Sa, 14. September 2013

Berliner Philharmoniker
Alan Gilbert

Thomas Zehetmair

  • Witold Lutosławski
    Symphonie Nr. 4 (00:23:13)

  • Leoš Janáček
    Putování dušičky (Die Wanderung einer kleinen Seele), Konzert für Violine und Orchester (nach den Skizzen vervollständigt und herausgegeben von Leoš Faltus und Miloš Štědroň) (00:20:08)

    Thomas Zehetmair Violine

  • Béla Bartók
    Der holzgeschnitzte Prinz, Ballettmusik Sz 60 (01:04:23)

  • kostenlos

    Thomas Zehetmair im Gespräch mit Eva-Maria Tomasi (00:13:14)

»Der Mann am Pult, ..., kribbelte richtig vor Musikalität und interpretatorischer Zielstrebigkeit«, hieß es in der Berliner Morgenpost, nachdem Alan Gilbert im Februar 2006 erstmals die Berliner Philharmoniker dirigiert hatte. Der Amerikaner, heute Chef der New Yorker und Stockholmer Philharmoniker, war kurzfristig für den erkrankten Bernard Haitink eingesprungen. Sein Debüt gelang so überzeugend, dass 2009 und 2011 weitere Einladungen folgten.

Dieses Konzert nun bestreitet Alan Gilbert mit Werken, deren Schöpfer maßgeblich zu der musikalischen Identität ihres jeweiligen Landes beigetragen haben: Witold Lutosławski avancierte nach dem Zweiten Weltkrieg zum führenden Komponisten Polens. Stilistisch orientierte er sich zunächst an Béla Bartók und Igor Strawinsky, später auch an John Cage. Seine Vierte Symphonie zeigt, dass er noch in einer anderen Tradition wurzelt, und das ist die Musik Claude Debussys.

Für den Ungarn Béla Bartók waren Melodie, Rhythmus und Harmonik der Volksmusik eine wichtige Inspirationsquelle. Gleichwohl sind die Bezüge oftmals – wie in seinem Ballett Der holzgeschnitzte Prinz – eher subtil. Der Komponist behandelt in ihm ein existenzielles Thema: die Gegensätzlichkeit von Mann und Frau. Der Tscheche Leoš Janáček stand auf der Höhe seines Ruhms, als er 1926 anfing, ein Violinkonzert mit dem Titel Die Wanderung einer kleinen Seele zu konzipieren. Das Werk blieb Fragment und wurde erst Jahrzehnte später für die Aufführung eingerichtet. Wichtige Themen dieses hochexpressiven Stücks hat Janáček in der Ouvertüre seiner letzten Oper Aus einem Totenhaus übernommen.

Symphonisches Niemandsland?

Lutosławski erfand die Symphonie zum zweiten Mal. Janáček und Bartók glänzten lieber in anderen Gattungen.

War es reine Todesverachtung, die Witold Lutosławski 1941 eine Symphonie in Angriff nehmen ließ? Die Chancen, dass der Komponist den Krieg überleben würde, dass es danach überhaupt noch ein Polen und eine polnische Kultur geben würde, standen denkbar schlecht. Und selbst im günstigsten Falle konnte Lutosławski mit einer Symphonie nur auf dem Felde der Unehre enden – wie fast alle seine komponierenden Landsleute vor ihm. Es war indes keineswegs ein kompositorisches Himmelfahrtskommando, auf das sich Lutosławski 1941 einließ. Er sah sich nicht in einer explizit polnischen Tradition, sondern gedachte neue Wege einzuschlagen. Die Arbeit an seiner Ersten Symphonie zog sich bis 1947 hin, dann kam allerdings, was kommen musste: Das Werk wurde von den neuen Machthabern als »formalistisch« gebrandmarkt und von den Spielplänen genommen. Lutosławskis abstrakt-progressive Zweite Symphonie stieß 1967 überwiegend auf Unverständnis, die Dritte wurde nach jahrelanger Arbeit 1983 vollendet, zu jener Zeit, als in Polen das Kriegsrecht herrschte und Lutosławski alle öffentlichen Auftritte vermied, um nicht gemeinsam mit den Bonzen des Generals Jaruzelski fotografiert zu werden. Erst die Vierte Symphonie (1988–1992), sein vorletztes Werk, entstand in einem Klima der Freiheit, jenseits von avantgardistischen Anpassungszwängen und politischen Repressalien. Man hört es ihr an.

Witold Lutosławski: Vierte Symphonie

Die Vierte Symphonie erfüllt jenes Desiderat, das Lutosławski schon während der Komposition seiner Ersten formuliert hatte und das auch sein stärkster Impuls gewesen sein mag, sich dieser in Polen so problematischen Werkgattung zuzuwenden. Er wollte die Farbenharmonik eines Debussy und Ravel mit anspruchsvolleren formalen Elementen verbinden. Allein die Tatsache, dass wir es gleich zu Beginn der Vierten mit einer Melodie (in der Klarinette) zu tun haben, signalisiert eine Rückkehr zum Expressiven, das in Lutosławskis Schaffen lange Zeit strukturellen Prozessen untergeordnet war. Der erste Satz geht bereits im 13. Takt in einen sogenannten ad-libitum-Abschnitt über. In diesen Abschnitten ist es dem Orchester oder einzelnen Instrumentalisten freigestellt, wann und wie oft die notierten Passagen gespielt werden – der Dirigent soll den Taktstock ruhen lassen. Nach der von fiebrigen Streicherklängen und Trompetensignalen gekennzeichneten Stelle kehrt das Orchester beim Einsatz des Klaviers kurz zur alten Ordnung zurück; dann folgt ein weiteres, diesmal längeres Ad libitum mit Harfen- und Holzbläsersoli, und nach erneuter Zäsur durch das Klavier führen die Streicher das Hauptthema auf einen emotionalen Höhepunkt, wie er in zeitgenössischer Musik eher selten anzutreffen ist. Ein heftig zuckendes Staccato-Motiv fast aller Instrumente und ein chaotischer ad-libitum-Abschnitt kulminieren in drei jähen Tuttischlägen.

Ohne Pause schließt sich der zweite, mehr als doppelt so lange Satz an. Die Wirkung seines Eintritts – verzückt jubelnde Holzbläser über harmonisch schlicht gestalteten, absinkenden Streicherfiguren – ist von einzigartiger magischer Wirkung. Bei diesem Satz handelt es sich um ein hochkomplexes, kontrapunktisch dicht geflochtenes Gewebe, das lebhafte Soli mit fatalistischen Blechbläserhymnen und getragenen, expressiven Gesängen der Streicher kombiniert. Eine schnelle Coda beendet das Werk – nicht gerade optimistisch, doch weit entfernt von der dunkel getönten Klarinettenmelodie des Anfangs, die im Laufe des zweiten Satzes mehrmals angeklungen ist.

Leoš Janáček: Konzert für Violine und Orchester

Obwohl ein glühender Anhänger Dvořáks, dessen Symphonien er mehrmals in Brünn zur Aufführung brachte, besaß die symphonische Tradition für Leoš Janáček keinerlei Bedeutung, auch nicht die national-tschechische. Während seiner Studienzeit in Leipzig, als er den Idealen eines akademischen Konservatismus folgte, verfiel er kurz auf den Gedanken, selbst eine Symphonie zu schreiben, kam aber 1880 über ein Scherzo nicht hinaus. Erst in seinen letzten Lebensjahren näherte er sich dieser Gattung an, aber die Annäherung bedeutete in gleichem Maße Distanzierung, wie der Sinfonietta (1926) zu entnehmen ist, die eine Divertimento-artige, fünfsätzige Huldigung an seine Heimatstadt Brünn darstellt. Auch die unvollendete, viersätzige Symphonie namens Donau (1923–1925) hätte sich in ihrer Endgestalt gravierend vom Modell der Wiener Klassik unterschieden; sie war als programmmusikalischer Gegenentwurf zu Smetanas Moldau gedacht.

Janáčeks orchestraler Werkkatalog nennt überhaupt keine Titel klassischer Gattungen. Das äußerste ist ein Concertino (1925), doch handelt es sich hierbei um ein Klavierseptett. Die Komposition eines von 1924 an skizzierten Violinkonzerts wurde sofort aufgegeben, als ihn das Sujet seiner letzten Oper Aus einem Totenhaus zu interessieren begann. Zwei Musikwissenschaftler und Komponisten haben 1988 das Violinkonzert vervollständigt und unter dem von Janáček geplanten Titel Wanderung einer kleinen Seele herausgegeben.

Das im einleitenden Andante sogleich von der Violine präsentierte Thema, dem sich die Kontrabässe und dann das Schlagwerk hinzugesellen, nimmt im Marschteil eine zwitschernde Melodiegestalt an, bevor es einer Melodie in dem für Janáček so typischen schwärmerischen Gestus weicht. Die zweite Hälfte des Konzertsatzes wird größtenteils von einem majestätischen Thema bestimmt, das aus der Ouvertüre zu Aus einem Totenhaus bekannt ist. Bei der Suche nach einer inhaltlichen Verwandtschaft zwischen der Oper und dem Konzert ist man auf Gerüchte angewiesen: Janáček soll 1926 in London, als er an dem Konzert arbeitete, bei einem Streik einen Menschen sterben gesehen haben.

Béla Bartók: Der holzgeschnitzte Prinz

Béla Bartók schrieb sechs Streichquartette und sechs Solo-Konzerte, und er setzte sich auch intensiver als Janáček mit der symphonischen Gattung auseinander. Eine an klassischen Vorbildern und Richard Strauss orientierte Symphonie Es-Dur wurde 1903 abgebrochen, die Symphonische Dichtung Kossuth huldigte im selben Jahr noch einmal dem Komponisten des Heldenlebens, bevor Bartók für seine Orchesterwerke andere Formen zu wählen begann.

Inhaltlich ist diese Entwicklung durch eine von 1904 an einsetzende stärkere Hinwendung zur Bauernfolklore geprägt. Das schloss avantgardistische Tendenzen nicht aus. 1911 schuf Bartók sein Musikdrama Herzog Blaubarts Burg, das vom Budapester Opernhaus als unspielbar abgelehnt wurde. Als Kompensation erhielt er den Auftrag für ein Ballett. Bartók beeilte sich keineswegs, dem vielversprechenden Auftrag nachzukommen. Erst 1917 konnte das Tanzspiel Der holzgeschnitzte Prinz aufgeführt werden. Allerdings stellte auch diese Partitur die Ausübenden vor fast unlösbare Aufgaben. Die Musiker zeigten sich renitent, es fand sich kein ungarischer Dirigent, der die Einstudierung des Balletts übernehmen wollte, und ein Choreograf war auch nicht in Sicht. Zum Glück ließ sich der zufällig in Budapest weilende Italiener Egisto Tango für das Werk gewinnen. Die Regie übernahm notgedrungen der Librettist Béla Bálazs, von dem auch das Textbuch zu Herzog Blaubarts Burg stammt. Nach dem enormen Uraufführungserfolg des Balletts war auch der Weg für Bartóks Oper frei.

In Der holzgeschnitzte Prinz formte Bartók aus den stilistischen Tendenzen seiner Zeit eine Partitur von starker Eigenart: impressionistisch verfeinerter Klang und expressionistisch zugespitzte Geräuschkoloristik, spätromantisches Schwelgen der Streicher und grelle, groteske Effekte von Bläsern und Schlaginstrumenten sorgen dafür, dass man dem Werk aufmerksam folgt wie einer Symphonie – die Kenntnis der außermusikalischen Handlung ist, Strawinskys Balletten vergleichbar, für den Hörgenuss entbehrlich.

Volker Tarnow

Alan Gilbert leitet seit Beginn der Saison 2009/2010 als erster gebürtiger New Yorker das New York Philharmonic Orchestra als Chefdirigent. Frühzeitig von seinen Eltern im Violinspiel unterrichtet, studierte Gilbert zunächst Komposition in Harvard und Geige am New England Conservatory of Music. Nach Fortsetzung der Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie an der Juilliard School in New York arbeitete er mehrere Jahre als Geiger und Bratscher, bevor er 1995 ans Dirigentenpult wechselte. Von Januar 2000 bis Juni 2008 war Alan Gilbert Chefdirigent und künstlerischer Berater des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, dem er mit der Ernennung zum Ehrendirigenten weiterhin verbunden bleibt. In den Jahren 2003 bis 2006 stand er als Musikdirektor an der Spitze der Santa Fe Opera, 2004 wurde er Erster Gastdirigent des NDR Sinfonieorchesters Hamburg. Alan Gilbert hat Produktionen an führenden Opernhäusern geleitet und ist u. a. mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Orchestre de Paris, dem London Philharmonic, dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Deutschen Symphonie- Orchester Berlin sowie den wichtigsten Orchestern in den USA und in Japan aufgetreten. Die Berliner Philharmoniker dirigierte Alan Gilbert erstmals im Februar 2006; zuletzt stand er bei ihnen Anfang April 2011 mit Werken von Berg, Mozart und Strawinsky am Pult. 2009 übernahm Alan Gilbert an der Juilliard School den neu geschaffenen William-Schuman-Lehrstuhl für Musikalische Sudien, seit 2011 ist er dort außerdem Leiter des Studiengangs Dirigieren. Zu den Auszeichnungen des Musikers zählen der Georg-Solti-Award sowie die Aufnahme in die Königlich Schwedische Musikakademie; 2010 ernannte ihn das Curtis Institute of Music zum Ehrendoktor.

Thomas Zehetmair studierte am Mozarteum in seiner Heimatstadt Salzburg und war Schüler von Max Rostal und Nathan Milstein. Mit 16 Jahren gab er sein Debüt bei den Salzburger Festspielen; im Jahr darauf gewann er den Ersten Preis beim Internationalen Mozart-Wettbewerb. Seither gastiert er auf den wichtigsten Konzertpodien in Europa und den USA und arbeitet als Solist mit international führenden Orchestern und Dirigenten zusammen. Dabei bildet die Interpretation zeitgenössischer Musik einen Schwerpunkt im Schaffen des Geigers, der in der jüngeren Vergangenheit Violinkonzerte von Heinz Holliger, James Dillon, Hans-Jürgen von Bose und Hans Christian Bartel uraufgeführt hat. Zu den vielfältigen kammermusikalischen Aktivitäten von Thomas Zehetmair zählen Auftritte mit dem von ihm gegründeten Zehetmair-Quartett oder mit der Bratscherin Ruth Killius im Duo. Der als Dirigent gleichermaßen erfolgreiche Musiker leitet seit Herbst 2002 die Northern Sinfonia in England, seit Beginn der Saison 2010/2011 auch das St. Paul Chamber Orchestra. 2011 dirigierte er erstmals bei den Salzburger Festspielen. Die Musikhochschule »Franz Liszt« in Weimar sowie die Universität Newcastle verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Thomas Zehetmair hat seit 1985 wiederholt bei den Berliner Philharmonikern gastiert und war hier zuletzt 2009 mit dem Violinkonzert von Bernd Alois Zimmermann zu hören (Dirigent: Heinz Holliger).

musikfest berlinIn Zusammenarbeit mit dem musikfest berlin 13

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