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Simon Rattle dirigiert ein Konzert »à la française«

20. Feb 2016

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Rundfunkchor Berlin, Gijs Leenaars

  • Francis Poulenc
    Figure humaine, Kantate für doppelten gemischten Chor a cappella (20 Min.)

    Rundfunkchor Berlin, Gijs Leenaars Einstudierung

  • Charles Koechlin
    Les Bandar-log (Scherzo des singes) op. 176 nach Rudyard Kiplings The Jungle Book (18 Min.)

  • György Kurtág
    Petite Musique solenelle en hommage à Pierre Boulez 90 (Deutsche Erstaufführung) (8 Min.)

  • Maurice Ravel
    Daphnis et Chloé, Symphonie chorégraphique in drei Teilen (60 Min.)

    Gijs Leenaars Einstudierung, Rundfunkchor Berlin

  • Francis Poulenc
    Figure humaine, Aufnahme vom 19. Februar 2016 (20 Min.)

    Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker

Maurice Ravel sammelte Spieldosen. Denn nichts faszinierte den Komponisten mehr als kindliche Traumwelten, die in Form präziser Mechanik kurzzeitig Gestalt annahmen. Ob sich Sergej Diaghilew dessen bewusst war, als er Ravel 1909 bat, ein an der Wende vom zweiten zum dritten nachchristlichen Jahrhundert entstandenes bukolisches Epos musikalisch für Aufführungen der Ballets russes einzurichten? Wir wissen es nicht – wohl aber, von welchen Vorstellungen sich der Komponist bei der Arbeit an Daphnis et Chloé leiten ließ: »Meine Absicht war, ein großes musikalisches Fresko zu komponieren«, bekannte Ravel, »weniger auf Archaik bedacht als auf Treue zu dem Griechenland meiner Träume, das jenem Griechenland verwandt ist, wie es die französischen Maler am Ende des 18. Jahrhunderts sich vorgestellt und geschildert haben.«

Ein Spiel mit Bildern und Klängen also, eingefangen in einer Partitur, die rauschhafte Zustände bis zur totalen Erschöpfung Musik werden lässt, dennoch aber von einer eher distanzierten, bisweilen kühlen Grundhaltung geprägt ist. Wie kaum ein zweiter verstand sich Ravel darauf, Emotionen durch intellektuelle Reflexion und satztechnische Präzision zu filtern. Nicht umsonst nannte er sich selbst einen musikalischen »Uhrmachermeister«.

Ein knappes Vierteljahrhundert jünger als Ravel, wurde Francis Poulenc von einem Kritiker einmal als jemand bezeichnet, der zugleich »Mönch und Lausbub« ist. Mit seiner 1943 entstandenen Chorkantate Figure humaine nach Texten seines Landsmanns Paul Éluard hat der janusköpfige Komponist unter dem Eindruck der deutschen Besatzung seines Heimatlands eine eindrucksvolle Hymne auf die Freiheit geschrieben. In unserem Konzert ist sie zu Beginn im vokalen Original und am Ende in einer Bearbeitung für 12 Cellisten zu hören (die aus organisatorischen Gründen am 19. Februar 2016 aufgezeichnet wurde). In ganz andere Gefilde entführt die von Rudyard Kiplings Dschungelbuch inspirierte Symphonische Dichtung Les Bandar-log von Charles Koechlin: ein ebenso virtuoser wie hintergründiger musikalischer Affentanz, der u. a. die Vertreter einer selbsternannten kompositorischen Avantgarde aufs Korn nimmt: »Diese Affen«, so Koechlin, »halten sich für geniale Schöpfer, sind aber nichts weiter als gemeine Nachahmer, deren einziges Ziel es ist, mit der Tagesmode Schritt zu halten.«

Werke von Francis Poulenc, Charles Koechlin, Maurice Ravel und György Kurtág

Liberté: Der Grundton im großen Dreiklang von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat seit der Französischen Revolution nichts von seiner Gültigkeit und Wirkungsmacht verloren. Einerseits so alltäglich wie der Slogan einer Zigarettenwerbung – »liberté, toujours«–, andererseits so erhaben, dass libertébis heute immer dann und immer da beschworen wird, wenn und wo Frankreich in große Bedrängnis gerät. Zuletzt im Januar und im November des vergangenen Jahres, nach den blutigen Pariser Terroranschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und auf einen jüdischen Supermarkt, auf den Konzertsaal Bataclan, eine Reihe von Cafés und Restaurants sowie das Stade de France.

Francis Poulenc: Figure humaine

Auch im besetzten Frankreich des Jahres 1942 war libertédie Parole des Aufbegehrens und der Hoffnung – zum Beispiel in dem Gedicht des Surrealisten Paul Éluard, das wie ein Mantra 20 vierzeilige Strophen lang mit dem Vers endet »J’écris ton nom«(Ich schreibe deinen Namen), bevor die 21. und letzte Strophe die Auflösung bringt: »Eigentlich wollte ich am Ende den Namen der Frau preisgeben, die ich liebte, und für die ich dieses Gedicht geschrieben hatte. Aber ich stellte schnell fest, dass das einzige Wort, das ich im Kopf hatte, das Wort liberté war. ›Und kraft eines Wortes / beginne ich mein Leben neu. / Ich bin geboren, dich zu erkennen, / dich beim Namen zu nennen: / Freiheit.‹ «, endet daher das achte und letzte Stück der Doppelchor-Kantate Figure humaine, die Francis Poulenc im Sommer 1943 binnen weniger Wochen in Musik setzte. Éluard lebte damals im Untergrund der Résistance und verschickte seine (in der Sammlung Poésie et Vérité 42 veröffentlichten) Verse als anonyme Typoskripte an einige enge Vertraute – so auch an Poulenc, mit dem in den Jahren 1916/1917 eine Freundschaft entstanden war. Der drei Jahre jüngere Komponist hatte sich in das Dorf Beaulieu-sur-Dordogne (in der zone libre) zurückgezogen und machte sich voller Begeisterung an die Arbeit: »Liberté vertonte ich mit Blick auf den wuchtigen, durch und durch französischen Glockenturm der Dorfkirche«, berichtete er in einem Brief an Geneviève Sienkiewicz. »Ich bat meinen Verleger und Freund Paul Rouart, das Chorwerk heimlich zu drucken, um es am so heiß ersehnten Tag der Befreiung sofort aufführen zu können. Tatsächlich wurde die Musik gleich nach der Befreiung nach London geschickt und noch vor Kriegsende durch den Chor der BBC uraufgeführt« – und zwar (in englischer Übersetzung) am 25. März 1945.

Charles Koechlin: Les Bandar-log op. 176

Poulencs fest auf dem Boden der Tonalität stehende Figure humaine und Charles Koechlins modernistisches Orchesterwerk Les Bandar-log sind zwar fast zeitgleich entstanden, scheinen jedoch aus zwei völlig verschiedenen Epochen zu stammen. Mit der Symphonischen Dichtung über ein Affenvolk beendete Koechlin im Januar 1940 seinen sechsteiligen Werkzyklus nach Rudyard Kiplings The Jungle Book, mit dem er bereits 1899 (in den Trois Poèmes op. 18) begonnen hatte. Und auch hier geht es, wenn man genau hinschaut und -hört, um den Geist der Freiheit – oder ist es vielleicht eher jenes Fantôme de la liberté, das Luis Buñuel 1974 in seinem vorletzten Film als grelle Gesellschaftssatire bloßstellte? Die Freiheit der Kunst, um die Koechlin zeit seines Lebens gerungen hat, erscheint in diesem aberwitzigen und fulminant instrumentierten Scherzo jedenfalls als groteske Fratze: »Die Affen halten sich für begnadete Genies«, so der Komponist, »und sind doch nichts weiter als plumpe Nachäffer, deren einziges Ziel es ist, der Tagesmode zu folgen. So etwas soll es auch in der Welt der Künste geben…«

Les Bandar-log sind eine aberwitzige Mischung aus Debussy, Schönberg und Strawinsky, Poly- und Atonalität, modalen Passagen, Pseudo-Zwölftonmusik und einer grellen Fugen-Parodie über das Kinderlied J’ai du bon tabac, das schon Camille Saint-Saëns in seinem Carnaval des animaux zitierte. In Koechlins Partitur steht dazu: »Le (prétendu) ›Retour à Bach‹« Die (angebliche) »Rückkehr zu Bach«, mit der Vortragsanweisung »schwerfällig, scholastisch, streng und trocken«.

Maurice Ravel: Daphnis et Chloé

Letzten Endes ist der Dschungel, in dem Kiplings und Koechlins Affen ihr Unwesen treiben, ein ähnlich irrealer Ort wie die Antike, die für Maurice Ravels rund 30 Jahre zuvor entstandenes Ballett Daphnis et Chloé die Szenerie liefert. Die arkadischen Landschaften, wie sie sich dem Betrachter auf den Gemälden von Nicolas Poussin oder (ein Jahrhundert später) Antoine Watteau präsentieren, sind ein schöner Schein, eine Fälschung aus dem Barock- bzw. Rokoko-Zeitalter. Die Freiheit, sich in diese idealisierte Welt zurückzuträumen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Œuvre Ravels. Schon sein erstes Lied (Ballade de la Reine morte dʼaimer, ca. 1893) und sein erstes Klavierstück (Menuet antique, 1895) wirken wie Klang-Bilder einer aus der Zeit gefallen Vergangenheit.

Ravel hätte also eigentlich begeistert sein müssen, als ihm Sergej Diaghilew – der Impresario der berühmten Ballets russes – im Juni 1909 vorschlug, die Ballett-Partitur zu einem Libretto zu komponieren, das der Choreograf Michail Fokin nach dem Hirtenroman Daphnis und Chloe des spätantiken Dichters Longos entworfen hatte. Aber weder Fokins starrer Choreografie-Entwurf noch die Bühnenbilder von Léon Bakst entsprachen Ravels Vorstellungen: »Was mir vorschwebte, war ein ausladendes musikalisches Fresko, weniger archaisierend als voll Hingabe an das Griechenland meiner Träume, welches sich sehr leicht mit dem identifizieren lässt, was die französischen Künstler des späten 18. Jahrhunderts nach ihren Vorstellungen gemalt haben. Mein Werk ist nach einem sehr strengen tonalen Plan symphonisch gebaut, und zwar mittels einer kleinen Zahl von Motiven, deren Entwicklungen die symphonische Homogenität des Werks gewährleisten.« So lautete denn auch die ursprüngliche Gattungsbezeichnung des Werks »Symphonie chorégraphique«.

György Kurtág: Petite Musique solennelle en hommage à Pierre Boulez 90

All diese (geistigen wie künstlerischen) Freiheiten, auf die sich Ravel, Koechlin oder Poulenc berufen haben und die sie sich in ihren Werken erlaubten, waren für Pierre Boulez Anhaltspunkte und Leitlinien – so die deutschen Titel zweier seiner Essay-Sammlungen. »Composer en toute liberté« lautete denn auch die Schlagzeile eines französischen Kulturblogs zum 90. Geburtstag des großen Komponisten und Dirigenten (am 26. März 2015). Ihm zu Ehren entstand das Orchesterwerk Petite Musique solennelle en hommage à Pierre Boulez 90 von György Kurtág – ein rund achtminütiges (und damit für die Verhältnisse des nur ein Jahr jüngeren Ungarn erstaunlich langes) Klang-Geflecht, das eher die innere als die äußere Freiheit beschwört: bald silbern-hell, bald dunkel wie eine Trauermusik – vielleicht eine Vorahnung des nahenden Todes seines alten Freundes und Kollegen, der damals bereits schwer erkrankt war: am 5. Januar 2016 ist Pierre Boulez in Baden-Baden gestorben.

Was alle Werke des heutigen Abends verbindet, ist eine unverkennbar französische Freiheit der Form und des Klangs, in der vokalen Zwölfstimmigkeit Poulencs ebenso wie in den zwar groß besetzten, aber doch immer durchhörbaren, fast pointillistischen Orchester-Kompositionen. Keine Regeln, die befolgt werden (müssen), sondern eine Freiheit des Ausdrucks, die nur in einer »Ungewissheit des Augenblicks« entsteht – so Pierre Boulez: »Der Ort für die instabilste, flüchtigste und reichste Zone von Imagination wie Wahrnehmung liegt zwischen Ordnung und Chaos.« Liberté zeigt uns den Weg dorthin.

Michael Stegemann

Mit rund 60 Konzerten jährlich sowie Gastauftritten bei Festivals zählt der Rundfunkchor Berlin zu den herausragenden Chören des internationalen Konzertlebens. 1925 in Berlin gegründet, feierte er 2015 sein 90-jähriges Bestehen. Ein breites Repertoire und reich nuanciertes Klangbild machen den Profichor zu einem begehrten Ensemble bedeutender Orchester und Dirigenten in aller Welt; in Berlin bestehen langjährige Kooperationen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Eine rege Aufnahmetätigkeit und viele Auszeichnungen, darunter drei »Grammy Awards«, dokumentieren den großen Erfolg dieser Arbeit. Gemeinsam mit Künstlern unterschiedlicher Disziplinen erschließt der Chor jedes Jahr mit einer spartenübergreifenden Produktion neue Erlebnisweisen von Chormusik: So stieß z. B. 2012 die szenische Umsetzung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms durch Jochen Sandig und ein Team von Sasha Waltz & Guests auf große Beachtung. Mit zahlreichen Aktivitäten im Bildungs- und Erziehungsbereich wie dem jährlichen Mitsingkonzert in der Philharmonie, der Liederbörse für Kinder und Jugendliche oder dem Grundschulprojekt SING! möchte der Chor möglichst viele Menschen zum Singen bringen; zudem setzt er sich auch für professionelle Nachwuchssänger ein. Seit seiner Gründung wurde das Vokalensemble von Dirigenten wie Helmut Koch, Dietrich Knothe, Robin Gritton und zuletzt Simon Halsey geprägt; mit Beginn dieser Spielzeit übernahm Gijs Leenaars die Position des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters. Mit den Berliner Philharmonikern war der Rundfunkchor Berlin zuletzt Ende Januar unter der Leitung von Iván Fischer in Gustav Mahlers Dritter Symphonie zu erleben.

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