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08. Nov 2019

Berliner Philharmoniker
Zubin Mehta

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 8 c-Moll (2. Fassung von 1890) (98 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Zubin Mehta im Gespräch mit Walter Küssner (8 Min.)

Der 2. Oktober 2011 war zweifellos ein denkwürdiger Tag in den an musikalischen Höhepunkten nicht gerade armen Annalen der Berliner Philharmoniker: Denn an jenem Abend feierte Zubin Mehta sein 50-jähriges Jubiläum am Dirigentenpult des Orchesters. Der besondere Clou: Das Werke von Gottfried von Einem, Robert Schumann und Gustav Mahler umfassende Programm war exakt dasselbe, mit dem Mehta auf Einladung seines Förderers Herbert von Karajan im September 1961 – damals noch im Konzertsaal der Hochschule der Künste (heute: Universität der Künste) – seinen philharmonischen Einstand gab.

Zu den rund 200 Aufführungen, die Mehta und die Berliner Philharmoniker bis zum heutigen Tage sowohl in Berlin als auch auf Konzertreisen gemeinsam bestritten haben, zählte auch ein spontan auf den Spielplan gesetztes Konzert vom 25. Januar 2014, das dem Andenken an den nur fünf Tage zuvor verstorbenen Claudio Abbado gewidmet war – eine Herzensangelegenheit für alle Akteure, war Mehta doch seit 1956 eng mit dem langjährigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker befreundet. Als Ausdruck seiner einzigartigen künstlerischen Verbundenheit mit Mehta ernannte das Orchester den 1936 in Bombay geborenen, an der Wiener Musikakademie von Hans Swarowsky ausgebildeten Dirigenten im Februar 2019 dann zu seinem Ehrenmitglied. Der philharmonische Cellist Knut Weber, Mitglied des Orchestervorstands der Berliner Philharmoniker, betonte in seiner Laudatio: »Kein Dirigent hat unser Orchester über einen längeren Zeitraum dirigiert, kaum ein Gastdirigent hat die Berliner Philharmoniker häufiger geleitet. Wobei Gastdirigent zu kurz greift. Sie können mit unserem Orchester mit vielem in Verbindung gebracht werden, aber schon lange nicht mehr als ›Gast‹. Viel eher als Freund, Vorbild, künstlerischer Ratgeber, Publikumsliebling und musikalische Instanz.«

In der Saison 2019/2020 ist Mehta in zwei philharmonischen Programmen zu erleben: Nachdem er an drei Abenden Ende Oktober und Anfang November Werke von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven präsentiert hat, leitet er in diesen Konzerten der Berliner Philharmoniker Aufführungen von Anton Bruckners Achter Symphonie. Das Kaiser Franz Joseph I. von Österreich gewidmete Werk beschäftigte seinen Komponisten über einen Zeitraum von nicht weniger als sechs Jahren – eine Mühe, die sich lohnen sollte, wurde die Uraufführung der monumentalen Komposition von rund 80 Minuten Dauer durch die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Hans Richter am 18. Dezember 1892 doch zu einem der größten Erfolge, der Bruckner zu Lebzeiten vergönnt war.

»Erst die Regel, dann das freie Schaffen«

Anton Bruckners Achte Symphonie

Anton Bruckner gehört zu den großen Einzelgängern unter den Komponisten. Es scheint, als hätte er ohne wirkliche Vorbilder zu einer völlig eigenen Musiksprache gefunden, die er – nachdem er sie in akribischen Studien einmal gefunden hatte – losgelöst von zeitgenössischen Strömungen stets zielstrebig weiterentwickelte, bis zu den gloriosen, sein Schaffen krönenden späten Symphonien. Er konzentrierte sich, trotz einiger gewichtiger kirchlicher Vokalwerke, vor allem auf die Gattung der Symphonie. Bruckner hatte aber durchaus auch »Lehrmeister«, die trotz seines von Anfang an so ausgeprägten Personalstils nicht zu leugnen sind. Eine nicht unerhebliche Rolle spielte zum Beispiel Richard Wagner, zu dem er stets bewundernd aufblickte und dessen Tod er im Trauermarsch seiner Siebten Symphonie auf ganz persönliche Weise verarbeitete.

Wollte man Bruckners Charakter auf eine einzige Formel bringen, so scheint er von heftigen inneren Konflikten und Ehrgeiz bestimmt zu sein: Einem stark ausgeprägten Bedürfnis nach musikalischer Selbstverwirklichung stand der Wunsch nach sozialem Aufstieg und gesicherten finanziellen Verhältnissen gegenüber. Aus diesem Zwiespalt ist Bruckners skrupulöse Ehrfurcht vor der kompositorischen Arbeit zu erklären: Kein namhafter Tonschöpfer drückte die satztechnische Schulbank länger als er. Nach der damals üblichen Musikausbildung in der Jugend studierte er – längst schon anerkannter Organist in Linz – von 1855 bis 1861 im Fernunterricht bei dem renommierten Kontrapunktlehrer Simon Sechter, bei dem er den Grundsatz lernte: »Erst die Regel, dann das freie Schaffen.« Danach folgten weitere Studien im praktischen Orchestersatz beim Linzer Kapellmeister Otto Kitzler, vor allem zu Problemen der Formbildung und der neueren Instrumentation.

Erst mit diesem Rüstzeug versehen ließ Bruckner der jahrzehntelang zurückgedrängten Inspiration freien Lauf und wagte erste Versuche auf dem Gebiet der Orchestermusik. Als er seine erste, offiziell gezählte Symphonie zu Papier brachte, war er bereits über 40 Jahre alt. In einem Alter also, in dem Mozart nicht mehr lebte. Nicht zuletzt dieser späte Durchbruch zur »freien« Komposition sorgte für eine Tonsprache, die auf Anhieb alle charakteristischen Merkmales des brucknerschen Satzes aufweist. Kennzeichnend für diesen ist vor allem der bis ins Extreme geweitete Raum seiner kolossalen Werke. Als »klingende Kathedralen« wurden die symphonischen Schöpfungen bezeichnet, und in der Tat enthalten sie Musik von geradezu grandiosem Ausmaß, oft gekrönt mit Abschnitten von gewaltiger Pracht, die jedoch immer wieder mit sakral geprägten Chorälen oder Melodien von berückender lyrischer Schönheit durchbrochen werden.

Eben daraus entsteht die für Bruckner so typische abgestufte Folge thematisch verschieden konturierter Blöcke, die oft durch eine Generalpause voneinander getrennt werden. In immer neuen Anläufen kommt es zur Variation dieser Einheiten in Dynamik, Harmonie und vor allem der Klanglichkeit, oder wie der Philosoph Ernst Bloch es formulierte: »Die Symphonie ist Klang, der sich erst bildet; ihre Form ist Unruhe, Zerstörung, Überhöhung, dauernde Visierung noch ohne verweilende, absolute Vision.« Die wellenförmigen Steigerungsverläufe kulminieren schließlich in fulminanten Höhepunkten, die meist geprägt sind vom verschwenderischen Gebrauch der Blechbläser. Bruckners Symphonien sind damit die bis zu diesem Zeitpunkt längsten der Gattungsgeschichte und werden im Ausmaß später nur noch von den Beiträgen Gustav Mahlers übertroffen.

Die Achte ist nicht nur Bruckners gewaltigste Symphonie, sondern auch diejenige, die ihn in die tiefste Depression seines Lebens stürzte: Nach der triumphalen Uraufführung der Siebten, die den Durchbruch Bruckners als anerkannter Symphoniker brachte, lehnte der Dirigent Hermann Levi, dem der Komponist 1887 die gerade vollendete Partitur geschickt hatte, das Opus wegen vermeintlich unüberwindlicher Schwierigkeiten ab. Er beklagte etwa das »fast Schablonenmäßige der Form« und sah im Aufbau unzulässige Parallelen mit dem Vorgängerwerk. Am Ende führte das zu einem der zentralen Probleme der Bruckner-Forschung: Beeinflusst von den Kritiken der Zeitgenossen und angetrieben vom Wunsch nach Publikumserfolg, kam es immer wieder zu weitreichenden Veränderungen und Revisionen seiner Arbeiten, zu Umarbeitungen, Kürzungen oder gar der Neukomposition ganzer Sätze. So liegen die Erste, Zweite und Achte Symphonie in zwei Fassungen, die Dritte in drei Fassungen und die Vierte in drei Fassungen mit einer zusätzlichen vierten des Finales vor.

Was ist das also für ein Werk, das zu den größten symphonischen Monumenten der Musikgeschichte gehört und in dem sich die für den Komponisten so charakteristischen Merkmale wie unter einem Brennglas bündeln? Bruckners durchaus kühne Harmonik zeigt sich zum Beispiel gleich zu Beginn des Kopfsatzes, der für 21 Takte gleichsam nach der Haupttonart c-Moll sucht – und sie im weiteren Verlauf des Satzes mehr umkreist, als sie wirklich zu festigen. Darüber hinaus spielt gleich im ersten Themenkomplex der markante »Bruckner-Rhythmus« (eine Verbindung von zwei Vierteln und einer Triole) eine gestaltbildende Rolle. Im weiteren Verlauf zeigt sich dann noch die Vorliebe des Tonschöpfers, auf thematisch-motivisches Material des Kerngedankens zurückzugreifen. Hier ist es die deutliche Verwandtschaft des Seitenthemas und eines dritten Themenkomplexes mit dem Hauptgedanken des Satzes. Dieses Modell weitet er später sogar auf die komplette Symphonie aus, wenn er das Finale im Aufeinandertreffen zentraler Motive des gesamten Werks bündelt.

An zweiter Stelle steht, nach dem Vorbild von Ludwig van Beethovens Neunter, das Scherzo, in dem die zarten Harfenklänge des poetischen Trios einen deutlichen Kontrast zum schwerfälligen Drehmotiv der Scherzo-Außenteile bilden. Das nachfolgende Adagio zeigt dann einige Ähnlichkeiten mit dem langsamen Satz der Siebten Symphonie, vor allem was den dramaturgischen Höhepunkt vor Eintritt der Coda angeht. Es ist ein ausdrucksstarker Satz mit einem düsteren, ernsten Thema, das – erneut unter Einsatz der Harfe, einem von Bruckners berückendsten Instrumentationseinfällen – in lichtere Sphären geführt wird, bevor ein zweiter, kantabler Themenkomplex das Ruder übernimmt, unterbrochen von feierlichen Choraleinschüben der Wagnertuben, die dem Satz (sowie dem ganzen Werk) seinen dunkel grundierten Charakter verleihen. Das Finale schließlich, das letzte, das Bruckner vollenden konnte, basiert auf einem wuchtigen Hauptthema, das in der Durchführung mannigfaltige Umgestaltungen erfährt. In der Reprise führt Bruckner es in strahlendem C-Dur zum Höhepunkt, bevor in der feierlichen Coda die Hauptthemen der vier Sätze machtvoll übereinander geschichtet werden – der gewaltigste Symphonieschluss, den Bruckner je komponiert hat.

Und dennoch sah er sich nach der anfänglichen Kritik an seinem Werk (erste Fassung: 1884 bis 1887) dazu veranlasst, eine Revision anzufertigen, die in den Jahren von 1887 bis 1890 entstand, und in der die Symphonie heute im Konzert erklingt. Diese Neufassung umfasst zum einen die Orchestrierung: So sind die Holzbläser nun durchgehend dreifach besetzt, die Hörner achtfach, die Harfen doppelt. Vor allem aber griff Bruckner deutlich in die kompositorische Substanz ein, was vor allem die Coda des Kopfsatzes betrifft. War diese in der ersten Fassung noch als orchestrale Apotheose angelegt, kehrt er sie nun ins Negative um, mit einem dramatischen Zusammenbruch der Musik. Ganz so, wie er später für die Symphonien Mahlers zum charakteristischen Element werden sollte. Erst langsam wird die Bedeutung von Bruckner für die nachfolgenden Komponistengenerationen offensichtlich, denn so einzigartig sein Œuvre auch ist, so hat es doch Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen, einen geheimnisvoll versteckten Nachhall seiner unbeirrbaren Meisterschaft.

Bjørn Woll

Zubin Mehta, 1936 in Bombay geboren, studierte an der Wiener Musikakademie bei Hans Swarowsky. Bereits mit Mitte 20 wurde der Preisträger des Dirigentenwettbewerbs in Liverpool (1958) und des Kussewitzky-Wettbewerbs in Tanglewood Music Director des Montreal Symphony Orchestra (1961 – 1967) und des Los Angeles Philharmonic Orchestra (1962 – 1978). 1961 hatte er zudem bei den Wiener und den Berliner Philharmonikern sowie beim Israel Philharmonic Orchestra debütiert. 1977 wurde er zum Chefdirigenten, 1981 zum Music Director auf Lebenszeit dieses Orchesters ernannt. Mit dem 50-jährigen Jubiläum seines Debüts beim Israel Philharmonic Orchestra im Oktober 2019 hat Zubin Mehta diese Position aufgegeben. Von 1978 bis 1991 war er Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, von 1985 an bis 2017 betreute er außerdem als Chefdirigent das Teatro del Maggio Musicale in Florenz. Neben seinen Konzertverpflichtungen leitete Zubin Mehta Opernaufführungen an den renommiertesten Häusern. Zwischen1998 und 2006 war er Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper München. Zu seinen vielen Auszeichnungen zählen der »Preis für Frieden und Toleranz« der Vereinten Nationen (1999), die Mitgliedschaft in der französischen Ehrenlegion (2001) und der Bayerische Verdienstorden (2005). Mehta ist Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde Wien und wurde 2008 vom japanischen Kaiserhaus mit dem »Praemium Imperiale« geehrt; 2012 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Er ist Ehrendirigent der Philharmoniker in Wien, München und Los Angeles, und des Teatro del Maggio Musicale Fiorentino, der Bayerischen Staatsoper sowie der Staatskapelle Berlin. Im Februar 2019 wurde er zudem zum Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker ernannt, bei denen er zuletzt vor wenigen Tagen Werke von Strauss und Beethoven dirigierte; mit dem Israel Philharmonic Orchestra war er zudem Mitte September 2019 bei den Berliner Festspielen zu Gast. Gemeinsam mit seinem Bruder Zarin hat Zubin Mehta in Bombay die Mehli Mehta Music Foundation mit dem Ziel gegründet, Kinder an klassische westliche Musik heranzuführen. Darüber hinaus engagiert er sich mit dem Israel Philharmonic Orchestra über die Buchmann-Mehta School of Music in Tel Aviv sowie im Rahmen eines Projekts in Shwaram und Nazareth für die Ausbildung junger Israelis und israelischer Araber.

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