Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 mit Mitsuko Uchida und Simon Rattle

20. Feb 2010
Benefizkonzert zugunsten der UNICEF-Nothilfe

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Mitsuko Uchida

  • György Ligeti
    San Francisco Polyphony (15 Min.)

  • Ludwig van Beethoven
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58 (40 Min.)

    Mitsuko Uchida Klavier

  • Jean Sibelius
    Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43 (48 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Gesprächsrunde: Die Berliner Philharmoniker unterstützen die Nothilfe für Haiti der UNICEF (16 Min.)

Normalerweise sind es herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die von UNICEF zum »International Goodwill Ambassador« ernannt werden. Die Berliner Philharmoniker sind die einzige Institution in diesem erlesenen Kreis. Die Nachricht des verheerenden Erdbebens in Haiti am 10. Januar 2010 veranlasste das Orchester und seinen Chefdirigenten Sir Simon Rattle, ein Benefizkonzert für UNICEF zu geben, dessen Erlöse den Kindern von Haiti zugute kommen. Auch dir Solistin des Abends, Mitsuko Uchida, spendete ihre Gage für den guten Zweck.

Die Berliner Morgenpost kommentierte: »György Ligetis knapp viertelstündige San Francisco Polyphony, von Sir Simon Rattle dem Konzert mit den Philharmonikern vorangestellt, brach 1975 gewissermaßen wie ein tonales Erdbeben über die Stadt herein, und noch heute fühlt sich der Hörer, als habe Ligeti ihm den altvertrauten musikalischen Boden unter den Füßen wegkomponiert. Widerstand zwecklos. Es gab Beifall, wenn natürlich auch nicht einen derart überwältigenden, wie ihn zu Recht Mitsuko Uchida einheimste. Mit dem Vortrag des 4. Klavierkonzerts beschloss sie ihren dreiwöchigen Beethoven-Zyklus mit allen fünf Klavierkonzerten des Meisters, wieder assistiert von der ebenso aufmerksamen wie liebevollen Begleitung durch Sir Simon und seiner glänzenden philharmonischen Mannschaft. Höhepunkt ihrer pianistischen Darstellungskraft wurde, wie zu erwarten, das seelenvolle Andante, frei von jeder Kraftanstrengung wie in die Tasten dahingeträumt.«

Auf neuen Wegen

Werke von Ligeti, Beethoven und Sibelius

Lust am steten Wandel – György Ligetis San Francisco Polyphony

György Ligeti war stets auf der Suche, hatte Lust am Wandel und setzte sich oft in Widerspruch zum Zeitgeist. Er war allergisch gegenüber Moden und gehörte keiner Schule oder Gruppe an. In einem Denken in Musik betitelten Vortrag verriet er 1988: »Ich suche seit Jahrzehnten einen Weg zwischen den Klippen – der Skylla der Avantgarde, der ich mich nicht mehr zugehörig fühle, und der Charybdis des Zurück zu einem alten Stil.«

Ab Mitte der 1960er-Jahre veränderte Ligeti seinen musikalischen Stil. Basierte seine Musik der späten 50er-Jahre vor allem auf der »Mikropolyfonie«, das heißt der Technik einer engen »Verquickung« von Instrumentalstimmen, so bewegte er sich nun hin zu einer Polyfonie, die er als »transparenter, klarer gezeichnet, dünner und spröder« charakterisierte. Das zum 60-jährigen Bestehen des San Francisco Symphony Orchestra geschriebene Orchesterstück San Francisco Polyphony (1973/74) ist eine Art »Endprodukt« dieser Entwicklung und zeigt eine besonders konsequente Anwendung der neuen Polyfonie: »Die einzelnen melodischen Linien und Gestalten sind in sich geschlossen und geordnet; ihre Kombination, sowohl simultan wie sukzessiv, ist chaotisch; in der Großform schließlich, im übergeordneten Ablauf des musikalischen Geschehnisses, manifestiert sich wiederum Ordnung – man sollte sich einzelne Gegenstände vorstellen, die in riesiger Unordnung in eine Schublade geworfen wurden, doch die Schublade selbst hat wiederum eine definierte Form: in ihr herrscht Chaos, sie selbst ist aber wohlgestaltet« (Ligeti).

San Francisco Polyphony besteht aus drei Abschnitten mit teils statischem, teils dramatischem Charakter: der Introduktion mit einer über drei Oktaven ausgebreiteten chromatischen Tontraube (Cluster); dem ausgedehnten Mittelteil, dramatisch angelegt aber vergleichsweise affektneutral; dem abschließenden Presto-Teil. Hier greift der Komponist zurück auf den Typus einer maschinenhaften Perpetuum-Mobile-Musik, den man besonders markant aus dem Poème symphonique für 100 Metronome, dem Cembalostück Continuum, aber auch aus Sätzen des Zweiten Streichquartetts, des Bläserquintetts und des Kammerkonzerts des Komponisten kennt.

Konventionen abgestreift – Ludwig van Beethovens Viertes Klavierkonzert

Zwischen der Komposition des Dritten und der Fertigstellung des Vierten Klavierkonzerts von Ludwig van Beethoven lagen nur sechs, freilich entscheidende Jahre. Beethoven schrieb in dieser Zeit seine Dritte Symphonie Eroica, die Klaviersonaten op. 53 Waldstein und op. 57 Appassionata sowie die drei Rasumowsky-Quartette op. 59. Während er sich in den ersten drei Klavierkonzerten noch deutlich an den klassischen Vorbildern, vor allem an Mozart orientiert, markiert das vierte Konzert einen qualitativen Sprung: Beethoven streift die Konventionen ab und weiß – auf der Höhe seiner Kunst – die Form des Solokonzerts mit der symphonischen Entwicklung zu verschmelzen.

Welche neuen Wege der Komponist geht, wird gleich am Anfang deutlich: Das Konzert wird ebenso wie unvermittelt und knapp vom Solisten eröffnet, dem dann das Orchester antwortet. Aus dem ersten Tutti-Höhepunkt entwickelt sich ein marschartiges Thema, das später in der Reprise eine wichtige Rolle spielt. Der langsame Satz dann ist ein erstaunlich kurzes Andante con moto mit nur 72 Takten – eigentlich gar kein ausgewachsener Satz, sondern eher ein Zwischenspiel. Pianissimo hebt dann das sich unmittelbar anschließende Finale an. Sein Hauptthema beginnt überraschenderweise in C-Dur und erreicht erst nach einigen Takten die Haupttonart G-Dur. In diesem Satz ist das Orchester um Trompeten und Pauken verstärkt, die besonders dann eingesetzt werden, wenn das fanfarenartige Rondothema erklingt.

Werk der Neuorientierung – Die Zweite Symphonie von Sibelius

Die Jahre 1900 und 1901 waren für Jean Sibelius entscheidend auf dem Weg zu internationaler Anerkennung. Während einer Europareise des Philharmonischen Orchesters Helsinki, die u. a. über Hamburg, Berlin, Amsterdam, Rotterdam und Brüssel nach Paris führte, wurden Werke des Komponisten unter Leitung des Dirigenten Robert Kajanus aufgeführt; Sibelius dirigierte selbst einige Tourneekonzerte. Im Februar 1901 reiste er weiter nach Italien, wo er mit der Komposition seiner Zweiten Symphonie begann. Im Juni dirigierte Sibelius mit großem Publikumserfolg seine Kalewala-Legenden beim 37. Musikfest des Deutschen Tonkünstlerverbandes in Heidelberg. Wieder in Finnland, zog er sich danach aufs Land zurück, um weiter an der neuen Symphonie zu arbeiten. Sie war noch vor Ende des Jahres abgeschlossen und wurde am 8. März 1902 in Helsinki uraufgeführt.

Die Zweite Symphonie gilt als Werk der Neuorientierung. Sibelius hält sich zwar noch weitgehend an die traditionelle symphonische Form, erkundet zugleich aber neue Wege der Arbeit mit dem musikalischen Material. So bietet der Kopfsatz anstelle des gewohnten Themendualismus drei thematische Gedanken: ein pastorales Hauptthema, eine Violinpassage und ein Trillermotiv. Trotz Spaltung, neuer Kombination und Aufsplitterung des Materials, trotz zerklüfteter Motive bleibt die Form des Sonatensatzes erkennbar.

Das expressive Andante mit drei Themengruppen erhält sein spezifisches Kolorit durch das Fagott am Anfang sowie durch die in ungewohnt tiefer Lage spielende Flöte und Trompete. Das folgende scherzoartige Vivacissimo wirkt wie ein Perpetuum mobile. Aus der neunmaligen Wiederholung des ersten Tons formuliert die Oboe das lyrische Thema des Trios. Ohne Pause schließt sich nach Wiederholung von Scherzo und Trio das Finale an, das auf zwei großen Themenkomplexen aufgebaut ist: ein triumphales unisono-Thema in den Streichern mit Trompetenfanfare sowie ein schreitendes und anschwellendes Thema. In der Durchführung wird das unisono-Thema in großen Steigerungen präsentiert. Ein Choral beschließt (zunächst im Blech, dann im ganzen Orchester) das Werk.

Entgegen allen Versuchen außermusikalischer Deutungen erklärte Sibelius selbst, keine seiner Symphonien habe programmatischen Gehalt. Dennoch unterlegte sein enger Freund und wichtigster Interpret Robert Kajanus der Zweiten Symphonie ein Programm – vielleicht in der Absicht, sie rasch bekannt zu machen: Im ersten Satz werde das ruhige, pastorale Leben der Finnen porträtiert, im zweiten das Anbrechen patriotischer Gefühle, aber auch seelenvolle Ängstlichkeit, die von Gedanken an brutale Unterdrückung herrühre. Der dritte Satz zeige das Erwachen nationaler Gefühle, der vierte schließlich sei eine Apotheose der Hoffnung und des Traumes vom Triumph der finnischen nationalen Kraft. Wie auch immer man zu solchen Programmen stehen mag: Sibelius’ Zweite hat früh den Weg in die Konzertsäle gefunden und ist bis heute die bekannteste und populärste Symphonie ihres Komponisten.

Helge Grünewald


Mitsuko Uchida wird in der ganzen Welt für ihre von intellektueller Wachheit und tiefer musikalischer Einsicht gleichermaßen geprägten Interpretationen geschätzt. Sie ist eine Spezialistin für die Klaviermusik Mozarts, Beethovens und Schuberts, setzt in ihrem Repertoire aber auch Schwerpunkte mit Werken von Berg, Schönberg, Debussy und Messiaen. Als Solistin in Messiaens Oiseaux exotiques gab Mitsuko Uchida im Juni 1984 unter der Leitung von Seiji Ozawa ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern, mit denen sie seither häufig musiziert hat; in der Saison 2008/2009 war sie dem Orchester als Pianist in Residence verbunden. Regelmäßig ist die Künstlerin u. a. bei den New Yorker Philharmonikern, beim Cleveland und beim Chicago Symphony Orchestra sowie beim Philharmonia Orchestra London zu Gast. Hinzu kommt eine rege kammermusikalische Tätigkeit, beispielsweise mit dem Hagen Quartett und der Sängerin Magdalena Kožená. Gemeinsam mit dem Pianisten Richard Goode leitet Mitsuko Uchida das Marlboro Musikfestival in den USA. Überdies unterstützt sie junge Künstler durch ihre aktive Mitarbeit beim Borletti Buitoni Trust. Im vergangenen Jahr wurde sie für ihre Verdienste um die klassische Musik von Königin Elizabeth II. mit dem Titel »Dame« im »Order of the British Empire« ausgezeichnet. Mitsuko Uchida bringt in diesem Monat mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle sämtliche Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens zur Aufführung.


Mitsuko Uchida tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Decca Classics auf.

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