05. Mär 2017

Berliner Philharmoniker
Zubin Mehta

Anoushka Shankar

  • Ravi Shankar
    Konzert für Sitar und Orchester Nr. 2 »Raga-Mālā« (71 Min.)

    Anoushka Shankar Sitar

  • Béla Bartók
    Konzert für Orchester Sz 116 (46 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Anoushka Shankar im Gespräch mit Andreas Ottensamer (13 Min.)

»Durch Ravi haben alle Menschen auf der Welt Indien kennengelernt.« Diese Worte, mit denen Zubin Mehta den 2012 verstorbenen Sitar-Spieler Ravi Shankar würdigte, umreißen die Bedeutung des Künstlers: Kein anderer indischer Instrumentalist und Komponist hat die Musik und Spielkunst seines Heimatlands international so bekannt gemacht wie er. Shankar verstand sich Zeit seines Lebens als Mittler zwischen Ost und West. In jungen Jahren reiste er als Mitglied der Tanztruppe seines Bruders nach Europa, wo er die klassische Musik kennenlernte. Später ließ er sich von dem berühmten indischen Pädagogen Allauddin Khan im traditionellen Sitar-Spiel unterweisen und brachte es zu solcher Meisterschaft, dass er ein international konzertierender Solist wurde.

Er arbeitete mit ganz unterschiedlichen westlichen Künstlern zusammen, mit Yehudi Menuhin, dem Gitarristen der Beatles, George Harrison, André Previn, Philip Glass – und seinem Landsmann Zubin Mehta, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Mehta war es auch, der den Entstehungsprozess von Shankars Zweitem Konzert für Sitar und Orchester Raga-Mālā, einem Auftragswerk des New York Philharmonic Orchestra, begleitete und das Werk 1981 mit Shankar als Solisten uraufführte. Dieses Stück basiert auf ungefähr 30 Ragas, traditionellen indischen Melodieformeln, und verbindet die fernöstliche Kunst der Improvisation mit dem konzertierenden Spiel eines klassischen Konzerts. Nun bringt Zubin Mehta das Werk zu seinen Konzerten bei den Philharmonikern mit nach Berlin. Solistin ist Ravi Shankars Tochter Anoushka, die von ihrem Vater das Sitar-Spiel erlernte und genau in dem Jahr geboren wurde, als Raga-Mālā entstand.

Wie für Ravi Shankar so bildete auch für den Ungarn Béla Bartók die traditionelle Musik der Heimat die Grundlage seiner Musik. Jahrelang war der Komponist über Land gezogen und hatte dem Volk seine Lieder und seine Art des Musizierens abgelauscht. Die spezielle Rhythmik und melodische Artikulation der Volksmusik war für Bartók eine wichtige Inspirationsquelle und prägte entscheidend dessen Klangsprache, auch die des Konzerts für Orchester. »Der Titel dieses symphonischen Orchesterwerks findet in der konzertierenden oder solistischen Behandlung einzelner Instrumente oder Instrumentengruppen seine Erklärung«, schrieb Bartók auf den Programmzettel der Uraufführung. Er komponierte das Werk 1943 im Auftrag der Koussevitzky-Stiftung. Zu diesem Zeitpunkt lebte Bartók, der 1940 seine von Krieg und Faschismus bedrohte Heimat verlassen hatte, im amerikanischen Exil, todkrank und in prekären finanziellen Verhältnissen. Die Bostoner Uraufführung des Konzerts bescherte dem entmutigten Komponisten einen letzten großen Erfolg.

Werke von Ravi Shankar und Béla Bartók

Zwei unterschiedliche Arten des Konzertierens bietet das heutige Programm: Ravi Shankars Raga Mālā passt nicht in die uns geläufige Kategorie Konzert, sondern präsentiert indische Ragas im Zusammenspiel mit einem klassischen Symphonieorchester. Béla Bartóks Konzert für Orchester ist eins der markantesten Beispiele für das Aufgreifen alter Formen des Konzertierens im 20. Jahrhundert. Beide Komponisten verbindet der spielerische Umgang mit der Gattung und das Interesse an der Musik ihres jeweiligen Heimatlandes. Shankar bringt (nord-)indische Kunstmusik mit klassischer europäischer Musik und ihren Formen zusammen. Bartóks Schaffen durchzog eine starke Verbindung zur ungarischen Musiktradition. Er hat die Volksmusik seiner Heimat, aber auch anderer Regionen akribisch erforscht – und sie hat sein Œuvre beeinflusst.

Orient trifft Okzident – Ravi Shankar

Ravi Shankar wurde am 7. April 1920 als Robindra Shankar Chowdhury in Varanasi (auch Benares oder Kashi genannt) geboren. Von Indiens heiligster Stadt am Ganges im Bundesstaat Uttar Pradesh führte ihn sein Lebensweg über Europa in die USA. Der Sitarvirtuose und Komponist wurde zu einem der bekanntesten indischen Musiker des 20. Jahrhunderts. Shankar arbeitete mit Musikerpersönlichkeiten zusammen wie George Harrison von den Beatles, dem Begründer der Minimal Music, Philip Glass, dem Geiger Yehudi Menuhin, dem Flötisten Jean-Pierre Rampal und dem Saxofonisten John Coltrane. Er konzertierte in Großbritannien, Deutschland sowie den USA, informierte dabei sein Publikum über die indische Musik und veröffentlichte zahlreiche Schallplatten. Außerdem lehrte er an verschiedenen amerikanischen Universitäten und gründete die Kinnara School für indische Musik in Los Angeles. Seine Arbeit, ja Popularität, die Experimente mit klassischer westlicher Musik sowie das Mischen verschiedener Musikstile brachten ihm aber auch Kritik ein – vor allem bei den traditionalistischen Musikern in seiner Heimat: »In Indien wurde ich als Zerstörer bezeichnet. Doch das geschah nur, weil man meine Identität als ausübender Künstler und als Komponist durcheinanderbrachte. Als Komponist habe ich alles ausprobiert, sogar elektronische Musik und Avantgarde. Doch glauben Sie mir, als ausübender Künstler werde ich klassischer und orthodoxer, und schütze dabei eifersüchtig das Erbe, das ich erlernt habe.« Shankar starb hoch angesehen und vielfach ausgezeichnet im stattlichen Alter von 92 Jahren 2012 in San Diego, seinem langjährigen Wohnsitz.

Raga Mālā – ein Konzert für Sitar und Orchester

Shankar komponierte Musik für Filme und Ballette, er experimentierte mit elektronischer Musik und verfasste drei Konzerte für Sitar und klassisches Symphonieorchester. Das erste entstand 1970/1971 für das London Symphony Orchestra und André Previn. Das in diesen Konzerten erklingende zweite, komponiert für das Los Angeles Philharmonic und dessen damaligen Chefdirigenten Zubin Mehta, erschien zehn Jahre darauf. Für seine Tochter Anoushka Shankar (geb. 1981) und das Orpheus Chamber Orchestra schrieb Shankar 2009 schließlich ein drittes Sitarkonzert.

Der Raga ist ein Herzstück der klassischen indischen Musik. Der Begriff ist schillernd: Er ist zunächst das Sanskrit-Wort für Farbe oder Farbton, dann aber steht er vor allem für das zentrale melodische Element in der indischen Musik. Ragas kann man verstehen als Ausgangspunkte für vokale oder instrumentale Kompositionen oder Improvisationen, wobei Verzierungen eine entscheidende Rolle spielen. Zudem haben Ragas außermusikalische Bedeutungen und tragen bestimmte emotionale Qualitäten bzw. Stimmungen, sind den Tages- und Jahreszeiten oder bestimmten Naturereignissen zugeordnet, aber auch Geistern von Gottheiten. Außerdem werden ihnen magische und heilende Kräfte zugeschrieben.

Das maßgebliche Instrument, um Ragas zu interpretieren, ist die Langhalslaute Sitar. Sie hat einen bauchigen Resonanzkörper aus getrocknetem Flaschenkürbis mit einer Holzdecke, einen langen hohlen Hals mit verschiebbaren Bünden aus Messing und etwa 20 Saiten. Sechs oder sieben Saiten, die am Hals verlaufen, erzeugen die Melodie eines Stücks, sie werden vom Spieler mit einem Plektrum aus Stahl, das wie ein Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand gesteckt wird, angeschlagen. Die übrigen elf bis 13 Saiten sind »sympathische Saiten«: Sie schwingen mit, angeregt von den gezupften Melodiesaiten. So ergibt sich der typische obertonreiche, singende Klang des Instruments.

Shankars Zweites Sitarkonzert ist keine konzertante Komposition im Sinne klassischer westlicher Musik. Wie sein Titel Raga Mālā andeutet (Mālā bedeutet Girlande, Kranz oder Kette und wird auch für bildliche Darstellungen verwendet), handelt es sich um eine Reihung von 30 genau bezeichneten Ragas. »Der erste Satz«, erläutert der Komponist, »widmet sich völlig der Raga für den frühen Morgen Lalit in einem traditionellen, klassischen Ansatz, der eng den Geist der Raga beibehält. Der zweite Satz besteht aus fünf Ragas (Bairagi, Para Meshwari, Kaushik Dwani, Gunkali, Vasanta Mukhari), überwiegend Morgen-Ragas. Der dritte Satz enthält drei Abend-Ragas, Yaman Kalyan, Marwa und Desh, die detailliert und mit rhythmischer Komplexität verarbeitet werden. Der vierte Satz präsentiert die meisten Ragas, nämlich 21. Einige blitzen nur acht Takte lang auf, andere sind länger. – Eine beträchtliche Zahl rhythmischer Kontrapunkte durchzieht das Konzert. Soli von Trompete, Klarinette, Flöte und Violine bilden, zusammen mit den improvisierten Sitarsoli, einige der Höhepunkte.«

Reigen der Solisten – Béla Bartóks Konzert für Orchester

Eine andere Herangehensweise kennzeichnet Bela Bartóks Konzert für Orchester. Der Titel, so Bartók, rührt daher, »dass im Laufe dieses in der Art einer Symphonie geschriebenen Orchesterwerks die einzelnen Instrumente und Instrumentalgruppen konzertierend oder solistisch auftreten.« Symphonisch ist zudem seine zyklische Form. Um den langsamen dritten Satz gruppieren sich symmetrisch zwei Scherzi und zwei schnelle Sätze.

Der Kopfsatz beginnt mit einer geheimnisvollen Einleitung. Über einem Motiv der Celli und Bässen und Tremoli der hohen Streicher spielt die Flöte ein Thema, das später im dritten Satz noch eine wichtige Rolle bekommt. Das Allegro wird von einem energischen, fast fanfarenartigen Thema dominiert. Den zweiten Satz prägen »Zweierbeziehungen«. Jedes Instrumentenpaar hat sein Thema und eigene, durch bestimmte Intervalle charakterisierte »Tanzschritte«: Sexten in den Fagotten, Terzen in den Oboen, Septimen in den Klarinetten, parallele Quinten in den Flöten, Sekunden in den Trompeten. In der Reprise werden die Themen kombiniert. Der Satz beginnt und endet mit einem markanten Solo der kleinen Trommel.

Als »kummervolles Klagelied« verstand der Komponist den Mittelsatz mit dem Titel Elegia. Die Anlage ist kettenartig gestaltet: Drei aufeinander folgende Themen »bilden den Kern des Satzes und sind von einem verschwommenen Gewebe gestaltenloser Motive umgeben« (Bartók). Die Harfenglissandi und die Holzbläserfiguren am Anfang und Ende erinnern an die Traumsee-Episode in Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg.

Der Titel Intermezzo interrotto (unterbrochenes Zwischenspiel) für das an vierter Position stehende Allegro ist wörtlich zu nehmen. Zunächst freundlich, schlägt die Stimmung im Mittelteil jäh um und wird bedrohlich. Bartók persifliert hier das »Maxim«-Motiv aus Franz Lehárs Operette Die lustige Witwe. Am Ende findet der Satz zur freundlichen Stimmung des Anfangs zurück. Das Finale enthält wieder viele musikalische Einfälle: ein Fanfarenthema der Hörner, ein Presto-Thema der Streicher nach Perpetuum-mobile-Manier, eine Dolce-Melodie sowie einen markanten Schlussgedanken, der eindrucksvoll fugiert wird. Eingewoben sind Motive aus der tschechischen und rumänischen, nicht jedoch aus der ungarischen Volksmusik. Das Ende ist ebenso brillant wie effektvoll.

Helge Grünewald

Jetzt ansehen

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Symphonien von Ludwig van Beethoven, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen