10. Okt 2020

Berliner Philharmoniker
François-Xavier Roth

Tabea Zimmermann

  • Carl Philipp Emanuel Bach
    Symphonie D-Dur Wq 183 Nr. 1 (13 Min.)

  • Paul Hindemith
    Der Schwanendreher, Konzert für Bratsche und kleines Orchester nach alten Volksliedern (28 Min.)

    Tabea Zimmermann Viola

  • Johann Sebastian Bach
    Sonate für Viola da Gamba in D-Dur, BWV 1028: Andante (6 Min.)

    Tabea Zimmermann Viola, Marie-Pierre Langlamet Harfe

  • Béla Bartók
    Divertimento für Streichorchester Sz 113 (30 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Tabea Zimmermann im Gespräch mit Julia Gartemann (15 Min.)

Paul Hindemith liegt Tabea Zimmermann sehr am Herzen. Es ist also kein Wunder, dass sie als Artist in Residence der Saison 2020/21 dessen Bratschenkonzert Der Schwanendreher aufführte. Den eigenartigen Titel verdankt das Werk einem deutschen Volkslied, dessen Melodie dem dritten Satz zugrunde liegt. Auch Béla Bartók ließ sich in seinem Divertimento von Volksmusik inspirieren. Sein Werk ist rumänischer und ungarischer Tanzmusik nachempfunden. Eröffnet wird das Programm, das François-Xavier Roth leitet, mit Carl Philipp Emanuel Bachs Erster Symphonie, die bereits unüberhörbar auf die Wiener Klassik vorausweist.

Wege in die Freiheit

Sprach man im 18. Jahrhundert vom »großen Bach«, war nicht etwa Johann Sebastian, sondern dessen Sohn Carl Philipp Emanuel Bach gemeint. Europaweiten Ruhm erlangte der komponierende Cembalovirtuose, der erst am Hof Friedrichs des Großen und dann als Musikdirektor in Hamburg wirkte, vor allem durch seine Improvisationen, in denen er aufs radikalste sein künstlerisches Credo verwirklichte: »Aus der Seele muss man spielen, und nicht wie ein abgerichteter Vogel.« Aus der Grauzone des Übergangs vom Barock in die Wiener Klassik sticht Bach wie ein Paradiesvogel hervor. Seine kompositorische Originalität drückt sich in schroffen Kontrasten, schnellen Stimmungswechseln, harmonischen Kühnheiten und überraschenden Melodieverläufen aus. So auch in seinen 1775/1776 entstandenen vier letzten Symphonien, in denen er das Streichorchester im Sinne der Expressivität des Sturm und Drangs um leuchtende Bläserfarben erweiterte. Bach selbst hielt diese Serie, deren erstes Werk wir hören, für den Gipfel seines Symphonie-Schaffens.

»Es scheint mir ebenso unmöglich, gegen den zu meiner Diffamierung aufgebotenen Apparat anzurennen, wie unwürdig, mich zur Verteidigung meiner Arbeit auf die gleiche Ebene zu begeben. Ich verlasse mich auf die Kraft, die der Inbegriff meines Lebens ist: die Musik«, schrieb Paul Hindemith am 9. Dezember 1934. Drei Tage zuvor hatte Joseph Goebbels ihn öffentlich als »atonalen Geräuschemacher« gebrandmarkt; dem Bratscher und Komponisten drohte das Berufsverbot in Deutschland. Äußerlich bot er zusammen mit prominenten Unterstützern wie Wilhelm Furtwängler den Anfeindungen die Stirn. Im Stillen plante er seinen unvermeidbaren Abschied, den sein 1935 komponiertes Violakonzert mit dem enigmatischen Titel Der Schwanendreher ankündigt. Aus den altdeutschen Volksweisen, über die Hindemith als »Spielmann«, wie er in der Vorrede erklärt, »präludiert und phantasiert«, gibt die Solobratsche im Verlauf des Stücks die vielsagenden Verse wieder: »Glück liegt in allen Gassen« (1. Satz) – »Nicht länger ich’s ertrag« – »Hab gar ein’ traurig᾽ Tag« (2. Satz). Im Sommer 1938 emigrierte Hindemith schließlich in die Schweiz.

Er fühle sich »wie ein Musiker einer alten Welt, den sein Mäzen eingeladen hat«, schrieb Béla Bartók, als er im August 1939 den Dirigenten und Unternehmer Paul Sacher in der Idylle der Schweizer Berge besuchte, um dort in dessen Auftrag ein Divertimento für Streichorchester zu komponieren. Eine alte, vergangene Welt erscheint auch in den Ecksätzen des dreiteiligen Werks. Tänzerisch, teils hörbar von Bartóks Volksmusikstudien inspiriert, knüpfen sie einerseits an Mozarts unterhaltsame Divertimenti an, andererseits im Wechselspiel von Solistengruppen und Orchestertutti an das barocke Concerto-grosso-Prinzip. Als extremer Kontrast steht in der Mitte ein beklemmend düsteres Molto adagio, in dem der wenige Tage später ausbrechende Zweite Weltkrieg seine bedrohlichen Schatten vorauszuwerfen scheint. Das Divertimento sollte das letzte Werk sein, das Bartók in Europa schrieb, denn nachdem sich seine ungarische Heimat dem NS-Regime angeschlossen hatte, floh er 1940 in die USA.

Susanne Ziese

»Ein Konzertprogramm ist immer etwas Besonderes: Man kann Bekanntes anders erleben und Neues entdecken«, lautet die Devise von François-Xavier Roth. Der französische Dirigent ist berühmt für seine unkonventionellen Programmzusammenstellungen. So präsentierte er bei seinem philharmonischen Debüt 2015 ein drei Jahrhunderte umfassendes französisches Programm mit Werken von Lully, Berlioz, Debussy, Ravel und Varèse. Sein Ziel ist es, in der ungewöhnlichen Mischung von bekannten und unbekannten Kompositionen bei Orchestermusikern wie Publikum die Art des Hörens zu verändern. Das würde – so der Dirigent – die Perspektive auf das gängige Repertoire beeinflussen. 1971 in Paris geboren, wuchs François-Xavier Roth in einer Zeit auf, in der die französische Metropole dank Pierre Boulez ein Zentrum der musikalischen Avantgarde war. Durch seinen Vater, Organist u. a. an der Basilika Sacré-Cœur, lernte er zudem die Alte Musik kennen, und so lebte er von Kindheit an in einem inspirierenden Spannungsfeld aus musikalischer Historie und Gegenwart. 2003 gründete Roth das Orchester Les Siècles, das je nach Werk sowohl auf neuen wie auf alten Instrumenten musiziert. Seit 2015 leitet Roth als Generalmusikdirektor der Stadt Köln das Gürzenich-Orchester und die Kölner Oper; er ist außerdem Erster Gastdirigent des London Symphony Orchestra und Associate Artist der Pariser Philharmonie.

Tabea Zimmermann, in dieser Saison Artist in Residence der Berliner Philharmoniker und Trägerin des Ernst von Siemens Musikpreises 2020, bezeichnet sich nicht als Bratschistin, sondern als »Musikerin mit dem Instrument Bratsche«. Sie empfindet sich in erster Linie als Übersetzerin des Notentexts: »Dafür brauche ich ein breites Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten, an denen ich permanent schleife und feile.« Diese Einstellung sowie ihre unbändige Spielfreude und technische Virtuosität bilden die Voraussetzungen für ihre Weltkarriere als Solistin und Kammermusikerin. Tabea Zimmermann wuchs im Schwarzwald auf und begann als Dreijährige Bratsche zu spielen, weil Geige, Klavier und Cello bereits durch ihre Geschwister abgedeckt wurden. Mit 21 Jahren wurde sie in Saarbrücken jüngste Hochschulprofessorin Deutschlands, heute unterrichtet sie in Berlin an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler«. Seit 1992 arbeitet sie solistisch und kammermusikalisch mit den Berliner Philharmonikern zusammen. Auch der Dirigent François-Xavier Roth ist einer ihrer langjährigen künstlerischen Partner. Beide verbindet zudem die Leidenschaft für zeitgenössische Musik. Als Artist in Residence hat sie kürzlich mit dem Bariton Christian Gerhaher das Stabat Mater von Wolfgang Rihm uraufgeführt. Schwerpunkt ihrer Residency ist außerdem das Werk Paul Hindemiths. Ihr Ziel: durch ihre Lesart seiner Musik »ein vergnügliches Hörerlebnis zu erzeugen«.

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