26. Jan 2019

Berliner Philharmoniker
Alan Gilbert

Lisa Batiashvili

  • Anna Thorvaldsdottir
    Metacosmos (Europäische Erstaufführung) (15 Min.)

  • Sergej Prokofjew
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 63 (34 Min.)

    Lisa Batiashvili Violine

  • Richard Strauss
    Symphonia domestica op. 53 (49 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Lisa Batiashvili und Alan Gilbert im Gespräch mit Sarah Willis (14 Min.)

Den Ritterschlag erhielt Lisa Batiashvili als 22-Jährige von Alfred Brendel, der über eines ihrer Konzerte zu Protokoll gab: »Jeder Ton sang und sprach; Fantasie und Kontrolle, Wärme und Überlegenheit, Strenge und Flexibilität hielten sich die Waage.« Keinerlei Eigentümlichkeiten regionaler Geigerschulen – nicht die russische und nicht die von Dorothy Delay aus New York – lenkten von dem ab, was die Musik selbst zu sagen habe, schrieb Brendel damals und fuhr fort: »Der Leser meint nun vielleicht, da fehle es an Profil, an Persönlichkeit? An Innigkeit, Intensität, sinnlicher Schönheit? Keineswegs. Es ist hier nur alles, in seiner ganzen Vielschichtigkeit, im Lot. ... Es glüht, aber nichts ufert aus.« Heute zählt Lisa Batiashvili zu den bedeutendsten Geigerinnen ihrer Generation. Über die Berliner Philharmoniker sagte sie: »Es ist wahrscheinlich das einzige Orchester, in dem so viele starke Persönlichkeiten zusammensitzen und jeder alleine für sich eine unglaubliche Leistung bringen kann, welche dann zu einer so gewaltigen Einheit wird. Egal was man spielt, man hat das Gefühl, dass vom erstem bis zum letzten Pult alle für eine Idee da sind.«

Mit Prokofjews Zweitem Violinkonzert widmet sich die Geigerin einem durch und durch lyrischen Werk, in dem der russische Komponist auf motorische und groteske Momente gänzlich verzichtete, die noch sein erstes Konzert der Gattung geprägt hatten. Bereits im März 1930 hatte Prokofjew in einem Interview der Chicagoer Zeitschrift Music Leader bekannt: »Die Zeiten, in denen Dissonanzen um der Dissonanzen willen benutzt wurden, sind vorbei. ... Eine neue Einfachheit – das ist der heutige Modernismus.«

Eingeleitet wird der von Alan Gilbert dirigierte Abend von der irisierenden Klangskulptur Metacosmos der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir, die 2018 beim New York Philharmonic mit dem Marie-Josée Kravis Prize for New Music ausgezeichnet wurde. Das Werk erklingt in diesen Konzerten erstmals in Europa. Abgerundet wird das Programm mit der Symphonia domestica von Richard Strauss, einem parodistischen »Familienscherzo mit Doppelfuge«: Drei Themen, »Papa kommt von der Reise zurück, müde«, »Mama« und »Bubi, ein Gemisch, doch größere Ähnlichkeit mit Papa«, beschreiben Spaziergang und gemütlichen »Familientisch«, bis »Mama ... Bubi zu Bett« bringt und »Papa et Maman seuls« sich ihrer »scène d’amour« hingeben. Mit geradezu artistischem Aufwand fasste Strauss das simple Sujet in einer hochartifiziellen musikalischen Anlage: mit einer ungeheuren Vielfalt an Melodien, die in brillanter Instrumentation vor dem Hörer ausgebreitet werden.

Von der großen in die kleine Welt

Thorvaldsdottir, Prokofjew und Strauss erkunden den Kosmos und das traute Heim

Mit einer Explosion beginnen und dann ganz langsam steigern? Die alte Hollywoodregel mag ihre Wirkung tun, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit von Kinobesuchern zu fesseln. Für Komponisten hingegen war sie nie leicht umzusetzen. Wer mit Pauken und Trompeten einsteigt, setzt sich unter Druck: Schließlich verbindet sich mit der großen Geste stets die Behauptung, die nun folgende Musik lasse eine neue Zeitrechnung anbrechen, oder sie läute zumindest einen Ausnahmezustand ein. Ein flüchtiger Blick auf das Repertoire offenbart allerdings, dass die Haltung selbstbewussten Auftrumpfens zu Beginn eines größeren Werks seit der Romantik zur Ausnahme wird. Weit häufiger zu hören ist ein vorsichtiges Sich-Einpassen in eine Welt, die ohnehin sehr viel größer und umfangreicher ist, als alles, was die Musik überhaupt wiedergeben kann.

Versonnene Selbstgespräche zum Einstieg

Alle drei Werke des heutigen Programms setzen leise tastend im tiefen Register ein. Immer lässt sich zunächst nur eine einzige Stimme vernehmen. In Anna Thorvaldsdottirs Metacosmos ist es ein grummelndes Kontra-E, von dem aus die weitere Bewegung ihren Ausgang nimmt. Im Zweiten Violinkonzert von Sergej Prokofjew intoniert die Sologeige ganz allein auf der tiefsten Saite einen g-Moll-Dreiklang, um sich anschließend in ihre melancholische Kantilene einzuspinnen. Und in Richard Strauss’ Symphonia domestica sind es die Celli, die unbegleitet ein »gemächlich« emporstapfendes Thema in F-Dur vortragen. Jedes Mal lauschen wir im Grunde Monologen – irgendjemand, irgendetwas kommuniziert mit sich selbst. Doch wovon ist die Rede? Die Titel lassen erste Rückschlüsse zu. Das Orchesterwerk der Isländerin spricht vom »Kosmos«: Um weite Räume, um Volumina planetarischen Ausmaßes wird es offenbar gehen. Etwas kleiner ist der Maßstab bei Prokofjew angelegt: Sein Zweites Violinkonzert ist im Grunde eine Reflexion über gesellschaftliche Mechanismen, denkt über das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv nach. Strauss’ vorletzte Tondichtung schließlich wählt einen noch engeren Rahmen: den des Privatlebens.

Energietransfer im Ökosystem der Klangmaterialien – Thorvaldsdottirs Metacosmos

Anna Thorvaldsdottir studierte in ihrer Heimatstadt Reykjavík und an der University of California in San Diego, wo sie 2011 einen Doktortitel erwarb. Von den USA aus verbreitete sich der Ruhm der Komponistin, deren Ästhetik sowohl in Richtung Pop und Ambient als auch zur Klassik hin anschlussfähig ist. Längst erhält Thorvaldsdottir Aufträge von den bedeutenden Orchestern der Welt; eine CD erschien bei der Deutschen Grammophon.

»Meine Musik ist als ein Ökosystem aus Materialien entworfen, die im Verlauf des Werks von Ausführendem zu Ausführendem weitergegeben werden«, schreibt Thorvaldsdottir in der Partiturlegende zu Metacosmos. »Das gesamte Material wächst beständig ineinander und auseinander heraus, es wächst und verwandelt sich während des Prozesses.« Wörtlich verstanden ist ein Metacosmos eine Welt jenseits der gegenwärtigen. Dazu passt, dass sich in dem 13-minütigen Stück zwei Bereiche gegenüberstehen: ein ungebärdig-rauer und zugleich dunkler hier – ein friedlicher, geklärter dort. »Das natürliche Gleichgewicht zwischen Schönheit und Chaos« bilde ihr Konstruktionsprinzip, schreibt Thorvaldsdottir – »wie Elemente in vermeintlich völliger Unordnung zueinander finden und ein einheitliches, strukturiertes Ganzes bilden können«. Mehr als bisher sorgt die Komponistin nun für erkennbare Orientierungsmarken auf dem Parcours zwischen den polaren Klimazonen von Klang, Harmonik und Rhythmus. Während die hoffnungsvolle B-Dur-Sphäre nach einem ersten Näherungsvorgang nur angedeutet wird, setzt sie sich im Gefolge einer vehementeren zweiten Steigerung endlich durch. Die choralartig gesetzten Streicher beschwören sanfte Erinnerungen an Samuel Barbers berühmtes Adagio herauf. Doch am Ende drängt sich die Natur wieder ins Bild.

Maß und Form in Zeiten von Terror und Traum - Prokofjews Zweites Violinkonzert

Sergej Prokofjews g-Moll-Konzert, 1935 für den Geiger Robert Soetens geschrieben, stammt aus der Zeit unmittelbar vor der endgültigen Rückkehr des »verlorenen Sohnes« des neuen sozialistischen Staates nach Moskau. 1918 hatte sich Prokofjew zunächst ins amerikanische, anschließend ins europäische Exil begeben. Die Gründe für die Übersiedlung des international gefragten Meisters in die Hauptstadt der UdSSR sind komplex. Ein zentraler Faktor waren wohl die schwierigen Karriereperspektiven im Westen angesichts der großen Wirtschaftsdepression, während in der Heimat repräsentative Aufgaben lockten. Jedenfalls lieferte sich Prokofjew just in jener Phase der sowjetischen Kulturbürokratie aus, als der stalinistische Terror seinem Höhepunkt zustrebte. Den allgegenwärtigen Vorwurf des »Formalismus« hatte der 44-jährige Kosmopolit vorerst nicht zu fürchten: Seine »neue Einfachheit« sorgte auch in dem g-Moll-Konzert für deutliche Bezüge zur klassischen Tradition. Dazu gehören die strikte Orientierung am konventionellen Formaufbau, die schlanke, mitunter fast karge Besetzung sowie eine kontrapunktisch gestraffte Schreibweise. Groteske oder dezidiert virtuose Momente bleiben ausgespart, alles hat Maß und Proportion. Dass sich trotz mancher Reminiszenzen an das traditionelle russische Idiom eine etwas unpersönliche, eisige Stimmung in Prokofjews Musik eingeschlichen hat, ist – vor allem im Vergleich zum innerlich glühenden Ersten Konzert – indes kaum zu überhören.

Ein Opernkomponist läuft sich warm – die Symphonia domestica von R. Strauss

Richard Strauss inszeniert in seiner Symphonia domestica den Wechsel der musikalischen Charaktere als Geschehen zwischen verschiedenen Personen und deren Rollen: Strauss steht schon mit einem Bein auf dem Boden des Musiktheaters. Die Symphonia domestica, am 21. März 1904 in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt, hat beim Publikum zunächst größten Erfolg. Die Kritiker indes verhalten sich ablehnend. Selbst wohlmeinende Kommentatoren beklagen das geschmacklich Prekäre eines Programms, welches Romain Rollands zufolge das »Werk ins Kindische und in die Verflachung hineintreibt«. Mit seiner gewandten Replik, wonach die Bilderwelt des Programms nur »Anlass zum Ausdruck und zur Entwicklung meiner Empfindung« sei, weswegen sie jeder zum Hören befähigte Mensch getrost ignorieren könne, macht es Strauss sich zu leicht. Auch wenn über weite Strecken ein allenfalls allgemeiner situativer Rahmen vorgegeben wird, ist die Zahl der Momente, die sich auf distinkte außermusikalische Vorstellungen beziehen, doch außergewöhnlich groß: Sie reichen vom Schreien des Babys über das zweimalige Sieben-Uhr-Geläut bis zu einer beeindruckenden Klimax in den Gemächern der jungen Eheleute. Letztere bildet nicht nur energetisch den zentralen Kulminationspunkt des Ganzen, sie stellt auch im großen Formverlauf den Gegenpol zur heiteren F-Dur-Welt des Dreipersonenhaushalts dar. Ein Kabinettstück eigener Art ist die Doppelfuge zu Beginn des Finales, respektive zum Anbruch des neuen Tages: Das Thema des Kindes und das der Mutter balgen ausgelassen miteinander, was einige der witzigsten, turbulentesten und kunstreichsten Seiten der neueren Orchestermusik hervorbringt. Auch formal ist die »häusliche« Symphonie überaus raffiniert gewirkt. Nicht weniger als drei Funktionszusammenhänge überlagern einander: Die Schilderung des familiären Tagesablaufs, die Entfaltung eines großen symphonischen Satzes mit drei Themenkomplexen und die organische Folge eines mehrsätzigen Zyklus. So wirkt die Symphonia domestica prahlerisch unbescheiden und allzu kleinmütig zugleich: Zwischen Wohnküche und Schlafzimmer feiert sie erstaunliche Triumphe. Doch sie pfeift auf den Anspruch, die Welt irgendwie verändern oder gar verbessern zu wollen.

Anselm Cybinski

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