Berufsgruppen, Tiere, Pflanzen oder Landschaften schildern. Couperins Cembalowerke wurden nicht nur von Johann Sebastian Bach, sondern auch von Johannes Brahms geschätzt. Richard Strauss stieß durch einen Hinweis Romain Rollands auf den französischen Barockmeister. 1923 schuf er für das Ballett der Wiener Staatsoper eine Tanzsuite nach Couperin. 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, kehrte Strauss noch einmal in die ätherische Klangwelt Couperins zurück, als er für das Ballett Verklungene Feste der Bayerischen Staatsoper weitere Cembalostücke des altfranzösischen Meisters für kleines Orchester setzte. Sein Ziel war es dabei, durch die Erweiterung des Farbspektrums Rokoko und Moderne zu verknüpfen.

Vergnügungen und Seufzer: Three Studies from Couperin von Thomas Adès

Einen ähnlichen Weg beschritt Thomas Adès in seinen Three Studies from Couperin. Für dieses 2006 entstandene Auftragswerk des Baseler Kammerorchesters wählte Adès ein Kammerorchester mit Marimba, Basstrommel, Schlagzeug und Pauken. Die Couperin-Vorlagen ließ er dabei in Melodik, Tonart, Harmonik und Taktzahl unverändert. Neu ist dagegen die Klangfarbe, Im menuettartigen Eröffnungsstück Les Amusemens (Die Vergnügungen) wechseln Streich- und Blasinstrumente sogar innerhalb der Phrasen der engstufigen G-Dur-Melodie; eine starke Verlangsamung zeigt das Ende an. Der Titel Les Tours de passe-passe (Taschenspielertricks) des folgenden Stücks mag sich dadurch erklären, dass vom Cembalisten hier ein ständiges Übergreifen der Hände im engen Tonraum verlangt wird; so kann der Betrachter kaum noch erkennen, ob die linke oder rechte Hand die wiederholten Töne spielt. Als Schluss wählte er Couperins Cembalostück L’Âme en peine (Die Seele in Not), eine Musik mit Seufzerfiguren in Moll, der schwere Akzente der Blechbläser und der Basstrommel den Charakter eines Trauermarschs verleihen. Obwohl der britische Komponist in seinen Couperin-Studien die höfische Welt des Adels insgesamt weniger bissig behandelte als in seiner Oper Powder Her Face, verzichtete er doch auch hier nicht auf Verfremdungen.

Wie eine menschliche Stimme: Mozarts Klarinettenkonzert KV 622

Nicht weniger als 23 Konzerte für Klavier hat Mozart geschrieben, jedoch nur ein einziges für Klarinette. Dieses Meisterwerk aus den letzten Lebensjahren des Komponisten entstand für den mit ihm befreundeten Klarinettisten Anton Stadler. Nachdem Mozart dem drei Jahre älteren Musiker vermutlich 1781 erstmals begegnet war, hörte er ihn erneut im März 1784, als er bei einer Aufführung seiner Bläserserenade KV 361 mitwirkte. Kaum eine Woche später kam es zur Premiere von Mozarts Klavierquintett KV 452, wobei Stadler den Klarinetten- und der Komponist den Klavierpart übernahm.

Neben der Klarinette spielte Anton Stadler das Bassetthorn, ein um 1760 entwickeltes Blasinstrument mit einem metallenen Schallstück. Mozart, der den dunklen Klang dieses Instruments liebte, schrieb mehrere Bassetthorntrios sowie Kanzonetten für Gesang und Bassetthörner. Auch den ersten Satz seines späteren Klarinettenkonzerts hatte er gegen 1787 ursprünglich für Bassetthorn komponiert. Ein Jahr später entwickelte Stadler zusammen mit dem Wiener Hofinstrumentenmacher Theodor Lotz eine Klarinette mit einem um vier Halbtöne nach unten erweiterten Tonumfang. Von den neuen Möglichkeiten dieser sogenannten Bassettklarinette war Mozart fasziniert und verwendete sie in seinem Quintett für Klarinette und Streicher A-Dur KV 581, das im Dezember 1789 in Wien zur Uraufführung kam. Ende September 1791 entschloss sich er dann, ein Solokonzert für dieses neue Instrument zu schreiben und griff dazu auf das bereits vorliegende Allegro aus dem Konzert für Bassetthorn zurück, das er von G-Dur nach A-Dur transponierte und um Adagio und Rondo ergänzte. So entstand das Konzert KV 622.

Heute gehört das A-Dur-Konzert den meistgespielten Werken Mozarts. Die Bassettklarinette, für welche das Stück gedacht war, konnte sich im Musikbetrieb nicht durchsetzen. Deshalb wird es meist auf einer normalen Klarinette gespielt. Eine entsprechende Bearbeitung, in der die tiefen Töne entfielen, erschien schon im Jahr 1801. Die Zeitgenossen hatten an Stadler gerühmt, bei ihm klinge die Klarinette wie eine menschliche Stimme. In diesem Sinne behandelte auch Mozart in seiner Komposition das Soloinstrument. Neben brillanten Akkordbrechungen, die den ganzen Tonraum durchwandern, meint man oft instrumentale Arien zu hören, Anklänge an die späten Buffo-Opern Figaro und Don Giovanni.

Von fremden Ländern und Menschen: Images pour orchestre vonClaude Debussy

Mit den zwei Heften seiner Images, deren Komposition Claude Debussy 1905 begann, wollte er Stücke schaffen, die in der Klavierliteratur einen Platz »zur Linken Schumanns oder zur Rechten Chopins« einnehmen. Es sind musikalische Beschreibungen kleiner Szenen: Lichter spiegeln sich im Wasser, von ferne klingen Glocken und der Mond sinkt herab. Wie Schumann in seinen Kinderszenen, widmete sich auch Debussy fremden Ländern und Menschen. Dafür wählte er jedoch eine größere Besetzung: Den dritten Band seiner Images konzipierte er zunächst für zwei Klaviere, dann schließlich für Orchester.

Gleich zu Beginn von Ibéria sorgt der scharfe Klang der Kastagnetten für einen typisch spanischen Ton. Als iberisch mag man auch die polytonalen Elemente in der Harmonik und die modalen Wendungen der Melodik empfinden. Viele Takt- und Tempowechsel geben dieser Musik eine ungewöhnliche rhythmische Flexibilität. Wenn der Bolero-Rhythmus des ersten Teils sanft verklingt, beginnt »langsam und träumerisch« die Nacht mit ihren berauschenden Düften, ausgedrückt durch in Gegenbewegung chromatisch verschobene Akkorde in Harfen, Oboen und Klarinetten. Die Bewegung kommt fast zum Stillstand, bis sich der Morgen ankündigt. Mit einem langsam näher rückenden Marsch erwacht die Stadt und feiert ein Volksfest.

Nach der Annäherung an Spanien in Ibéria wandte sich Debussy mit Rondes de printemps Italien (und Frankreich) und schließlich mit Gigues England zu. Im Hauptthema der Oboe d’amore lehnte sich Debussy an eine französische Bearbeitung des englischen Volkslieds The Keel Row an. André Caplet, der die Instrumentation dieses Satzes vollendete, sprach vom »Bildnis einer schmerzerfüllten Seele, die ihre bodenlosen Klagen dem tönenden Holz der Oboe d’amore anvertraut.« Eine normale Oboe spendet mit einer langen Linie Trost, doch die Klage des Schwesterinstruments kehrt wieder.

In den Rondes de printemps griff Debussy auf seine 1887 in Rom komponierte Symphonische Suite Printemps zurück, die durch das Botticelli-Gemälde Primavera angeregt sein soll. Obwohl er im Motto ein altes Frühlingslied aus der Toskana zitierte, lässt er die Oboe das französische Volkslied Nous n’irons plus au bois spielen, das er schon mehrfach verwendet hatte. Der ganze Satz bezaubert durch seine sehr helle Instrumentation ohne Trompeten und Posaunen, aber mit Triangel, Tamburin und Zimbeln. »Die Musik dieses Stücks hat die Besonderheit, dass sie immateriell ist«, schrieb Debussy seinem Verleger, »und dass man sie deshalb nicht wie eine robuste Symphonie behandeln kann, die auf ihren vier Beinen geht.«

Albrecht Dümling

Jetzt ansehen

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Symphonien von Ludwig van Beethoven, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen