Paavo Järvi und Lisa Batiashvili mit Sibelius’ Violinkonzert

06. Mai 2018

Berliner Philharmoniker
Paavo Järvi

Lisa Batiashvili

  • Jean Sibelius
    Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang, Tondichtung für Orchester op. 55 (16 Min.)

  • Jean Sibelius
    Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47 (37 Min.)

    Lisa Batiashvili Violine

  • Dmitri Schostakowitsch
    Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 54 (37 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Paavo Järvi im Gespräch mit Emmanuel Pahud (18 Min.)

»So klar und fokussiert und zugleich seelenvoll wie bei Lisa Batiashvili leuchten die ersten Töne im Violinkonzert von Jean Sibelius selten. Äußerst fein abgestuft ist die dynamische Gestaltung, farb- und nuancenreich der Geigenton«, heißt es in der Kritik des Bayerischen Rundfunks. In dieser Spielzeit präsentiert die georgische Geigerin, die für die erkrankte Janine Jansen einspringt, bei den Berliner Philharmonikern Sibelius’ Meisterwerk, dessen spielerisches Finale den englischen Pianisten und Komponisten Donald Francis Tovey an eine »Polonaise for polar bears« erinnerte; eine hübsche Alliteration, die allerdings dem verbreiteten Irrtum unterliegt, es gäbe in Finnland Eisbären. (Angeblich entstand dieses Missverständnis anlässlich der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900, als der finnische Pavillon auf dem Dach als Ausschmückung zwei Gipsbären trug, die der Bildhauer Emil Wikström in letzter Minute geliefert, aber noch nicht braun bemalt hatte; am nächsten Tag waren die Pariser Zeitungen voll mit Beschreibungen der schönen finnischen Eisbären.)

Nach dem Sibelius-Konzert, das mit seinem dominierenden Violinpart unverkennbar der romantischen Konzerttradition verpflichtet ist, dirigiert Paavo Järvi Dmitri Schostakowitschs Sechste Symphonie, ein Werk, das bereits bei seiner Leningrader Premiere am 5. November 1939 für viel Applaus sorgte. Bei einer der folgenden Aufführungen war das Publikum sogar derart begeistert, dass man das Finale wiederholte. Kein Wunder, dass Leopold Stokowski das von Mahler beeinflusste Werk (dessen Musik à la Till Eulenspiegel oder Petruschka immer wieder ins Bedrohliche umschlägt) umgehend in sein Repertoire aufnahm: »In jeder seiner Symphonien zeigt sich uns Schostakowitsch als ein Meister, der ohne Unterlass seine schöpferische Fantasie und sein musikalisches Selbstbewusstsein fortentwickelt. Neue Höhen erreicht er in der Symphonie Nr. 6.«

Vom Dunkel zum Licht

Werke von Sibelius und Schostakowitsch

Jean Sibelius hielt nichts davon, seinen Symphonien Programme zu unterlegen. Im Fall der Symphonischen Dichtungen allerdings ging es ihm, wenn nicht um ein Programm, so doch um einen poetischen Gehalt: »Ich glaube, dass sogenannte absolute Musik, alleine nicht befriedigen kann. Sie ruft Emotionen und Stimmungen hervor, aber sie hinterlässt immer etwas in der Seele unausgefüllt, so dass sich die Frage stellt: Warum? Die Musik kann nur ihre wahre Kraft entfalten, wenn eine poetische Idee sie leitet. Sozusagen, wenn Worte und Musik sich vereinen.« Die poetischen Ideen für die meisten seiner Tondichtungen lieferte Sibelius das Kalevala, die Sammlung alter Erzählungen bzw. Gesänge aus dem nordfinnischen Karelien. Mit seinen tragischen Protagonisten und teils grausamen Geschichten wurde es zum Nationalepos für die Finnen und machte auch auf ihren bedeutendsten Komponisten großen Eindruck.

»Innere Erlebnisse eines einfachen Menschen«

Einige der programmatischen Orchesterwerke von Sibelius haben allerdings keinen Bezug zum Kalevala – so sein Opus 55 Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang. Über den Anlass von dessen Entstehung gibt es unterschiedliche Erzählungen. Der Dirigent Jussi Jalas notierte nach einem Gespräch mit dem Komponisten: »Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang. Auf dem Pferd von Suojärvi nach Värtsilä – im Mondschein durch die nächtliche Einöde.« Sibeliusʼ langjähriger Sekretär Santeri Levas hingegen nahm an, die Komposition könne auch von einer nächtlichen Fahrt in einer Pferdekutsche vom südfinnischen Kereva in die Hauptstadt Helsinki angeregt worden sein. Der englischen Musikschriftstellerin Rosa Newmarch wiederum verriet Sibelius, die Musik schildere »innere Erlebnisse eines einfachen Menschen, wenn er alleine durch die Dämmerung eines Waldes reitet, zuweilen froh, allein mit der Natur zu sein, zuweilen ängstlich vor der Stille oder vor den die Stille störenden fremden Lauten, aber nicht erfüllt von unbegründeten bösen Ahnungen, sondern dankbar und glücklich über das Morgengrauen.«

Die Komposition besteht aus zwei deutlich voneinander geschiedenen Abschnitten. Den nächtlichen Ritt im galoppierenden Trochäus-Rhythmus formulieren nach einer wilden Eröffnung die Bratschen und Violoncelli mit einer einfachen Figur. Die Holzbläser stellen ein statisches Seitenthema in klagendem Ton vor. Dieses überlagert den Galopp, weicht ihm, kehrt zurück – nun in den Streichern – und führt zum zweiten Teil des Werks, dem Sonnenaufgang. Für ihn hält der Komponist ein neues, sanftes Thema bereit, das er variiert und unterschiedlich koloriert.

Der Traum vom Virtuosen

Das Hauptinstrument von Sibelius war die Violine. 1915 notierte er in sein Tagebuch: »Ich träumte, ich sei zwölf Jahre alt und ein Virtuose.« Zu diesem brachte er es freilich nie. Wohl spielte er als Musikstudent Mendelssohns Violinkonzert und bewarb sich, allerdings ohne Erfolg, bei den Wiener Philharmonikern. Das Geigespielen hatte er sich zunächst weitgehend selbst beigebracht, ehe er geregelten Unterricht genoss. Von 1885 an studierte er Violine und Musiktheorie am Konservatorium von Helsinki. Seine Kompositionsstudien setzte er später in Berlin und Wien fort. 1891 ging er nach Helsinki zurück, wo er neben der Lehrtätigkeit am Konservatorium und an der Orchesterschule der Philharmonie als Zweiter Geiger in einem Streichquartett spielte.

An seinem Violinkonzert arbeitete der Komponist einige Jahre. Schon 1890 notierte er während einer Italienreise die Anfangstakte des Werks. Doch erst zwölf Jahre später brachte die Begegnung mit dem deutschen Geiger Willy Burmester in Berlin die entscheidende Anregung. 1903 hielt Burmester den Entwurf für das Konzert in Händen – und war begeistert. Doch dann kam es zu einem folgenschweren Zerwürfnis: Sibelius drängte wegen finanzieller Probleme auf eine baldige Aufführung, Burmester hingegen wollte mehr Zeit zur Einstudierung. So erlebte das Konzert im Februar 1904 mit dem tschechischen Geiger Victor Nováček unter der Leitung des Komponisten in Helsinki seine Premiere. Der Solist war den technischen Herausforderungen des Werks allerdings nicht gewachsen, außerdem stieß das Konzert auf Unverständnis und Ablehnung. Enttäuscht und unzufrieden zog Sibelius das Werk zurück. Nach einer gründlichen Überarbeitung kehrte es in seiner endgültigen Fassung am 19. Oktober 1905 in Berlin aufs Konzertpodium zurück: Solist war Carl Halir, am Dirigentenpult der Berliner Hofkapelle stand Richard Strauss.

Sibeliusʼ Violinkonzert steht in der klassischen Tradition und hält sich an die gewohnte, dreisätzige Form. Allerdings treten Solist und Orchester nicht recht in einen Dialog, sondern begegnen sich viel mehr in kontrastierenden Ausdruckscharakteren. Von Anfang an übernimmt der Solist im ausgedehnten Kopfsatz die Führung. Über dem Klangteppich der geteilten Geigen exponiert die Violine »dolce ed espressivo« das rhapsodische erste Thema. Aus ihm erwachsen verschiedene neue Varianten. Von den Fagotten und Klarinetten angedeutet erscheint das zweite Thema zunächst im Orchester, bevor es in der Solopartie aufgegriffen wird. Das Orchester führt in einem intermezzoartigen Teil noch einen dritten thematischen Gedanken ein. An die Stelle der Durchführung setzt Sibelius die Solokadenz und eine Reprise.

Im dreiteiligen zweiten Satz bereitet eine Holzbläsereinleitung mit Terzmelodik das ausschwingende, kantable Thema der Solovioline vor. Das Finale ist ein ruheloses Scherzo in Rondoform. Über dem rhythmisch geprägten Ostinato des Orchesters entfaltet die Violine »energico« ihr Thema. Das Orchester hat nur ein einziges eigenes Motiv (tiefe Streicher und gedämpfte Hörner). Hier tritt die Virtuosität des Violinparts am deutlichsten zutage. Der tänzerische Schwung veranlasste den englischen Musikwissenschaftler Donald Tovey zu der bissigen Bemerkung, der Satz sei eine »Polonaise für Eisbären«.

Getäuschte Publikumserwartungen

Dmitri Schostakowitsch schrieb seine Sechste Symphonie vom Frühling bis zum Herbst 1939. Bei der Uraufführung am 5. November 1939 im Großen Saal der Leningrader Philharmonie löste das neue Werk allerdings einige Verwirrung aus. Verstörend wirkte vor allem der ungewöhnliche formale Aufbau des dreisätzigen Werks: Dem weit ausgedehnten Largo folgen das scherzoartige Allegro und als Finale ein Presto. So steigert sich das Tempo von Satz zu Satz.

Das einleitende Largo hat Züge des Sonatensatzprinzips und der dreiteiligen A-B-A-Form. Es ist monothematisch angelegt und besteht aus einer Folge von Variationen. Der Durchführung im Mittelteil eignet etwas Deklamatorisch-Rezitativisches, aber auch Improvisatorisches. Fast ununterbrochen erklingende Triller wie auch Soloepisoden von Posaune, Englischhorn, Klarinetten und Flöten bilden den Kontrast zum grüblerisch-schwermütigen Ton des Anfangs. An zweiter Stelle steht ein Scherzo im 3/8-Takt, das grotesken Humor offenbart. Es ist virtuos, reich an musikalischen Ideen, Klangfarben und tänzerischen Rhythmen. Zusätzliche Merkmale sind weite Lagen und extreme Klangfarbenregister. An diesen Satz knüpft das Finale nicht nur an, sondern setzt ihn mit ähnlichen Mitteln fort. Es ist dreiteilig, enthält Elemente der Sonatenform und des Rondos. Das Hauptthema erinnert an den Galopp, den Schostakowitsch in vielen früheren Kompositionen (zumeist mit parodistischer Absicht) verwendete. Den Mittelteil beginnen die Bässe mit schweren stampfenden Figurationen, bevor ein langes Crescendo in den stürmischen Lauf der Coda mündet.

Der Schostakowitsch-Kenner Ivan Martynow sah den eigentlichen konstruktiven Grundsatz der Symphonie darin, dass die beiden letzten Sätze den ersten verleugnen. »Die völlige Versunkenheit des innigen Largos kontrastiert wunderbar zu der schäumenden Lebensfreude der beiden Scherzi. Uns will es scheinen, als bilde die Gegenüberstellung der Vergangenheit mit der Gegenwart den allegorischen Sinn der Sechsten Symphonie.«

Helge Grünewald

Paavo Järvi, Jahrgang 1962, stammt aus Tallinn, der Hauptstadt Estlands und studierte an der dortigen Musikhochschule sowohl Schlagzeug als auch Dirigieren. 1980 übersiedelte er in die USA und vervollständigte seine Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie – bei Leonard Bernstein – am Los Angeles Philharmonic Institute. Nach Positionen als Erster Gastdirigent der Königlichen Philharmonie Stockholm und des City of Birmingham Symphony Orchestra war Paavo Järvi von 2001 bis 2011 Chefdirigent des Cincinnati Symphony Orchestra, dem er noch als »Music Director Laureate« verbunden ist. 2004 übernahm er die künstlerische Leitung der Kammerphilharmonie Bremen; von 2006 bis 2013 stand er zudem an der Spitze des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt, von 2010 bis 2016 war er Musikdirektor des Orchestre de Paris. Seit der Spielzeit 2015/2016 ist Paavo Järvi zudem Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra in Tokio. Der Künstler, der vom französischen Kultusministerium mit dem Titel »Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres« und vom Präsidenten Estlands mit dem »Orden vom weißen Stern« geehrt wurde, ist ein gerngesehener Gast bei renommierten Orchestern wie dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dem New York Philharmonic und den Wiener Philharmonikern. Besonderes Engagement zeigt der Dirigent für die Musik estnischer Komponisten, beispielsweise von Arvo Pärt, Erkki-Sven Tüür, Lepo Sumera und Eduard Tubin. Paavo Järvis künstlerische Arbeit ist in vielen, zum Teil preisgekrönten CD-Aufnahmen dokumentiert. Am Pult der Berliner Philharmoniker gab er sein Debüt im Februar 2000; erst vor wenigen Tagen dirigierte Paavo Järvi beim diesjährigen Europakonzert der Philharmoniker im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth Werke von Beethoven und Wagner.

Lisa Batiashvili, in Georgien geboren, gewann mit 16 Jahren den Zweiten Preis beim Sibelius-Wettbewerb in Helsinki. Nach ihrem Studium bei Mark Lubotsky (Hamburg) und Ana Chumachenco (München) begann sie eine steile internationale Karriere als Konzertsolistin sowie mit Violin-Recitals und Kammermusikauftritten. In dieser Saison ist die Geigerin Artist in Residence bei der Accademia Nazionale di Santa Cecilia (Rom); in den vorangegangenen Spielzeiten hatte sie Residenzen beim New York Philharmonic Orchestra, beim Tonhalle-Orchester Zürich und beim Royal Concertgebouw Orchestra. Zu ihren Partnern am Dirigentenpult zählen Alan Gilbert, Paavo Järvi, Sir Simon Rattle, Esa-Pekka Salonen und Christian Thielemann; kammermusikalisch arbeitet sie u. a. mit Gautier Capuçon, Gérard Caussé, Emmanuel Pahud und Valery Sokolov zusammen. Sie konzertiert regelmäßig bei den Festspielen in Edinburgh, Salzburg, Tanglewood und Verbier. Die vielfach ausgezeichnete Geigerin (Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musikfestivals, Beethoven-Ring des Beethovenfests Bonn, Preis der Accademia Musicale Chigiana in Siena) wurde von Musical America zum »Instrumentalist of the Year 2015« und von Gramophone zur Künstlerin des Jahres 2017 gekürt. Lisa Batiashvili spielt eine Violine von Giuseppe Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1739, eine großzügige Leihgabe eines privaten Sammlers in Deutschland. Bei den Berliner Philharmonikern seit Oktober 2004 wiederholt zu Gast, war sie mit ihnen in Berlin zuletzt im Juni 2016 unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin als Solistin im Ersten Violinkonzert von Béla Bartók sowie wenige Tage später beim Saisonabschlusskonzert in der Waldbühne mit Werken von Antonín Dvořák zu hören. Im April 2017 gastierte sie bei den Osterfestspielen Baden-Baden mit Dvořáks Violinkonzert, es dirigierte Sir Simon Rattle.

Lisa Batiashvili tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Grammophon Gesellschaft auf.

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