Robert Schumanns Violinkonzert mit Isabelle Faust und Sakari Oramo

24. Jan 2009

Berliner Philharmoniker
Sakari Oramo

Isabelle Faust

  • Bernd Alois Zimmermann
    Photoptosis (13 Min.)

  • Robert Schumann
    Konzert für Violine und Orchester d-Moll WoO 1 (38 Min.)

    Isabelle Faust Violine

  • Robert Schumann
    Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61 (41 Min.)

Robert Schumanns einziges Violinkonzert ist in mehrfacher Hinsicht ein Schmerzenskind des klassischen Repertoires. Das gilt zunächst für den Gehalt des Werks selbst: Unüberhörbar ist der Ausdruck der Trauer etwa im langsamen Satz, dessen Thema Schumann in seiner allerletzten Komposition, den Geistervariationen für Klavier, wieder aufgreifen sollte. Das gilt aber ebenfalls für die Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte: Widmungsträger Joseph Joachim und Ehefrau Clara Schumann zweifelten an Spielbarkeit und Qualität des Stücks, Joachims Sohn verfügte, das Konzert dürfe erst 100 Jahre nach dem Tod des Komponisten uraufgeführt werden. Knapp vor Ablauf dieser Frist wurde das Werk bereits 1937 aus der Taufe gehoben – allerdings in einer fragwürdigen Bearbeitung, zudem missbraucht zu Propagandazwecken der Nationalsozialisten, die es als »deutschen« Ersatz für das von den Spielplänen verbannte Violinkonzert des jüdischen Komponisten Mendelssohn etablieren wollten.

Inzwischen haben sich viele bedeutende Solisten für die unverkennbaren Schönheiten des unkonventionellen Werks eingesetzt. Zur Renaissance hat dabei nicht zuletzt die Geigerin Isabelle Faust beigetragen, die das Konzert anlässlich ihres Debüts bei den Berliner Philharmonikern interpretierte. Im Rahmen des Schumann-Schwerpunkts des Orchesters in der Spielzeit 2008/2009 erklang außerdem die Zweite Symphonie, die durch satzübergreifende Themenzitate, den Rückgriff auf barocke Kompositionsmethoden und einen der schönsten langsamen Sätze der Romantik zu den anspruchsvollsten und gelungensten Gattungsbeiträgen des Komponisten gehört. Das Programm komplettierte das von einer komplexen rhythmischen Struktur und zahlreichen Zitaten aus der Musikgeschichte geprägte Orchesterwerk Photoptosis von Bernd Alois Zimmermann. Dirigent des Konzerts war der Finne Sakari Oramo, der 1998 zum Musikdirektor des City of Birmingham Symphony Orchestra und damit zum direkten Nachfolger von Sir Simon Rattle ernannt wurde.

Was ist Wirklichkeit, was ist Wahrnehmung?

Musik von Bernd Alois Zimmermann und Robert Schumann

Der Auftrag kam zur Unzeit. Im Oktober 1968 erreichte Bernd Alois Zimmermann die Anfrage, ob er zum 100-jährigen Bestehen der Stadtsparkasse Gelsenkirchen ein Orchesterwerk schreiben könne. Der Haken an der Sache war der äußerst knapp bemessene Abgabetermin: Schon am 1. Dezember desselben Jahres wurde die Lieferung der Partitur erwartet. Die meisten seiner Komponistenkollegen hätten diese kurze Frist als ehrenrührig zurückgewiesen, Zimmermann jedoch nahm die Herausforderung an.

Der Spielort dürfte den Ausschlag gegeben haben. Das neue Werk sollte seine Uraufführung am Musiktheater im Revier erleben, jenem 1959 eröffneten Theaterbau, dessen Foyer der französische Maler und Bildhauer Yves Klein ausgestaltet hatte. In dessen Arbeiten begegnete Zimmermann einer ähnlichen Fragestellung, wie sie ihn seit einiger Zeit kompositorisch beschäftigte, nämlich der Relativität von Farbe und Zeit. Mit Photoptosis, dem griechischen Wort für »Lichteinfall«, überschrieb er seine Partitur, die er den »zartesten Klangfarbenschattierungen« widmete, von der fahlen Beleuchtung am Anfang bis zur starken Lichtstrahlung am Ende des 13-minütigen Werks.

Um diese Entwicklungskurve herauszuarbeiten, bedient sich Zimmermann einer strengen kompositorischen Architektur: Ein Grundpuls mit der Metronomzahl 60 pro Takt durchläuft das gesamte Werk. Die Ereignisdichte innerhalb dieses Metrums steigert sich aber erheblich und sorgt für ein verändertes Zeitempfinden. Am Anfang prägen liegende, clusterartige Akkorde der Streicher das Geschehen, zuweilen blitzen schnelle Figurationen der Flöten oder der Harfe auf sie herab, gefolgt vom grummelnden Donnergrollen leiser Paukenwirbel. Am Ende jedoch werden diese Akkorde aufgebrochen und in schnelle rhythmische Motive überführt, in Trillerketten, 32tel-Läufe, Arpeggien. Erklingen eingangs oft nur sechs oder sieben Töne pro Takt, ist es zum Schluss mindestens das 20-fache. Der Eindruck von Statik und Archaik wird – paradox genug – indes nicht angetastet.

Der Mittelteil von Photoptosis ist ein frappierendes Beispiel für Zimmermanns »pluralistischen« Kompositionsstil, der sich der Collage als wesentliches Mittel bedient: Aus dem statischen Akkordgefüge schälen sich sieben Takte aus dem Scherzo von Beethovens Neunter Symphonie heraus, gefolgt von einer Reminiszenz an Skrjabins Poème de l’extase, dem mittelalterlichen Hymnus Veni creator spiritus, einer Streicherfiguration aus Wagners Parsifal, einer Phrase aus dem Ersten Brandenburgischen Konzert von Bach und schließlich dem Tanz der Zuckerfee aus Tschaikowskys Nussknacker. Und doch sind diese Anklänge nur Schlaglichter, eingefangen von einem besonderen Winkel des Lichteinfalls, der die Vergangenheit noch einmal kurz aufleuchten lässt.

»Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?« Franz Schubert sprach mit diesem Stoßseufzer ganzen Generationen aus der Seele, die unter der Last der Tradition zu leiden hatten. Dennoch war es gerade Schubert, der – zunächst unbemerkt von der Musikwelt – diese Befürchtung Lügen gestraft hatte. Mit seiner »Großen« C-Dur-Symphonie D 944 bereicherte er die Gattung um einen Beitrag, der hinsichtlich der Ausmaße hinter Beethovens Neunter nicht zurückstand, architektonisch und ästhetisch indes ganz eigene Wege beschritt. Robert Schumann war es, der die Symphonie 1839 in Schuberts Nachlass »entdeckte« und ihre Uraufführung initiierte. Für Schumanns eigenes Schaffen zeitigte das Fundstück nachhaltige Folgen: Er überwand seine schweren »Symphoniescrupel« und behauptete sich, zunächst mit der Frühlingssymphonie B-Dur op. 38, auf dem gefürchteten Terrain.

1845 schmiedete Schumann erneut symphonische Pläne und skizzierte vier Sätze zu einem Werk, dessen Tonart C-Dur an Schuberts »Große« anknüpfte und mit dem er zugleich auch Beethoven ins Visier nahm. In kaum einem anderen Werk des Komponisten findet sich ein so engmaschiges Netzwerk an motivischen Beziehungen – ein Prinzip, das Beethoven zum Gütesiegel symphonischer Kunst erhoben hatte. Auch in der Satzanordnung orientiert sich die Zweite Symphonie op. 61 an Beethovens Neunter. Und der zielgerichtete Duktus des Werks mit dem überschwänglichen Finale als triumphalem Gipfelpunkt steht ebenfalls in bester beethovenscher Tradition.

Leicht von der Hand ging Schumann die Zweite nicht: Fast ein Jahr nahm die Detailarbeit an der Partitur in Anspruch, bevor 1846 in Leipzig ihre Uraufführung stattfinden konnte. »Noch halb krank« hatte sich Schumann während des Kompositionsprozesses gefühlt – die nervliche und gesundheitliche Krise des Jahres 1844 war nicht vollkommen überwunden, schränkte seine Produktivität weiterhin erheblich ein. Das Adagio espressivo spiegelt mit »Schmerzensklängen«, wie Schumann bekannte, seine damalige Verfassung. Peter Tschaikowsky brachte es auf den Punkt: In Schumanns Musik, so schrieb er 1871, »finden wir den Widerhall geheimnisvoller Prozesse unseres Seelenlebens, jener Zweifel, Depressionen und Aufblicke zum Ideal, die das Herz des heutigen Menschen bewegen. Die Geschichte hat für Schumann noch nicht begonnen.«

Im Falle von Schumanns Violinkonzertd-Moll mussten 84 Jahre vergehen, bis das Werk 1937 seine Premiere erleben durfte. Und dann stellte sich die bedenkliche Frage, ob es überhaupt durchweg Schumann war, der hier zu Gehör gebracht wurde. Schumann hatte die Partitur im September und Oktober 1853 zu Papier gebracht, wenige Monate vor seinem geistigen Zusammenbruch. Impulsgeber für die Arbeit war der junge Geiger Joseph Joachim, der Schumann bei der Komposition des Werkes mit Rat und Tat zur Seite stand. Trotzdem musste der Virtuose bald feststellen, dass die Einstudierung von Schumanns Violinkonzert alles andere als ein Kinderspiel war. Nachdem zwei geplante Aufführungen abgesagt worden waren, sah sich Joachim ein Jahr nach Schumanns Tod zu der Feststellung genötigt: »Es ist im letzten Satz namentlich entsetzlich schwer für Geige.«

Unspielbar – dieses Verdikt haftete seither Schumanns Violinkonzert an. Obendrein setzte sich die Ansicht durch, es zeige bereits Anzeichen für Schumanns geistigen Verfall. Nachdem die Witwe des Komponisten das Autograf Joachim als Erinnerungsgabe geschenkt hatte, war es dessen Sohn, der es an die Preußische Staatsbibliothek übergab – mit der Maßgabe, man dürfe es erst 100 Jahre nach Schumanns Tod, also frühestens 1956, publik machen. Die politischen Zeitläufte durchkreuzten jedoch diese Verfügung: Da die Nazis die Werke von Mendelssohn auf den Index gesetzt und damit auch dessen beliebtes e-Moll-Violinkonzert verbannt hatten, klaffte eine Lücke im Repertoire. Die Kulturverantwortlichen verfielen deshalb auf die Idee, die Leerstelle mit Schumanns Gattungsbeitrag zu schließen. So kam es zur besagten Uraufführung, die erhebliche Lesefehler und Veränderungen des Notentextes aufwies.

Heute wirken die Vorbehalte, die dem Violinkonzert entgegenbracht wurden, kaum mehr verständlich: Vorurteilsfrei können wir die Qualitäten des Werks bewundern: die erstaunliche, auf Bruckner vorausweisende Erfindung des ersten Themas im Kopfsatz oder die arabeskenreiche Solostimme, die elementare rhythmische Kraft, die gesangliche Innigkeit des zweiten Satzes, das geistvolle Spiel mit den Motiven und ihren verschiedensten Abwandlungen. Tschaikowsky hat Recht behalten: Schumanns Zeit ist gekommen.

Isabelle Faust gründete bereits im Alter von elf Jahren ein Streichquartett, mit dem sie erste wichtige musikalische Erfahrungen sammelte. Nach dem Sieg beim Violinwettbewerb »Leopold Mozart« in Augsburg 1987 wurde sie Schülerin von Christoph Poppen, dem langjährigen Primarius des Cherubini-Quartetts. 1993 Gewinnerin des Premio Paganini in Genua und vier Jahre später mit dem Gramophone Award »Young Artist of the Year« ausgezeichnet, ist Isabelle Faust seither als Konzertsolistin u. a. mit den Münchner Philharmonikern, dem Orchestre de Paris, dem Boston Symphony Orchestra, dem BBC Symphony Orchestra und dem Mahler Chamber Orchestra aufgetreten; Dirigenten wie Giovanni Antonini, Jiří Bělohlávek, Daniel Harding, Marek Janowski, Mariss Jansons und Sakari Oramo schätzen die Zusammenarbeit mit der Geigerin. Über das etablierte Repertoire hinaus ist Isabelle Faust eine begehrte Interpretin für die zeitgenössische Violinliteratur. Olivier Messiaen, Werner Egk und Jörg Widmann zählen zu den Komponisten, deren sie Werke uraufgeführt hat; leidenschaftlich engagiert sie sich auch für die Musik György Ligetis, Morton Feldmans, Luigi Nonos, Giacinto Scelsis oder für ein lange vernachlässigtes Stück wie das Violinkonzert von André Jolivet. Ein herausragender Partner bei den vielfältigen kammermusikalischen Aktivitäten der Künstlerin ist der Pianist Alexander Melnikov. Isabelle Faust, die in diesen Konzerten ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern gibt, spielt die sogenannte Dornröschen-Stradivari aus dem Jahr 1704, die ihr die L-Bank Baden-Württemberg zur Verfügung gestellt hat.

Sakari Oramo leitet seit 2003 als Chefdirigent das Finnische Radio-Symphonieorchester, dem er seit seinem sensationellen Dirigierdebüt 1993, als er aus dem Stand für einen erkrankten Kollegen einsprang, eng verbunden ist. Der Erfolg des Konzerts brachte ihm wenig später die Position des Zweiten Chefdirigenten dieses Orchesters ein, dem der als Geiger und Dirigent ausgebildete Finne zuvor als Konzertmeister angehört hatte. Sakari Oramo ist außerdem Erster Dirigent der Oper im finnischen Kokkola und übernahm mit Beginn der Saison 2008.2009 die Position des Künstlerischen Beraters beim Königlichen Philharmonischen Orchester Stockholm. Ebenfalls seit Herbst 2008 ist er Erster Gastdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra, dem er zuvor für zehn Jahre als Musikdirektor verbunden war. Dem Neue-Musik-Festival »Floof!« dieses Orchesters stand er im Mai 2003 als Künstlerischer Leiter zur Seite. 2004 erhielt er die Ehrendoktorwürde der University of Central England in Birmingham für seine Verdienste um das Musikleben der Stadt. Über seine festen Verpflichtungen hinaus arbeitet Sakari Oramo als Gast vor allem mit den großen Orchestern in Skandinavien, aber auch anderenorts in Europa (z. B. in Paris, Amsterdam, Hamburg, Leipzig), in Japan und in den USA; an der Finnischen Nationaloper in Helsinki leitete er 2003 Aufführungen von Brittens Oper Peter Grimes. Schwerpunkte im Repertoire des Dirigenten galten bislang der finnischen und englischen Musik: 2008 wurde er mit der Medaille der Elgar Society geehrt. Die Berliner Philharmoniker hat Sakari Oramo seit seinem Debüt im Mai 2001 bereits mehrfach dirigiert, zuletzt Ende November 2007 in Konzerten mit Werken von Janáček, Sibelius und Strauss.

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