Andris Nelsons und Seong-Jin Cho

»Es gibt heute nur wenige Poeten am Klavier – einer von ihnen ist Seong-Jin Cho.« So urteilte Simon Rattle, nachdem der junge Koreaner 2017 bei den Berliner Philharmonikern debütiert hatte. Unter Leitung von Andris Nelsons interpretierte er im Dezember 2020 das schwärmerische Zweite Klavierkonzert von Franz Liszt. Sein Auftritt wurde gerahmt durch Beethovens Coriolan-Ouvertüre und die gewichtige Fünfte Symphonie, mit der das Beethoven-Jahr langsam ausklang.

1807, bereits vom Schicksalsschlag seiner beginnenden Ertaubung gezeichnet, vollendete Ludwig van Beethoven die Arbeit an seiner Ouvertüre zum Trauerspiel Coriolan. In seinem Heiligenstädter Testament hatte der Komponist fünf Jahre zuvor gestanden: »Es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück.« Vor diesem Hintergrund mag man ahnen, was Beethoven an diesem Stoff angesprochen hat: Der römische Feldherr Coriolanus wird aufgrund seiner Gnadenlosigkeit von seinem eigenen Volk verstoßen – aus Rache zieht er gegen die Römer in den Krieg. Schließlich, durch den Gnadengesang seiner eigenen Mutter besänftigt, begeht der gebrochene Held Selbstmord. Dem Schluss der über weite Strecken selbstbewusst auftrumpfenden Ouvertüre wohnt ein für Beethoven ungewohnter Gestus inne: Der Protagonist scheidet keinesfalls heroisch aus dem Leben, sondern im Pianissimo, begleitet von den Pizzicati der Celli: kleinmütig, verzagt, vom Leben besiegt.

Franz Liszt verwendete in seinem Klavierkonzert Nr. 2 die für ihn charakteristische Kompositionstechnik, in der eine einzige musikalische Idee die Grundlage des gesamten Stücks bildet. Verträumt entwickelt sich das thematische Material zu Beginn, fließend gehen die Sätze ineinander über. Verglichen mit seinem Gattungserstling dominiert hier die Klavierstimme weniger mit überbordender Virtuosität, vielmehr integriert sie sich, mal Holzbläser, mal Streicher begleitend, organisch in das musikalische Gesamtgeschehen. In einem belcanto-artigen Dialog zwischen Klavier und Solocello erwidert hier Bruno Delepelaire, Erster Solocellist der Berliner Philharmoniker, mit Gefühlstiefe Seong-Jin Chos brillant formulierte Einwürfe. Andris Nelsons schließt das Programm mit Beethovens Fünfter Symphonie, in der – in vertrauter Manier des Komponisten – der Mensch, durch Beharrlichkeit, sein Schicksal bezwingt.

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons
Seong-Jin Cho

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Seong-Jin Cho Klavier

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