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Simon Rattle dirigiert »Le Sacre du printemps«

03. Jun 2017

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Imogen Cooper

  • Thomas Adès
    Powder Her Face Suite, Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker gemeinsam mit dem Philadelphia Orchestra, Saint Louis Symphony Orchestra, Carnegie Hall, Danish National Symphony Orchestra und London Philharmonic Orchestra Uraufführung (29 Min.)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 25 C-Dur KV 503 (35 Min.)

    Imogen Cooper Klavier

  • Igor Strawinsky
    Chant funèbre Deutsche Erstaufführung (11 Min.)

  • Igor Strawinsky
    Le Sacre du printemps (revidierte Fassung von 1947) (40 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Imogen Cooper im Gespräch mit Matthew Hunter (13 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Sir Simon Rattle über Strawinskys Chant funèbre (5 Min.)

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht gleich auffällt – dieses Programm ist »very british«. Das liegt an der Trias Sir Simon Rattle, Thomas Adès und Imogen Cooper, allesamt gebürtige Engländer. Aber nicht nur das. Die drei verbindet eine langjährige künstlerische und freundschaftliche Zusammenarbeit. Wie sehr Simon Rattle die Musik des Komponisten Thomas Adès schätzt, bewies er bei seinem Antrittskonzert als Chef der Berliner Philharmoniker im September 2002, bei dem er neben Gustav Mahlers Fünfter Symphonie Thomas Adès’ Asyla auf das Programm setzte, ein Werk, das der Dirigent 1997 beim City of Birmingham Symphony Orchestra uraufgeführt hat. Es folgte 2007 die Premiere des Ochesterstücks Tevót, das der Komponist im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker schrieb. Nun gibt es eine weitere Uraufführung: die um zwei Tänze erweiterte Fassung der Suite aus der Erfolgsoper Powder Her Face (1995), die das skandalöse Liebesleben und den sozialen Abstieg der Herzogin von Argyll, einer Dame der englischen Gesellschaft, thematisiert. Adès treibt in den Tanzsätzen dieser Oper ein ironisierendes, persiflierendes Spiel mit der populären Musik der 1930er- bis 1960er-Jahre, der gesellschaftlichen Glanzzeit der Herzogin.

Unmittelbar nach Powder Her Face komponierte Adès ein Klavierstück, das Imogen Cooper bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Die Pianistin gehöre – so Simon Rattle einmal in einem Interview – »zu einer Handvoll wirklicher alter Freunde, die immer in den wichtigsten Augenblicken meines Lebens auftauchen«. Cooper, eine Schülerin von Alfred Brendel, Paul Badura-Skoda und Jörg Demus, gilt als ausgezeichnete Mozart-Interpretin. 1991 gastierte sie zusammen mit Rattle bei den Berliner Philharmonikern und spielte den Solopart in Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 595, fünf Jahre später wirkte sie noch bei einem Kammermusikkonzert mit, bei dem das Klavierquintett Voices of Angels des damaligen philharmonischen Bratschisten und Komponisten Brett Dean uraufgeführt wurde. Nun kehrt die britische Pianistin zurück, um unter Leitung ihres Freundes Simon das Klavierkonzert C-Dur KV 503 zu spielen. Wie Imogen Cooper und die Musik von Thomas Adès so gehört auch Igor Strawinskys Le Sacre du printemps untrennbar zu Sir Simon Rattles musikalischer Laufbahn. Bei den Berliner Philharmonikern setzt er das mitreißende Stück immer wieder gerne aufs Programm, angefangen von dem vielbeachteten ersten Tanzprojekt des Education-Programms, das in dem Film Rhythm Is It! dokumentiert wurde, bis hin zu den Baden-Badener Osterfestspielen 2014. Außerdem leitet Sir Simon Rattle die deutsche Erstaufführung von Chant funèbre, einem Jugendwerk Strawinskys, das lange als verschollen galt und erst kürzlich wiederentdeckt wurde.

Brüche und Neuentdeckungen

Nebeneinander von Tradition und Moderne in Werken von Adès, Mozart und Strawinsky

Thomas Adès: Powder Her Face Suite

Thomas Adès wird 1971 in London geboren, im selben Jahr, in dem Igor Strawinsky mit 88 Jahren stirbt. Der britische Komponist zählt heute zu jenen zeitgenössischen Komponisten, die verstanden haben, die europäische Musiktradition in ihre Werke zu integrieren, und die eher auf Abstand zu jener musikalischen Avantgarde gehen, die das Kulturerbe der letzten Jahrhunderte bewusst ausschlägt. Strawinsky darf als Gewährsmann und Ausgangspunkt gelten für die Selbstverständlichkeit, mit der unterschiedliche musikalische Stilistiken schablonenartig nebeneinander gestellt werden.

Die hier als Auftragswerk in ihrer komplettierten Fassung uraufgeführte Powder Her Face Suite von Adès ist ein Ablegerwerk seiner Kammeroper Powder Her Face, die ihre Premiere bereits 1995 beim Cheltenham Music Festival hatte. Die auf wahren Begebenheiten beruhende Boulevardgeschichte zeichnet einen spektakulären Scheidungsprozesses nach – inklusive der als Beweismittel vorgelegten skandalösen Sexfotografien der Titelheldin: Margaret Whigham, die durch Heirat zur Herzogin von Argyll wurde, erinnert sich in einem Hotel der Stationen ihres extravaganten und ausschweifenden Lebens. Die instrumentale Suite unternimmt in ihren acht Sätzen eine musikalische Zeitreise durch verschiedene Stationen der in den 1930er,- 1950er- und 1990er-Jahren spielenden Oper. Zusätzlich zu drei ausgekoppelten Tanzsätzen instrumentierte Adès den Hochzeitsmarsch sowie Szenen und Arien der Oper neu, indem er die Gesangs- in Instrumentalpartien übertrug.

»Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen?« – Mozarts Klavierkonzert KV 503

Mozart, Star des von ihm gern als »Clavierland« bezeichneten Wien, komponierte in seinem wohl erfolgreichsten Jahr 1784 ganze sechs Klavierkonzerte für die Aufführung in sogenannten Akademien, also eigenverantworteten, auf Subskription veranstalteten Konzerten mit ihm selbst als Solisten. Zwei Jahre später schrieb er nur noch zwei: Auf das im Frühjahr 1786 fertiggestellte düster-tragische c-Moll-Konzert KV 491 folgt mit Halbjahresabstand das größtenteils humorvolle und doch auch lyrische Gegenstück, das Konzert für Klavier und Orchester C-Dur KV 503. Er trägt es am 4. Dezember ins »Verzeichnüß« seiner Werke ein und will es noch im selben Monat innerhalb einer von vier Akademien aufführen. Aber offenbar ist das mittlerweile deutlich abnehmende Publikumsinteresse der Grund dafür, dass Mozart die anberaumten Auftritte absagen und einen neuen Uraufführungstermin für die Zeit nach seiner Pragreise (zur Wiederaufnahme der Oper Le nozze di Figaro KV 492) finden muss.

War der Erfolg seines Figaro dafür verantwortlich, dass Mozart die vorherrschende dunkle Sphäre des c-Moll-Konzerts in dem neuen Gattungsbeitrag verlassen hat? Die prunkvolle barocke Eröffnung in majestätischem Rhythmus spräche eher für eine Zementierung der alten aristokratischen Ordnung. Das herrschaftliche musikalische Dekor ist in Fanfaren- und aufsteigender Raketen-Thematik deutlich erkennbar. Indes setzt ein Klopfmotiv das Startsignal für ein einfaches liedhaftes (zweites) Thema, das die erstarrte alte Welt aus Grafen und Dienern aufzubrechen scheint. Es schimmert anfangs kurz in Moll auf, um erst dann in Dur seine ganze tänzerische Wirkung zu entfalten. Dialogisch spielen sich in immer neuen klangfarblichen Kombinationen Klavier und Orchester mit vermeintlicher Leichtigkeit die singspielhaften Melodien zu. Auch im abschließenden Rondo werfen die Moll-Episoden nur kurze Schatten auf die lichte aufgeklärte Klangwelt.

Ein schlimmer Verlust und ein sensationeller Fund – Igor Strawinskys Chant funèbre

Es ist ein großer Schock, als der 26-jährige Igor Strawinsky im Juni 1908 von Nikolaj Rimsky-Korsakows Tod erfährt. Aus dem westukrainischen Ustilug, wo sich Strawinsky mit seiner Frau nach der Geburt ihres ersten Sohnes niedergelassen hatte, braucht er mehr als zwei Tage mit der Bahn, um gerade noch rechtzeitig zur Trauerfeier seines Kompositionslehrers und väterlichen Freundes in Sankt Petersburg einzutreffen. Auf die persönliche Verabschiedung am Grab folgt wenig später eine musikalische, denn innerhalb von gut vier Wochen schreibt Strawinsky nach seiner Rückkehr in Ustilug die Gedenkkomposition Chant funèbre op. 5 für den Verstorbenen. Der Komponist sollte sie nur ein einziges Mal hören, nämlich bei ihrer Uraufführung im Januar 1909.

»Unglücklicherweise ist die Partitur dieses Werks während der Revolution in Russland verlorengegangen, wie so vieles andere, das ich dort gelassen habe«, erinnert sich Strawinsky im Jahr 1936. Die Musik war aus dem Gedächtnis des Komponisten gelöscht, nicht jedoch die Struktur des etwa zwölfminütigen Orchesterwerks: »Ich entsinne mich der Musik nicht mehr, aber sehr gut noch der Idee, die ihr zugrunde lag. Es war ein Trauerzug aller Soloinstrumente des Orchesters, von denen eines nach dem anderen seine Melodie wie einen Kranz auf das Grab des Meisters legte. Dieser Gesang hob sich ab von dem ernsten Hintergrund eines Tremolo, dessen Gemurmel den vibrierenden Bassstimmen eines Trauerchors glich.«

Dass sich nach Auskunft Strawinskys zumindest die Orchesterstimmen »noch in irgendeiner der Sankt Petersburger Orchesterbibliotheken« befinden müssten, lieferte Musikwissenschaftlern immer wieder Anlass, danach zu suchen. Aber erst per Zufall tauchte Anfang 2015 das inzwischen für immer verschollen geglaubte Werk während Umzugsarbeiten in einem kleinen vollgestellten Lagerraum eben jenes Konservatoriums auf, an dem Rimsky-Korsakow unterrichtet hatte. Und in der Folge der nach 107 Jahren ersten Wiederaufführung des Werks durch Valery Gergiev am 2. Dezember 2016 reist das Werk nun durch die internationalen Konzertsäle.

Der Beginn der Moderne in der Musik – Le Sacre du printemps

Während Strawinsky 1908 am Chant funèbre komponiert, verlässt Arnold Schönberg in seinen Werken erstmals die Pfade der tonalen Musik. Aber auch Strawinsky bricht keine fünf Jahre später mit der musikhistorischen Tradition, als seine Ballettmusik Le Sacre du printemps am 29. Mai 1913 (mit der Kompagnie der Ballets russes in der Choreografie von Vaslav Nijinsky) in Paris die bis dato wohl skandalöseste Uraufführung erlebt. Die von ihm im Ballett erzählte Geschichte eines heidnischen Frühlingsopfers rührt an die archaischen Wurzeln der Menschheit. Und was mit dem zart aufkeimenden Frühling in der Volksliedmelodie des Fagotts unschuldig beginnt, endet tödlich mit dem Opfertanz der Auserwählten.

Die rituellen Körperbewegungen werden im Rhythmus der Musik erstaunlich konkret abgebildet: Das Auf-der-Stelle-Treten der Gruppe wird zum zuerst regelmäßigen Pulsschlag der im Frühling erwachenden Erde, während das ekstatische wilde Stampfen das gesamte Orchester zur Transformation in ein riesenhaftes tobendes und zuckendes Schlagwerk zu zwingen scheint. Dabei wandeln sich die in Gruppen aufgeführten Reigen- und Schreittänze im ersten Teil der Anbetung der Erde zum Opfertanz der Auserwählten. In der Musik begleiten unerwartete Pausen, schroffe Akzente, harte Orchesterschläge und irreguläre Rhythmen die Schrecksekunden vor der Katastrophe auf der Bühne. Hinter martialisch repetierten, dissonanten Akkorden bricht sich die entfesselte Wildheit des Kollektivs Bahn. Und die Auserwählte beginnt mit grotesken Sprüngen und ekstatischen Zuckungen ihren letzten Tanz. Mit ausgestreckten Armen wird die Geopferte in die Höhe gehoben und dem Sonnengott dargebracht. Dem Frühling ist die Kraft zurückgegeben, und der Zyklus von Werden und Vergehen der Natur schließt sich.

Klaus Oehl

Imogen Cooper wird weltweit für ihren virtuosen und eindringlichen Vortrag des klassischen und romantischen Klavierrepertoires geschätzt. Geboren in London, studierte sie in ihrer Heimatstadt bei Kathleen Long, in Paris bei Jacques Février und Yvonne Lefébure sowie in Wien bei Alfred Brendel, Jörg Demus und Paul Badura-Skoda. Cooper konzertierte u. a. mit den New Yorker und den Wiener Philharmonikern, dem London Symphony Orchestra, dem Royal Concertgebouw Orchester Amsterdam, dem Gewandhausorchester Leipzig, und beim NHK Symphony Orchestra in Tokio; sie unternahm Konzertreisen mit der Camerata Salzburg, dem Australian Chamber Orchestra und dem Orpheus Chamber Orchestra. Eine enge Zusammenarbeit pflegt die Pianistin mit der Northern Sinfonia und der Britten Sinfonia, wobei sie auch als Dirigentin in Erscheinung tritt. Sie gibt Soloabende in der Londoner Wigmore Hall, in New York, Philadelphia, Paris, Prag und Wien sowie bei der Schubertiade Schwarzenberg. Imogen Coopers Interesse gilt auch der zeitgenössischen Musik: So hat sie Traced Overhead von Thomas Adès (1996) und Decorated Skin von Deirdre Gribbin (2003) uraufgeführt und war 1996 an der Premiere von Brett Deans Voices of Angels mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker beteiligt. Als Kammermusikerin arbeitet sie regelmäßig mit dem Belcea Quartet zusammen; mit Wolfgang Holzmair ist sie vielfach als Liedbegleiterin aufgetreten. Ihr Debüt in Konzerten der Berliner Philharmoniker gab Imogen Cooper im Januar 1991 mit Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 595; es dirigierte Sir Simon Rattle. Imogen Cooper wurde 2007 zum Commander of the British Empire ernannt und ein Jahr später von der Royal Philharmonic Society ausgezeichnet. Sie ist Ehrenmitglied der Royal Academy of Music und erhielt 1999 die Ehrendoktorwürde in Musik der Universität Exeter.

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